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Veröffentlicht am 14.05.2018

Eine Geschichte vom Werden, vom Versteinern und - vom Aufbrechen

Die Schönheit der Nacht
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Nina George gehört zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellern und ihr Roman "Das Lavendelzimmer" wird immer eines meiner Lieblingsromane von ihr bleiben. Beim vorliegenden neuen Roman "Die Schönheit ...

Nina George gehört zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellern und ihr Roman "Das Lavendelzimmer" wird immer eines meiner Lieblingsromane von ihr bleiben. Beim vorliegenden neuen Roman "Die Schönheit der Nacht" hatte ich jedoch andere Erwartungen, auch wenn mir der wirklich sehr schöne, präzise und intensive Schreibstil der Autorin nach wie vor sehr zusagt, konnte ich mich kaum mit der Hauptprotagonistin Claire identifizieren (Frauenleben und -gefühle sind nunmal sehr differenziert ;)


"Die angesehene Pariser Verhaltensbiologin Claire sehnt sich immer rastloser danach, zu spüren, dass sie lebt und nicht nur funktioniert. Die junge Julie wartet auf etwas, das sie innerlich in Brand steckt - auf des Lebens Rausch, auf Farben, Mut und Leidenschaft. In der Sommerhitze der Bretagne entdecken die beiden unterschiedlichen Frauen, welche Geheimnisse sie so sorgfältig vor sich selbst gehütet haben. Und was sie wagen müssen, um die zu werden, die sie sein können." (Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:

Dr. Stephénie Claire Cousteau (44) Verhaltensbiologin in Paris, ist mit Gilles verheiratet, einem zuweilen erfolgreichen und oft auch erfolglosen Komponisten. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, Nicolas (22) und sind seither jeden Sommer acht Wochen gemeinsam in die Bretagne gefahren, um dort der Hitze von Paris zu entfliehen. So auch diesen Sommer, in dem erstmals Julie, die derzeitige Freundin des Sohnes auf Einladung von Gilles mitfährt, da angenommen wird, dass sie ohnehin bald zur Familie gehören wird... Zu dieser Zeit ahnt noch niemand, wie sehr dieser letzte Familienausflug nach Trévignon alles verändern wird...

Der Roman greift zeitlich zurück in die ersten Jahre der Ehe und ich folgerte, dass Claire, die ihren Sohn mit 22 Jahren bekam, noch nicht bereit war für ein Kind, Gilles jedoch ohne Probleme in die Rolle als Vater hineinwuchs und ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Sohn aufbaute. Claire war das finanzielle Rückgrat der Familie und sorgte mit ihrem Professorengehalt für Stabilität; die Familie lebt in einem teuren Stadtteil von Paris und gehört zur oberen sozialen Schicht. Jedoch wird im Romanverlauf klar, dass sich Risse auftun in der Beziehung zwischen Claire und Gilles - Risse, über die niemals gesprochen wird. Claire gilt im Institut als die Unterkühlte und bis zur Mitte des Buches wirkte sie auch so auf mich: Sezierend und das Verhalten ihrer Mitmenschen stets wissenschaftlich betrachtend. Dabei war sie als 11jährige ein Mädchen, das Seesterne in den Augen hatte: Mit der Geschichte ihrer Familie, auch ihrer Halbgeschwister Ludo und Anaelle, entwickelt man jedoch ein anderes Bild von ihr: Als Jüngste verhalf sie den 3 Geschwistern, dass Jeanne, die leibliche Großmutter von ihr, sie mitnahm in die Bretagne, wo sie gemeinsam aufwuchsen konnten: Jeanne de Lu ist eine sehr starke Persönlichkeit, selbstbestimmt und freie Schriftstellerin, die Claire alles Wichtige mit auf ihren Lebensweg gibt. Besonders Ludovic brachte mich beim Familientreffen am 14. Juli durch seine trockene Bemerkung zum Lachen, solche Szenen hätte ich mir mehr gewünscht!
Mit Julie, einem klugen, aber mit 19 Jahren noch recht unsicheren jungen Mädchen, das mit Nico liiert ist, beginnen beide Frauen, die "Gewordene" und die "Werdende", sich zu verändern, was Auswirkungen auf die ganze Familie haben wird.

Die Handlung, die im Finistère verortet ist, das wundervoll und atmosphärisch von Nina George (die zeitweise dort lebt) beschrieben wird, ist stilistisch teils melancholisch, teils poetisch, auch sezierend und von einer großen Sprachkraft und -freudigkeit gekennzeichnet, dem eleganten Markenzeichen der Autorin, die einen präzisen und gefühlvoll-intensiven Sprachgebrauch ihr eigen nennt.

Claire bleibt mir jedoch über weite Strecken in ihrer Verzweiflung, sich mit Männern einzulassen, über vieles hinwegzusehen, nichts auszusprechen, fremd. Sie wird mir ab da sympathischer, als Julie "Schwimmversuche" macht und Claires Persönlichkeit für mich weichere Konturen annimmt: Sie nähert sich damit auch ihrem alter ego, wie es scheint. Eine große Rolle spielt auch ein "Talisstein", den Claire als 11Jährige fand und der sie seither begleitet - er steht für die Versteinerungen, die sie im Laufe ihres Lebens zulässt und die sie nun aufzubrechen versucht.
Der aussagekräftigste, emanzipatorischste Satz im Roman, der mir sehr gefiel, war (Zitat Jeanne de Lu, der Großmutter):

"Weder deine Zukunft noch deine Vergangenheit liegen fest. Du kannst immer wieder aus dir selbst heraus neu entstehen". (S.163)

Mit dem Sturm, der sich über dem Meer ankündigt, kommt es zum Eklat: Alle reisen nach dem gemeinsam gefeierten Nationalfeiertag des 14. Juli ab - nur eine Person kehrt zurück. Das Romanende ist ebenfalls sehr ausdrucksstark und steht für das uneingeschränkte, uneingeschränkte WERDEN einer Frau und für ihre (innere) Freiheit, dieses ICH-WERDEN voraussetzt.

Fazit:

Sinnlich, poetisch, atmosphärisch, zeitweise melancholisch: Ein Roman , der eine Hommage an die Selbstentfaltung der Frau, aber auch an die zauberhafte Bretagne und das Meer als Symbol der inneren Freiheit ist.

Veröffentlicht am 16.10.2017

Der Jasmingarten

Der Jasmingarten
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Sizilien, Anfang des 20. Jahrhunderts:

Ignazio Marra, Anwalt und Anhänger der Sozialisten, war befreundet mit dem Vater von Giosuè, der bei einem Aufstand und hinterhältigen brutalen Niederschlag der ...

Sizilien, Anfang des 20. Jahrhunderts:

Ignazio Marra, Anwalt und Anhänger der Sozialisten, war befreundet mit dem Vater von Giosuè, der bei einem Aufstand und hinterhältigen brutalen Niederschlag der Regierung sein Leben verlor und Giosuè hinterließ: Ignazio kümmerte sich nach dem Tod des Freundes um den Jungen und so wuchsen Maria, die Tochter des Anwalts und Giosuè zusammen auf. Sie verband eine enge Freundschaft, die ein Leben lang halten sollte...
Pietro Sala, der aus einer mächtigen Familie Siziliens stammt, ein Lebemann mit Sinn für alles Schöne, verliebt sich in die noch sehr junge Maria, hält um ihre Hand an - und heiratet sie schließlich.
Der Kontakt zu Giosuè, der Maria helfen möchte, sich für die Lehrerinnenprüfung vorzubereiten, reißt jedoch nicht ab und Giosuè ist fortan ein enger Freund der Familie....

So beginnt dieser Roman, der ein Gesellschaftsporträt der sizilianischen Gesellschaft ist, deren normale Bürger von Armut geprägt war und es ein großes Gefälle zwischen Aristokraten, Minenbesitzern wie den Salas und der armen Bevölkerung gab, die ob der schlechten Arbeitsbedingungen in jungen Jahren nicht selten auswanderten. Frauen wie Maria, die "nach oben" heirateten, waren dennoch oftmals schlecht gestellt und ohne Absicherung durch den Ehemann. In diesem Falle jedoch war der Schwiegervater Vito Sala gut beraten, die tatkräftige und kluge Maria trotz ihres jungen Alters in die Geschäfte einzuweihen und sie ob der Glücksspielsucht Pietros in die Verwaltung einzuführen: Sie sollte später diese leiten, um das Vermögen ihrer Kinder Anna, Vito und - viel später Rita - zu sichern, während Pietro eine Leibrente zustand.

"Der Jasmingarten" liest sich wie ein Einblick in die Welt einer wohlhabenden sizilianischen Familie, die ihr Erbe sichern will und trotz unruhiger Zeiten (der erste wie auch der zweite Weltkrieg stehen noch bevor) ein relativ gutes Leben führt; in Palazzi wohnt und durch den Besitz der Schwefelminen reich wurde. Allerdings zahlen die "Carusi", halbwüchsige Kinder, die den Hauern unterstehen und meist keine 30 Jahre alt werden, da sie unter erbärmlichsten Bedingungen unter Tage arbeiten, einen hohen Preis für diese Art von Reichtum und Wohlstand.

Der Autorin gelingt es anhand von gut recherchierten politischen Fakten, das Sizilien - und Italien von etwa 1900 bis 1950 vor den Augen des Lesers wiederauferstehen zu lassen, indem sie ein facettenreiches und farbiges wie auch politisches Bild Italiens malt, das sowohl das Erstarken der Mafia, das Elend des Südens und der Reichtum des Nordens wie auch die Zeit Mussolinis beschreibt.

In all diese Beschreibungen und politischen Umbrüche spielt die Beziehung und die große Liebe zwischen Maria und Giosuè jedoch die bedeutendste Rolle - sie besteht selbst in Kriegswirren und ist unbezwingbar, teils auch sehr sinnlich beschrieben. Maria war durch ihre Klugheit, ihr soziales Engagement und ihre starke Empathie eine Sympathieträgerin für mich, Giosuè empfand ich als widersprüchlich - da er anfangs, in einem sozialistischen Haushalt aufgewachsen, ebenfalls sozialistische Meinungen vertrat, später jedoch "mit dem Faschismus (Mussolinis) zufrieden war" (Zitat), dieser Gesinnungswandel passte nicht, zumal er jüdischer Herkunft war und es in Italien niemanden entgehen konnte, was sich in Deutschland in diesen Jahren ereignete. So wird der aufkeimende Antisemitismus, der auch in Italien jüdische Familien zur Emigration bewegt, nicht ausgespart. Auch mit innerfamiliären Streitigkeiten seitens der Schwägerinnen, die Maria ihr Erbe des Schwiegervaters nicht gönnen, fließen immer wieder thematisch mit ein, ein sicher sehr realer Hintergrund.

Wer diesen Gesellschafts- und Liebesroman interessiert liest, kann eine ganze Menge über die italienische Geschichte lernen: Die Expansionspolitik Mussolinis, die dem Faschismus in Deutschland nicht nachstand, z..B. In den Kriegswirren wird es jedoch für die Liebenden zunehmend schwieriger, sich zu sehen, wenn Maria auch inzwischen Witwe ist. Der Roman endet in den späten 1940er Jahren und die Liebe zwischen Maria und Giosuè, wie auch zu den inzwischen erwachsenen Kindern besteht fort...

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, atmosphärisch und gut zu lesen; die 49 Romankapitel sind angenehm kurz gehalten und die Sinnlichkeit und Farbenpracht, der Ausdruck von Freude und Schmerz haben ihren angestammten Platz, der den Leser in die Palazzi des beginnenden 20. Jahrhunderts zu entführen vermag, leider fiel es mir dennoch etwas schwer, eine Beziehung zu den Hauptprotagonisten aufzubauen: Ich nahm sie recht distanziert wahr, mit Ausnahme von Maria.

Fazit:

Ich schließe mich gerne der Aussage an, dass dieser Roman der in Italien sehr bekannten Autorin "ein farbiges Gesellschaftsepos und (gleichzeitig) die Geschichte einer unbezwingbaren Liebe" zwischen Maria und Giosuè ist, die in all' ihren Facetten, sinnlich, voller Freude und auch Schmerzen beschrieben wird. Jedoch steht diese große Liebe für mich zu sehr im Vordergrund und ich hätte mir mehr historische und auch soziologische Einblicke in andere Gesellschaftsschichten Italiens gewünscht; hier liegt der Blickwinkel sehr in der Perspektive der "Palazzi", dem Hause Sala u.a., deren Reichtum auf den Besitz und der Unterhaltung der Schwefelminen zurückzuführen ist. Meine Wertung: 3,5 * und 87° auf der "Histo-Couch"

Veröffentlicht am 28.06.2017

Über den Dächern von Cambridge :)

Gray
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"Gray" von Leonie Swann erschien 2017 im Goldmann-Verlag (gebunden, HC) und der Hauptakteur dieses skurrilen und sehr unterhaltsamen 'Kriminalromans' sitzt recht zufrieden und eine Erdnuss knabbernd auf ...

"Gray" von Leonie Swann erschien 2017 im Goldmann-Verlag (gebunden, HC) und der Hauptakteur dieses skurrilen und sehr unterhaltsamen 'Kriminalromans' sitzt recht zufrieden und eine Erdnuss knabbernd auf dem Cover des ansprechenden farblich passenden grau-pinken Covers.

Dr. Augustus Huff, seines Zeichens Dozent für Anthropologie und Tutor von Elliot Fairbanks, wird nach dessen Tod 'temporärer Halter' des Graupapageis Gray, den Elliot zu seinen wissenschaftlichen Sprachforschungen hielt - und versorgte, bis sein Leben in einem jähen Absturz vom Kirchturm der Chapel in Cambridge ein vorzeitiges Ende fand.

War es ein Unfall oder war es Mord? Dieser Frage geht Huff gemeinsam mit Gray auf der Schulter nach - und leuchtet das Umfeld des Studenten Elliot in einer für ihn nicht gänzlich ungefährlichen Weise auf. Er findet kompromittierende Fotos in Elliots Zimmer, auf denen in delikater Weise namhafte Professoren und Mitarbeiter des College abgebildet sind: Ist Erpressung im Spiel? Wer machte die Fotos und wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, dass diese niemals in die Öffentlichkeit - die altehrwürdige - gelangen?

Der sehr ordnungsliebende, zwangsneurotische August Huff muss aus dem durchgetakteten College-Alltag unbekannte Pfade beschreiten, um dem Mörder näher zu kommen: Hat er eine Abneigung gegen die Ordnungszahlen zwei, vier und acht sowie vor allem gegen jede Form von Schmutz oder gar Bakterien, die er mit zwanghaftem Händewaschen vom Leibe zu halten versucht, so muss er nun lernen, diese zu überwinden. Die Beschreibung Huffs, seine Gedankenpfade und das sich-aneinander-gewöhnen von Huff und Gray, der ebenfalls Ordnung liebt und sie auch braucht, da er sonst in Panik gerät, sind sehr witzig und skurril von Leonie Swann beschrieben und machen die Hauptcharakteristik dieses humorvollen Romans um den ominösen Tod eines Studenten aus; die Kriminalhandlung selbst ist gegenüber dem sprechenden Gray und den Versuchen Huffs, hier das jeweils Richtige herauszuhören, das den Fall lösen könnte, etwas nebensächlich.

Die Autorin versteht es, einen als Leser auf den "Gedankenpfaden" Huffs so einige Male - erstmal - in die falsche Richtung zu schicken; eine Reihe Tatverdächtiger zu präsentieren, die in die Liste der Verdächtigen einfließen. Zum Schluss gibt es eine unvorhersehbare Wendung und einen stimmigen Plot. Der Stil ist eingängig und leicht zu lesen, von kurzen Sätzen geprägt, etwas College-Lokalkolorit und vor allem haucht Gray diesem Roman an exakt den richtigen Stellen auf äußerst humorvolle Weise witzige Situationskomik ein, die sich in der Tat gewaschen hat.

Meine Lieblingssätze Grays sind: "Nimm ne Nuss!" (für Lob) oder
"Die Trauben kannst du dir abschminken!" - was mir einige schöne Lesestunden bescherte. Der Humor kam allerdings bei Gray sehr viel überzeugender 'rüber' als bei Dr. Augustus Huff; hier wirkte der Roman zuweilen nach meinem Empfinden etwas zu sehr 'bemüht', komisch zu sein. Gefallen haben mir die kurzen "Tagebucheinträge eines Luftikus", die die Spannung vergrößerten, da man nicht weiß, von wem sie stammen. Hier gelang es der Autorin auf pfiffige Art, den Leser auf falsche 'Gedankenpfade' zu locken...

Fazit:

Ohne die Vorgänger der Schafskrimis zu kennen, kann ich mir diese ähnlich vorstellen und hatte bei "Gray", einem skurrilen, sehr unterhaltsamen und humorvollen Kriminalroman aus der Feder Leonie Swanns durchaus einige witzige Lesestunden mit einem schrägen Ermittlerteam: Huff und Gray: Es gab spannende Kletterpartien auf altehrwürdig-historischem Cambridge-Gemäuer und einen intelligenten und aufgeweckten Graupapagei, dessen Sätze ich vermissen werde: Ich nehm jetzt ne Nuss und bedanke mich für vergnügliche Lesestunden. Ich vergebe 3,5 Erdnüsse - nein Lesesterne sowie 85 von 100 Krimikeksen auf der "Krimi-Couch" und empfehle den Roman gerne an Leonie Swann-Fans sowie allen Lesern mit einer gehörigen Portion Humor ;)

Veröffentlicht am 14.06.2026

Sprachurlaub oder die Reise zu sich selbst

Au revoir und tschüss
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Bei "Au Revoir und Tschüss" von Gudrun Lochte handelt es sich um das Début der Autorin, die erst mit Ü60 begann, zu schreiben. Erschienen ist der Roman (in wirklich außergewöhnlich toller Aufmachung, hellblauer ...

Bei "Au Revoir und Tschüss" von Gudrun Lochte handelt es sich um das Début der Autorin, die erst mit Ü60 begann, zu schreiben. Erschienen ist der Roman (in wirklich außergewöhnlich toller Aufmachung, hellblauer Farbschnitt und ein buntes Blatt in der Buchmitte, das den Markt von Uzès zeigt) im Vani-Verlag, 2026 (HC, geb., 319 S.).

Worum geht's?

Caro ist seit über 20 Jahren mit Holger verheiratet; anfangs waren beide glücklich, doch mit den Jahren und dem Alltag (die beiden Jungs sind inzwischen erwachsen) hat sich vieles verändert; Holger machte mehr und mehr Überstunden und Familienzeit war Mangelware: Das Paar lebte sich auseinander, wobei Holger als Karrierehengst dargestellt wird, der es am liebsten mag "wenn seine Frau sich um alles Übrige kümmert" und zu Hause ist. Caro arbeitet halbtags in einer Bibliothek, merkt jedoch, dass ihr Leben stagniert - sie sich selbst aus den Augen verloren hat und bucht (Freundin Holly kann es kaum glauben) eine Reise nach Südfrankreich, das sie von vielen Urlauben kennt, einen Sprachurlaub in Uzès.

Auf Verständnis oder Freude stößt sie bei ihrem Ehemann dabei nicht, jedoch reagieren die Jungs sehr positiv. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Uzès angekommen, stellt sie fest, dass der charmante und gut aussehende Mann, der ihr in Paris die gestohlene Tasche zurückgab, ihr Lehrer ist, der sie nun vier Wochen darin unterrichten wird, ihr Französisch zu perfektionieren. So reist man mit Caro (die es genießt, "endlich einmal was für sich selbst zu tun" - ohne Rücksicht auf die Familie nehmen zu müssen) nach Uzès und folgt interessiert dem Sprachunterricht, der mit vielen Außenterminen verbunden ist und bei lockerer Atmosphäre allen internationalen SchülerInnen jeglichen Alters viel Spaß macht - dem Lehrer Armand einbegriffen - in eine Gewürzmanufaktur, in ein Bistro, in einen Olivenhain usw., wo sich herausstellt, dass Armand und Caro sich zueinander hingezogen fühlen: Wird Caro einen Urlaubsflirt zulassen, ihr früheres Leben ausklammern können?

Meine Meinung:

Thematisch geht es um Mut, Lebensfreude und Selbstvertrauen. Caros Leben wurde in ihrer erstarrten Ehe eintönig und wenig glücklich: Mit Mitte 40 merkt sie, dass sie eigene Träume immer hinten angestellt hatte, sich selbst verloren hatte, um die Bedürfnisse ihrer Familie zu erfüllen (etwas, was sehr realistisch ist und worin sich so manche Frau wiederfinden dürfte). Im Gegensatz zu ihrer Freundin Holly, die geradeheraus ist und ihren Traum, ein exquisites Blumengeschäft zu eröffnen, längst verwirklichte, ist Caro sehr überlegt und braucht eine Zeit, um Entscheidungen zu fällen: Die Buchung des Sprachurlaub bedeutet ihr viel und sie nutzt die Zeit, um sich eigener Träume und Möglichkeiten zu erinnern, die sie glücklich machen. So reift in ihr der Gedanke, zurück in Deutschland einen kleinen Laden zu eröffnen, in dem sie die wunderbaren französischen Produkte der Provence verkaufen kann. Die "Stationen" die die Lerngruppe aufsuchte, fand ich sehr schön (besonders Gustave und Camille in der Gewürzmanufaktur) und vom südfranzösischen Flair ist atmosphärisch viel in diesem leichten Sommerroman zu spüren.

Die Kapitel sind kurz, leicht und sehr eingängig zu lesen; jedoch bleibt vieles trivial und auch leider vorhersehbar: Mir fehlte Tiefgang in der Handlung und den Dialogen; auch die im Grunde sympathischen Charaktere blieben flach. Es handelt sich (auch wenn ich das Thema sehr gut gewählt finde - eine Frau auf dem Weg zu sich selbst) um keine anspruchsvolle Literatur, jedoch um einen Roman, der warmherzig und atmosphärisch geschrieben wurde. Mir persönlich war alles zu vorhersehbar; die oft aufgezählten Belanglosigkeiten gefielen mir weniger und der Unterhaltungsfaktor ist m.E. sehr hoch.

Empfehlen könnte ich ihn allenfalls Frauen in Caros Alter, die sich nicht zutrauen, neue und eigene Wege zu gehen: Den Mut zu haben, aus einem erstarrten und lieblosen Alltag oder einer Beziehung heraus neue Wege zu beschreiten. Die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Da es der erste Roman der Autorin ist, sehe ich jedoch durchaus Luft nach oben - denn es ist auch mutig, relativ spät zu beginnen, Bücher zu schreiben! Von mir gibt es für den Sommerroman mit französischem Flair 3*.

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Veröffentlicht am 28.12.2025

Wenn das Leben eine Auszeit braucht ...

Drei Tage im Schnee
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Bei "Drei Tage im Schnee" handelt es sich um das Début der jungen deutschen Autorin Ina Bhatter. Der Roman ist im KiWi-Verlag erschienen (HC, geb., 169 S., 2025) und wartet mit einem sehr winterlichen, ...

Bei "Drei Tage im Schnee" handelt es sich um das Début der jungen deutschen Autorin Ina Bhatter. Der Roman ist im KiWi-Verlag erschienen (HC, geb., 169 S., 2025) und wartet mit einem sehr winterlichen, stimmungsvollen Cover auf, das mit dem Inhalt sehr gut harmoniert.

Worum geht's?

Hanna, Mitte 30, geht es gar nicht gut und so beschließt sie, eine Auszeit zu nehmen und mietet sich weitab auf dem Land für 3 Tage ein Häuschen. Sie ist eine erfolgreiche Leiterin der Pressestelle eines großen Unternehmens, gut situiert, Stadtmensch und hat einige FreundInnen: Dennoch ist alle Farbe aus ihrem (recht gehetzten, wie mir schien) Leben gewichen. Ob sie die drei Tage für sich nutzen kann, um wieder mehr Farbe in ihr Leben zu bringen?

Meine Meinung:

Man begleitet als LeserIn eine junge erfolgreiche Frau, die vieles erreicht hat, jedoch einen hohen Preis bezahlte: Sie hat sich immer mehr von sich selbst entfernt und in diesen schneereichen, winterlichen Tagen, die sie bewusst alleine verbringt, möchte sie herausfinden, worin die Gründe liegen, dass sie sich schlecht fühlt. Ihr begegnet ein Kind, das am nahen See die beste Stelle sucht, um einen Schneeengel zu machen; Hanna schließt sich ihr schlussendlich an und sollte zusammen mit Sophie, wie das kleine Mädchen heißt, noch anderes Schönes entdecken, das wieder Leichtigkeit und Freude in ihr Leben zurückbringen kann (z.B. ein Schneinhorn bauen, Spaziergänge, weiße Schokolade trinken u.a.). Sophie stellt Fragen, die Hanna sich selbst und dem Kind zu beantworten sucht und dadurch erkennt, was in Zukunft anders laufen sollte in ihrem Leben.

So ist die 1. Priorität ihre Arbeit, der sie alles unterordnet. Mir erschien sie im Grunde wie ein Workaholic, da sie schlecht Gedanken an die Arbeit aus ihrem Kopf verbannen kann (e-Mails zu checken, Präsentationen vorbereiten). Dadurch rückt alles, was im Leben eigentlich sehr wichtig sein sollte (Freunde, Familie, freie Zeit in der Natur verbringen, die Macht der Geschichten (Bücher) zu erkennen und Dinge zu tun, die Freude bringen) weit in den Hintergrund. Bzw. dafür ist eigentlich nie die rechte Zeit. Es gibt Stellen im Roman, die durchaus kritisch sind (die Werbung betreffend, die uns Träume verkaufen will; das Kaufen von Kleidung oder anderen Dingen, die man im Grunde nicht braucht etc.), jedoch fand ich vieles leider sehr klischeehaft: Da ich Klischees nicht sonderlich mag und auch eine gewisse Spannung oder auch neue Erkenntnisse, Interessantes für mich fehlten, hatte ich den Eindruck, dass dieses Buch nicht für mich geschrieben wurde (auch wenn ich die Botschaften, die auch darin enthalten sind, sehr positiv finde).

Es geht um Selbst- und Fremdbestimmung - und sehr viel um Selbsterkenntnis, sich gesellschaftlichem Druck nicht komplett unterzuordnen, sich selbst und eigene Wünsche niemals aus den Augen zu verlieren. Hanna wirkte auf mich wie jemand, der eine Reha in einer burn-out Klinik sicher guttun würde; auch wünsche ich der Protagonistin, dass es ihr gelingen mag, wieder mehr Farbe in ihr zwar erfolgreiches, aber auch tristes Leben zu bringen. Tatsächlich geht es in unserer (Arbeits-)Welt viel zu oft um Selbstoptimierung, statt um Selbstfindung und Selbstfürsorge. Lebt man viele Jahre in ständiger Überforderung, kann es da wirklich zu einer Überforderung mit Krankheitsfolgen kommen. Sollte es aber nicht.

Ich kann den Roman allen empfehlen, die sich an dieser Grenze zur (beruflichen oder auch privaten) Überforderungsgefahr - besonders auf Dauer - 'entlanghangeln' und etwas für sich selbst tun sollten: Den ersten Schritt in die richtige Richtung; nämlich der zu sich selbst. Mir war es leider insgesamt zu klischeebehaftet, in sehr einfacher Sprache geschrieben (wenn auch recht atmosphärisch mit viel Winterflair) und erreichte mich leider nur peripher, da er keine neuen Erkenntnisse brachte. 3*

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