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Veröffentlicht am 16.05.2026

Ein lose gestrickter, wichtiger Roman mit Anspruch

Liefern
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Tomer Gardi war mir zuvor kein Begriff und ich weiß auch nicht, ob ich seine zukünftigen Werke weiterverfolgen werde, obwohl „Liefern“ einen durchaus wertvollen Beitrag in der literarischen Welt darstellt. ...

Tomer Gardi war mir zuvor kein Begriff und ich weiß auch nicht, ob ich seine zukünftigen Werke weiterverfolgen werde, obwohl „Liefern“ einen durchaus wertvollen Beitrag in der literarischen Welt darstellt. Sprachlich war er jedoch anspruchsvoll geschrieben und hat mir deshalb einiges an Fokus abverlangt.

Die sechs Episoden hängen inhaltlich nicht wirklich zusammen, nehmen immer neue Menschen und Städte in den Blick. Lose verbunden werden sie durch etwas, das viel zu selbstverständlich zum modernen Stadtbild zu gehören scheint: die sogenannten Rider der diversen Lieferdienste. Was scheinbar ebenso selbstverständlich zu deren Arbeitsrealität gehört, thematisiert Gardi fast wie nebenbei in seinen essayhaften Texten.

Ich mochte diesen nebensächlichen Anschein, der fast spielerisch die Realität hervorhebt. Hier mal schnell noch ein Essen bestellt, weil der Tag wieder zu wenige Stunden hatte, dort den Einkauf wegen des schlechten Wetters nach Hause bringen lassen - über die Personen, die diese Wege übernehmen, machen wir uns wohl nur in den seltensten Fällen wirklich Gedanken.

Genau dazu verleitet uns der Autor allerdings hier deutlich, ohne dabei allzu wertend zu sein. Manchen mag das zu schonend vorkommen, für mich war es ausreichend. Denn aus seinen Worten spricht sehr wohl eine kritische Komponente, die in mir stark resoniert hat. Über die kapitalistische Ausbeutung der Rider hat mensch vielleicht schon mal etwas gehört, Gardi gibt ihnen darüber hinaus aber auch ein interessantes Profil. Die Leben und Erfahrungen der Rider im Buch stehen für sich und sind so divers wie die Personen selbst. Ihr Beruf ist ein Teil dieser Leben, der gleichermaßen wichtig wie nebensächlich erscheint.

So sehr ich die politische Dimension dieses Werks mochte, so herausfordernd fand ich den Sprachstil. Tomer Gardi erzählt alles andere als stringent, er springt nicht nur zwischen den einzelnen Episoden, sondern teilweise auch mittendrin von Figur zu Figur. Das erfordert ein aufmerksames Lesen und ich musste mich immer wieder zur Ordnung rufen, weil mein Gehirn versucht hat, den verbindenden roten Faden zwischen den Charakteren zu finden. Dass es ihn nicht so wirklich gibt und sie ein Teil ihrer Realität dennoch verbindet, fand ich ebenso faszinierend wie anstrengend. Am Ende verbindet der Autor vereinzelt Geschichten miteinander, was auf mich aber manchmal etwas erzwungen wirkte und weitere wichtige Themen wie White Saviorism und Rassismus ein wenig in den Hintergrund drängte.

In den einzelnen Abschnitten konnte ich mich oft auch irgendwann einfinden in die Erzählung und für den hohen Anspruch liest sich der Text erstaunlich gut. Ich hätte mir allerdings trotzdem etwas mehr Zugänglichkeit und Präzision gewünscht. Schade fand ich zudem, dass die Fülle der Figuren den Aufbau einer emotionalen Beziehung zu ihnen verhinderte. Seine politische Schlagkraft entfaltet der Roman im Subtilen, was nicht verkehrt ist, mich aber dennoch überwiegend mit ein paar Fragezeichen zurücklässt.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Gefühlvoller und poetischer Coming-of-Age-Roman, der zwischen den Zeilen spricht

Palastplatte
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Ich bin in meiner Rezension zwiegespalten, da die erste Hälfte des Romans volle 5 Sterne verdient hätte, mich der spürbare Kurswechsel in der zweiten aber nicht mehr ganz so begeistern konnte.

Eher diese ...

Ich bin in meiner Rezension zwiegespalten, da die erste Hälfte des Romans volle 5 Sterne verdient hätte, mich der spürbare Kurswechsel in der zweiten aber nicht mehr ganz so begeistern konnte.

Eher diese tolle erste Hälfte entspricht dem Coming-of-Age, das ich vom Klappentext erwartet habe. Mara Floren zeigt eindrucksvoll, was für ein Händchen sie für das Subtile hat. Der Text lebt von Zwischentönen, Atmosphäre und einem Gefühl von Sprachlosigkeit. Das betrifft einerseits die anbahnende Liebesgeschichte von Henri und Mo, die niemals kitschig wird und doch tief emotional ist. Andererseits geht es aber auch viel um die relative Hilflosigkeit Henris angesichts des gesundheitlichen Zustands ihres Vaters.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Warmherzigkeit, mit der Henri ihre Mitmenschen und auch ihr Zuhause beschreibt. Die titelgebende „Palastplatte“ ist durch ihre Augen betrachtet ein liebevoller, lebendiger und bunter Ort, was gängige Vorurteile aufzubrechen vermag. Die Anwohnenden werden voller Sanftheit gezeichnet, ohne dabei zu romantisieren. Klassismus und Armut werden ebenso aufgegriffen wie Migrationsgeschichte und ihre Herausforderungen. Das alles geschieht extrem authentisch mit einem kindlichen Blick, der mit den Lesenden gemeinsam reflektiert, versteht und anschließend neu einordnet.

Mir gingen so viele Momente ans Herz und dafür bewundere ich die Autorin sehr. Denn gerade Leerstellen müssen gut geschrieben sein, sodass sie Raum zum Fühlen eröffnen und nicht dafür sorgen, dass die Leser*innen sich verloren fühlen.

Letzteres war für mich dann aber in der zweiten Buchhälfte wiederholt der Fall. Das liegt auch daran, dass das Tempo spürbar anzieht und wir die erwachsene Henri ziemlich rasant begleiten. Nebenfiguren tauchen aus dem Nichts auf, Orte verändern sich und ich habe immer wieder nach Orientierung gesucht. Durch die zunehmend poetische Sprache und das Rasante der Handlung konnte ich nicht mehr so recht eine emotionale Nähe zu Henri aufbauen. Ich habe mich gefühlt, als würde ich ihr eher hinterherrennen als sie zu begleiten.

Nichtsdestotrotz lobe ich Mara Florens Erzählweise sehr, denn die kindliche Perspektive war wirklich makellos und ging mir oft unter die Haut. Ihr Talent für Leerstellen ging hinter der Poesie und dem Tempo der zweiten Hälfte zwar oft etwas verloren, doch insgesamt hat mich der Roman berührt und ich empfehle ihn gern allen, die sich auf verschiedene Erzählstile einlassen können.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Wirklich gute Unterhaltung mit politischer Aussagekraft

Frankie – Unter Menschen
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Diesen Roman kann mensch wirklich in sehr kurzer Zeit lesen und so hatte ich eine unterhaltsame Lektüre. Auch wenn ich den Vorgänger nicht kannte, habe ich mich sofort in die Handlung eingefunden. Der ...

Diesen Roman kann mensch wirklich in sehr kurzer Zeit lesen und so hatte ich eine unterhaltsame Lektüre. Auch wenn ich den Vorgänger nicht kannte, habe ich mich sofort in die Handlung eingefunden. Der Ton ist flapsig, ungefiltert und einfach ziemlich passend für den Kater. Seine Sicht auf die Welt war oft witzig und manchmal auch echt erschütternd.

Das ist auch der größte Punkt, den ich dem Roman explizit positiv anrechne: Die politischen Aussagen, vor denen der Autor nicht zurückschreckt. Aus Sicht des Katers kommen uns Dinge wie Ländergrenzen, Kriege und Intensivtierhaltung noch einmal doppelt so sinnlos und grausam vor. Ich erhoffe mir, dass über den Unterhaltungswert der Geschichte diese Ansichten auch in das Bewusstsein der Lesenden eindringen.

Für mich hätte es allerdings noch deutlich emotionaler sein dürfen. Die Katerperspektive sorgt durch ihre Nüchternheit leider auch für eine gewisse emotionale Distanz - was für mich ein eher negativer Nebeneffekt ist. Dennoch empfehle ich den Roman gern für eine unterhaltsame Lektüre mit Tiefgang und politischer Dimension.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Ein toller Unterhaltungsroman, der an manchen Stellen etwas überzeichnet ist

This isn't happiness
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Ich habe ein mehrheitlich positives Bild vom pola-Verlagsprogramm und dieser Titel versprach wieder eine tolle Lektüre. Dem war auch so, das Buch eignet sich ganz toll zum Durchrauschen. Ich habe allerdings ...

Ich habe ein mehrheitlich positives Bild vom pola-Verlagsprogramm und dieser Titel versprach wieder eine tolle Lektüre. Dem war auch so, das Buch eignet sich ganz toll zum Durchrauschen. Ich habe allerdings auch ein paar kleine Kritikpunkte.

Mary Newnham überzeugt mit tollem Witz und einem ganz flüssigen Schreibstil, sodass ich super unterhalten wurde. Amy ist als Figur sympathisch und ich habe sie gerne begleitet. Ich muss aber schon sagen, dass der Klappentext für mich nicht ganz den Inhalt wiedergibt. Ja, das Sexleben von Amy und Josh ist inexistent und ja, sie versucht einiges, um das zu ändern. Aber der Fokus der Handlung lag für mich viel deutlicher auf dem allgemeinen Leben Amys als auf den Problemen in ihrer Partnerschaft. So ist sie z. B. eine ganz tolle Lehrerin und den Umgang mit ihren Schülerinnen empfand ich als sehr warmherzig und auf Augenhöhe.

Sie setzt sich außerdem mit ihrer grauenhaft misogynen Chefin, der Helikopter-Schwiegerfamilie sowie den eigenen zerrütteten Eltern auseinander und trifft nebenbei auf Lace, die eine anfangs wirklich eigenartige Figur zu sein scheint und deren Bedeutung ich auch nicht vollends entschlüsseln konnte.

An der Stelle setzt auch meine Kritik an - die Figuren waren mir teilweise zu karikiert und nicht immer konsistent dargestellt. Josh wirkt eigentlich wie ein sehr sensibler Partner, Amy betont das in ihren Schilderungen auch. Dann ist er aber auch sowas von unreflektiert und unfähig, im Haushalt eine erwachsene Rolle einzunehmen, dass ich Amy regelrecht schütteln wollte. Auch ihre Freundinnen haben da für meinen Geschmack zu wenig interveniert - das schien mir für die Altersklasse irgendwie nicht ganz glaubwürdig zu sein. Am schlimmsten ist es bei Joshs Familie und Amys Chefin - diese Figuren sind so dermaßen überzeichnet, da wäre weniger deutlich mehr gewesen.

Dennoch empfehle ich diesen Unterhaltungsroman, der mir phasenweise zwar zu karikativ war, insgesamt aber auch Spaß gemacht hat. Wer keine Maximalanforderungen an vielschichtige und konsistente Nebenfiguren hat, wird hier sicher fündig.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Anspruchsvolle Familiengeschichte und eine spannende literarische Stimme

Die Stimmen der Nacht
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„Die Stimmen der Nacht“ ist ein literarisch anspruchsvolles Debüt mit einer wichtigen Perspektive. Ich habe echt eine Weile gebraucht, um in die Figurenwelt einzufinden - ein selbst gezeichneter Stammbaum ...

„Die Stimmen der Nacht“ ist ein literarisch anspruchsvolles Debüt mit einer wichtigen Perspektive. Ich habe echt eine Weile gebraucht, um in die Figurenwelt einzufinden - ein selbst gezeichneter Stammbaum hat mir im Laufe der Handlung dann sehr geholfen. Es bietet sich eindeutig an, den Roman so gut es geht am Stück zu lesen, weil er einfach sehr dicht ist.

Meine persönliche Herausforderung war Margaret als eine Person mit Schizophrenie. Einerseits finde ich die Darstellung der Figur sehr sensibel und ich ziehe meinen Hut vor dem Talent Tochi Ezes, hier nicht in Klischees abzudriften und dann auch noch die Balance zu wahren zwischen moderner Psychiatrie und kulturell-religiösem Umgang. Andererseits wird Margaret damit auch zu einer für mich unberechenbaren sowie leicht unzuverlässigen Figur und mit solchen habe ich immer meine Schwierigkeiten. Das ist aber einfach eine persönliche Präferenz.

Der Roman ermöglicht den Leser:innen spannende Einblicke in eine Kultur, die literarisch bislang wenig Aufmerksamkeit erhält. Ich fand es sehr geschickt, wie die Autorin koloniale Taten und das damit einhergehende Erbe sowie konkrete Identitätsfragen in die Geschichte einwebt - wobei sie hier auch gern noch deutlicher hätte werden können. Stark war auf jeden Fall die Herausstellung patriarchalen Anspruchsdenkens über die Zeit und Ländergrenzen hinaus.

Ein ambivalenter Punkt ist die Dichte der Erzählung, die zwar wirklich bemerkenswert ist, allerdings auch dazu führt, dass mir die Figuren weitläufig eher distanziert blieben. Die Handlung wird trotz aller Komplexität jedoch sehr atmosphärisch und authentisch beschrieben, lokale Sprache klug eingesetzt und für Nicht-Sprachkundige elegant im Erzählfluss übersetzt.

Ein Werk, das definitiv mit hohem literarischen Anspruch daherkommt und eine vielschichtige Familiengeschichte geschickt ineinanderspinnt. Durch die vielen Nebenerzählungen, komplexen Figurenverflechtung und verschiedenen Zeitebenen hat mir das Buch einiges abverlangt und dadurch auch die Emotionalität ein wenig in den Hintergrund verschoben, obwohl mich die Geschichte gerade in der zweiten Hälfte sehr fesseln konnte. Eze hat hier wirklich einen sehr würdigen Debütroman geschrieben, der viele Leser:innen verdient hat.

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