Von Machtdurst und Liebeshunger
Die LiebeshungrigenDan Lehman, Mitte 60, ist depressiv, alkoholsüchtig und abhängig von Beruhigungsmitteln. Nach fünf Jahren chaotischer Amtszeit als französischer Staatspräsident wurde er vor etwa einem Jahr abgewählt und ...
Dan Lehman, Mitte 60, ist depressiv, alkoholsüchtig und abhängig von Beruhigungsmitteln. Nach fünf Jahren chaotischer Amtszeit als französischer Staatspräsident wurde er vor etwa einem Jahr abgewählt und steht mittlerweile im politischen Abseits. Nun droht er, komplett in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Sein Buch, das er als Romanbiografie angelegt hat, bleibt hinter den Erwartungen. In seiner Ehe lief es schon besser. Seine 25 Jahre jüngere Frau, die deutschstämmige Hilda Müller, hingegen feiert als Schauspielerin ein Karrierehoch. Und das ist noch nicht alles, was Lehman gegen den Strich geht…
„Die Liebeshungrigen“ ist ein Roman von Karine Tuil.
Der Roman rechnet mit der gesellschaftlichen und politischen Elite Frankreichs ab, insbesondere mit den Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Es geht um Eitelkeiten und Körperkult, um Machtstreben und -missbrauch, um den Kampf um Aufmerksamkeit, um Intrigen, Täuschungsmanöver und Gehässigkeiten. Dabei zeigt die Geschichte auf, wie verlogen und trügerisch die Politik- und Medienbranche ist und wie schnell die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Sie macht zudem klar, welche zerstörerischen Auswirkungen die Scheinwelt und welche Schattenseiten der Ruhm haben können.
Auf knapp 400 Seiten liefert der Roman eine interessante und kluge Analyse der modernen Gesellschaft Frankreichs. In unterhaltsamer, bissiger und teils humorvoller Manier, aber mit Anspruch legt er die Finger in mehrere Wunden. Er entlarvt unter anderem moralische Verkommenheit, menschliche Abgründe, misogyne Strukturen und die Korrumpiertheit der Eliten. Persönliche Dramen und Schicksale verleihen der Geschichte zusätzliche Würze.
Protagonist Dan Lehman ist eine fiktive Figur, wirkt aber wie eine etwas verfremdete Mischung der Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und François Hollande. Auch weitere Charaktere zeigen Parallelen zu tatsächlichen Persönlichkeiten. Dennoch handelt es sich nicht um einen Schlüsselroman im eigentlichen Sinne. Stattdessen werden die Figuren erstaunlich facettenreich und detailliert gezeichnet.
Die Geschichte gliedert sich in drei Teile mit insgesamt 67 kurzen Kapiteln, in personaler Perspektive verfasst, und weiteren umnummerierten Kapiteln, erzählt in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Lehmans Ex-Frau, Marianne Bassani. Diese Komplexität schlägt sich erfreulicherweise auch in stilistischer Varianz nieder.
In anderer Hinsicht hat mich die Sprache des Romans ebenfalls überzeugt. Die Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch ist angenehm unauffällig.
Der deutsche Titel weicht erheblich ab vom französischen Original („La guerre par d'autres moyens“), das ich wesentlich treffender formuliert finde. Unglücklich ist meiner Ansicht nach zudem, dass das deutsche Cover mit KI erstellt wurde.
Mein Fazit:
Erneut ist Karine Tuil ein überzeugender Gegenwartsroman gelungen, der Missstände der modernen Gesellschaft schonungslos offenlegt und menschliches Verhalten kritisch beleuchtet. Dabei hat mich „Die Liebeshungrigen“ sehr gut unterhalten. Definitiv empfehlenswert!