Zweifel an Lebensentscheidungen
Die Liebe, späterKora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, ...
Kora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, weil Kora am Herz operiert werden musste. Am Tisch hat sie dann ein paar launige Anekdoten aus der Reha zum Besten gegeben und gehofft, dass sie nicht tiefer nachfragten.
Eigentlich wollte sie die Geburtstagsfeier ihrer einstigen Freundin und Mentorin absagen, aber sie ist nicht der Typ, der kneift. Und wahrscheinlich wird dieser Fünfundachtzigste auch Gabriellas letzte große Feier sein. Sie liegt neben Anselm und möchte glücklich sein. Zwanzig Jahre schon haben sie ihrer Wochenendrituale gefrönt. Montag bis Freitag blieb sie allein in seinem Häuschen, schrieb Artikel und pflegte ihr Netzwerk, werkelte im Garten, während Anselm als Biologe in Berlin weilte. Zum Wochenende kam er dann mit den Sorgenfalten eines Ministeriumsreferenten um die Augen, um die wenige Zeit mit Kora zu genießen. Sie wartete immer mit dem Essen auf ihn, so als würde er nicht zurückkommen, wenn sie ohne ihn anfing und er schickte ihr manchmal stündlich Nachrichten, um sie auf dem neusten Stand der Verspätung der Deutschen Bahn zu halten. An guten Sonntagen machten sie vor dem Frühstück Liebe, dann brachte er ihr einen Tee und die Zeitung ans Bett und verbeugte sich galant mit dem Wort „Mylady“.
Dann ist sie tatsächlich zu Gabriella gefahren und hat Anselms Skepsis beiseite gewischt. Das Autobahnkreuz Heumar verschwindet hinter ihr und mit ihm ihre Zweifel.
Fazit: Gisa Klönne, bekannt geworden durch ihre erfolgreiche Krimireihe, erzählt in diesem Roman eine Frau um die Fünfzig, die eine schwere Herz-Op überlebt hat. Sie brach während einer, von ihr moderierten, Sendung zusammen und soll jetzt den Aufhebungsvertrag unterzeichnen. Es dauerte eine Weile, bis sie den Eingriff körperlich verkraftet hatte, aber jetzt vermisst sie ihre Arbeit. Mit diesen Ereignissen beginnen die Zweifel an ihren bisherigen Lebensentscheidungen, Zweifel an der Richtigkeit ihrer Beziehung zu Anselm, seiner Rentenplanung. Und auch das Trauma einer früheren Liebe holt sie ein. Gisa Klönne zeigt eine Protagonistin mit Angst vor zu viel Nähe, weil eine Verlusterfahrung sie emotional umgehauen hat. Das Arrangement aus Nähe und Distanz, die emotionale Unabhängigkeit passte ihr gut in den Sinn. Seit der Op ist sie dünnhäutig geworden und stellt alles infrage. Sie versucht sich mit Heimlichkeiten davonzustehlen und es kommt zu Reibungen zwischen dem Paar. Gisa Klönne zeigt sehr einfühlsam und klug die Zerrissenheit Koras. Die Geschichte hat mich herausgefordert. Zwischenzeitlich wollte ich Kora zu ihrem Glück zwingen, damit sie Beständigkeit und Sicherheit ihrem Freiheitsdrang vorzieht. Doch das Leben ist ein Prozess und bedarf keiner Ratschläge. Eine real dargestellte, bewegende Handlung, die mich solide unterhalten hat.