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Veröffentlicht am 07.07.2026

Von Machtdurst und Liebeshunger

Die Liebeshungrigen
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Dan Lehman, Mitte 60, ist depressiv, alkoholsüchtig und abhängig von Beruhigungsmitteln. Nach fünf Jahren chaotischer Amtszeit als französischer Staatspräsident wurde er vor etwa einem Jahr abgewählt und ...

Dan Lehman, Mitte 60, ist depressiv, alkoholsüchtig und abhängig von Beruhigungsmitteln. Nach fünf Jahren chaotischer Amtszeit als französischer Staatspräsident wurde er vor etwa einem Jahr abgewählt und steht mittlerweile im politischen Abseits. Nun droht er, komplett in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Sein Buch, das er als Romanbiografie angelegt hat, bleibt hinter den Erwartungen. In seiner Ehe lief es schon besser. Seine 25 Jahre jüngere Frau, die deutschstämmige Hilda Müller, hingegen feiert als Schauspielerin ein Karrierehoch. Und das ist noch nicht alles, was Lehman gegen den Strich geht…

„Die Liebeshungrigen“ ist ein Roman von Karine Tuil.

Der Roman rechnet mit der gesellschaftlichen und politischen Elite Frankreichs ab, insbesondere mit den Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Es geht um Eitelkeiten und Körperkult, um Machtstreben und -missbrauch, um den Kampf um Aufmerksamkeit, um Intrigen, Täuschungsmanöver und Gehässigkeiten. Dabei zeigt die Geschichte auf, wie verlogen und trügerisch die Politik- und Medienbranche ist und wie schnell die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Sie macht zudem klar, welche zerstörerischen Auswirkungen die Scheinwelt und welche Schattenseiten der Ruhm haben können.

Auf knapp 400 Seiten liefert der Roman eine interessante und kluge Analyse der modernen Gesellschaft Frankreichs. In unterhaltsamer, bissiger und teils humorvoller Manier, aber mit Anspruch legt er die Finger in mehrere Wunden. Er entlarvt unter anderem moralische Verkommenheit, menschliche Abgründe, misogyne Strukturen und die Korrumpiertheit der Eliten. Persönliche Dramen und Schicksale verleihen der Geschichte zusätzliche Würze.

Protagonist Dan Lehman ist eine fiktive Figur, wirkt aber wie eine etwas verfremdete Mischung der Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und François Hollande. Auch weitere Charaktere zeigen Parallelen zu tatsächlichen Persönlichkeiten. Dennoch handelt es sich nicht um einen Schlüsselroman im eigentlichen Sinne. Stattdessen werden die Figuren erstaunlich facettenreich und detailliert gezeichnet.

Die Geschichte gliedert sich in drei Teile mit insgesamt 67 kurzen Kapiteln, in personaler Perspektive verfasst, und weiteren umnummerierten Kapiteln, erzählt in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Lehmans Ex-Frau, Marianne Bassani. Diese Komplexität schlägt sich erfreulicherweise auch in stilistischer Varianz nieder.

In anderer Hinsicht hat mich die Sprache des Romans ebenfalls überzeugt. Die Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch ist angenehm unauffällig.

Der deutsche Titel weicht erheblich ab vom französischen Original („La guerre par d'autres moyens“), das ich wesentlich treffender formuliert finde. Unglücklich ist meiner Ansicht nach zudem, dass das deutsche Cover mit KI erstellt wurde.

Mein Fazit:
Erneut ist Karine Tuil ein überzeugender Gegenwartsroman gelungen, der Missstände der modernen Gesellschaft schonungslos offenlegt und menschliches Verhalten kritisch beleuchtet. Dabei hat mich „Die Liebeshungrigen“ sehr gut unterhalten. Definitiv empfehlenswert!

Veröffentlicht am 30.06.2026

Die Weite des Meeres und die Enge der Insel

John of John
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Vier Jahre ist es her, dass der 22-jährige Cal, eigentlich John-Calum Macleod oder auch John of John of Iain of Iain the Breabadair, die Gemeinde Falabay auf der Insel Harris am äußersten Rand Schottlands ...

Vier Jahre ist es her, dass der 22-jährige Cal, eigentlich John-Calum Macleod oder auch John of John of Iain of Iain the Breabadair, die Gemeinde Falabay auf der Insel Harris am äußersten Rand Schottlands verlassen hat. Für ein Kunststudium am College in Edinburgh hat er seiner Heimat, den Hebriden, den Rücken zugekehrt und wollte danach nicht mehr zurück. Doch der Gesundheitszustand seiner Großmutter Ella, eigentlich Eleanor Morrison, hat sich scheinbar verschlechtert. Deshalb hat ihn sein Vater John (46), gläubiger Presbyterianer und Diakon der Kirche, zurück nach Hause beordert. Was beide nicht wissen: Sie halten jeweils ein großes Geheimnis vor dem anderen verborgen.

„John of John“ ist ein Roman von Douglas Stuart.

Erzählt wird die Geschichte in 26 Kapiteln aus personaler Perspektive, vorwiegend aus der Sicht von Cal. Der Roman spielt hauptsächlich auf einer kleinen Insel mit einer engen gesellschaftlichen Ordnung.

Das dominierende Thema ist Homosexualität in einem sehr homophoben, religiös geprägten Umfeld. Die Geschichte zeigt auf, was passiert, wenn gleichgeschlechtliche Liebe weder ausgelebt noch akzeptiert wird: das Ausbleiben tiefergehender Gespräche, Geheimniskrämerei, Einsamkeit, emotionale Verletzungen, empfundene Ohnmachtsgefühle und einiges mehr. Dabei liegt der Fokus vor allem auf den innerfamiliären Konflikten und Beziehungen.

Eindrucksvoll bringt der Roman die Kunst des Webens nahe, eine traditionelle, aber auch anspruchsvolle Handarbeit. Er schildert, unter welch‘ recht prekären Umständen der typische Harris-Tweed hergestellt wird. Darüber hinaus beschreibt er anschaulich das karge Inselleben und die raue Natur der Hebriden.

Es sind vor allem die männlichen Figuren, Vater John und Sohn Cal, die die Geschichte dominieren. Zwei Charaktere, die zwar ein wenig klischeehaft wirken, ich aber aufgrund ihrer Fehler und Kanten als interessant empfunden habe.

Auf den rund 550 Seiten entfaltet sich die Geschichte in einem gemächlichem Tempo. Erst nach und nach wird die Vergangenheit von Vater und Sohn ausgebreitet. Zwar hat der Roman mehrere überraschende Momente. Besonders fasziniert hat mich allerdings, wie entschleunigend und berührend die Geschichte ist.

Der Text ist wunderbar unaufgeregt und zugleich sehr eindringlich und atmosphärisch. Immer wieder finden sich tolle Sprachbilder. Gälische Sätze und Einstreuungen, die übersetzt werden, verleihen den Dialogen Authentizität.

Mein Fazit:
Wieder einmal hat es Douglas Stuart geschafft, mich emotional zu bewegen und meinen Horizont zu erweitern. „John of John“ ist ein einnehmender, sehr lesenswerter Roman. Ein Highlight im Frühjahr 2026!

Veröffentlicht am 23.05.2026

Ein Dinodrama im Neubaugebiet

Hilfe, zu viele Saurier!
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Viertklässler Sören hat einen Wunsch: Er will sich mit seinem beliebten, coolen Mitschüler Tommy Herrlich anfreunden. Auf dem Flohmarkt findet der Neunjährige ein „Giganten der Urzeit“-Set, mit dem er ...

Viertklässler Sören hat einen Wunsch: Er will sich mit seinem beliebten, coolen Mitschüler Tommy Herrlich anfreunden. Auf dem Flohmarkt findet der Neunjährige ein „Giganten der Urzeit“-Set, mit dem er den Klassenkameraden beeindrucken will. Für Tommy ist die Aussicht auf Urzeitwasserflöhe allerdings nicht verlockend. Doch nur einen Tag später taucht in dem Neubaugebiet, in dem Tommy und Sören wohnen, nicht ein kleiner Urzeitkrebs, sondern ein großer Dinosaurier auf. Und dabei soll es nicht bleiben…

„Hilfe, zu viele Saurier!“ ist der zweite Band der neuen Fantasyreihe von Mars-Leo Frei, empfohlen für Kinder ab acht Jahren.

Das Buch besteht aus 13 Kapiteln, denen ein allgemeiner Prolog vorangestellt wird, um die Reihe zu erklären. Daher ist die Geschichte auch unabhängig von den sonstigen Bänden lesbar. Zudem endet das Buch mit einer Art Epilog. Erzählt wird aus der Perspektive von Sören.

Zum Konzept der Reihe gehört es, jeden Band einem anderen Schüler beziehungsweise einer anderen Schülerin der Klasse 4b der Henriette-Haumichnich-Schule zu widmen. Diesmal steht Sören im Fokus, ein etwas schüchterner und sympathischer Protagonist.

Auf den knapp 150 Seiten hat die Fantasygeschichte einen hohen Unterhaltungswert. Die Verknüpfung der realen Welt mit den wieder zum Leben erweckten, plötzlich auftauchenden Dinos sorgt für eine interessante Mischung. Die Umsetzung ist kreativ und fesselnd. Es gibt immer wieder spannende und abenteuerliche Momente, aber auch witzige Szenen.

Zugleich behandelt das Buch auf einfühlsame Weise wichtige Themen, die Kinder dieser Altersgruppe beschäftigen können: das Schließen von Freundschaften, der Umgang mit Geschwistern und das Lösen von Problemen.

Der Text von Mars-Leo Frei ist auf den Wortschatz von Grundschülern abgestimmt und für die Zielgruppe gut verständlich. Ein besonderes Vergnügen sind die lustigen Sprachspielereien.

Die liebevollen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Daniela Kohl haben mir ebenfalls gut gefallen. Sie sind sehr ansprechend gestaltet und ergänzen den Text wunderbar.

Mein Fazit:
„Hilfe, zu viele Saurier!“ ist eine rasante, witzige und spannende Fortsetzung der neuen Reihe von Mars-Leo Frei. Gerne mehr davon! Wir sind bereits gespannt auf den dritten Band.

Veröffentlicht am 19.05.2026

In der Praxis ist viel los

Willkommen beim Kinderarzt
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In der Praxis vom Kids.Doc, dem Kinderarzt, ist eine Menge los. Das Wartezimmer ist voll. Ein Mädchen hat Husten, eine Junge eine Verletzung. Und es stehen heute Impfungen und Vorsorgetermine an.

„Willkommen ...

In der Praxis vom Kids.Doc, dem Kinderarzt, ist eine Menge los. Das Wartezimmer ist voll. Ein Mädchen hat Husten, eine Junge eine Verletzung. Und es stehen heute Impfungen und Vorsorgetermine an.

„Willkommen beim Kinderarzt“ ist ein Pappbilderbuch für Kleinkinder ab zwei Jahren.

Das Buch bereitet auf den Gang zum Kinderarzt vor und ist als begleitende Lektüre für den Termin in der Praxis gedacht. Dabei geht es darum, Ängste zu nehmen und Mut zu machen. Das erklärt der Facharzt für Kindermedizin in seinem Vor- und Nachwort.

Das Buch besteht aus 22 Seiten mit Text- und Bildelementen. Dargestellt werden verschiedene Szenen in einer Kinderarztpraxis.

Das Bilderbuch erzählt davon, wie sich Co-Autor Dr. Vitor Gatinho, genannt Kids.Doc, um seine kleinen Patienten kümmert und ein Besuch dort abläuft. Neben dem dargestellten Mediziner, der auf einer wahren Person basiert, tauchen in der Geschichte etliche fiktive Figuren auf, die die Diversität in der Gesellschaft erfreulicherweise gut aufgreifen.

Abgedeckt werden die häufigsten Gründe für den Arztbesuch: Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Verletzungen und die typischen Kinderkrankheiten.

Spielerisch werden die Kleinen an eine Praxis herangeführt. Es sind sieben Gegenstände auf den Seiten abgebildet, die wie bei einem Wimmelbuch gesucht werden können.

Der Text von Sandra Grimm ist altersgerecht und liebevoll formuliert. Er ist leicht verständlich und ausführlich genug, aber nicht überfordernd. Sehr hilfreich sind vor allem die separaten Tipps in den Sprechblasen.

Die hübschen, kindgerechten Illustrationen von Iris Hardt haben mich ebenfalls überzeugt. Sie wirken modern und warmherzig.

Mein Fazit:
„Willkommen beim Kinderarzt“ ist ein empfehlenswertes Bilderbuch aus stabiler Pappe, das besonders kleine Kinder auf liebevolle Art auf Termine in der Praxis vorbereitet und sich gut als erster Einstieg in das Thema eignet. Sehr anschaulich und durchdacht!

Veröffentlicht am 19.05.2026

Das Leben im Zeitraffer

Die Mitternachtsreise
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Mit Maggie, seiner großen Liebe, hatte Wilbur Budd die Zeit seines Lebens. Ihre Flitterwochen in Venedig im August 1974 krönten ihr Glück. Damals ahnte der Buchhändler noch nicht, dass sie ihn verlassen ...

Mit Maggie, seiner großen Liebe, hatte Wilbur Budd die Zeit seines Lebens. Ihre Flitterwochen in Venedig im August 1974 krönten ihr Glück. Damals ahnte der Buchhändler noch nicht, dass sie ihn verlassen wird. 52 Jahre später, im Alter von mehr als 80 Jahren und im Moment seines Todes, erwartet ihn der Mitternachtszug, um mit Wilbur eine unglaubliche Reise in die Vergangenheit zu unternehmen…

„Die Mitternachtsreise“ ist ein Roman von Matt Haig. Er ist keine Fortsetzung von „Die Mitternachtsbibliothek“ im eigentlichen Sinne, ist aber im Kosmos des Bestsellers verortet.

Erzählt wird die Geschichte in knapp 100 kurzen Kapiteln. Sie beginnt mit einer Art Prolog. Dabei umspannt die Handlung viele Jahrzehnte. Immer wieder gibt es Zeitsprünge.

Auf der inhaltlichen Ebene widmet sich der Roman erneut den existenziellen Fragen. Wie in „Die Mitternachtsbibliothek“ stellt sich insbesondere eine: Wie hätte das Leben anders verlaufen können? Diesmal geht es aber vor allem um zweite Chancen, falsche Prioritäten und das, was man im Alter bereut. Zwar sind Botschaften wie die, dass Erfolg alleine nicht glücklich macht, nicht neu. Dennoch schafft es der Autor zum wiederholten Mal, zum Nachdenken anzuregen.

Auf den etwas mehr als 300 Seiten ist die Geschichte zugleich kurzweilig und unterhaltsam. Dabei enthält sie auch immer wieder bewegende Szenen.

Wie bei den früheren Romanen des Autors, beinhaltet die Geschichte fantastische Elemente, dystopische Anteile und magischen Realismus. Der Mitternachtszug kann sowohl wörtlich als auch als sinnige Metapher verstanden werden.

Die Sprache ist zwar nicht spektakulär, aber angenehm unaufgeregt und wunderbar anschaulich. Die eingestreuten Briefe lockern den Text auf. Gut gefallen haben mir auch die unaufdringlichen Referenzen auf Literatur, Musik und Film.

Das hübsche, deutsche Hardcover ist aufwendig und mit Liebe gestaltet, zum Beispiel mit im Dunklen leuchtenden Details. Der Titel ist ans englischsprachige Original („The Midnight Train“) angelehnt, aber nicht wortwörtlich übersetzt.

Mein Fazit:
Mit „Die Mitternachtsreise“ ist Matt Haig wieder einmal ein tiefgründiger, warmherziger und berührender Roman gelungen, der meinen Erwartungen in Gänze gerecht geworden ist. Ein Lesehighlight 2026!