Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.01.2024

Poetisch, zart und besonders

Lichtungen
0

Lev lernte Kato auf eigentümliche Weise kennen, auf eine Art, die er sich nicht gewünscht hat, denn eigentlich wollte er mit dem eigenbrötlerischen Mädchen, aus seiner Klasse nichts zu tun haben. Doch ...

Lev lernte Kato auf eigentümliche Weise kennen, auf eine Art, die er sich nicht gewünscht hat, denn eigentlich wollte er mit dem eigenbrötlerischen Mädchen, aus seiner Klasse nichts zu tun haben. Doch dann lernen sie sich kennen und schätzen. Viel später, nach dem Fall der Grenzen, fahren sie gemeinsam von Zurich, nach Paris, Nantes, Montpellier, Richtung Osten, an der Küste entlang.

Dann erscheint Tom, der göttlich aussehende Hamburger, mit langem blondem Haar und goldbraunen Augen, der auf anziehende Weise keine Manieren hat und sich nicht um Konventionen schert, der Sprachbarrieren einfach weglächelt. Katos Interesse für den unabhängigen Tom wächst, ihr fiebriger Blick verrät es. Er ist ihr Freifahrtschein in die Welt, um ihrem Unglücklichsein zu entkommen.

Sie schreibt Lev regelmäßig Postkarten und auf einer davon, stehen nach fünf Jahren die Worte: Wann kommst du? Nicht mehr, nur diese drei Worte.

Fazit: Zuerst tat ich mich schwer, hatte Schwierigkeiten der Erzählung zu folgen, wenn mitten in einer interaktiven Szene, Levs eigene Gedanken auftauchten, konnte ich das nicht gleich ihm zuordnen. Im weiteren Verlauf klarte meine anfängliche Verwirrung auf. Die Autorin begann die Geschichte in der Gegenwart und widmete jedes Kapitel Levs Vergangenheit, schrieb immer weiter zurück und verdichtete ihr Konstrukt zu einem stimmigen Gesamtbild. Lichtungen, so der Titel, sind die Flächen in einem Wald, die heller, weil frei von Bäumen sind. So habe ich die Geschichte empfunden. Jedes Kapitel bringt mehr Licht ins Dunkel, Levs Geschichte, seine Freunde, Familie, sein Land und seine Werte, ans Tageslicht. Ich verstehe, was er erlebt hat und wer er dadurch ist. Verstehe, wer Kato ist. Die Sprache ist poetisch, zart und besonders, jedes Wort sitzt und gehört an die Stelle, für die es steht. Kein unnötiger Balast stört die Wahrnehmung. Lichtungen ist kein bequemes Buch, das man mit einem Haps wegliest, es mag erarbeitet werden. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer außergewöhnichen Geschichte belohnt, die einen tiefen Eindruck hinterlässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.11.2023

Keine leichte Wohlfühlgeschichte

Terafik
0

Nilufars Vater Khosrow kommt aus Iran, ihre Mutter aus Deutschland. Sie leben in Gießen in einer Plattenbauwohnung. In Khosrows iranischer Familie sind nahezu alle Ingenieure geworden, deshalb ist Khosrow ...

Nilufars Vater Khosrow kommt aus Iran, ihre Mutter aus Deutschland. Sie leben in Gießen in einer Plattenbauwohnung. In Khosrows iranischer Familie sind nahezu alle Ingenieure geworden, deshalb ist Khosrow sehr ambitioniert zu studieren. Sein letzter Versuch zur Nachprüfung steht an, aber an dem Tag kommt Professor Fenner einfach nicht.

Manchmal, wenn er nicht zum Fußballspielen mit den anderen Iranern ging, fuhr er extra mit dem Bus eine Dreiviertelstunde zum Bahnhof, um sich eine persische Zeitung zu kaufen. Dann atmete er für einen Moment die Luft aus der Siedlung aus, seine Augen waren zwei rot geschwollene offene Wunden. S. 43

Sie ziehen nach Rabenau, weil Khosrow glaubt, dort die besseren Geschäfte machen zu können. Er findet einen Platz in der Kommunalpolitik und vertreibt Oettinger alkoholfrei nach Iran, aber wegen des Embargos laufen die Geschäfte schlecht.

Nilufar fühlt sich in Deutschland falsch, in Iran fremd. Als alle Stricke reißen, verlässt ihre Mutter Khosrow und geht mit Nilufar zurück nach Gießen, dort ist für Nilufar alles aussichtslos.

Wir kannten die ganze Welt, und sie war grau, feuchtkalt und neblig, ein feiner Nieselregen in unseren Köpfen. Wir lehnten wie Statisten an einer Waschbetonwand, bliesen perfekte Rauchkringel in die Nacht und warteten ab. Unsere Väter waren weg, tot oder unbrauchbar. Wir waren Gespenster. S. 115

Als sie ihren Vater viele Jahre später endlich in Iran besucht, versucht sie sich ihr Land zu erschließen. Nilufar trägt Kopftuch, hat aber ansonsten Schwierigkeiten mit dem Kleidercodex. Ihre Cousine Narges berät sie. Enge Hose, langes weites Oberteil, keine Sandalen auf dem Basar, im Norden Teherans schon. Frauen leben für die Familie, sie kochen Essen und Tee, erziehen die Kinder, führen den Haushalt. Ob, wann und wohin sie vor die Tür gehen, bestimmt ihr Vater, oder Mann. Nilufar befindet sich in einer Matrix aus gesellschaftlichen Konventionen und Benimmregeln Die Familie spricht nicht mehr mit Hassan, Khosrows Bruder, weil der konservativ ist. Während Familienfesten redet Nilufar nur, wenn sie gefragt wird, und dann in angemessener Wortzahl. Die Frauen schneiden ihr Aprikosenstückchen und legen sie vor sie. Begrüßungen sind voller Floskeln.

Friede sei mit dir, du bist mein Bruder, mögest du nicht müde sein, entschuldige, meine Tochter ist zu Besuch, ich möchte ihr zu Ehren gerne ein Lamm schlachten. S. 196

Fazit: Die Autorin hat sich für eine Ich-Erzählung im Präsens entschieden, die Protagonistin ist sie Selbst. Sie fand die richtigen Worte, um mir die beklemmende Beziehung zu ihrem distanzierten Vater zu vermitteln, der sich lieber hinter einer Zeitung versteckt, als sich den schwierigen Fragen zu stellen. Ich spüre die Zerrissenheit aller Beteiligten, die Mentalität, die so anders ist als die kühle Deutsche, die voll von Paragrafen und Regeln ist. Nilufars Vater ist nie hier angekommen, obwohl er sich wirklich bemüht hat. Nilufar selbst ist völlig entwurzelt. Der Klang der Geschichte ist melancholisch. Es ist kein leichter Wohlfühlroman, ich musste mich sehr konzentrieren, um immer wieder rein zu kommen. Ich hatte meine Probleme mitzufühlen und dadurch die Geschichte mitzuerleben und weiß nicht woran es lag.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.11.2023

Eine Wohlfühlgeschichte

Wilde Minze
0

Sara ist 14 Jahre. Ihre Mutter starb an Heroin, das der Vater ihr besorgt hat. Seitdem kümmert Sara sich um ihren jüngeren Bruder. Sie verliebt sich in die Klassenkameradin Annie, die ihre Annäherungen ...

Sara ist 14 Jahre. Ihre Mutter starb an Heroin, das der Vater ihr besorgt hat. Seitdem kümmert Sara sich um ihren jüngeren Bruder. Sie verliebt sich in die Klassenkameradin Annie, die ihre Annäherungen erwiedert. Als Annie nach ihrem letzten heimlichen Treffen leblos aus dem Fluss gezogen wird, ändert sich für Sara alles. Sie lernt den mittellosen Grant kennen, der nach Los Angeles will.

In L.A. lebt Emilie, die sich für keinen ihrer Studiengänge entscheiden kann. Sie fängt an in einem Blumenladen zu jobben und entwickelt ein sicheres Auge für die schönsten Blumenarrangements. Einige feste Kunden in der Gastronomie sichern ihren Lebensunterhalt. Während sie das angesagte Lokal Yerba Buena dekoriert, kommt ihr der Inhaber näher.

Es ist schwierig die Handlung zu beschreiben ohne zu spoilern, deshalb ende ich hier.

Fazit: Zuerst erschienen mir in der Geschichte zu viele Namen. Zwei junge Frauen mit eigenen Familien und Freundschaften erschwerten mir das Folgen. Der Anfang von Saras Geschichte ist erschütternd drastisch und mir ist klar warum sie mit fünfzehn Jahren weg will. Emilies Geschichte unterscheidet sich von Saras dadurch, dass ihre Schwester drogensüchtig ist und mehrere Klinikaufenthalte, aber auch einen Suizid hinter sich hat. Beide haben traumatische Erfahrungen gemacht, die sich bei jeder anders zeigen. Während Sara nach außen sehr taff wirkt, ist sie im Inneren gebrochen und verletzlich. Emilie ist die gute Zuhörerin, die immer alles zu verstehen versucht. Das Buch hat von vielem etwas, ein bisschen Queerness, etwas Erotik, Vernachlässigung, Erwachsen werden, Selbstbestimmtheit, Verantwortung und Mut. Die Autorin hat alle diese Themen unter einen Hut gebracht, ohne belanglos oder trivial zu wirken. Es ist eine technisch gut gemachte Wohlfühlgeschichte, so angenehm und entspannend, wie ein warmes Bad an einem verregneten Herbstnachmittag.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2026

Nicht das, was ich erwartet habe

Die Scheinheiligen
0

Sophias Vater ist ein bekannter Schriftsteller. Die Eltern hatten sich früh getrennt. Am meisten erinnert sie sich an seine gedankliche Abwesenheit. Die Mutter weiß noch, wie Sophia ihn damals bei der ...

Sophias Vater ist ein bekannter Schriftsteller. Die Eltern hatten sich früh getrennt. Am meisten erinnert sie sich an seine gedankliche Abwesenheit. Die Mutter weiß noch, wie Sophia ihn damals bei der Hand nahm, im Sommer 2010 im Sizilienurlaub. Wir gehen jetzt, sagte sie zu ihm. Und die Vehemenz, die sie ausstrahlte, mit ihrem pfirsischfleisch verschmierten Mund und ihren klebrigen Händen, ließ ihn sofort vom Sofa aufstehen und ihr folgen. Am Strand setzte sie sich ins Wasser, ihr Vater stellte sie wieder auf die Füße. Sophia hob die Schultern, tippelte weiter und setzte sich wieder. Sophias Mutter beobachtete ihre Tochter. Sie kannte ihre Launen und überlegte, ob sie ihr den Hut würde aufsetzen können oder ob ihre Geduld schon nachließ, aber Sophia lächelte. Sie hatte Spaß am Zerstören der Sandburg ihres Vaters, der sie nicht mitspielen ließ.

Am Abend dann waren sie in einem Restaurant, in das ein Freund Sophias Vaters eingeladen hatte. Sie musste Sophia in die Obhut eines jungen Mädchens geben. Als sie ankamen, saßen weitere vier Paare am Tisch. Sie kannte niemanden und sprach kein Italienisch. Man platzierte sie weit weg von ihrem Mann, am anderen Ende des Tisches.

Viel Jahre später hat Sophia ihre erste Theateraufführung. Sie ist nervös, weil sie ihren Vater eingeladen hat. Was er nicht weiß, das Stück handelt von ihm und einem ihrer gemeinsamen Urlaube im Haus seines Freundes. Die Aufführung stellt ihren Vater nicht so dar, wie er sich gerne sieht und Sophia weiß nicht, wie er reagieren wird.

Fazit: Jo Hamya, Autorin und Journalistin, hat eine Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Nachdem sie sich von ihm während Kindheit und Jugend vielfach vernachlässigt fühlte, hat sie ihn in ihrer ersten Theatervorführung auf die Bühne geholt. Das Stück erzählt seine ausschweifenden Liebesabenteuer und seinen Hang, Sophia als Schreibkraft zu missbrauchen, um ihr seine Texte näherzubringen. Greift also sein Alter ego auf und karikiert ihn. Sophia, natürlich von ihrer Mutter gebrieft, die die Trennung nie so recht verwunden hat, hat es damit, ihren Vater an die Öffentlichkeit zu zerren, weit getrieben. Ich mache es kurz. Ich konnte der Geschichte nicht viel abgewinnen. Zu Anfang kam ich schlecht rein, dann fand ich die Rückblicke interessant und dann habe ich nicht verstanden, worum es Sophia eigentlich geht. Ich habe einen mittelalten Mann kennengelernt, der seine Profilneurose lebt, sich selbst zu wichtig nimmt und Bindungsängste kompensiert, so wie viele andere auch. Ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass diese Rache? gerechtfertigt ist. Vielleicht ging es der Autorin darum zu zeigen, wie Sophia sich von ihrer Mutter manipulieren lässt, das ist aber nur mein Interpretationsversuch. Im Grunde meines Herzens fand ich die Umsetzung der Thematik „schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis trivial. Das war nicht meins.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.02.2026

Schwer zugänglich

Iris
0

Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit ...

Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit vor. Anton erstellt kunstvolle Fotografien, immer mit defekten Kameras. Auf den Fotos findet sich ein Riss, der sich durch das Motiv zieht, andere sind überbelichtet. Er bereitet sich auf eine große Ausstellung vor. Iris und Anton sind ein unkonventionelles Paar. Ihre körperlichen Spielarten geben der offenen Beziehung die nötige Würze. Iris findet Spaß an der Unterwerfung, Anton am Führen. Trotz der, manchmal langen, Entfernung verbindet sie das gegenseitige Interesse. Iris interessiert sich für Hexenprozesse, sie stellt regelrechte Forschungen an. Die Art der Vorgehensweisen der Gewalt interessiert sie ebenso wie die Logik der Inquisition: „Geht die in den Fluss geworfene, an Armen und Beinen gefesselte Frau unter, ist sie unschuldig, schwimmt sie oben, ist sie besessen“.

Fazit: Ich mache es kurz!

Die vielfach ausgezeichnete Autorin mehrerer Bücher hat mich überfordert. Obwohl ich mich bis zum Ende durch die Erzählung gezwungen habe, blieb mir der Sinn verborgen. Ich glaube, es geht um Intimität, die echte Nähe, die mich den anderen erkennen lässt, der sich mir vertrauensvoll und selbstsicher zeigen mag. Die echte Nähe, die ich selbst zulasse, weil ich mich dem anderen vertrauensvoll hingeben kann. Bei Iris und Anton gibt es an einer Stelle einen Riss, der eine Distanz hereinlässt und dann ist nichts mehr, wie es scheint. Ein Unwohlsein stellt sich ein. Der Blick schärft sich und deckt unschöne Flecken auf. Der andere bemerkt das und fühlt sich nicht mehr so frei, in seinem sich zeigen und geht ebenfalls auf Distanz. So weit, so gut, wenn es so wäre, wie ich es interpretiere, könnte das eine feine Erzählung sein. Allerdings wurde meine Lesefreude getrübt, weil ich mir den Text hart erarbeiten musste. Die Autorin schreibt ohne Punkt und Absatz. Zeichen für wörtliche Rede gibt es nicht. In einem Rutsch sitzt Iris neben Anton am Tisch und erzählt, dann sitzt sie im Zug nach Posemuckel und spricht mit einer Freundin oder auch nicht? Denn sie hat ja gar kein Mobiltelefon. Vielleicht ist hier ein expressionistisches literarisches Kunstwerk entstanden, das ich nicht erkennen kann, weil mir die Erfahrung und damit der Zugang fehlt. Und so bin ich fast traurig, dass ich das Buch nun nach meiner Prämisse bewerten muss, denn schreiben kann Laura Freudenthaler definitiv.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere