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Veröffentlicht am 29.05.2026

Richtig gute Unterhaltung über ADHS

Sie wollen uns erzählen
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Oz wird seiner Mama etwas beichten müssen, der Brief seiner Lehrerin in der Tasche muss unterschrieben werden. Oz überlegt, wie er am Gescheitesten anfängt, denn der Geduldsfaden seiner Mama ist kurz. ...

Oz wird seiner Mama etwas beichten müssen, der Brief seiner Lehrerin in der Tasche muss unterschrieben werden. Oz überlegt, wie er am Gescheitesten anfängt, denn der Geduldsfaden seiner Mama ist kurz. Es geht um die Hasen und um Fahids Rohkost. Fahid muss Gemüse essen, weil er zu dick ist, aber er mag kein Gemüse und weiß, dass die Hasen es mögen. Donnerstags dürfen sie in kleinen Gruppen zu den Nagern, die genaugenommen Nagerinnen sind, Hildi und Flöte.

Carina, Ozzys Klassenlehrerin, die gleichzeitig Hasenbeauftragte ist, hat ihnen eingebläut, wie klein die Hasenherzen sind und dass sie bei zu vielen Kindern zu schnell schlagen würden und dass sich das für Hasen sehr schlimm anfühle, also donnerstags. Jetzt bekommt Fahid aber jeden Tag Gemüse in seine Brotdose und deshalb schleichen sie in der Pause am eingezäunten Sportplatz vorbei und besuchen Hildi und Flöte, so wie an diesem Tag. Als sie vor dem Stall stehen und Hildi beim Knabbern zusehen, schmeißt HL den Rasenmäher an und lässt ihn gleich darauf absaufen. HL mag keine Hasen und keine Kinder, aber damit wird er seine Mama langweilen, deswegen lässt er das besser weg, obwohl es wichtig ist. Sie hat im Streit mit seinem Papa mal gesagt, er soll sich seine Scheißmedikamente sonst wohin stecken und dann ein Antiimpulsivtraining gemacht, aber die Zornesfalte zwischen den Augen verrät, wenn sie gleich schreien wird. Dann zischt Fahid „der kommt!“ und tatsächlich, kurz bevor er bei ihnen ist flüstert Arvo „mach den Stall zu Oz“ und sie schlagen sich in die Büsche. Dort, wo sie jetzt vornübergebeugt verschnaufen, können sie nicht alles sehen. HL geht zurück zum Mäher, zieht an der Schnur, zieht immer wilder an der Schnur, weil der Mäher alt und HLs Geduld gering ist und dann rattert er los und in dem Moment ruft Luca „Schaut mal Flöte“. Sie sehen, wie Flöte im Zickzack rumrennt und dann auf den Rasenmäher zu und unter den Mäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht, Arvo und Fahid halten sich den Mund zu und Luca ist wie erstarrt und kann sich gar nicht rühren.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete, österreichische Autorin Birgit Birnbacher hat das Bild eines neurodivergenten Jungen mit ADHS gezeichnet und das ist ihr richtig gut gelungen. Oz muss sich in der dritten Klasse fürs Gymnasium qualizieren, dann passiert das Unglück mit Flöte und Oz wird stigmatisiert. Danach soll er von allen Seiten beleuchtet werden, die Schule wünscht eine Diagnose. Währenddessen arbeiten sich seine Mutter und sein Vater aneinander ab und dann verschwindet die Oma Zäzilia aus dem Krankenhaus und räumt Oz eine Geständnispause ein. Gut gefallen hat mir der Humor. Viele Stellen sind wirklich komisch und amüsant erzählt. Oz gedankliche ADHS-Ausschweifungen sind so gut gezeigt. Während sich Oz Diagnose immer weiter herausschält, merkt die Mutter, dass sie ähnlich tickt, aber auch, wie das Leben und ihre Ehe sie verändert haben, wie gehässig und missgünstig sie geworden ist. Auf den letzten Metern hat die Autorin mich leider verloren, so absurd entwickelt sich das Ganze. Dennoch hat sie mich richtig gut unterhalten. Ich mochte auch den Roman „Ich an meiner Seite“ sehr, der für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert war. Für alle, die ADHS besser verstehen möchten.

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Veröffentlicht am 22.05.2026

Zeitzeugnis

Oma Jever
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Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. ...

Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. Um ihr praktisches Können zu vertiefen, schickte die Familie sie für sieben Jahre nach Düsseldorf. Dort wurde sie von Hilde im Putzen, Kochen und Handarbeiten angelernt.

1933 wurde der Aufstieg der NSDAP in Jever (Niedersachsen) gefeiert, wie nirgends sonst in Deutschland. Schon 1930 erlangten sie bei den Reichstagswahlen 39,7 %, deutschlandweit dagegen nur 18,3 %. 1931 bei der Rede Hitlers in der fahnengeschmückten Reithalle wurde er gefeiert wie ein heutiger Popstar. Das jeversche Wochenblatt verkündete danach frenetisch:

…der nationalsozialistische Führer ist nicht nur an Ideen, Kraft, sondern auch an Klugheit, Besonnenheit und unbeirrbarer Zielklarheit vielen Staatsmännern von heute turmhoch überlegen. S. 17

1934 wurde der Jude Fritz Levy wegen Unzucht mit einem deutschen Mädel in Haft genommen, da war Emma schon zum dritten Mal schwanger.

Emma und ihr Mann Gepke hielten Hühner, Lämmer, Kaninchen und Schweine. Im Nutzgarten spross das Wurzelgemüse und die Obstbäume trugen reichlich Früchte. Obwohl Gepke an die Front musste, hatte Emma durch viel Fleiß und die Unterstützung ihrer Töchter und ihres Vaters ein gutes Auskommen während des Krieges.

Fazit: Der 1962 geborene Autor und Satiriker Gerhard Henschel hat mit diesem Briefroman seine Familie geehrt und ein Zeitzeugnis geschaffen, das ich so noch nicht gelesen habe. Am Ende gelingt ihm ein Gesamtbild über die Menschen und die Umstände dieser Zeit, dabei schließt er auch die unangenehmen Wahrheiten (sein Opa hat sich als Herrenmensch aufgespielt, nachdem er durchs Warschauer Ghetto gefahren ist) nicht aus. Interessant fand ich, wie leicht es für diesen verrückten (aus heutiger Sicht) Mann Adolf Hitler war, so viele Menschen für sich zu gewinnen und wie dissoziativ der Großteil der Bevölkerung war, entweder so zu tun, als seien die Plünderungen, Enteignungen, Deportationen richtig oder als gäbe es sie nicht. Zu sehen, wie schon mit dem verlorenen 1. Weltkrieg der Grundstein für diese Katastrophe gesetzt wurde, beeindruckt mich. Zu verstehen, wie viel Trauma aus dieser Zeit bis in meine Generation geschwappt ist, erschreckt mich. Während des Lesens wurde mir bewusst, wie viel Kriegssprech sich bis in mein Vokabular geschlichen hat. Der Autor erwähnt auch immer wieder am Rande, wie die „Entnazifizierung“ gescheitert ist und Verantwortliche nach der Kapitulation um neue Pöstchen geschachert und ihre Pfründe gesichert haben. Tja und Emma (Oma Jever) wird so nett erzählt. Sie war fleißig, akkurat, stets freundlich und nützlich, wie die deutsche Frau eben erzogen wurde. Ein unterhaltsames, gut recherchiertes Zeitzeugnis, das ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Zweifel an Lebensentscheidungen

Die Liebe, später
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Kora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, ...

Kora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, weil Kora am Herz operiert werden musste. Am Tisch hat sie dann ein paar launige Anekdoten aus der Reha zum Besten gegeben und gehofft, dass sie nicht tiefer nachfragten.

Eigentlich wollte sie die Geburtstagsfeier ihrer einstigen Freundin und Mentorin absagen, aber sie ist nicht der Typ, der kneift. Und wahrscheinlich wird dieser Fünfundachtzigste auch Gabriellas letzte große Feier sein. Sie liegt neben Anselm und möchte glücklich sein. Zwanzig Jahre schon haben sie ihrer Wochenendrituale gefrönt. Montag bis Freitag blieb sie allein in seinem Häuschen, schrieb Artikel und pflegte ihr Netzwerk, werkelte im Garten, während Anselm als Biologe in Berlin weilte. Zum Wochenende kam er dann mit den Sorgenfalten eines Ministeriumsreferenten um die Augen, um die wenige Zeit mit Kora zu genießen. Sie wartete immer mit dem Essen auf ihn, so als würde er nicht zurückkommen, wenn sie ohne ihn anfing und er schickte ihr manchmal stündlich Nachrichten, um sie auf dem neusten Stand der Verspätung der Deutschen Bahn zu halten. An guten Sonntagen machten sie vor dem Frühstück Liebe, dann brachte er ihr einen Tee und die Zeitung ans Bett und verbeugte sich galant mit dem Wort „Mylady“.

Dann ist sie tatsächlich zu Gabriella gefahren und hat Anselms Skepsis beiseite gewischt. Das Autobahnkreuz Heumar verschwindet hinter ihr und mit ihm ihre Zweifel.

Fazit: Gisa Klönne, bekannt geworden durch ihre erfolgreiche Krimireihe, erzählt in diesem Roman eine Frau um die Fünfzig, die eine schwere Herz-Op überlebt hat. Sie brach während einer, von ihr moderierten, Sendung zusammen und soll jetzt den Aufhebungsvertrag unterzeichnen. Es dauerte eine Weile, bis sie den Eingriff körperlich verkraftet hatte, aber jetzt vermisst sie ihre Arbeit. Mit diesen Ereignissen beginnen die Zweifel an ihren bisherigen Lebensentscheidungen, Zweifel an der Richtigkeit ihrer Beziehung zu Anselm, seiner Rentenplanung. Und auch das Trauma einer früheren Liebe holt sie ein. Gisa Klönne zeigt eine Protagonistin mit Angst vor zu viel Nähe, weil eine Verlusterfahrung sie emotional umgehauen hat. Das Arrangement aus Nähe und Distanz, die emotionale Unabhängigkeit passte ihr gut in den Sinn. Seit der Op ist sie dünnhäutig geworden und stellt alles infrage. Sie versucht sich mit Heimlichkeiten davonzustehlen und es kommt zu Reibungen zwischen dem Paar. Gisa Klönne zeigt sehr einfühlsam und klug die Zerrissenheit Koras. Die Geschichte hat mich herausgefordert. Zwischenzeitlich wollte ich Kora zu ihrem Glück zwingen, damit sie Beständigkeit und Sicherheit ihrem Freiheitsdrang vorzieht. Doch das Leben ist ein Prozess und bedarf keiner Ratschläge. Eine real dargestellte, bewegende Handlung, die mich solide unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Intensiv und atmosphärisch

Wilde Häuser
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Dev liegt auf dem Sofa, die Kopfhörer auf den Ohren. Schräg gegenüber im Sessel, den früher seine Mutter für sich beanspruchte, die Promenadenmischung Georgie. Ein in die Jahre gekommener räudiger Köter ...

Dev liegt auf dem Sofa, die Kopfhörer auf den Ohren. Schräg gegenüber im Sessel, den früher seine Mutter für sich beanspruchte, die Promenadenmischung Georgie. Ein in die Jahre gekommener räudiger Köter mit schlechter Laune, fettem Überbiss und immerzu flehentlichem Blick. Georgie hat seiner verstorbenen Mutter gehört und war nie Devs Freund. Da er jedoch akzeptiert, dass Dev nun das Sagen hat und Herr über das Dosenfutter ist, führt er Devs Befehle aus, sofern sie energisch genug herausgebellt kommen.

Schluss jetzt!, dämmt Dev Georgies Gekläffe ein. Die Scheinwerferlichter eines Autos gleiten über die Wohnzimmerwände. Dev steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Er erkennt den Wagen seines Cousins Gabe Ferida. Er hält an, steigt aus, gefolgt von seinem Bruder Sketch. Sie zerren einen Jugendlichen von der Rückbank und scheuchen ihn zur Hintertür. Dev öffnet und sieht in ein blasses Gesicht.

Sketch ist zwei Jahre älter als Dev. Seine trainierten Oberarme sind übersät mit Tätowierungen. Sein Kinn ist kantig, die blauen Augen leuchten launisch. Wenn ihm danach ist, zieht er Schwachköpfen eins über. Gabe ist vierzig, sieht aber zehn Jahre älter aus. Er besteht aus Haut und Knochen. Sein langes vernarbtes Gesicht rahmt die tief in den Höhlen liegenden Augen ein. Zehn Jahre Heroin hatten ihm übel mitgespielt. Gar nicht einfach in der tiefsten Provinz Irlands so draufzukommen. Sie arbeiten für einen Typen namens Mulrooney. Kommen immer mal wieder bei Dev reingeschneit und bringen Pakete, die Dev dann wahlweise im Keller oder der Scheune unterbringt, bis sie wieder abgeholt werden. Dev bekommt dafür ein bisschen Geld. Jetzt sitzt der Junge in seiner Küche, weil sein Bruder die Feridas abgezockt hat. Dreizehn Riesen schuldet er Mulrooney und Sketch und Gabe werden sie eintreiben, egal wie.

Fazit: Colin Barrett, mehrfach ausgezeichneter Autor, hat das Porträt dreier Kleinstadtganoven gezeichnet. Die Feridabrüder verticken Drogen, der behäbige Cousin Dev bietet sein Haus als Lager an. Eigentlich will Dev, der keine sozialen Kontakte hat, nur seine Ruhe. Doch dann schleppen sie ihm eine Geisel ins Haus, um von dessen Bruder zu erpressen, was ihnen zusteht. Die Mutter der Geisel setzt seinen Bruder unter Druck, der das Dilemma zu verantworten hat. Ich erfahre Devs Hintergründe und warum er unter Panikattacken leidet. Im Laufe der Geschichte nimmt die Geisel Einfluss auf den konfliktscheuen Dev und rettet damit ihr Leben. Der Autor hat die Gabe, szenisch zu schreiben, was die Geschichte atmosphärisch und dicht macht. Manchmal wurden mir die detaillierten Umgebungsbeschreibungen etwas viel, dennoch liest sich das Buch, als würde man einen Film schauen. Das war gute Unterhaltung und für alle Krimifans, die einen besonderen Schreibstil mögen genau das richtige Buch. Nicht zu vergessen, das Cover, die gesamte Umschlaggestaltung ist, wie bei allen gebundenen Steidl Büchern wieder ein besonderes Zusatzbonbon.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Klassismus und Chancenlosigkeit

Ein ziemlich anderes Leben
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Skander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.

Er war etwa ein Jahr alt, als er ...

Skander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.

Er war etwa ein Jahr alt, als er und seine Schwester bei der Aide Sociale á l´enfance gelandet waren, kurz darauf kamen sie zu Nicole. Er nannte seine Pflegemutter Tante. Ihre Tochter Delphine wurde so eine Art Schwester für sie. Einige Jahre später, als Skander aus einem Ferienlager zurückkam, hatte der Krebs Nicole plötzlich dahingerafft. Seine Schwester und er verstanden erst bei der Beerdigung, wohin sie entschwunden war. Delphine zog sich immer weiter zurück und dann sagte sie ihnen, dass sie eine andere Pflegestelle finden müssten. Den Rest des Sommers mussten sie Familien abklappern. Madame Davert vom Jugendamt präsentierte Skander von seiner besten Seite, ohne Albträume und imaginären Freund.

Und dann wurde es Madame Khadija. In erster Linie, weil sie Algerierin war, wie er. Skanders alkoholkranke Mutter, die noch immer das Sorgerecht hatte, obwohl sie sich nicht um die Kinder kümmern konnte, hatte sich gegen französische Familien entschieden. Nun kam Skander ohne seine Schwester in die berüchtigte Banlieue, ein Pariser Randbezirk, in dem sie aus allen Herrenländern in kaninchenschartenartigen Wohnblocks untergebracht waren. Obwohl Khadija reich war, wollte gegen gutes Geld vom Staat noch mehr Pfleglinge aufnehmen. Sie besaß echten Goldschmuck, fuhr einen Wagen mit Diplomatenkennzeichen und unterstützte ihre Großfamilie in Algerien.

Fazit: Mokhtar Amoudi erzählt in seinem preisgekrönten Debütroman die Geschichte eines Jungen, der, wie er selbst in einem Ghetto aufwächst. Skanders Vater ist früh abgehauen, seine Mutter ist alkohol-und medikamentenabhängig. Skander landet mit zehn in der Banlieue. Zu Anfang glänzt er durch schulische Höchstleistungen. Als er in die Pubertät kommt, muss er sich den sozialen Codes des Viertels anpassen. Er lernt Leute zusammenzuschlagen, um sich einer Peergroup anzuschließen, bei der er mehr Schutz findet, als wenn er alleine bleibt. Die Menschen im Viertel sind chancenlos, dem gesellschaftlichen Abstieg zu entkommen. Geld wird zum begehrten Lustobjekt. Jeder will es haben, also wird geklaut, vertickt, gedealt. Jugendamt und Lehrer hatten ihre helle Freude an Skander, diesem Ausnahmetalent. Solange sie sich seine Leistungen auf die Fahne schreiben konnten, begünstigten sie ihn. Als er sich (erwartungsgemäß) dem kriminellen Sog des Viertels nicht mehr entziehen konnte, ließ die Enttäuschung allen den Mund offen stehen. Eine gut lesbare Coming of Age-Geschichte, die die Chancenlosigkeit, den Klassismus gut abbildet. Was mir nicht so gut gefallen hat, war der lapidare Tonfall Skanders, so als würde er über allen Dingen stehen.

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