Platzhalter für Profilbild

Lust_auf_literatur

Lesejury Star
offline

Lust_auf_literatur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lust_auf_literatur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.05.2026

Must-Read für Liebhaber*innen von japanischer Literatur

Tokyo Girls Club
0

Der Erste ins Deutsche übersetzte Roman „Butter“ von Asako Yuzuki hat sich sehr erfolgreich verkauft und kam sowohl im Feuilleton als auch bei seinen Leserinnen sehr gut an. Auch bei mir hatte der gesellschaftskritische ...

Der Erste ins Deutsche übersetzte Roman „Butter“ von Asako Yuzuki hat sich sehr erfolgreich verkauft und kam sowohl im Feuilleton als auch bei seinen Leserinnen sehr gut an. Auch bei mir hatte der gesellschaftskritische und sinnliche kulinarische und krimiähnliche Roman nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Keine Frage, dass ich mehr von der japanischen Schriftstellerin lesen wollte. Jetzt ist endlich ein weiterer Roman auf deutsch erschienen, übersetzt von Ursula Gräfe, die bereits „Butter“ ins Deutsche übertragen hatte. „Tokyo Girls Club“ erschien in Japan allerdings bereits 2015, so kann ich also nicht vom „neuen“ Roman von Yuzuki sprechen.

Das macht aber gar nichts, denn „Tokyo Girls Club“ war ein Roman genau nach meinem Geschmack und ich habe es sehr geliebt! Anders als der Titel vermuten lässt, ist „Tokyo Girls Club“ ein Roman mit sehr großer psychologischer Tiefe, der sich sehr viel Zeit für die Psychogramme und die Entwicklung seiner Figuren nimmt.
Yuzuki stellt in ihrem Roman zwei sehr unterschiedliche Frauen einander gegenüber: da ist auf der einen Seite die beruflich sehr erfolgreiche und makellos wirkende Eriko, die ein sehr kontrolliertes, aber einsames Leben führt. Sie stammt aus einem gesellschaftlich und finanziell gut aufgestellten Haus und wohnt noch immer bei ihren Eltern, die sie liebevoll umsorgen. Als einziges frivoles Laster verfolgt sie gerne einen Hausfrauenblog (die scheinbar zu dieser Zeit in Japan sehr beliebt und erfolgreich waren) und weiß über jede Gewohnheit der Erstellerin Bescheid.

Es ist der Blog von Shoko, einer „faulen“ Hausfrau, die den Blog zum Zeitvertreib führt. Sie kokettiert dort mit ihrer Unfähigkeit zu kochen und mit ihrer Nachlässigkeit in der Haushaltsführung. Sie kommt aus einem schwierigen Elternhaus und wird finanziell von ihrem Mann unterhalten, mit dem sie ein unaufgeregte, aber auch liebevolle Ehe führt.
Auch sie hat keine Freundinnen und sehnt sich insgeheim nach mehr sozialen Kontakten.

Als sich die beiden Frauen im echten Leben zufällig kennenlernen, entsteht trotz ihrer Unterschiede eine scheinbar magische Verbindung und sie fühlen sich gegenseitig gesehen.
Vor allem bei Eriko löst dieser eine gemeinsam verbrachte Abend den tiefen Wunsch nach einer besten Freundin aus und glaubt, diese endlich in Shoko gefunden zu haben.
Denn eine beste Freundin wäre das letzte Puzzlestück, das ihr noch zu einem perfekten und erfüllten Leben fehlen würde.

Doch beide Frauen haben es aus verschiedenen Gründen nie richtig gelernt, sich empathisch in andere hineinzuversetzen und sozial angemessen zu agieren.
Diese toxische Kombination setzt eine ungute Kaskade von Entwicklungen in Gang…

Ich war so fasziniert von Erikos und Shokos Geschichte, dass der Roman für mich wirklich unglaublich spannend war. Yuzuki hat so eine glasklare und unumwundene Art zu erzählen, die mir schon in „Butter“ aufgefallen ist und mir sehr japanisch vorkommt. Überhaupt faszinierte mich dieser intime Blick in die japanischen Klassen- und Gesellschaftsstrukturen, der „Tokyo Girls Club“ mir ermöglichte. Die soziale und gesellschaftliche Bedeutung von Freundinnenschaft, die Yuzuki in ihrem Roman thematisiert, empfinde ich schon als anders als das, was vielleicht in meinem deutschen Umfeld üblich ist.
Auf der anderen Seite ist der Kern von Freundschaft, den auch Yuzuki in ihrem Roman hervorhebt, international und universell: sich voreinander so zeigen zu können, wie man wirklich ist und füreinander dazu sein
Eriko und Shoko verlieren im Laufe des Romans, das, was ihnen am wichtigsten ist und erleben auf völlig unterschiedliche Art eine große persönliche Reise.
Ich finde es auch gut, dass Yuzuki die Geschichte auch am Schluss sehr realistisch hält und nicht das vielleicht gewünschte Ende heraufbeschwört.

Gerade als Hörbuch, wunderbar gelesen von der Sprecherin Madiha Kelling Bergner, war „Tokyo Girls Club“ ein Highlight für mich.
Für Leser
innen, die sich gerne auf detaillierte Psychostudien und Entwicklungsromane einlassen auf jeden Fall eine Empfehlung. Für Liebhaber*innen von japanischer Literatur meiner Meinung nach ein Must-Read.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.04.2026

Düsteres und melancholisches literarisches Labyrinth

Die Flucht der Bärin
0

Wie hat Joanna Bator das gemacht? Ich kann dir nicht sagen, welche Geschichte in „Die Flucht der Bärin“ erzählt wird oder dir gar eine Inhaltsbeschreibung liefert. Ich war beim Lesen ziemlich verwirrt ...

Wie hat Joanna Bator das gemacht? Ich kann dir nicht sagen, welche Geschichte in „Die Flucht der Bärin“ erzählt wird oder dir gar eine Inhaltsbeschreibung liefert. Ich war beim Lesen ziemlich verwirrt und konnte gleichermaßen nicht aufhören, weiter in das Dickicht von Bators Prosa vorzudringen.

Denn „Die Flucht der Bärin“ zu lesen fühlte sich für mich an, wie durch ein rätselhaftes Labyrinth zu laufen, die Orienterierung schon lange verloren zu haben und doch wissen zu wollen, was hinter der nächsten Ecke auf mich wartet. Vielleicht der Ausgang oder doch eher das Zentrum des Labyrinths?

In ihrem neuen Buch verknüpft die polnische Schriftstellerin, Publizistin und promovierte Kulturwissenschaftlerin Joanna Bator 16 Erzählungen zu eben jenem rätselhaften Labyrinth. Ich bin überaus fasziniert, als ich beim Lesen die ersten Querverbindungen und Beziehungen entdecke.
Die Geschichten selbst sind meist düster und melancholisch, viele verzaubern mit magischem Realismus.

Da ist der Besuch einer sprechenden Schildkröte, die Trauer absorbiert , destilliert und damit ihren Panzer härtet.
Eine Frau, die verwaiste Fledermäuse aufzieht und sich allmählich selbst in eine Fledermaus zu verwandeln scheint.
Eine Frau ist fieberhaft und obsessiv auf der Suche nach einer neuen Immobilie für sich und ihren behinderten Sohn. Oder flieht sie nur vor der Realität?
Und immer wieder taucht das rätselhafte Hotel Sudety auf, mal verlassen, mal bewohnt.

Bators Figuren sind einsam und leben oft am Rande der Gesellschaft, sind Ausgestoßene oder traumhaft Verrückte?
Viele Geschichten drehen sich um Verlust, Trauer und Schuld, es sind dunkle, schwere Geschichten.
Und die Geschichten sind miteinander verknüpft auch wenn sie auf verschiedenen Zeitebenen spielen. Ich kann vermutlich bei weitem nicht alle Verbindungen erkennen und zuordnen, zu komplex ist der Aufbau dieses raffinierten Labyrinths.
Die von Bator darin geschaffene Atmosphäre ist grandios düster und melancholisch, so dass ich mich gerne darin verlaufen habe.

Ich empfehle auch dir einen Besuch darin!

„Ich verspürte Schmerz und Ekstase, Begehren und die völlige Freiheit von Begehren, tiefste Trauer und kindliche Fröhlichkeit, Entzücken und Verzweiflung über die Vergänglichkeit.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.04.2026

Eindringlicher und fesselnder Roman

Sicheres Haus
0

Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig ...

Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig gemacht.
Denn Lada erlebt in ihrer Ehe viele Jahre partnerschaftliche Gewalt und sie ist nicht in der Lage, sich zu trennen. Das ist die Geschichte vieler Frauen und sie finden in zu vielen Fällen ein gewaltsames Ende. Die Zahl an Femiziden ist in Kroatien, dem Heimatland der Autorin Vujčić, so hoch, dass das Land den Femizid als eigenständigen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen hat. Anders als bis jetzt in Deutschland.
Doch in „Sicheres Haus“ verhindert Lada ihren Femizid, indem sie ihren Mann in Notwehr tötet. Dafür sitzt sie jetzt mehrere Jahre im Gefängnis und kann ihre kleine Tochter nicht aufwachsen sehen.
Ihre Mutter und ihre Schwester haben sich angesichts dieser ungeheuerlichen Tat von ihr abgewendet.

„Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.“

Vujčić arbeitet diese Ungeheuerlichkeit deutlich heraus. Lada wird von der Gesellschaft, ihrer Familie und letztendlich auch vom Gericht dafür verurteilt, dass ihre Geschichte nicht wie üblich geendet hat und ihr Mann, ein angesehener Universitätsprofessor, jetzt tot ist.

Auch Lada selbst empfindet ungeheurer Schuldgefühle und geht in Gedanken in ihrer Ehe zurück, an den Beginn der Gewalt.

Was als Liebesgeschichte begann, wird schnell zu einer Beziehung, in der nur noch einer Kontrolle und Macht ausüben kann. Am Anfang ist es nur die Kleidung, die Lada nicht mehr selbstständig auswählen darf, später gibt sie ihren Beruf auf, der ihrem Mann Grund für Eifersucht gibt. Wenn Lada sich nicht den Wünschen ihres Partners fügt, verleiht er seinen Worten auch mit körperlicher Gewalt Nachdruck. Mehrmals versucht Lada, ihn zu verlassen, aber niemand glaubt ihr, dass hinter dem freundlichen Gesicht des Professors auch ganz andere Seiten stecken.
Mit dreisten Lügen und schließlich einer Schwangerschaft hält er Lada fest in seinem Griff und die Spirale aus Kontrolle, Demütigungen und Gewalt spitzt sich immer mehr zu.

Ich finde die Schilderungen dieser Ehe sehr nachvollziehbar und bedrückend und auch Lada erkennt im Rückblick viele der Manipulationen und des Missbrauchs. Sie schwankt zwischen Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen und findet Trost und Gemeinschaft bei den anderen inhaftierten Frauen.
Sie fragt sich oft, ob es einen anderen Ausweg gegeben hätte.

“Denn wenn du das Szenario, dass du ein totes Opfer hättest sein können, gegen das abwägst, dass du eine Mörderin geworden bist, gibt es kein gutes und kein gerechtes Ergebnis.”

Vujčić hat für ihren neuen Roman Täter- und Opferbilder in der medialen Darstellung untersucht und unter anderem mit Frauen im Strafvollzug gesprochen.
Das Ergebnis ist ein äußerst eindringlicher und auch fesselnder Roman, den Vujčić nicht nur als literarischen Fall betrachtet wissen will, sondern als Realität, die uns alle betrifft.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.03.2026

Ein spannendes und vielversprechendes Debüt!

Spielverderberin
0

Erst dachte ich, „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein typischer Roman über drei junge Frauen, deren Freundschaft mit dem Erwachsenwerden kompliziert wird.
Und in deren Vergangenheit, wie der Klappentext ...

Erst dachte ich, „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein typischer Roman über drei junge Frauen, deren Freundschaft mit dem Erwachsenwerden kompliziert wird.
Und in deren Vergangenheit, wie der Klappentext raunend anteasert, ein dunkles Geheimnis schlummert…
Aber Marie Menke überrascht und bezaubert mich mit ihrem Debüt: der Roman hat all das und verhandelt noch so viel mehr.

Die drei Freundinnen Lotte, Romy und die Ich-Erzählerin Sophie wachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen auf dem Land auf. Doch auch dort sind einige gutbürgerlicher als andere. Sophie ist schon als Jugendliche klar, dass Romy mit ihren reichen Eltern, die aus der Großstadt aufs Land gezogen sind, über ganz andere Zukunftsperspektiven verfügen kann, als sie selbst.
Menke erzählt den Roman auf verschiedenen Zeitebenen, die sie gekonnt überlappen und ineinander greifen lässt. Eine Konstruktion, die mir sehr gut gefällt und die eine ungeheure Spannung erzeugt.

Auf der Jetzt-Erzählebene studiert Sophie mittlerweile Lehramt in Köln und hat einen Freund aus Berlin. Romy ist verschwunden und kann nur noch auf Instagram bei ihren Abenteuern und Reisen beobachtet werden.
Es gibt viele subtile und weniger subtile Andeutungen auf einen Bruch in der Beziehung der drei jungen Frauen. Und warum hat Lotte, mit der die Erzählerin mittlerweile in einer WG wohnt, Schrauben im Kopf? Ein vergangener Unfall oder ein Ereignis, das die Erzählerin merklich belastet, liegt immer zwischen den Zeilen, wird aber erst ganz am Schluss enthüllt.

Auf der Vergangenheitserzählebenen erfahre ich mehr über die Dynamiken in der Freundschaft zwischen Sophie, Lotte und Romy. Während sie zu dritt selten Zeit verbringen, sind die Zweierkonstellationen immer von der jeweils abwesenden Dritten überschattet und geprägt. Lotte ist psychisch labil und muss vor den Abiturprüfungen stationär in eine Klinik.
Die Erzählerin selbst fühlt sich zu Romy hingezogen und schwankt ständig zwischen Bewunderung und Neid, auf das was Romy verkörpert und für sie selbst unerreichbar zu sein scheint. Für Romy scheint, anders als für die Erzählerin, nach dem Abitur die ganze Welt offen zu stehen. Sophie überlegt, ob sie statt eines Studiums nicht doch lieber eine Ausbildung im Ort machen soll und wie ihre Cousine auf ein Einfamilienhäuschen hinarbeiten will. Sicherheit statt Abenteuer?

Und zwischen dem erzählten Früher und dem Jetzt steht jene verhängnisvolle Nacht, die alles verändert hat…

Ja, das finde ich ziemlich spannend und gefällt mir sehr, sehr gut. Noch besser gefallen mir aber die gesellschaftlichen Themen, die Menke in ihren Roman verarbeitet, weil es auch Themen sind, die meinen Lebensweg immer begleitet haben. Immer wieder stößt Menkes Erzählerin Sophie auf die Frage, wie sehr ihr Aufwachsen auf dem Land sie geprägt hat und wie sich ihre Erlebnisse von denen eines Stadtmenschen unterscheiden. Besonders deutlich werden diese Unterschiede in Sophies Interaktion mit ihrem Berliner Freund Milan, der die jeweiligen Vorurteile offenlegt. Auch das Thema Klasse spielt unterschwellig immer eine Rolle. Herkunft und Familie prägen Menkes Figuren, obwohl die äußerlich wahrnehmbaren Unterschiede gering sind. Es sind nicht nur die finanziellen Mittel, die für die Vielfalt der Zukunftsperspektiven entscheidend sind, sondern auch die Vorstellungskraft, die einen anderen Lebensweg als den der Eltern und des Umfeldes überhaupt erst in Betracht ziehen lässt.

Ebenfalls besonders gut gelungen finde ich die Innenwelt der Ich-Erzählerin, die zwischen Schuldgefühlen, eigenen Träumen und Zukunftsängsten ihre eigene Identität noch nicht gefunden hat. Was sieht sie in ihren gegensätzlichen Freundinnen Lotte und Romy?

Ich fand „Spielverderberin“ unheimlich spannend und mit genügend Tiefgang erzählt. Und der tolle Aufbau und die Konstruktion machen den ersten Roman von Marie Menke zu einem besonders vielversprechenden Debüt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.03.2026

Große Leseempfehlung

Nelka
0

“Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten. […] Eine ...

“Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten. […] Eine eigene Rolle nehmen in diesem Kontext Frauen und ihre Körper ein.”

So schreibt Svenja Leiber im Nachwort zu „Nelka“, in dem sie kurz auf ihre persönlichen Bezüge und die historischen Hintergründe ihres neuesten Romans eingeht.

Nelka ist die Geschichte einer gleichnamigen jungen Zwangsarbeiterin, die von Soldaten aus ihrer Heimat Lemberg auf einen norddeutschen Gutshof gebracht wird, wo sie mit anderen Verschleppten schwere körperliche Arbeit verrichten muss. Der Verwalter des Gutshofes entwickelt bald eine Obsession für das junge Mädchen, die mit seinem starken Bedürfnis sich a die Regeln zu halten, die jeglichen Kontakt mit den Zwangsarbeiterinnen verbietet, im Widerstreit liegt. Er sucht auf andere Weise Kontakt zu Nelka Kontakt: Da ihr Vater ihr als leidenschaftlicher Pomologe (Obstbaumkundler) alles über den Apfelananbau beigebracht hat, nutzt der Verwalter ihre Kenntnisse für den Aufbau seiner eigenen Obstplantage.

Auf einer zweiten Zeitebene, Jahrzehnte nach den Kriegsjahren, ist der Verwalter, der nach dem Krieg zum Gutsbesitzer und erfolgreichen Obstbauern wurde, alt und erwartet einen besonderen Besuch. Nelka, mittlerweile ebenfalls gealtert und eine geliebte Großmutter, möchte den Gutshof, wo sie die harten Kriegsjahre verbracht hatte, nach all den Jahren noch einmal sehen.
Möchte sie den ehemaligen Verwalter konfrontieren? Was ist damals geschehen?

“Sie hatte nie darüber gesprochen. Über das Wichtigste hatte sie nie gesprochen.
Über das, was war und was nicht hätte sein sollen, nie ein Wort.”


Leiber erzählt die Begegnung der beiden älteren Figuren spannend und minutiös wie ein Kammerspiel. Dazwischen springt sie immer wieder in Ausschnitten in die Zeit des Krieges zurück um langsam das Puzzle der Ereignisse zusammenzusetzen. Gut, ich bin nicht wirklich überrascht, von dem was nach und nach enthüllt wird, schließlich sind die Optionen begrenzt. Und doch verzaubert die Geschichte mit Leibers großer Erzählkunst und psychologischer Genauigkeit. Der Roman zieht mich völllig in seinen Bann.
Vor allem die Figur des späteren Gutsbesitzer und sein Lebenslauf fasziniert mich. Auf den wenigen Seiten entfaltet Leiber ein komplettes Nachkriegsleben und lässt tief in die Seele eines typischen, deutschen Erfolgmenschen blicken. Und in seinen Umgang mit Schuld.

“Die Dinge sind kompliziert. Irgendwer muss auch die Drecksarbeit machen. Und im Krieg ist es mit der Schuld etwas anderes, denkt er, auch wenn er weiß, dass das nicht stimmt.”

Auch heute fehlt es in Deutschland an dem Bewusstsein, dass große Teile des Reichtums von Industriellenfamilien und Unternehmen auf einst geleisteter Zwangsarbeit beruht. Nicht nur das Erstarken der rechten Kräfte, sondern auch die in großen Teilen der Gesellschaft verbreitete Forderung nach einem „Es muss ja auch mal gut sein“ verhindern eine Aufarbeitung.

Umso wichtiger finde ich in diesem Kontext den Roman von Svenja Leiber, der mich gerade mit seinem Schluss sehr berührt hat. Große Leseempfehlung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere