Leben und Überleben im Sudan
Eddos goldenes LächelnStella Gaitanos Debütroman „Eddos goldenes Lächeln“ verknüpft die tragische Geschichte des Sudan in den 1980er und 1990er Jahren mit den Lebensgeschichten zweier Frauengenerationen.
Lucy wächst in einem ...
Stella Gaitanos Debütroman „Eddos goldenes Lächeln“ verknüpft die tragische Geschichte des Sudan in den 1980er und 1990er Jahren mit den Lebensgeschichten zweier Frauengenerationen.
Lucy wächst in einem kleinen südsudanesischen Dorf auf. Sie ist das erste von 10 Kindern ihrer Mutter Eddo, die überlebt hat. Aus Angst, auch sie an den Tod zu verlieren, gibt ihre Mutter ihr den abfälligen Namen „Irinu“.
Nach dem Tod ihrer Mutter Eddo heiratet Lucy Marco. Das Paar flieht vor den eskalierenden gewaltsamen Konflikten vom Süden in den muslimisch geprägten Norden, nach Khartum. Sie finden Unterschlupf bei Marcos Freund Peter und seiner Familie.
„Peters großes Haus war stets offen für Gäste, für die ganze Familie, für Freunde und Bekannte, für Studenten und für Leute, die sich in der Stadt behandeln lassen wollten, Besucher, die kamen und blieben, solange sie wollten, und wenn sie wieder gingen, waren wir genauso unverändert wie die Mauern, die Zimmer und der große Hof.
Peter beschwerte sich nie und fühlte sich nie beengt. Er war großzügig wie ein echter Vater, und er war glücklich, weil er allen ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit geben konnte. Das zumindest sagte er stets, wenn wir unsere geheimen Gespräche führten, weitab vom Getratsche der Gäste und dem Lärmen der Kinder und Frauen; besonders wenn er merkte, dass es mir unangenehm war, keine feste Arbeit zu finden, sodass ich nicht mit meiner Familie in ein eigenes Haus ziehen konnte, obwohl Lucy sein Haus wie eine Katze mit Kindern überflutet hatte.
‚Marco, du musst eines wissen: Du betrachtest die Sache natürlich vom finanziellen Standpunkt aus. Aber ehrlich gesagt, fühle ich mich durch deine Anwesenheit auch sicher und bin froh darüber. Ein Mann braucht einen Mann an seiner Seite, und du bist genau dieser Mann, den ich gewählt habe. Der Zufall wollte es, dass wir in dieser Welt alleine sind. Also, warum bilden wir dann keine Familie? Du bist mein Bruder, das ist alles, was ich will, auch wenn wir nicht aus demselben Bauch kommen. Die Welt ist wie ein großer Bauch, in dem wir alle Geschwister sind.‘“
Lucy vermisst ihr Dorf, das Leben in der Stadt ist schwer für sie. Erst als sie in Peters Frau Thereda eine Freundin findet und sie zahlreiche Kinder bekommt, findet sie ihren Platz. Die Sehnsucht nach ihrem Heimatdorf verlässt sie dendoch nicht. Doch die politischen Unruhen machen auch vor der Hauptstadt keinen Halt und bedrohen ihre Existenz.
„Ich kann alle Gerichte zubereiten, mit Zwiebeln, Öl und Gewürzen, wie Theresa es mir beigebracht hat, aber ich hatte ständig Hunger. Ich sehnte mich danach, Gemüse in Salzwasser zu kochen und es einfach so hinunterzuschlucken, solange die Blätter noch knackig waren. Erst nachdem ich den festen heißen Hirsebrei auf den Teller gegeben und in großen Bissen in mich gestopft hatte, bis mir der Schweiß herabfloss, hatte ich das Gefühl, wirklich satt zu sein.
Der Hunger in meinem Bauch war jedoch nicht der einzige Hunger, unter dem ich litt. Meine Augen hungerten danach, das Dorf zu sehen, seine Wälder und Getreidefelder. Meine Ohren hungerten nach dem Muhen der Kühe, dem Meckern der Ziegen auf den Weiden und den Rufen der Nachbarinnen durch die Schilfrohrwände hindurch. Sie waren hungrig danach, die Trommeln zu hören, das Rauschen der Bäume und das Rollen des Donners. Mein Herz hungerte danach, die Menschen dort zu treffen, meine Seele hungerte danach, das Grab meiner Mutter und die Gräber meine Geschwister zu berühren. Mein Rücken hungerte danach, die Säuglinge zu tragen und zu wiegen. Meine Hände hungerten danach, die Früchte zu pflücken und den Boden zu pflügen. Meine Füße hatten Hunger danach, die Entfernung zwischen dem Fluss und dem Dorf zurückzulegen. Mein Kopf hungerte danach, das schwere Wasser und das Brennholz zu tragen. Seit ich in dieses Land gekommen bin, bin ich immer hungrig. Aus meinem Dorf zu fliehen und die Sonne hinter mir zu lassen, die jeden Tag in der gleichen Richtung aufgeht und sich hinter den Bergen und Wäldern wieder zurückzieht, war das Schlimmste, was mir je in meinem Leben passiert ist. Ich habe mein gutes Leben hinter mir gelassen, den Regen, die Nahrungsmittel, die Tiere, Häuser und Menschen. Aber der Krieg ist natürlich noch schrecklicher.“
Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven; dabei ist zu Beginn des Kapitels nicht immer sofort klar, wer gerade erzählt; das erfordert höchste Aufmerksamkeit. Dafür bekommt der Roman durch die verschiedenen Blickwinkel noch mehr Intensität.
„Eddos goldenes Lächeln“ ist ein bewegender, intensiver Roman über Krieg, Flucht und Traumata, patriarchale Gewalt und Emanzipation. Auch das Thema Mutterschaft wird thematisiert. Besonders die starken Frauenfiguren haben mich sehr berührt.
Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚