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Veröffentlicht am 23.03.2026

Wenn ein Abend alles zum Kippen bringt

Die Dinner Party
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Die Dinner Party ist eines dieser Bücher, das einen schon mit den ersten Sätzen packt. Der Einstieg ist so direkt und kraftvoll, dass sofort klar wird: Hier ist etwas passiert, das alles verändert hat. ...

Die Dinner Party ist eines dieser Bücher, das einen schon mit den ersten Sätzen packt. Der Einstieg ist so direkt und kraftvoll, dass sofort klar wird: Hier ist etwas passiert, das alles verändert hat. Und genau dieses Gefühl – verstehen zu wollen, wie es dazu kommen konnte – trägt durch die ganze Geschichte.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die enorme Nähe zur Protagonistin Franca. Die Autorin lässt uns so tief in ihre Gedanken und Gefühle eintauchen, dass man ihre Unsicherheit, ihre Verletzlichkeit und ihre wachsende Verstörung fast körperlich miterlebt. Man schwankt beim Lesen ständig zwischen Mitgefühl, Traurigkeit, Hoffnung – und manchmal auch Wut. Gerade diese emotionale Ambivalenz macht den Roman so intensiv.
Die Atmosphäre der titelgebenden Dinnerparty ist dabei meisterhaft aufgebaut. Die drückende Hitze, das Kochen, der immer stärker fließende Alkohol – all das wirkt wie ein langsam überhitzender Druckkessel. Parallel dazu entfalten sich nach und nach Einblicke in Francas Vergangenheit und ihre Beziehung zu Andrew. Stück für Stück wird klar, dass unter der Oberfläche viel mehr brodelt, als zunächst sichtbar ist.
Besonders gelungen finde ich, dass man trotz der sehr engen Perspektive lange nicht genau weiß, was tatsächlich geschehen ist. Man bewegt sich vollständig in Francas Wahrnehmung – und bleibt doch unsicher, was Erinnerung, Gefühl oder Realität ist. Diese Ungewissheit erzeugt eine fast kriminalistische Spannung, die das Buch unglaublich fesselnd macht.
Auch im zweiten Teil bleibt diese dichte, aufgeladene Stimmung erhalten und spitzt sich weiter zu. Die Geschichte lebt weniger von großen äußeren Ereignissen als von dem stetigen psychischen Kippen der Situation. Man spürt förmlich, wie sich in Franca immer mehr anstaut und dieser Abend unausweichlich auf einen Wendepunkt zuläuft.
Eine interessante Irritation entsteht zudem durch eine Wendung, die die eigene Wahrnehmung als Leserin hinterfragt: Dass Harry gar kein Mann ist, hatte ich beim Lesen ganz selbstverständlich angenommen. Dieser Moment zeigt sehr eindrücklich, wie schnell wir beim Lesen – und vielleicht auch im echten Leben – mit eigenen Annahmen arbeiten. Ob diese Überraschung für mich unbedingt nötig gewesen wäre, weiß ich im Nachhinein nicht ganz, denn die eigentlichen Themen des Buches tragen die Geschichte ohnehin: Francas Verletzungen, die Dynamik ihrer Beziehung zu Andrew und die Spuren von Gewalt und Trauma.
Ein besonderes Highlight bleiben für mich die wechselnden Perspektiv- und Zeitsprünge. Sie verleihen dem Roman eine spannende Struktur und verstärken das Gefühl, dass sich die Wahrheit erst nach und nach zusammensetzt.
Ein kleiner persönlicher Kritikpunkt waren für mich lediglich einige Szenen rund um den Kater, die ich als etwas zu viel empfunden habe. Diese Fantasien haben mich eher irritiert als bereichert.
Fazit:
Ein intensiver, atmosphärischer und psychologisch klug erzählter Roman, der weniger durch Handlung als durch emotionale Spannung wirkt. Ein Buch, das aufwühlt, fordert – und lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Ein leiser Abschied voller Nähe

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Im Mittelpunkt steht Bo, ein alter Mann am Rand eines großen Abschieds. Die Geschichte begleitet ihn durch eine Lebensphase, in der Entscheidungen unausweichlich werden und Nähe ebenso schmerzt wie das ...

Im Mittelpunkt steht Bo, ein alter Mann am Rand eines großen Abschieds. Die Geschichte begleitet ihn durch eine Lebensphase, in der Entscheidungen unausweichlich werden und Nähe ebenso schmerzt wie das Loslassen.
Bo erinnerte mich stark an Fredrik Backmanns Ove: kantig, eigensinnig, verletzlich. Man fühlt sich ihm schnell tief verbunden, teilt seine Wut über die Unsensibilität seines Sohnes – und versteht gleichzeitig auch dessen Beweggründe. Gerade diese Ambivalenz macht das Lesen so intensiv. Das Buch stellt leise, aber eindringlich Fragen nach Würde, Selbstbestimmung und familiärer Verantwortung, ohne je belehrend zu wirken.
Besonders gelungen ist, wie das schwierige Thema verpackt wird: ruhig erzählt, mit viel Menschlichkeit und feinem Gespür für Zwischentöne. Der Stil bleibt zugänglich, fast warm, selbst in schmerzhaften Momenten. Kleine Beobachtungen und unausgesprochene Gefühle tragen mehr Gewicht als große Worte.
Ein berührendes, kluges Buch für Leser:innen, die Geschichten mögen, die nicht laut sind, aber lange nachhallen. Ein Roman über Abschied, Liebe und das, was wir einander schuldig bleiben.
Fazit: Ein sensibles Leseerlebnis, das Herz und Verstand gleichermaßen erreicht.

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Veröffentlicht am 20.06.2026

Wenn Herkunft Fragen stellt und Liebe Antworten offenlässt

Niemands Töchter
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„Niemands Töchter“ ist kein Roman, der schnelle Antworten geben möchte. Er entfaltet sich langsam, tastend, beinahe wie Erinnerung selbst: nicht geradlinig, sondern in Bewegungen, Rückblenden, Perspektivwechseln ...

„Niemands Töchter“ ist kein Roman, der schnelle Antworten geben möchte. Er entfaltet sich langsam, tastend, beinahe wie Erinnerung selbst: nicht geradlinig, sondern in Bewegungen, Rückblenden, Perspektivwechseln und kleinen Verschiebungen, die erst nach und nach sichtbar machen, wie eng Leben miteinander verbunden sind.
Im Zentrum steht zunächst Marie, und doch erzählt dieses Buch nie nur von einer Person. Es erzählt davon, wie eine einzige Entscheidung Kreise zieht und Menschen berührt, die vielleicht nie wussten, dass ihr eigenes Leben bereits mit dem eines anderen verwoben war. Gabriele, Alma, Isabell, Hedwig – ihre Geschichten stehen nebeneinander und greifen zugleich ineinander, bis sich langsam ein größeres Bild ergibt.
Besonders berührend ist dabei die Frage, die unter allem liegt: Was macht uns eigentlich zu dem Menschen, der wir sind? Ist es Herkunft, sind es Gene, ist es das Wissen darüber, woher wir kommen? Oder ist es die Liebe derjenigen, die uns begleiten, erziehen, tragen? Der Roman verurteilt nicht. Er zeigt vielmehr, wie schwer Lebenslügen werden können, selbst dann, wenn sie aus Fürsorge entstehen, und wie sehr das Ungesagte Beziehungen prägt, belastet oder verändert.
Die vielen Zeitebenen und Perspektivwechsel verlangen Aufmerksamkeit, wirken aber nie beliebig. Im Gegenteil: Stück für Stück setzt sich alles zusammen wie ein Puzzle, bei dem am Ende nicht die große Enthüllung im Vordergrund steht, sondern das Verstehen.
Und dann gibt es noch diese stille, beinahe schmerzhafte Idee von Liebe. Zwischen Leonard und Marie. Eine Verbindung, die nie ganz gelebt werden durfte und gerade dadurch etwas Beharrliches, Zartes bekommt. Als würde das Buch fragen, ob manche Gefühle nicht unabhängig davon existieren, ob sie erfüllt werden.
Ein ruhiger, kluger Familienroman über Abstammung, Identität, Entscheidungen und die Frage, was ein erfülltes Leben letztlich ausmacht.

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Veröffentlicht am 17.06.2026

Zwischen Glaubenssuche, Familienchaos und der Kunst, das Leben nicht zu glätten

Verlorene Schäfchen
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Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich ...

Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich habe das Buch gehört und gerade als Hörbuch hat es für mich überraschend gut funktioniert. Die Stimme hatte genau dieses schwer zu beschreibende Gespür für Tonlagen: trocken, nie überzeichnet, dabei voller feiner Zwischentöne. Ich hätte mir kaum eine passendere Interpretation vorstellen können, weil sie die Ironie nicht erklärt, sondern einfach wirken lässt.
Dieser Roman erzählt von einer Familie und ihrem Umfeld. Über Beziehungen, Enttäuschungen, Sehnsüchte und all die kleinen und großen Erschütterungen, die sich im Alltag ansammeln. Es geht um Liebe, um Unsicherheiten, um Wünsche, um Lebensentwürfe, die nicht aufgehen, um Schicksalsschläge und um die Frage, woran Menschen sich festhalten, wenn Gewissheiten brüchig werden.
Dabei liegt über allem eine durchgehende Ironie, die ich als große Stärke empfunden habe. Nicht bissig oder herablassend, sondern mit einem sehr feinen Blick auf menschliche Widersprüche. Viele Situationen sind skurril, überzeichnet, beinahe aberwitzig und gerade dadurch oft erstaunlich wahr. Immer wieder musste ich schmunzeln und gleichzeitig denken: So absurd ist das eigentlich gar nicht.
Besonders interessant fand ich die Rolle von Kirche und Glaube. Der Roman verhandelt Religion nicht als einfache Antwort, sondern eher als Sehnsucht nach Orientierung, Gemeinschaft und Halt. Manche Figuren suchen darin Trost, andere Reibung, manche einfach eine Erklärung für das, was sich nicht erklären lässt.
Für mich war das kein Buch, das mich emotional mitgerissen hat oder zu meinem bevorzugten Genre geworden ist. Aber es war eines, das ich respektiert und mit echtem Interesse gehört habe. Weil darin viel Beobachtungsgabe steckt. Weil es Menschen ernst nimmt, auch in ihrer Übertreibung. Und weil zwischen all der Komik immer wieder etwas sehr Echtes aufscheint: das Leben in seiner ganzen Unordnung.

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Veröffentlicht am 11.06.2026

Wenn das Leben leiser wird und plötzlich leichter

Alt genug
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Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah ...

Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah an alltäglichen Gedanken, die viele lieber für sich behalten. Als Hörbuch, selbst gelesen von der Autorin, entsteht dabei eine besondere Intimität: die Stimme trägt die Ironie ebenso wie die kleinen Unsicherheiten, die zwischen den humorvollen Momenten immer wieder aufblitzen.
Im Kern kreist alles um diese Lebensphase, in der vieles nicht mehr neu, aber dafür klarer wird. Erwartungen verlieren an Gewicht, Rollenbilder werden durchlässiger, und plötzlich entsteht Raum für eine andere Form von Freiheit – eine, die nicht mehr laut beweisen muss, sondern einfach da ist. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und stiller Erkenntnis macht den Reiz aus. Es ist kein Werk, das große Lebenspläne entwirft, sondern eher eines, das kleine Verschiebungen im Inneren sichtbar macht.
Der Humor trägt viel durch das Hörbuch. Er ist nicht aufgesetzt, sondern wirkt wie ein natürlicher Reflex auf die Absurditäten des Alltags und der eigenen Gedankenwelt. Gleichzeitig gibt es Passagen, die kurz innehalten lassen – nicht dramatisch, sondern eher wie ein gedanklicher Nachhall. Genau diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass das Hörbuch trotz seiner leichten Oberfläche nicht beliebig wirkt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines sehr persönlichen, warmen und angenehm unprätentiösen Hörbuchs, das weniger erklären will als begleiten.

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