Dark Fantasy vom Feinsten
AnathemaSchreibstil:
Ich fand, dass besonders der Schreibstil hier den Schaueraspekt gestützt hat. Teilweise war er poetisch, ganzheitlich aber vor allem atmosphärisch. Ich konnte der Geschichte flüssig folgen ...
Schreibstil:
Ich fand, dass besonders der Schreibstil hier den Schaueraspekt gestützt hat. Teilweise war er poetisch, ganzheitlich aber vor allem atmosphärisch. Ich konnte der Geschichte flüssig folgen und war sehr überrascht, dass ich all die Fachworte für Völker und Monster ziemlich schnell zuordnen konnte. Auch sie passen einfach zur Geschichte und haben alles noch unterstützt. Was man beim Lesen schnell merkt: Hier will nichts gefallen. Keine Beschreibung, kein Charakter – es geht komplett darum, eine Geschichte zu erzählen, die das Gegenteil eines Märchens ist.
Die Geschichte – von der Ausgestoßenen zum Schatz
Erzählt wird aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren Maevyth und Zevander. Maevyth hat ein paar mehr Kapitel, beide erzählen aber sehr schön nachvollziehbar. Der Kontrast zwischen den beiden war die ganze Zeit über sehr spannend. Maevyth (Maeve) ist unwissend und neugierig, mutig und schlau, Zevander weiß so ziemlich alles, besonders, was er als nächstes plant zu tun. Dadurch wird die Welt hier einmal durch die Brille des Neulings und einmal durch den Insider beschrieben, was ich sehr schön fand.
Maevyth – Heldin oder todgeweiht?
Maeve hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Sie ist neugierig, mutig und manchmal impulsiv, setzt sich aber auch sehr für die ein, die sie liebt und nimmt alles ernst, aber nie zu ernst. Nur so kann sie sich glaube ich in ihrer Welt, in der sie echt schlecht behandelt wird, halten. Und schon das zeugt von ihrem Charakter, oder? Dass jemand, der immer ausgestoßen und gemobbt wird, keine negativen Gedanken den anderen gegenüber hegt.
Während des Handlungsverlauf wird zudem immer deutlicher, dass Maeve ein einziges Geheimnis ist. Ihre Herkunft und ihre Kräfte sind unerforscht, sowohl von den Figuren um sie herum als auch von uns Leser:innen. So ist sie ein wahres Überraschungspaket, dass immer wieder reaktiv handelt und so wieder etwas offenlegt.
Was ich gut fand, war, dass sie zwar darauf bestand, zurück zu ihrer Schwester zu kommen (durchaus nachvollziehbar), gleichzeitig aber nicht so sehr darauf beharrte, dass sie alles ignorierte. Ich glaube, das hätte mich genervt.
Es war einfach spannend, sie sich entwickeln zu sehen, weil immer mehr ihrer Kräfte und Erkenntnisse über sie deutlich wurden.
Was ich etwas schade fand, war, dass sie in uneinigen Situationen super schnell nachgab bzw. direkt die Schuld auf sich nahm. Das wirkte manchmal, als wolle sie unbedingt gefallen, was aber eigentlich nicht ihrem Charakter entsprach.
Zevander – Assassine, Blutmagier & Königsdiener auf einer Mission
Zevander ist ein Bild von einem Mann. I mean, er ist einfach über zwei Meter groß! Dazu durchtrainiert, ein sehr begabter Magier und reich noch dazu. Eigentlich könnte man meinen, er hätte alles. Tatsächlich aber ist Zevander verflucht und seine Motive sind vielschichtig. Er ist zu oft Marionette gewesen, um allem einfach so entfliehen zu können. So lernt man ihn zunächst als jemanden kennen, der einfach nur Befehle befolgt.
Nach und nach zeigt sich aber auch bei ihm eine deutliche Entwicklung. Es geht immer mehr darum, was er eigentlich will. Was er für das Richtige hält.
Ich war einfach total beeindruckt von ihm und seinen Kräften, gleichzeitig natürlich abgeschreckt davon, wie er andere tötet. Zu keinem Moment aber bezweifelt man seine eigentlichen Motive. Er war von Anfang an gut für mich, weil der Prolog schon einen Teil seiner Geschichte erzählte. Keine Ahnung, wie ich handeln würde, wenn ich in seiner Situation wäre. Aber allein schon die ganzen Stationen in seiner Vergangenheit, die ihm zu dem gemacht haben, der er jetzt ist, war krass und haben mich erzählerisch beeindruckt. Das war dark, mächtig, spannend und bietet auch jetzt nach dem Ende des Buches noch jede Menge Rätselstoff.
Die Welt, in der Monster wirklich böse und Menschen wirklich nicht nett sind
Das Gefühl, dass ich bei dem Setting hatte, war ungefähr das, was man hat, wenn man nachts über einen Friedhof geht und Leuten begegnet, die mit Blut Geister beschwören oder sich die eine Spritze setzen oder laut heulend vor einem frischen Grab sitzen. Einfach alles zusammen. Alle Orte in diesem Setting sind düster und gefährlich, die Nebenfiguren tragen nur ihren Teil dazu bei. Die Monster werden sehr gut vorstellbar beschrieben, ob nun ehemals „menschlich“ oder nicht und auch fernab der Personen gibt es einige Tiere, Bäume und Räumlichkeiten, die einem einfach nur eine Gänsehaut bescheren. Ich habe mich durchweg gegruselt und war fast entsetzt darüber, wie grausam irgendwie alles ist. Sonst hat man ja doch noch irgendwo eine nette Lichtung oder einen Tag, an dem alle einmal durchschnaufen können. Hier nicht. Hier geht es darum, gegruselt zu werden und das hat die Autorin wirklich sehr gut umgesetzt!
Slow Burn, ein langsames Erzähltempo und trotzdem super viel Spannung
Es sind 816 Seiten, macht euch also darauf gefasst, dass Slow Burn hier wirklich Slow Burn ist. Dennoch war die Spannung zwischen Maevyth und Zevander die ganze Zeit über da. Ich fand es richtig gut, wie sie zwar durchweg präsent war und sich auch zuspitzte, ich aber genauso wie die Figuren immer wieder durch andere Handlungsstränge davon abgelenkt wurde. So fühlte es sich nicht wie Folter an, sondern wie ein freudiges Hinfiebern auf etwas. Vielleicht entsteht der Eindruck aber auch, weil alles andere rundherum eher zum Gruseln ist^^
Ansonsten ist das Erzähltempo der Geschichte eher gemäßigt. Selten habe ich einfach so mal 100 Seiten weggeatmet, stattdessen hatte ich eher manchmal das Gefühl, ich müsste das Buch kurz weglegen, um alles zu verarbeiten.
Es ist also kein Buch, durch das man mal eben so fliegt, dafür gibt es aber so einige Plottwists, die alles andere als vorhersehbar waren. Vielmehr bekam man als Leser:in immer wieder kleine Fetzen vom großen Ganzen und hat versucht sie zu kombinieren, nur um am Ende einen Fetzen zu bekommen, der wieder gar nicht dazu passte oder alles nochmal auf den Kopf gestellt hat. Das hat die Geschichte anders spannend gemacht, was ich zur Abwechslung echt mal ganz gut fand. Voraussehbar ist hier einfach nichts.
Warum ich Band 2 lesen will:
Das Ende ist irgendwie happy und irgendwie auch so überhaupt nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass super viele Hinweise und lose Handlungsfäden noch offen liegen und ich mir immer noch kein komplettes Bild von allem machen konnte, verändert sich auch nochmal alles. So war ich sehr positiv überrascht von dem Ende. Es ist nicht besonders effekthaschend, aber dennoch sehr wirkungsvoll. Und verspricht, dass der nächste Band gleich mit der Klärung eines großen Geheimnisses beginnt. So hoffe ich jedenfalls.
Fazit:
Ich bin neu in diesem Genre und war sogleich sehr positiv angetan. Die Protagonistin ist mutig und neugierig, gleichzeitig aber auch unwissend und unerforscht. Es gilt nicht nur die Welt kennenzulernen, sondern auch ihre Vergangenheit und Kräfte. Der Love Interest hat mindestens genauso viel Hintergrund. Er ist vielschichtig und einfach interessant. Zusammen sind sie Teil einer Slow Burn Liebesgeschichte, die sich wirklich Zeit lässt, ohne dabei die Authentizität zu verlieren. Die Stärke dieser Geschichte: das Setting, die Atmosphäre, die Plottwists und die Unvorhersehbarkeit. Ich bin sehr gespannt auf Band 2!
Von mir gibt es 4 Sterne.