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Veröffentlicht am 17.06.2026

Zwischen Glaubenssuche, Familienchaos und der Kunst, das Leben nicht zu glätten

Verlorene Schäfchen
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Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich ...

Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich habe das Buch gehört und gerade als Hörbuch hat es für mich überraschend gut funktioniert. Die Stimme hatte genau dieses schwer zu beschreibende Gespür für Tonlagen: trocken, nie überzeichnet, dabei voller feiner Zwischentöne. Ich hätte mir kaum eine passendere Interpretation vorstellen können, weil sie die Ironie nicht erklärt, sondern einfach wirken lässt.
Dieser Roman erzählt von einer Familie und ihrem Umfeld. Über Beziehungen, Enttäuschungen, Sehnsüchte und all die kleinen und großen Erschütterungen, die sich im Alltag ansammeln. Es geht um Liebe, um Unsicherheiten, um Wünsche, um Lebensentwürfe, die nicht aufgehen, um Schicksalsschläge und um die Frage, woran Menschen sich festhalten, wenn Gewissheiten brüchig werden.
Dabei liegt über allem eine durchgehende Ironie, die ich als große Stärke empfunden habe. Nicht bissig oder herablassend, sondern mit einem sehr feinen Blick auf menschliche Widersprüche. Viele Situationen sind skurril, überzeichnet, beinahe aberwitzig und gerade dadurch oft erstaunlich wahr. Immer wieder musste ich schmunzeln und gleichzeitig denken: So absurd ist das eigentlich gar nicht.
Besonders interessant fand ich die Rolle von Kirche und Glaube. Der Roman verhandelt Religion nicht als einfache Antwort, sondern eher als Sehnsucht nach Orientierung, Gemeinschaft und Halt. Manche Figuren suchen darin Trost, andere Reibung, manche einfach eine Erklärung für das, was sich nicht erklären lässt.
Für mich war das kein Buch, das mich emotional mitgerissen hat oder zu meinem bevorzugten Genre geworden ist. Aber es war eines, das ich respektiert und mit echtem Interesse gehört habe. Weil darin viel Beobachtungsgabe steckt. Weil es Menschen ernst nimmt, auch in ihrer Übertreibung. Und weil zwischen all der Komik immer wieder etwas sehr Echtes aufscheint: das Leben in seiner ganzen Unordnung.

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Veröffentlicht am 11.06.2026

Wenn das Leben leiser wird und plötzlich leichter

Alt genug
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Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah ...

Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah an alltäglichen Gedanken, die viele lieber für sich behalten. Als Hörbuch, selbst gelesen von der Autorin, entsteht dabei eine besondere Intimität: die Stimme trägt die Ironie ebenso wie die kleinen Unsicherheiten, die zwischen den humorvollen Momenten immer wieder aufblitzen.
Im Kern kreist alles um diese Lebensphase, in der vieles nicht mehr neu, aber dafür klarer wird. Erwartungen verlieren an Gewicht, Rollenbilder werden durchlässiger, und plötzlich entsteht Raum für eine andere Form von Freiheit – eine, die nicht mehr laut beweisen muss, sondern einfach da ist. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und stiller Erkenntnis macht den Reiz aus. Es ist kein Werk, das große Lebenspläne entwirft, sondern eher eines, das kleine Verschiebungen im Inneren sichtbar macht.
Der Humor trägt viel durch das Hörbuch. Er ist nicht aufgesetzt, sondern wirkt wie ein natürlicher Reflex auf die Absurditäten des Alltags und der eigenen Gedankenwelt. Gleichzeitig gibt es Passagen, die kurz innehalten lassen – nicht dramatisch, sondern eher wie ein gedanklicher Nachhall. Genau diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass das Hörbuch trotz seiner leichten Oberfläche nicht beliebig wirkt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines sehr persönlichen, warmen und angenehm unprätentiösen Hörbuchs, das weniger erklären will als begleiten.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Wenn Liebe nicht scheitert, sondern sich verändert

Wir in zehn Jahren
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Jessica Stanleys Roman erzählt nicht von einer großen Krise, sondern von den vielen kleinen Belastungen, die sich über Jahre hinweg in einer Beziehung ablagern. Genau darin liegt seine Stärke. Caro und ...

Jessica Stanleys Roman erzählt nicht von einer großen Krise, sondern von den vielen kleinen Belastungen, die sich über Jahre hinweg in einer Beziehung ablagern. Genau darin liegt seine Stärke. Caro und ihre Familie kämpfen nicht gegen ein einzelnes Problem, sondern gegen die Summe des Lebens: Kinder, Care-Arbeit, berufliche Anforderungen, unerfüllte Erwartungen, alte Verletzungen und eine Welt, die zunehmend aus den
Fugen zu geraten scheint.
Besonders eindrücklich zeigt der Roman, wie schwer es sein kann, die Bedürfnisse zweier Menschen dauerhaft miteinander zu vereinbaren. Zwischen Verantwortung, Erschöpfung und Alltagsorganisation geht vieles verloren, was eine Partnerschaft einst getragen hat. Die berühmte rosarote Brille verschwindet – und mit ihr manchmal auch der Blick für die liebenswerten Seiten des Gegenübers. Stanley beschreibt diesen Prozess mit großer Ehrlichkeit und ohne einfache Antworten zu liefern.
Die Sprache hat mir dabei sehr gefallen. Sie wirkt nahbar, lebendig und zugleich besonders. Vor allem die zahlreichen Einschübe in Klammern erzeugten das Gefühl, unmittelbar an Caros Gedanken teilzuhaben. Dadurch entstand eine große Nähe zur Protagonistin, die für mich zu den stärksten Aspekten des Romans gehört. Caro selbst bleibt greifbar und menschlich, mit all ihren Widersprüchen und Unsicherheiten.
Dies wurde auch im Hörbuch wunderbar transportiert.
Etwas mehr Raum hätte ich mir für ihre Tätigkeit als Schriftstellerin gewünscht. Dieser Teil ihres Lebens bleibt vergleichsweise blass, obwohl er großes Potenzial für zusätzliche Tiefe geboten hätte. Auch die politischen Entwicklungen in England sowie gesellschaftliche Großereignisse wie Brexit, Pandemie und Lockdowns nahmen für meinen Geschmack etwas zu viel Platz ein. Zwar verdeutlichen sie den äußeren Druck, unter dem die Figuren stehen, überlagerten stellenweise aber die eigentliche Beziehungsgeschichte.
Dennoch bleibt „Wir in zehn Jahren“ eine eindringliche und kluge Betrachtung darüber, wie Partnerschaften unter den Anforderungen des modernen Lebens bestehen müssen. Ein Roman, der nicht romantisiert, sondern genau hinsieht – und gerade deshalb lange nachwirkt.

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Veröffentlicht am 02.06.2026

Schuld, die Jahrzehnte überlebt

Wo der Wind die Namen trägt
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Wo der Wind die Namen trägt von Anja Jonuleit ist kein Buch, das einen sofort an die Hand nimmt. Lange hatte ich das Gefühl, die Figuren erst sortieren zu müssen. Viele Namen, viele Perspektiven, Zeitsprünge ...

Wo der Wind die Namen trägt von Anja Jonuleit ist kein Buch, das einen sofort an die Hand nimmt. Lange hatte ich das Gefühl, die Figuren erst sortieren zu müssen. Viele Namen, viele Perspektiven, Zeitsprünge und Verbindungen, die sich erst nach und nach erschließen. Beim Hören hätte ich mir stellenweise gewünscht, in einem Buch zurückblättern zu können, um Zusammenhänge noch einmal nachzuvollziehen. Der Einstieg verlangt Geduld.
Doch irgendwann kippt etwas. Aus Orientierungslosigkeit wird Sog. Aus einzelnen Fäden entsteht ein erschütterndes Gesamtbild.
Besonders schwer auszuhalten waren die historischen Hintergründe rund um die "Hasenjagd" des Massaker von Celle und die geschilderten Verbrechen an Kindern. Die Brutalität, die Gleichgültigkeit und die Entmenschlichung, die hier sichtbar werden, wirken noch lange nach. Gerade weil vieles auf realen Ereignissen beruht, entsteht eine Beklemmung, die weit über den Roman hinausreicht. Die Frage, wie Menschen zu solcher Grausamkeit fähig sein können, steht ständig zwischen den Zeilen.
Gleichzeitig interessiert sich der Roman nicht nur für die Täter und ihre Verbrechen, sondern für die Spuren, die Schuld hinterlässt. Für die Menschen, die mit ihr leben müssen. Für Familien, die Jahrzehnte später entdecken, was ihre Eltern oder Angehörigen getan haben. Und für die zerstörerische Kraft einer falschen Beschuldigung, die ein ganzes Leben aus der Bahn werfen kann. Besonders eindringlich fand ich dabei die Frage, was Schuld mit denen macht, die sie tragen, verdrängen oder weitergeben.
Dieses Buch zeigt, dass Vergangenheit nicht vergeht, nur weil man schweigt. Manche Wahrheiten liegen jahrzehntelang verborgen und bestimmen dennoch ganze Lebensgeschichten. Gerade diese Auseinandersetzung mit Verantwortung, Verdrängung und moralischer Belastung hat mich am meisten beschäftigt.

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Veröffentlicht am 02.06.2026

Wenn Liebe bleibt, obwohl ein Mensch geht

Eine Liebe ohne Sommer
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Manchmal stellt ein Roman keine Antworten bereit, sondern lässt Fragen offen, die weit über die letzte Seite hinausreichen. Eine Liebe ohne Sommer ist für mich genau so ein Buch. Im Zentrum steht die Frage, ...

Manchmal stellt ein Roman keine Antworten bereit, sondern lässt Fragen offen, die weit über die letzte Seite hinausreichen. Eine Liebe ohne Sommer ist für mich genau so ein Buch. Im Zentrum steht die Frage, ob es die eine große Liebe überhaupt gibt – und woran man erkennt, dass man ihr begegnet ist. Oder ob das Leben Platz für mehrere große Lieben bereithält.
Was zunächst wie eine intensive und hoffnungsvolle Liebesgeschichte beginnt, bekommt früh erste Risse. Nikolas' Verhalten irritiert, verunsichert und verletzt. Rosa versucht zu verstehen, was zwischen ihnen geschieht, bis ein Verlust alles verändert und sie sich auf die Suche nach dem Menschen macht, den sie glaubte zu kennen. Dabei entfaltet sich nach und nach ein Geflecht aus biografischen Brüchen, familiären Prägungen und seelischen Verletzungen, die weit vor Nikolas' eigener Lebensgeschichte beginnen.
Besonders eindrücklich fand ich, wie der Roman zeigt, dass niemand losgelöst von seiner Vergangenheit lebt. Traumatische Erfahrungen wirken nach, manchmal über Generationen hinweg. Gleichzeitig erzählt das Buch von Freundschaften, Elternschaft, gesellschaftlichen Erwartungen und den Wunden, die entstehen, wenn Menschen vorschnell urteilen oder Gerüchte stärker werden als die Wahrheit.
Trotz der schweren Themen bleibt die Geschichte nicht im Schmerz stehen. Zwischen Verlust und Trennung finden sich immer wieder Momente von Nähe, Wärme und Lebensfreude. Gerade dieser Kontrast verleiht dem Roman seine Kraft. Er erzählt davon, wie Menschen aneinander scheitern können und dennoch etwas Wertvolles hinterlassen. Und davon, dass Verstehen manchmal erst beginnt, wenn gemeinsame Zeit längst vergangen ist.
Ein stilles, emotional vielschichtiges Buch über Liebe, Erinnerung und die Spuren, die Menschen in unserem Leben hinterlassen.

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