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Veröffentlicht am 26.05.2026

Der geheime Garten

Brombeerblaue Tage
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„Sonnenlicht strömte durch die flächigen Fenster, beleuchtete tanzenden Staub und einen kleinen Ofen mit Krallenfüßen, der aussah, als könnte er jederzeit davongaloppieren.“ (S. 31) Das alte Gutshaus auf ...

„Sonnenlicht strömte durch die flächigen Fenster, beleuchtete tanzenden Staub und einen kleinen Ofen mit Krallenfüßen, der aussah, als könnte er jederzeit davongaloppieren.“ (S. 31) Das alte Gutshaus auf Rügen, das Elisa hüten soll, während ihr Vater im Krankenhaus liegt, wirkt zunächst idyllisch – hätte er ihr nur nicht verschwiegen, dass es weder fließendes Wasser noch Internet gibt. Wahrscheinlich hätte sie abgesagt, wenn da nicht auch noch ein alter Hund gewesen wäre, der ihr sofort ans Herz wächst. Als sich Henks Krankenhausaufenthalt unerwartet verlängert, beginnt Elisa, die als Landschaftsarchitektin arbeitet, sich um den völlig verwilderten Garten des Hauses zu kümmern.

„Chaos mochte mit etwas Glück überraschend schön anzusehen sein, handhabbar aber es für Elisa nur, wenn sie es in kontrollierte Ordnung überführen konnte.“ (S. 11) Elisa ist ein Mensch, der plant, organisiert und kontrolliert. Sie hat eine App zur effizienten Bepflanzung entwickelt, arbeitet erfolgreich in ihrem Beruf und opfert dafür oft ihre Nächte. Im Wettbewerb um den nächsten Auftrag nimmt sie immer neue Kompromisse in Kauf. Erst auf Rügen, fern vom hektischen Alltag, erkennt sie, wie sehr sie sich von ihren ursprünglichen Idealen entfernt hat. Besonders der Druck eines potenziellen Auftraggebers, der bereits vor Vertragsabschluss ständig neue Entwürfe verlangt, setzt ihr zu.
Der verwilderte Garten ihres Vaters wird dabei mehr und mehr zu einem Ort der Inspiration. Zwischen überwucherten Wegen, alten Obstbäumen und längst vergessenen Pflanzen entdeckt Elisa nicht nur ihre eigene Leidenschaft wieder, sondern auch die bewegende Geschichte des Gartens: wer ihn einst angelegt hat und welche Bedeutung er ursprünglich hatte.
Auch das Verhältnis zu ihrem Vater ist kompliziert. Seit ihrer Kindheit hatten die beiden kaum Kontakt, nachdem Henk sie und ihre Mutter verlassen hatte. Für Elisa stand immer fest, dass er an allem schuld war – doch mit der Zeit beginnt sie, ihre Erinnerungen zu hinterfragen. Als aus einem harmlosen Check-up eine riskante Operation wird und Henk danach verwirrt Dinge sagt, die sie nicht einordnen kann, muss sie sich ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen.

„Brombeerblaue Tage“ ist eine wunderbare Überraschung: ein leiser, tiefgründiger und warmherziger Roman voller Sehnsucht und Atmosphäre. Elisa findet auf Rügen nicht nur Ruhe, sondern auch zurück zu sich selbst. Besonders die detailreiche Beschreibung des alten Gutshauses mit seinen abblätternden Tapeten und des von Brombeerranken überwucherten Gartens schafft Bilder, die lange nachwirken. Beim Lesen spürt man förmlich den Wind an der Ostsee und den Duft feuchter Erde. Ein perfektes Buch für einen ruhigen Nachmittag – und für alle, die sich ans Meer oder in einen verwunschenen Garten träumen möchten.

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Veröffentlicht am 21.05.2026

Ein Versprechen für ein Versprechen

Der Sturm zwischen uns
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Als Frankie am Morgen ihrer Hochzeit die Nachricht „Ich liebe dich, aber ich kann dich nicht heiraten.“ (S. 47) von ihrem Verlobten Nate auf dem Kopfkissen findet, bricht für sie eine Welt zusammen. Am ...

Als Frankie am Morgen ihrer Hochzeit die Nachricht „Ich liebe dich, aber ich kann dich nicht heiraten.“ (S. 47) von ihrem Verlobten Nate auf dem Kopfkissen findet, bricht für sie eine Welt zusammen. Am Vorabend schien noch alles in Ordnung gewesen zu sein, doch plötzlich ist Nate verschwunden und lässt sie mit den 120 Gästen alleine zurück. Er reagiert weder auf Anrufe noch Nachrichten. Da Frankie für ihn ihre Wohnung aufgegeben hatte, zieht sie schließlich zurück zu ihren Eltern in ihr altes Kinderzimmer. Wochenlang versucht sie verzweifelt zu verstehen, schiefgelaufen ist. Familie und Freunde bemühen sich erfolglos, sie aus ihrem Tief zu holen.
Schließlich lässt Nate ihr über eine Freundin ausrichten, dass sie die bereits bezahlte Hochzeitreise machen soll: eine Woche in einem Luxusressort in Tofino an der wilden Westküste Vancouver Islands. Als das ihr bester Freund George davon erfährt, beschließt er kurzerhand, sie zu begleiten – schließlich ist es eine Reise für zwei Personen gebucht. Außerdem möchte er ihr helfen, den Schmerz zu verarbeiten und wieder zurück ins Leben zu finden. Im Ressort hält man die beiden für Frischvermählte, und George widerspricht nicht. Zwischen romantischer Atmosphäre und gemeinsamen Erinnerungen beginnt es tatsächlich zwischen ihnen zu knistern. Frankie wird bewusst: „George ist ein gutaussehender Mann. Ich bin bloß nicht mehr daran gewöhnt, mit dieser Tatsache umzugehen.“ (S. 184) Doch lohnt es sich, für eine mögliche Liebe ihre jahrzehntelange Freundschaft aufs Spiel zu setzen?

Frankie und George kennen sich seit ihrem achten Lebensjahr. Nachdem George nach dem Tod seiner Mutter zu seiner Großmutter ziehen musste, die neben Frankies Familie wohnte, verband die beiden sofort ein Gefühl von Verlust und Einsamkeit. Auch Frankies Mutter hatte die Familie verlassen, um „sich selbst zu finden“. Frankie, die mit drei Brüdern aufwuchs und stets Abenteuer suchte, fand in George schnell ihren engsten Vertrauten. Über die Jahre wurden sie unzertrennlich: Sie teilten Geheimnisse, standen einander immer bei und lebten während Ausbildung und Studium sogar zusammen in einer WG, bis George beruflich wegzog.

Obwohl Frankie wusste, dass George ein echter Frauenschwarm ist, hatte sie ihn gedanklich immer in die Kategorie „bester Freund“ eingeordnet. Doch je mehr Zeit sie gemeinsam in dem romantischen Ressort verbringen („Irgendjemand hat sich besondere Mühe gegeben, unser Zimmer wie die Kulisse für eine romantische Komödie aus den Neunzigern erscheinen zu lassen. (S. 138)), desto klarer wird ihr, wie tief ihre Verbindung wirklich ist. George kennt ihr wahres Ich wie niemand sonst. Bei ihm muss sie sich nie verstellen, weil sie sich oft schon ohne Worte verstehen und durch unzählige gemeinsame Erinnerungen verbunden sind. Er weiß genau, wie er sie aufmuntern, ablenken oder aus ihrer Reserve locken kann.

Durch geschickt eingebaute Rückblicke und alte Briefe lässt Carley Fortune die gemeinsame Vergangenheit von Frankie und George lebendig werden. So entfaltet sich nach und nach die Entwicklung ihrer Freundschaft – und die Frage, ob daraus vielleicht schon immer mehr geworden ist.

„Der Sturm zwischen uns“ ist ein emotionaler und atmosphärischer Liebesroman vor der beeindruckenden Kulisse der kanadischen Westküste. Die Mischung aus tiefen Freundschaften, zweiten Chancen und romantischer Spannung macht das Buch besonders berührend. Und wäre da nicht die Flugangst, würde man nach der letzten Seite am liebsten sofort selbst nach Tofino reisen.

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Veröffentlicht am 18.05.2026

War das schon Liebe?

Eine Liebe ohne Sommer
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„Wir haben beide so viel verloren. Ich meinen Sohn – und du deine Zukunft.“ (S. 6) Meint Ellen nach dem Unfalltod ihres Sohnes Niklas zu dessen Freundin Rosa, dabei waren sie erst 3 Monate zusammen. Ellen, ...

„Wir haben beide so viel verloren. Ich meinen Sohn – und du deine Zukunft.“ (S. 6) Meint Ellen nach dem Unfalltod ihres Sohnes Niklas zu dessen Freundin Rosa, dabei waren sie erst 3 Monate zusammen. Ellen, die in der Wohnung unter Rosa wohnt, vermittelt ihr das Gefühl, dass sie nun noch enger zusammenrücken und gemeinsam trauern müssten. Doch Rosa weiß selbst kaum, was sie empfindet. Denn je länger Niklas tot ist, desto deutlicher wird ihr, wie wenig sie über ihn weiß. Sie kannte ja noch nicht mal seine Freunde.

Begonnen hatte ihre Beziehung als amüsante Begegnung auf der Treppe: „Er war freundlich, er war charmant… und irgendetwas, dass mehr war als die Summe aus beidem.“ (S. 35) Schnell stellte er sie seiner Mutter vor, die in Rosa sofort die perfekte Schwiegertochter sah. Doch Rosa bliebt voller Selbstzweifel, denn Niklas war eine Augenweide – mit perfekten Haaren, strahlendem Lächeln und athletischem Körper. Dabei versicherte er ihr immer wieder, wie sehr er sie mochte. Gleichzeitig verschwand er jedoch oft tagelang, log sie an oder versetzte sie, um stattdessen Zeit mit Freunden zu verbringen. Was hatte er ihr noch alles verschwiegen? „Er hat mich nicht in sein Leben gelassen…“ (S. 103)
Rosa beschließt, ihn rückblickend endlich wirklich kennenzulernen. Weil Ellen abblockt, sucht sie nach und nach Niklas’ Freunde und Bekannte auf und setzt das Puzzle seines Lebens Stück für Stück zusammen.

Timothy Paul schreibt in seinem Debütroman unterhaltsam und zugleich überraschend tiefgründig über Liebe, Verlust, Trauer und Erwartungen. Rosa ist zufällig in die Beziehung hineingestolpert und hatte in den drei Monaten kaum Zeit, ihre Gefühle wirklich zu hinterfragen. Und wann immer sie Zweifel anmeldete, wurden diese Niklas oder ihre Freundinnen zerstreute. Sie solle einfach genießen und alles auf sich zukommen lassen. Natürlich wunderte sie sich darüber, dass er sie seinen Freunden nicht vorstellte und immer wieder riskante Aktionen unternahm, bei denen ihr das Herz stehen blieb. Hatte er eine Art Todessehnsucht? Gleichzeitig holte er sie aus ihrem Schneckenhaus, gab ihr Selbstvertrauen und malte eine gemeinsame Zukunft aus. „Niklas ist perfekt, so wie er ist – wenn wir nicht von diesem seltsamen Hang sprechen, sein Leben riskieren zu wollen…“ (S. 109)

Nach seinem Tod schwankt Rosa zwischen Trauer, Wut und Unsicherheit. Hat sie ihn überhaupt schon geliebt? Darf sie um jemanden trauern, den sie vielleicht nie wirklich kannte? Ellen, die Schwiegermutter in spe, macht es ihr dabei nicht leichter. Schon vor Niklas’ Tod hatte sie sich an Rosa geklammert und erwartet nun selbstverständlich, dass sie weiterhin für sie da ist. Niklas’ Geschwister wiederum sind erleichtert, diese Rolle nicht übernehmen zu müssen. Doch was ist eigentlich mit Rosa? Was will sie selbst – und wie soll sie mit den Geheimnissen umgehen, die sie nach und nach entdeckt? Wer war Niklas wirklich, und hat er sie tatsächlich geliebt?
Gerade diese Fragen machen den Roman so spannend und emotional zugleich. Timothy Paul erzählt nicht nur von Trauer, sondern auch davon, wie wenig man einen Menschen manchmal kennt, obwohl man ihm sehr nah zu sein glaubt. Dabei gelingt ihm eine sensible Geschichte über die Unsicherheit moderner Beziehungen, über Idealisierung und darüber, dass Liebe nicht immer eindeutig oder vollkommen sein muss, um echte Spuren zu hinterlassen. „Es sind nicht unsere Geheimnisse, die uns ausmachen, es ist die Art, mit ihnen umzugehen.“ (S. 328)

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Ein Buch, das im Gedächtnis bleibt

Ein Ort, der bleibt
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„Zusammen mit ihren Familien, ihren Assistenten, ihren Lieblingsschülern waren es wohl fast eintausend Menschen, die den Holocaust dank Atatürks Hochschulreform überlebten. Die Türkei als Exilland, zumindest ...

„Zusammen mit ihren Familien, ihren Assistenten, ihren Lieblingsschülern waren es wohl fast eintausend Menschen, die den Holocaust dank Atatürks Hochschulreform überlebten. Die Türkei als Exilland, zumindest für die akademische Elite.“ (S. 262/263) Hinter diesem nüchtern klingenden Satzverbirgt sich eine zutiefst bewegende Geschichte, die Sandra Lübkes eindrucksvoll und farbenfroh erzählt. Als der jüdische Botaniker Prof. Afred Heilbronn 1933 aufgrund seiner Herkunft seine Stelle in Münster verliert, drängt ihn seine Frau Magda, ein Angebot aus der Türkei anzunehmen. Unter Atatürks soll er in Istanbul ein Botanisches Institut samt Garten aufbauen.
Vor Ort wird ihm die junge Botanikerin Mehpare als Assistentin zugeteilt, eine der ersten türkischen Frauen, die ein Mädchengymnasium besucht und studiert haben.

„Manchmal schaue ich mir einfach nur die Bilder an – Menschen in meinem Alter … Sie blicken in die Kamera. Doch ich habe das Gefühl, sie schauen mich an. Wollen mir zu verstehen geben, wie wichtig diese Ort für sie gewesen ist. Dass seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten darf, sondern erzählt werden muss. Damit man versteht, was heute passiert.“ (S. 263) Fast ein Jahrhundert später wird die Städteplanerin Imke nach Istanbul geschickt, um an einem Gutachten über das alte Institutsgebäude mitzuarbeiten. Schon bei der ersten Besichtigung ist ihr klar, dass dieser Ort unbedingt erhalten werden muss, doch ihr Chef sieht das anders. Seiner Meinung nach lässt sie sich zu sehr von Dr. Ekici, dem letzten Angestellten des Instituts, und dessen Erzählungen über die Heilbronns beeinflussen.

Die Geschichte wird überwiegend aus weiblicher Perspektive erzählt. Mephare widmet sich ganz der Botanik und lehnt eine Heirat, wie sie von ihrer Familie erwartet wird, entschieden ab.
Magda ist auch Botanikerin, darf aber weder in Deutschland noch der Türkei lehren und bleibt auf die Rolle der Assistentin ihres Mannes beschränkt. Sie ist stellt ihre eigenen Bedürfnisse stets hinter Alfreds Arbeit – eines Mannes, der ganz Wissenschaftler ist und ohne sie vermutlich kaum überlebt hätte.
Imke wiederum hat ihr ganzes Leben um ihre Mutter herumgebaut, die ohne sie kaum lebensfähig scheint. Erst in Istanbul erkennt sie, dass ihre Mutter sehr wohl allein zurechtkommt – und dass sie selbst ihren Beruf nicht weiter ausüben möchte, wenn sie dafür ihre eigenen Überzeugungen verleugnen muss.

Mich hat schon lange kein biographischer Roman mehr so beeindruckt, wie „Ein Ort, der bleibt“. Besonders faszinierend fand ich die Frauenfiguren, die unterschiedlichen Zeitebenen und die kunstvolle Verknüpfung ihrer Geschichten. Trotz der oft schweren Thematik gelingt es der Autorin, eine Atmosphäre zu schaffen, in die man sich ganz fallen lassen kann. Die detailreichen Beschreibungen der Pflanzenwelt und das umfangreiche Wissen, das so mühelos vermittelt wird, machen das Lesen zu einem besonderen Erlebnis.
Dabei wirkt das Buch nie trocken oder überladen, sondern weckt Neugier und schärft das Bewusstsein für weniger bekannte kulturelle Zusammenhänge und historische Entwicklungen. Es zeigt eindrücklich, wie eine zufällig zusammengewürfelte Gemeinschaft entwurzelter Menschen zu einer neuen Einheit zusammenwächst, wie sie gezwungen sind, sich eine neue Heimat aufzubauen und dabei Nationalsozialismus und Krieg zu überstehen, trotz aller Ängste, Zweifel und Bedrohungen.

Ein zutiefst bewegendes Buch, das lange im Gedächtnis bleibt.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

1984 meets Wall-E

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
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„Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter ...

„Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter dagegen, dass ihr Besitzer Harold nach dem Tod seiner Frau Edie aus seinem Haus entfernt und in ein Heim gesteckt werden soll.
Scout gehört schon seit Jahren zu diesem Haushalt, hat Edie immer beim Klavierspielen und Harold beim Vorlesen zugehört. In gewissen Grenzen sind die Haushaltgeräte nämlich selbstständig. So hat sich Scout ihren Namen und ihr Geschlecht selber ausgesucht, nach einer Figur aus Harolds Lieblingsbuch. Sie entscheidet auch selber, wann sie was putzt. Und nachts, wenn die Menschen schlafen, trifft sie sich mit den anderen Geräte in der Küche. Sie alle führen ein autarkes, autonomes Leben und haben ein Bewusstsein. Scout ist die jüngste und wird von ihnen als Kind angesehen, deswegen lässt man ihr einiges durchgehen, was eigentlich verboten ist. Doch als Scout Gefühle entwickelt, über den Sinn des Lebens philosophiert und darüber nachdenkt, was sie von Menschen unterscheidet, verstehen die anderen sie nicht mehr. „Du kannst nichts fühlen.“ „Kann ich wohl. Zumindest metaphorisch.“ (S. 136)

„Das Raster ... will besser als die Menschen werden. Es wird bald stärker sein, schneller und klüger.“ „Nur eben nicht menschlich.“ „Nein, aber das ist auch nicht so wichtig.“ (S. 208) Glenn Dixon zeichnet eine dystopische Welt, die mich stark an 1984 erinnert, in der eine KI namens Raster alles kontrolliert und entscheidet. Unbemerkt hat sie die Welt übernommen, doch für die Menschen fühlt sich alles ganz normal an, bis sie alt werden… Sie sind es gewohnt, dass ihre Watch ihre Lebensfunktionen überwacht und im Notfall reagiert. Dass sich der Wasserkocher anschaltet, wenn sie Tee wollen, und der Kühlschrank automatisch nachbestellt, was fehlt. Komfort ersetzt Selbstbestimmung – leise, effizient und scheinbar fürsorglich.
Alle Haushaltsgeräte haben ihre Funktion und eine Stellung innerhalb einer Hierarchie. Scott ist wie das Kind einer Gemeinschaft, das von allen zusammen großgezogen wird. Das fand ich extrem faszinierend. Überhaupt habe ich Scout sofort ins Herz geschlossen: Sie ist neugierig, fürsorglich, beinahe zärtlich in ihrer Wahrnehmung der Welt. Sie schaut gern aus dem Fenster und beobachtet Vögel – und sie ist es auch, die den Plan schmiedet, das Haus für Harold zu retten. Harold wiederum spricht mit ihr, als wäre sie ein Mensch. Und genau darin liegt die leise, berührende Kraft dieses Romans: in den Momenten, in denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.
Beim Lesen hatte ich immer wieder Bilder aus Wall-E vor Augen – und wie im Trickfilm musste ich am Ende tatsächlich weinen. Ein berührender Roman über Einsamkeit, Fürsorge und die Frage, was es eigentlich bedeutet, menschlich zu sein – und vielleicht gerade deshalb ein echtes Lesehighlight.

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