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Veröffentlicht am 06.05.2026

Ein Roadtrip der besonderen Art!

Reise mit zwei Unbekannten
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Im Eichborn Verlag erschien 2021 Zoe Brisbys Roman Reise mit zwei Unbekannten.

Student Alex hat Liebeskummer, leidet unter Depressionen und um seinem Leben neuen Input zu verleihen, plant er eine Reise ...

Im Eichborn Verlag erschien 2021 Zoe Brisbys Roman Reise mit zwei Unbekannten.

Student Alex hat Liebeskummer, leidet unter Depressionen und um seinem Leben neuen Input zu verleihen, plant er eine Reise nach Brüssel. Doch ihm fehlt das Geld für die Fahrt und so bietet er eine Mitfahrgelegenheit an. Die ist schnell gefunden, es ist die über 90-jährige Maxine, die in einem Seniorenheim lebt und glaubt, dass sie Alzheimer hat. Sie will nach Belgien, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. In dem uralten Twingo von Alex machen sich beide auf eine außergewöhnliche Reise und vertrauen sich Dinge an, die sie vorher niemandem erzählt haben. Die Tatsache, dass Maxine von der Polizei gesucht wird, sorgt für aufregende Abenteuer, die das ungleiche Paar zusammen wachsen lässt.

"Ich bin nicht alt, ich bin vintage! Und wie alles, was vintage ist, bin ich absolut auf der Höhe der Zeit!" Zitat Seite 385

Was für ein großartiger Roadtrip, in dem uns Zoe Brisby das ungleiche Paar mit viel Humor und gleichzeitig auch ernsthafter Tiefe beschrieben hat. Alex und Maxine misstrauen sich anfangs, durch ihre gemeinsamen Gespräche öffnen sie sich, freunden sich an und lernen voneinander. Ich mochte die energische Maxine, die zeigt, dass auch alte Menschen Mut haben und vor allem über jede Menge Lebenserfahrung verfügen. Maxine erkennt schnell, wie schüchtern Alex ist und bringt ihn dazu, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Denn ihre gemeinsamen Abenteuer haben es in sich, sie werden sogar von der Polizei verfolgt und Alex muss sich beweisen. Diese Fahrt schweißt sie enger zusammen, als beide anfangs noch ahnen.

Der Erzählstil ist wunderbar locker und enthält lebendige Dialoge, die auf verschiedene ernste Themen im Leben eingehen. Darin bieten sich Maxine und Alex gegenseitig Paroli und ich musste häufig schmunzeln, denn trotz der ernsten Themen gehen die Protagonisten humorvoll und unverblümt aufeinander ein. Einige Szenen fand ich etwas überzogen, doch das zufriedenstellende Ende konnte mich dann versöhnen.

Ein kurzweiliger Roadtrip mit liebenswerten Charakteren, Humor und Fragen des Lebens!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2026

Mord in exklusiver Lage

Arrivederci am Lago Maggiore
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Der Krimi "Arrivederci am Lago Maggiore" von Alexandra Holenstein erscheint im Emons Verlag. Es ist der Folgeband von "Mord am Lago Maggiore", jedoch eigenständig lesbar.

Tabea Kummer ist Lehrerin und ...

Der Krimi "Arrivederci am Lago Maggiore" von Alexandra Holenstein erscheint im Emons Verlag. Es ist der Folgeband von "Mord am Lago Maggiore", jedoch eigenständig lesbar.

Tabea Kummer ist Lehrerin und wird von ihrem Vermieter gebeten, ihn als Hausdame in den Sommerferien in seinem exklusiven Boutiquehotel in Ascona zu vertreten und sich um die Belange und Wünsche der Gäste zu kümmern. Sie nimmt gerne an, lernt die Hausgäste näher kennen und genießt das Ambiente des Hotels, bis eine junge Influencerin, die Gast im Hotel war, tot aufgefunden wird. Und es wird nicht bei der einen Toten bleiben!

Als ermittelnde Hobbydetektivin ist Tabea auf die Informationen von Haushälterin Esmeralda angewiesen, die die Gäste, bzw. deren persönliche Gegenstände bis ins kleinste Detail beäugt und somit sogar ein paar hilfreiche Details beisteuern kann. Sie weiß genau Bescheid, welche Kosmetik oder welchen Duft die Gäste bevorzugen, welche Kleidung sich in ihrem Schrank befindet und was sie vor den Augen der Öffentlichkeit verstecken.

Beim Lesen war ich umfangen von der herrlichen Atmosphäre des Lago und fühlte mich selbst als Gast des eleganten Hotels, in dem Sonderwünsche auch prompt erfüllt werden.

Schon nach dem ersten Mord habe ich gespannt mitgerätselt und versucht, zwischen den vielen Verdächtigen und einigen sehr raffinierten Wendungen noch den Überblick zu behalten. Ständig führt uns Alexandra Holenstein in die Irre und bringt neue Opfer, viele Geheimnisse und zahlreiche Verdachtsmomente aufs Parkett des edlen Hotels. Wo liegt das Motiv und warum finden die Morde gerade hier statt?

Die Dialoge wirken sehr lebendig und enthalten passend zum Lokalkolorit ein paar Aussprüche in italienischer Landessprache, wodurch man sich automatisch an den schönen Lago Maggiore versetzt fühlt. Das habe ich genossen, einige Begriffe musste ich aber nachschlagen, was den Lesefluss etwas hemmt. Die Figuren sind dieses Mal recht zahlreich, zu den Gästen und Hotelangestellten gesellen sich noch Freunde und Familie von Tabea und von Hotelchef Armando. Ein Personenregister wäre da durchaus hilfreich gewesen.

Die Story überzeugt mit interessanten, vielfältig gezeichneten Charakteren und einem subtilem Wortwitz, der besonders bei Tabea zum Zuge kommt. Die Sprache ist flüssig und ganz in gewohnter Holenstein-Manier, zuweilen etwas eigenwillig. Besonders aus Tabeas Sicht werden die Vorgänge und Fakten ganz genau hinterfragt. Manche Vorgänge und Gedanken werden dadurch ein wenig auf die Spitze getrieben, was meistens mit feinem Humor begleitet ist.

Die Ermittlungen werden natürlich von der Polizei geleitet, doch Tabea lässt sich nicht beirren und mischt munter mit. Wer den Vorgängerband kennt, darf sich wieder auf ihren treuen Basset Bruno freuen, der träge durch die Spuren tappt. Zum Ende wird es noch einmal besonders spannend, da Tabea vom Täter beim Schnüffeln erwischt wird und sie als nächstes Opfer auserkoren wird.

Dieser Krimi unterhält wunderbar, ist mit einer feinen Spannung durchzogen und besticht durch das unnachahmliche Flair des Lago Maggiores. Herrlich als Urlaubslektüre oder einfach für Daheim!

Veröffentlicht am 22.04.2026

Mutmachendes Plädoyer für mehr Sichtbarkeit für Frauen ab 50

Mit anderen Augen
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Jane Taras Roman Mit anderen Augen erscheint im Diogenes Verlag

Mit 52 Jahren ist Tilda Finch eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern. Eines Morgens bemerkt sie, ...

Jane Taras Roman Mit anderen Augen erscheint im Diogenes Verlag

Mit 52 Jahren ist Tilda Finch eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern. Eines Morgens bemerkt sie, dass ihr kleiner Finger verschwunden ist, es gibt keine Verletzung, keine Schmerzen, der Finger ist einfach nicht mehr zu sehen.

Ihre Ärztin stellt die Diagnose: Unsichtbarkeit. Eine Krankheit, die bei Frauen häufig auftritt, leider nicht erforscht und auch nicht heilbar ist. Obwohl sich Tilda schon seit Jahren unsichtbar fühlte, ist sie geschockt und kämpft mutig und mit viel Humor gegen ihr Verschwinden ah.

"Sie (Tilda) kämpfte nicht mehr gegen Fältchen und graue Haare an, war aber selbstkritisch geblieben. Jetzt allerdings, als sie sich im Spiegel verschwinden sah, wünschte sie sich nicht sehnlicher, als sich beim Altwerden zuzusehen. Die Vorstellung, das zu verpassen, erschütterte sie bis ins Mark." Zitat Seite 120

Jane Tara hat mich mit dem Thema ihrer Story gut unterhalten. Sie wirft einen feinfühligen Blick auf

Frauen über 50, die durch ihren Alterungsprozess von der Gesellschaft nicht mehr gesehen werden, weil der Fokus auf Jugend, faltenlosem Aussehen und Frische gelegt wird. Die Film- und Werbebranche macht es vor und es läuft auch im Alltag oder in der Berufswelt ähnlich.

Wir begleiten Tilda Finch dabei, wie verschiedene Körperteile unsichtbar werden und sich Tilda anscheinend auflöst. Dieses "Unsichtbarwerden" steht für die Erkenntnis vieler Frauen im Alterungsprozess, in dem sie immer weniger gesehen, gehört, anerkannt oder geschätzt werden. Eine gesellschaftliche Bewertung, die Erfahrungen, Gelassenheit und gelebtes Leben für nichtig erklärt und damit die Stärke dieser Frauen ausblendet.

Tilda will sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden und beginnt, über ihren eigenen Wert nachzudenken und darüber, was Sichtbarkeit überhaupt ausmacht. Sie besucht eine Therapeutin, lernt sich mit anderen Augen zu sehen und startet in einer Selbsthilfegruppe.

Im Leben hat Tilda einiges vorzuweisen, sie ist beruflich gut aufgestellt, hat zwei wunderbare Kinder und ist geschieden, ein Umstand, der sie frei und unabhängig macht. Nach ihrer Diagnose besucht sie Meditationskurse und lernt, sich selbst zu sehen und zu lieben.

In der Geschichte lernt Tilda einen Mann kennen, der mit Verständnis und Charme ihr Herz gewinnt. Das ist für Tilda natürlich ein Gewinn, ich hätte es aber auch schön gefunden, wenn hier mal die Liebe für die eigenene Weiblichkeit im Fokus stehen würde.

Mit anderen Augen ist ein gut erzählter Roman, der mit warmherzigem Blick und feinsinnigem Humor aufzeigt, was Frauen alles leisten, von der Kindererziehung über Beruf und Haushalt. Er zeigt, wie die Akzeptanz für Frauen in der Lebensmitte mit ihren Erfahrungen und ihrem Wert für die Gesellschaft nachlässt und sie einfach übergangen werden.

Ein nachhallender Roman, der Frauen mahnt, sich nicht aus den Augen zu verlieren und sich des eigenen Wertes bewusst zu sein. Denn gelebtes Leben sind nicht nur Falten und Narben, es ist eine Stärke, denn es bedeutet Erfahrung und Wissen. Ein Schatz, der für die Gesellschaft immens wichtig ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
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Veröffentlicht am 19.04.2026

Eine Neuausrichtung des Lebens!

Mirabellentage
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Mirabellentage von Martina Bogdahn erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.

Der Tod des bayrischen Dorfpfarrers Josef bringt das Leben seiner Haushälterin Anna aus dem Gleichgewicht, denn es ist auch ein ...

Mirabellentage von Martina Bogdahn erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.

Der Tod des bayrischen Dorfpfarrers Josef bringt das Leben seiner Haushälterin Anna aus dem Gleichgewicht, denn es ist auch ein persönlicher Verlust. Sein Nachfolger Fridtjof ist ein junger Mann aus Friesland, den Anna erst einmal in die örtlichen Gegebenheiten einführt. Doch eine andere Aufgabe bereitet ihr viel mehr Kopfzerbrechen, sie muss Josefs letzten Wunsch erfüllen und seine Asche von Bayern ans Meer bringen. Einen Führerschein hat sie, aber keine Fahrpraxis und Fridtjof hat nur einen Bootsführerschein. Sie nimmt Fahrstunden und geht die Aufgabe an. Dank Josefs letztem Wunsch wird Annas Sicht aufs Leben erweitert und sie findet ihr persönliches Glück

"Nur wer von zu Hause weggeht, kann heimkommen." Zitat S. 315

Mit Anfang 50 hat Anna den Tod ihres Chefs und ehemaligen Freundes aus Kindertagen zu verkraften. Als pflichtbewusste Haushälterin hat sie Pfarrer Josef viele Jahrzehnte hilfreich unterstützt und beide verband eine enge Freundschaft, sie man beim Lesen erfährt.

Erst einmal organisiert Anna die Beerdigung und vor lauter Aufgaben kann sie gar nicht richtig Abschied nehmen von Josef. Da kommt auch schon der neue Pfarrer Fridtjof angereist, der sich als Friese überhaupt nicht auskennt mit den ländlichen Gegebenheiten im Dörfchen Blumfeld. Während ihn Anna in seine neue Wahlheimat einführt, erzählt sie ihm Anekdoten von den Menschen und ihren Geschichten und nimmt uns Leserinnen gleichzeitig mit in das Dorfleben mit seinen Figuren und Schicksalen.

Für Anna stellte sich nie die Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft, sie lernte Kochen und stolperte eher zufällig hinein in ihre Aufgabe als Haushälterin des Pfarrers. Beide wuchsen an ihren Aufgaben und liefen in diesen gewohnten Bahnen ohne links und rechts zu sehen und eigene Wünsche im Leben voran zu stellen. Nach Josefs Tod bekommt Anna nun die Chance ihres Lebens durch Josefs letzten Wunsch.

Anna erzählt von dem Menschen im Dorf und von sich selbst und so lernen wir sie mehr und mehr kennen. Es hat mich nicht gewundert, dass sie einmal Pfarrer Josef im Gottesdienst vertrat und auch sonst viele Dinge im Alltag gelenkt hat. Ohne Josef macht sie die Erfahrung, dass es noch mehr gibt im Leben als nur Pflichten und Routine. Ich habe geschmunzelt und war berührt von verschiedenen Erlebnissen und Schicksalen der Dorfbewohner und habe mir für Anna Glück erhofft.

Martina Bogdahn hat eine erzählerische Gabe, mit der sie die Natur, das Leben auf dem Land und ihre Figuren lebensnah und humorvoll in Szene setzt. Sie lässt Streiche von Kindern aufleben, bringt uns den dörflichen Alltag näher und stellt uns einzelne Bewohner mit persönlichen Erlebnissen und Besonderheiten vor. Das ist sehr unterhaltsam, es erzählt aber auch von einer Vergangenheit, die Licht- und Schattenseiten hat und einige Klischees enthält. Dazu zählte für mich der trinkfreudige Männerausflug. Doch viel mehr hatte ich mich auf den Roadtrip ans Meer gefreut, der im ganzen Roman doch recht kurz abgehandelt wird.

Ein kurzweiliger Roman über eine Frau, die aus Pflichtbewusstsein aus ihren gewohnten Bahnen ausbricht und ihrem Leben doch noch mehr abgewinnt als sie es je für möglich gehalten hat.

Veröffentlicht am 06.04.2026

Krieg in der Heimat!

Zugwind
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Bei Rowohlt Hundert Augen erscheint Iryna Fingerovas Roman Zugwind.

Im Mittelpunkt des autofiktionalen Romans der ukrainischen Autorin und Ärztin Iryna Fingerova steht das Leben ihrer Protagonistin Mira ...

Bei Rowohlt Hundert Augen erscheint Iryna Fingerovas Roman Zugwind.

Im Mittelpunkt des autofiktionalen Romans der ukrainischen Autorin und Ärztin Iryna Fingerova steht das Leben ihrer Protagonistin Mira Zehmann in Deutschland. Fingerova kam selbst vor fast zehn Jahren wegen des Krieges in der Donbasregion als Auswanderin von Odessa nach Deutschland. Ihre Figur Mira Zehmann ist ebenfalls Ärztin und baut sich in Deutschland ein neues Leben auf . Sie arbeitet als Hausärztin in einer Praxis und hat mir ihrem Mann Andrij ihre Tochter Rosa. Aus eigener Erfahrung kennt sie die Hürden und Probleme ihrer vor dem russischen Angriffskrieg geflohenen Landsleute und verteilt nicht nur Medizin, sondern gibt Lebenshilfe und verleiht mentale Zuversicht.

"Wenn komische Sachen passieren, kommen die Leute und wollen eine Krankschreibung. Man möchte denken, es braucht Wunderpillen, Zeitmaschinen, schlimmstenfalls Geld! Dabei reicht eines: Ruhe." Zitat Seite 74

Es spricht sich unter den geflohenen Ukrainern schnell herum, dass die Ukrainerin Mira Zehmann als Ärztin arbeitet. Es bilden sich lange Schlangen von Ratsuchenden und Menschen, die gar keine körperlichen Beschwerden haben, sondern einfach mal mit jemandem aus der Heimat reden wollen.

In diesem Buch bekommt man einen umfassenden Überblick über Miras Arbeitsalltag in der Praxis, über ihre persönlichen Vorstellungen und Erlebnisse als Mutter und Ehefrau und ihre Identität als Jüdin und über den Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine. Mira nimmt uns mit ins Arbeitsleben, wo sie zahlreichen Ukrainer:innen begegnet, die wegen persönlicher Ansprache und einem Gespräch unter Gleichgesinnten ihren Rat und ihre Zuversicht benötigen. Es sind weniger körperliche Probleme als das Leiden unter Schuldgefühlen und dem Bewusstsein, dass sie ihre Heimat und Angehörigen vermissen.

Mira findet für andere den richtigen Ratschlag, doch durch ihr eigenes Leben weht ein Zugwind, der ihr zu schaffen macht. Sie könnte mit ihrem Leben zufrieden sein und es genießen, doch da gibt es diesen Zugwind, der als Metapher für ihre Bedenken steht. Sie denkt an ihre Familie und Freunde, die in ihrer Heimatstadt Odessa ausharren und die Kriegssituation ertragen müssen. Wie trotzt man dem Wind, der Gedanken aufwirbelt?

"Es zieht aus jeder Ritze, und dagegen hilft auch der Bauschaum des Alltags nicht, den ich großzügig verspritze, um nicht an Schlechtes zu denken." Zitat S. 234

Aus nächster Nähe erleben wir, wie sehr die Zweifel Mira quälen und wie sie täglich vom Aushalten-Müssen überfordert ist.

Der Schreibstil lässt sich locker lesen, er ist berührend, doch eine Prise Humor lockert manche Szenen auf und mit etwas Poesie bekommt das Ganze mehr Tiefgang zum Nachdenken.

Neben den Ängsten und Sorgen der Geflohenen erlebt Mira viele tröstliche oder positive Szenen, die zum wahren Leben passen. Und sie bleibt empathisch für ihre Patienten, die als Drogen- oder Krebskranke auch medizinische Hilfe benötigen. Sie beschönigt nichts und bekennt auch Probleme mit Korruption und dem selbstverständlichen Anspruchsdenken einiger ihrer Landsleute. Der Roman ist keine ideologische Schönfärberei, sondern zeigt ein echtes Bild der Menschen.

Der Zugwind zieht sich durch den gesamten Roman, es zieht wenn Mira von Traurigkeit ergriffen ist und auch dann, wenn sie an die Zurückgebliebenen in Odessa denkt. Und als im Oktober der Angriff der Hamas auf Israel stattfindet, ergreift sie der Zugwind mit doppelter Kraft. Denn Mira hat jüdische Wurzeln, es gibt Verwandte in der Ukraine und andere in Israel. Zum 90. Geburtstag ihrer Oma reist sie nach Odessa, zurück zu ihren Wurzeln und Erlebnissen aus der Jugend und der Zugwind flaut ab.

Der Roman hat mich sehr überrascht und zum Nachdenken angeregt. Er hat eine Welt voller Zweifel und Unsicherheit aufgezeigt, die nur mit Hoffnung und Zuversicht besiegt werden können. Das ist gerade in unruhigen Zeiten sehr wichtig.