Rafik Schami erzählt wieder einmal Geschichten. In diesem Buch finden sich Unzählige davon, verpackt in kleine Anekdoten, Geschichten in Geschichten. Das Setting: Der Erzähler Said trifft Nadim, der ihm ...
Rafik Schami erzählt wieder einmal Geschichten. In diesem Buch finden sich Unzählige davon, verpackt in kleine Anekdoten, Geschichten in Geschichten. Das Setting: Der Erzähler Said trifft Nadim, der ihm sein Leben in eben jenen titelgebenden Mosaiksteinen erzählt, und zwar anhand der Frauen, die ihn geprägt haben. Beide Männer, Said und Nadim, erinnern an Schami selbst. In der eigentlichen Geschichte geht es dabei viel um das Leben in Syrien, vor allem Damaskus, und die syrische Geschichte, aber auch um Deutschland. Es geht natürlich vor allem um Liebe, Glück, Trauer, Eifersucht und Einsamkeit, aber auch um Armut, Rassismus, Bildung und Politik, eigentlich um alles.
Es ist nach wie vor eine Freude, Rafik Schami zu lesen. Dieses Buch gibt zwar vor, vor allem von Frauen zu handeln, das gelingt dem Autor aber nur bedingt. Die Kapitel sind zwar nach Frauen benannt, deren Geschichten bilden aber oft nur das Grundgerüst, auf dem seine anderen Geschichten und Anekdoten aufbauen. Diese wiederum handeln fast alle von Männern. Wenn es also an diesem Buch etwas zu kritisieren gibt, dann den Fakt, dass es nicht so viel um Frauen geht, wie der Titel vorgibt. Ein Buch, in dem es ausschließlich um Frauen geht, hätte mich zwar mehr beeindruckt und mir mehr gefallen, aber Schamis Lust am Fabulieren lässt sich offenbar nicht an Geschlechtergrenzen aufhalten. Stringenz ist vielleicht dann doch nicht seine größte Stärke. Da er für meinen Geschmack aber wirklich respektvoll und warmherzig über die Frauen schreibt, kann ich darüber hinwegsehen. Manchmal schrammt er nahe am Kitsch vorbei, und einige Messages sind mir etwas zu banal. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen und bin Rafik Schami bereitwillig überall hin gefolgt, wo seine Geschichten ihn hingeführt haben.
Alles in allem hat mich auch dieses Buch von Schami überzeugt. Die vielen Geschichten und Einblicke in das Leben in Damaskus oder die syrische Kultur haben mir dabei am besten gefallen.
Wer Rafik Schami kennt, weiß sowieso, dass man hier gute Kost serviert bekommt. Wer es noch nicht weiß, hat mit diesem Roman eine tolle Möglichkeit, auf den Geschmack zu kommen.
Lou ist von Raf fasziniert, seit er neu in Rafs Klasse kam. Raf ist charismatisch, aber auch arrogant und dominant, Lou ist schüchtern, unsicher und ziemlich schnell verliebt in Raf. Sie freunden sich ...
Lou ist von Raf fasziniert, seit er neu in Rafs Klasse kam. Raf ist charismatisch, aber auch arrogant und dominant, Lou ist schüchtern, unsicher und ziemlich schnell verliebt in Raf. Sie freunden sich an, verbringen schnell viel Zeit miteinander, auch mit Rafs Schwester Sophie. Bald fahren sie gemeinsam in den Urlaub, verbringen auch die Sommer zu dritt. Doch in diesem Sommer sagt Sophie kurzfristig ab, stattdessen kommt ihre Freundin Nora mit, die die beiden kaum kennen.
Wie Ann-Christin Kumm schreibt, hat mich total gekriegt. Der Schreibstil und die Handlung entwickeln einen beeindruckenden Sog, sodass ich das Buch innerhalb von zwei Tagen durchgelesen hatte. Fast sofort entsteht eine angespannte, beklemmende Stimmung. Ich habe die Stimmung fast körperlich gespürt: Hier stimmt etwas nicht. Ich konnte zunächst nicht recht den Finger darauf legen, was die Spannung für mich nur gesteigert hat. Was ist hier eigentlich los? Man wartet geradezu darauf, dass etwas Furchtbares passiert.
Lou als Erzähler wirkt seltsam distanziert, er hinterfragt sich ständig, ärgert sich über sich selbst, ist naiv und gutgläubig. Nach und nach entblättert sich, auch durch viele Rückblenden, das Bild einer Beziehung, die geprägt ist von Machtspielen, Abhängigkeit und allgemein einer hohen Toxizität. Raf manipuliert seine Mitmenschen und vor allem Lou extrem geschickt. Dies beschreibt die Autorin für mich sehr authentisch und bedrückt mich gerade deshalb. Die Dynamik der beiden ist irgendwann kaum auszuhalten. So versucht Lou mehrmals, sich von Raf zu lösen, schafft es aber nicht. Die Rolle von Sophie ist mir dabei nicht ganz klar geworden: Durchschaut sie ihren Bruder und deckt ihn? Oder ist sie ebenfalls Opfer seiner Spielchen? Auch hier gefällt mir gerade die Uneindeutigkeit.
Das Ende passt wunderbar zur Geschichte, ist ebenfalls schmerzhaft und schwebt seltsam in der Luft, genau wie die beklemmende Stimmung zuvor.
Eine toll geschriebene Geschichte, die ganz leise, aber umso eindrücklicher von einer toxischen Beziehung erzählt, mit einem unerwarteten Ende. Dieses Buch wird mich noch lange beschäftigen!
Wer Lust hat auf eine richtig spannende Geschichte, in der es um Macht, Manipulation und Unterwerfung geht, sollte dieses Buch lesen.
Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, ...
Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, der immer wieder ins damalige Jugoslawien verschwindet und nur unregelmäßig für ein paar Tage zu seiner Familie zurückkehrt, und Vili, ihre erste Liebe, den ihr Vater irgendwann aus Belgrad mitbringt und der fortan bei ihnen aufwächst. Auch Triest selbst spielt eine große Rolle.
„In den Zeitungen heißt es, Zugehörigkeit werde immer wichtiger, am besten durch Abstammung. Sie wüsste nicht zu sagen, wohin sie gehört, nicht einmal ihre Stadt weiß es: Man nennt sie ‚Stadt aus Papier‘, weil sie sich stets als Teil einer Nation begriffen hat, die nicht die ihre ist, sie dachte an Österreich, träumte von einem Slawenreich, sogar von der garibaldischen Nation, doch dann ist sie allem fremd geblieben, vor allem sich selbst.“
Geschichte vs. Geografie, das ist das große Motiv dieses Romans: Was prägt uns? Ist es der Ort, an dem wir aufwachsen, oder die Geschichte unserer Familie? Almas Vater und ihr Großvater haben hierzu sehr unterschiedliche Ansichten… Aber wohin gehört Alma? Nach und nach entblättern sich durch die Erinnerungen Almas ihre Identität und Familiengeschichte und mit ihnen auch diejenige Triests und die des ehemaligen Jugoslawiens.
Die Handlung wird episodenhaft erzählt mit großen Lücken. Gleichzeitig springt die Geschichte immer wieder zwischen den Erinnerungen Almas und ihrer Gegenwart hin und her. Dies ist nicht immer leicht zu erkennen und hat mich stellenweise verwirrt, sodass ich einige Abschnitte mehrmals lesen musste. Auf der anderen Seite erzeugt diese Art des Erzählens ein Gefühl der Gleichzeitigkeit, des Verschwimmens der zeitlichen Grenzen und des Ineinanderfließens der zeitlichen Ebenen. Hierdurch verbindet sich die Form des Romans wunderbar mit seinen Themen. Inhaltlich fand ich vor allem die Stellen spannend, in denen es um den Zerfall Jugoslawiens und die folgenden Kriege geht, von denen ich viel zu wenig weiß.
„Doch für Alma ist die Stadt ihrer Kindheit ein Ort der Zersplitterung, ein Kaleidoskop möglicher Leben – all der Leben, die ihre hätten sein können, hätte sie sich für diesen, statt für jenen Weg entschieden, hätte sie etwas treu zu bleiben und menschliche Beziehungen zu pflegen vermocht wie ihre Mutter die Rosen, mit Stecklingen im selben Topf.“
Die Figuren im Buch spiegeln die sowohl historisch als auch geografisch bedingte kulturelle Vielfalt Triests wider. Almas Großeltern mütterlicherseits, bei denen sie zeitweise lebt, haben österreichische Wurzeln, repräsentieren die lange Dominanz Österreich-Ungarns über Triest und sprechen mit ihr Deutsch oder den städtischen Dialekt. Vili kommt aus Belgrad und kehrt auch später dorthin zurück, er verliert seinen Belgrader Akzent nie. Ganz nebenbei zeigt sich hier, wie sehr Sprache Zugehörigkeit oder Anderssein ausdrückt. Woher ihr Vater genau kommt, findet Alma nie heraus, auch wenn sie ihn danach fragt. Alle Figuren haben ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, die der Roman mir sehr eindringlich nahebringt. Entsprechend empfand ich die Konflikte zwischen den Figuren als sehr schmerzhaft, gleichzeitig waren diese Stellen für mich die Stärksten im Buch.
An einer Stelle sagt Almas Vater über Tito: „Wir folgten ihm und schrieben für ihn. Doch all unser Schreiben und unser Bestreben, uns vor der Außenwelt zu schützen, führte dazu, dass wir eine Schmierenkomödie aufführten, den Stolz auf unsere Identität anheizten und dem Nationalismus damit den Weg ebneten. Bei Titos Tod fanden sie den Boden gut bereitet und konnten mit der Politik loslegen, die sie im Sinn hatten.“
Die Sprache ist zurückgenommen, fast zart. Durch die Verschachtelungen muss man etwas aufpassen, wird aber belohnt mit gelungenen Formulierungen. Der Stil hat mich sehr beeindruckt und eine richtige Sogkraft entwickelt; auch durch die Übersetzung scheint mir hier nichts verlorenzugehen.
„Die Stadt hat sich immer weit über ihre Leben gespannt, über ihres und das ihres Vaters und Vilis: Ein Magnet, der sie umtrieb, sie flüchten und wiederkehren ließ und in den Menschen, die sie liebten, den Verdacht nährte, nur ein der Verbundenheit mit der Stadt dienlicher Zufall zu sein, die ohnehin stets darin glänzte, das Bleiben unmöglich und das Gehen herzzerreißend zu machen.“
Ein wunderbares Buch, das ich wirklich gern gelesen habe, und über das ich noch viel nachdenken werde. Außerdem macht es Lust, nach Triest zu fahren oder gar noch etwas weiter über die Grenze…
„Ihre Eltern hatten sie mit neurotischer Halsstarrigkeit vor der Erinnerung beschützt, und das hatte sie unbeschwert groß werden lassen, ohne Blei an den Fesseln. Doch jetzt tauchten diese Bruchstücke Geschichte auf. Splitter eines Ganzen, dessen Form nur erahnbar war, und sie wogen schwer und waren zugleich großartig: Am liebsten wäre sie stehen geblieben, um sie wie einen Bernstein zu betrachten. Stattdessen gingen sie weiter, denn nur im Gehen setzt sich die Erzählung fort.“
Wer Lust hat auf tolle Literatur über Triest, über Fragen von Identität und Herkunft, über Jugoslawien, seinen Zerfall und die folgenden Kriege, dem kann ich dieses Buch wirklich wärmstens ans Herz legen!
Zusammenfassung
Der Roman erzählt von der fiktiven Sprachwissenschaftlerin Franziska Denk und dem ebenso fiktiven Mathematiker Otto Mandl. Die Kapitel lesen sich wie eine Biographie, unterbrochen etwa ...
Zusammenfassung
Der Roman erzählt von der fiktiven Sprachwissenschaftlerin Franziska Denk und dem ebenso fiktiven Mathematiker Otto Mandl. Die Kapitel lesen sich wie eine Biographie, unterbrochen etwa von Zeitungsartikeln, Pamphleten, Berichten oder wissenschaftlichen Abhandlungen, ergänzt durch viele Fußnoten.
Bewertung
Vorab: Ich habe das Buch geliebt! Man kann es tatsächlich schwer beschreiben, wenn man es nicht selbst gelesen hat, weil die Kategorien, an denen man ein Buch misst, hier irgendwie nicht greifen: Die Figuren kommen mir nicht so richtig nahe, aber darum geht es auch gar nicht. Die Handlung ist oft konsequent unglaubwürdig, aber genau darum geht es auch: Hier werden sprachphilosophische Theorien einfach mal zu Ende durchgespielt. Und wie! Ich kann überhaupt nicht fassen, wie ein Mensch derart viele Ideen hat und dann so ein Buch schreibt! Elias Hirschl spielt mit Sprache, Text und Schrift, wie ich es so noch nie gesehen habe. Dazu kommt der Humor: Ich habe öfter laut aufgelacht, was mir normalerweise nicht so häufig passiert. Und auch wenn die verschiedenen Kapitel zu Beginn oft wirr und willkürlich wirken, hat man Ende fast ein Gefühl der Kohärenz, auch was die Wahl des Titels „Schleifen“ betrifft. Unglaublich!
Die Lektüre war für mich gleichermaßen anstrengend wie beglückend. Die wissenschaftlichen Texte und die philosophischen Ausführungen sind intellektuell teils ziemlich herausfordernd, die Ideen völlig absurd; gleichzeitig ist es eine große Freude, diesem Ideenfeuerwerk beizuwohnen.
Fazit
Die Lektüre war für mich ein absoluter Gewinn, auch wenn mir das Vokabular fehlt, um das Buch sinnvoll zu beschreiben. Ich bin sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben und möchte auf jeden Fall mehr von Elias Hirschl lesen.
Empfehlung
Sprachwissenschaftlich oder sprachphilosophisch Interessierte, die nicht vor einer herausfordernden Lektüre zurückschrecken, könnten große Freude an diesem Buch haben. Es lohnt sich!
Zusammenfassung
Lita wächst in Buenos Aires unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sie wird 1928 als uneheliches Kind in einem Kloster geboren. Ihre ersten Jahre verbringt sie mit den Nonnen des Klosters ...
Zusammenfassung
Lita wächst in Buenos Aires unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sie wird 1928 als uneheliches Kind in einem Kloster geboren. Ihre ersten Jahre verbringt sie mit den Nonnen des Klosters und wird eher von ihnen als ihrer Mutter Fabiola erzogen, da diese andere Interessen verfolgt. Als ihre Mutter versehentlich zum Symbol für einen Aufstand gegen die Korruption wird und Lita und sie in Gefahr geraten, müssen die beiden fliehen. Wir begleiten Lita durch ihre Kindheit und Jugend auf ihrem Weg durch die Mitte des 20. Jahrhunderts und auf dem Weg nach Norden, nach Kanada, wo sie in einem Seemannsheim auf einer winzigen Insel vor der Ostküste stranden und aufgenommen werden. Hier lernt Lita unter anderem ihre beste Freundin Oona kennen. Eine besondere Rolle spielt natürlich der Namensgeber des Buches Mr. Saito mit seinem reisenden Kino, der die Insel regelmäßig besucht und Filme vorführt.
„Die Magie entsteht, wenn das Licht auf einen Menschen fällt.“
Der Roman handelt vom Leben der Leute auf der Insel, einem abgeschiedenen Mikrokosmos, der es dennoch nicht schafft, sich vor der Weltgeschichte zu verstecken. Es geht um Freundschaft, Liebe, Familie und Erwachsenwerden und natürlich um die Liebe zum Film und zum Kino. Daneben behandelt der Roman aber auch Themen wie Taubheit oder Fremdenfeindlichkeit.
„Schönheit lag in den zerfurchten Gesichtern und in der täglichen Arbeit mit Fischernetzen und Schafsmist. Was für eine Vorstellung, einen kurzen Augenblick in einem so schwindelerregenden Licht stehen zu dürfen.“
Bewertung
Ich bewundere Annette Bjergfeldt für ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität. Die Figuren, die sie erfindet, sind liebevoll und lustig gezeichnet. All ihre Schrullen und ihre Schrägheit sind zwar oft überdreht, aber gleichzeitig Zeugnis von erlebten Verletzungen oder Ängsten und offenbaren dadurch Tiefe, die sie wieder glaubwürdig macht. Man kann gar nicht anders, als die Figuren liebzugewinnen.
Einige Elemente der Geschichte erinnern mich an den magischen Realismus. Glaubwürdiges und Unglaubwürdiges stehen hier direkt nebeneinander. Das gilt nicht nur für die Figuren, sondern auch die Handlung. Wie Lita auf Upper Puffin Island unverhofft eine Familie und ein Zuhause findet, ist zwar ungewöhnlich, aber trotzdem glaubhaft erzählt.
„Manchmal hat der eigene Stammbaum so spärliche Zweige, dass man ihnen ein paar neue aufpfropfen muss.“
Der sprachliche Stil der Autorin hat mir ebenfalls sehr gefallen, klug, etwas poetisch und mit einem ganz zauberhaften Humor. Wie sie das Aufwachsen, die Pubertät und das Erwachsenwerden der Protagonist:innen beschreibt, ist einfach ganz toll gemacht. Als Lita und Oona ihre erste Periode bekommen, nennen sie das z.B. „Unruhen in der Kajüte“. Ab und an gibt es für meinen Geschmack etwas zu schnulzige Sätze am Ende eines Kapitels, aber die gelungenen Sätze sind sowohl quantitativ als auch qualitativ überlegen.
Fazit
Ich habe wirklich jede Seite des Buches genossen und wollte gar nicht, dass es zu Ende geht. Ein zum Glück dickes Buch, perfekt für lange und dunkle Winterabende, an denen man sich mithilfe der Literatur in eine ganz andere Welt flüchten möchte.
Empfehlung
Wer Lust hat auf eine Coming-of-Age- und Familiengeschichte mit schrägen Figuren, die liebevoll und humorvoll erzählt wird, ist hier genau richtig.