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Veröffentlicht am 30.08.2025

Zwischen Gym-Humor und Abgrund

Gym
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Verena Kesslers Gym beginnt überraschend leicht und humorvoll: Der Fitnesskult mit Proteinshakes, Selfies und absurden Ritualen wird genüsslich auf die Schippe genommen. Doch nach und nach kippt die Stimmung. ...

Verena Kesslers Gym beginnt überraschend leicht und humorvoll: Der Fitnesskult mit Proteinshakes, Selfies und absurden Ritualen wird genüsslich auf die Schippe genommen. Doch nach und nach kippt die Stimmung. Die namenlose Ich-Erzählerin steigert sich immer weiter in ihren Ehrgeiz hinein, bis das Training keinen Spaß mehr, sondern nur noch Zwang bedeutet.
In drastischen Sätzen (wie auf Seite 137) beschreibt sie ihre Kämpfe gegen den eigenen Körper:
„Ich stemmte, drückte, zog und zerrte. Ich akzeptierte kein Nein, kein Es-geht-nicht, kein Unmöglich. Ich zwang mich, zwang meinen Körper, brach meinen eigenen Widerstand. Schmerz in jeder Zelle. Reißen, Knirschen, Knacken.“
Hier wird klar: Es geht nicht um Körperkult, sondern um den Wunsch nach Anerkennung – und darum, was passiert, wenn man diesen ungebremst zulässt.
So wandelt sich der zunächst satirische Blick auf Fitnessstudios zu einer beklemmenden Studie über Ehrgeiz, Selbstoptimierung und die gefährliche Grenze zur Selbstzerstörung. Gym ist ein schlanker, intensiver Roman, der trifft wie ein Schlag in die Magengrube.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

„Wenn Bestie zur Bestie wird“

Bestie
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Der Pola-Verlag macht hauptsächlich Bücher für junge Frauen, aber Bestie hat mich auch als 60-Jährige begeistert. Dieses Debüt ist mehr als ein Coming-of-Age-Roman oder eine Freundschaftsgeschichte – ...


Der Pola-Verlag macht hauptsächlich Bücher für junge Frauen, aber Bestie hat mich auch als 60-Jährige begeistert. Dieses Debüt ist mehr als ein Coming-of-Age-Roman oder eine Freundschaftsgeschichte – es ist ein intensiver, vielschichtiger Text, der gesellschaftliche Fragen mit psychologischer Tiefe verbindet.
Besonders eindrucksvoll fand ich die literarische Verschränkung mit Klassikern. So wird in Bestie auf Seite 229 ein Zitat aus Anton Tschechows Die Möwe rezitiert:

„Wenn du einmal mein Leben brauchen solltest, so komm und nimm es.“

Genau in diesem Satz finde ich viele Parallelen zwischen Die Möwe und Bestie. Denn auch bei Joana June geht es um Beziehungen, die zwischen Hingabe und Selbstaufgabe schwanken, um dieses gefährliche Versprechen, sich ganz hinzugeben – sei es aus Liebe, aus Loyalität oder aus dem Wunsch, gesehen zu werden. In Bestie hat dieses Motiv jedoch eine dunklere, modernere Färbung: Die Grenzen zwischen Zuneigung, Abhängigkeit und Machtspiel verschwimmen, und aus einem Angebot der Nähe kann rasch eine Einladung zur Selbstzerstörung werden.
Vor allem hat mir aber die gesellschaftskritische Seite des Romans gefallen. So geht es unter anderem um den Einfluss von Social Media, um Fragen nach Echtheit und Zugehörigkeit, um die Problematik von Schönheitsstandards, die gerade jungen Mädchen vermittelt werden, und um die zerstörerische Dynamik toxischer Beziehungen.
Fazit:
Bestie ist ein starkes Debüt, das inhaltlich wie sprachlich überzeugt. Es fordert, berührt und hallt nach – unabhängig vom Alter der Lesenden. Für mich ein Roman, der zeigt, wie aktuell und relevant Literatur sein kann, wenn sie sich traut, Grenzen zu überschreiten.

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Veröffentlicht am 25.05.2025

„Teddy – Stark, verletzlich, unvergessen“

Teddy
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Emily Dunlays Teddy ist ein eindringliches Porträt einer Frau, die am Ende der 1960er-Jahre den Versuch unternimmt, sich aus den Fesseln gesellschaftlicher Erwartungen und patriarchaler Zwänge zu befreien. ...

Emily Dunlays Teddy ist ein eindringliches Porträt einer Frau, die am Ende der 1960er-Jahre den Versuch unternimmt, sich aus den Fesseln gesellschaftlicher Erwartungen und patriarchaler Zwänge zu befreien. Teddy, die Hauptfigur, lebt in einer Zeit, in der Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemanns weder arbeiten noch ein eigenes Bankkonto eröffnen dürfen. Doch Teddy ist nicht bereit, sich mit dieser Rolle zufriedenzugeben.
Als sie mit ihrem Mann David – einem Diplomaten – von Texas nach Rom zieht, findet sie sich plötzlich in der glamourösen, aber oberflächlichen Welt der Schickeria wieder. Hier kämpft sie um Anerkennung, während sie gleichzeitig nach einem Weg sucht, ihre eigene Identität jenseits von Status und Ansehen zu finden. Dabei wird sie immer wieder mit den Grenzen konfrontiert, die die Gesellschaft ihr setzt – und die sie sich teilweise selbst auferlegt hat.
Dunlay zeichnet Teddy als eine widersprüchliche, aber ungemein lebendige Figur. Ihre Naivität und ihr scharfer Verstand, ihr Bedürfnis nach Liebe und ihr Wunsch nach Unabhängigkeit stehen in einem ständigen Spannungsverhältnis. „Ich kann schrecklich naiv sein für eine geübte Lügnerin“, gesteht Teddy auf Seite 45 – ein Satz, der ihre Zerrissenheit zwischen Anpassung und Rebellion treffend beschreibt. Auch ihr Bedürfnis nach Harmonie und Zugehörigkeit schimmert immer wieder durch: „Ich fand es in Ordnung, Ziel des Spotts zu sein. Hauptsache, David lachte und war nicht mehr wütend auf mich“ (S. 83).
Mit großer Einfühlsamkeit und präzisem Blick für Details lässt Emily Dunlay das Rom der 1960er-Jahre lebendig werden: die Salons und Dinnerpartys, die Abgründe hinter der Fassade der High Society und die Ohnmacht einer Frau, die mehr vom Leben will als nur die Rolle der schmückenden Begleiterin. Der Roman ist nicht nur ein Zeitporträt, sondern auch eine kluge, melancholische Reflexion über das Ringen um Selbstbestimmung – in einer Ära, die für Frauen noch weitaus größere Hürden bereithielt.
Teddy ist ein leises, aber intensives Buch, das sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugt. Es lässt uns mit einer Hauptfigur zurück, die uns trotz – oder gerade wegen – ihrer Widersprüche nahegeht. Ein unbedingt lesenswerter Roman, der klug, einfühlsam und zutiefst menschlich ist.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Leises Highlight

Schlaf
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Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe ...



Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe verspricht und Distanz erzeugt. Es ist eine Geschichte über das Aufwachsen mit unausgesprochenen Spannungen, über Verletzungen, die nie offen benannt werden, und über die Frage, wie sehr uns unsere frühesten Bindungen formen.

Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Jones innere Zustände sichtbar macht. Ihre Sprache ist klar und fein gearbeitet, zugleich von einer stillen, fast schwebenden Traurigkeit durchzogen. Sie schreibt so zugänglich, dass man mühelos in die Handlung eintaucht, fordert dabei aber immer wieder dazu auf, zwischen den Zeilen zu lesen und über das Gesagte hinauszudenken.

Ein prägnanter Moment findet sich früh im Buch:
„Sie fragte sich oft: Was war der Sinn ihres Daseins? Sie war zehn Jahre alt.“ (S. 28)
Dieses Zitat bringt die existenzielle Schwere auf den Punkt, die wie ein leiser Unterton die gesamte Erzählung begleitet. Es zeigt, wie früh Zweifel und Unsicherheit in einem Kind wachsen können, wenn emotionale Orientierung fehlt.

Der Roman stellt dabei eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn ausgerechnet die Person, die Sicherheit und Halt geben sollte, nicht erreichbar ist? Jones beschreibt eindringlich, wie sich daraus ein innerer Raum aus Sehnsucht, Enttäuschung und unausgesprochenen Vorwürfen entwickelt – Gefühle, die oft ein Leben lang nachwirken.

Schlaf ist kein lautes Buch, sondern eines, das sich vorsichtig entfaltet. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt seine Stärke. Es ist ein sensibles, klug beobachtetes Porträt familiärer Verbindungen – und der Spuren, die sie in uns hinterlassen.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Mit Luzy mitten im Chaos

Kälter
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Andreas Pflüger gelingt es auch in Kälter, Spannung mit psychologischer Tiefe zu verbinden. Sein Schreibstil ist präzise, intensiv und von einer enormen sprachlichen Wucht. Besonders eindrücklich ...

Andreas Pflüger gelingt es auch in Kälter, Spannung mit psychologischer Tiefe zu verbinden. Sein Schreibstil ist präzise, intensiv und von einer enormen sprachlichen Wucht. Besonders eindrücklich bleibt mir die Szene im Gedächtnis:
„Bei Dauerfeuer brachten sie es in jedem Panzer auf über zweihundert Schuss pro Minute, in diesem Gestöber von ausgestoßenen Patronenhülsen, die mit immensem Druck so dicht durch den Innenraum flogen, dass ihnen mitunter die Sicht genommen wurde.“
Solche Passagen zeigen, wie meisterhaft Pflüger Atmosphäre und Tempo erzeugen kann – man ist mitten im Geschehen.
Allerdings war mir die Geschichte insgesamt etwas zu komplex und überfrachtet. Zu viele Personen, Fakten und Überschneidungen in kurzer Zeit machten es schwer, den Überblick zu behalten. Alles war sehr dicht gepackt, was die Spannung teilweise eher erschwerte als steigerte.
Trotzdem ist Kälter ein intensiver, handwerklich hervorragend geschriebener Thriller, der zeigt, warum Pflüger zu den sprachlich stärksten Autoren seines Genres zählt.

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