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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.06.2020

Leises Sterben

Kostbare Tage
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Kent Harufs Werk „ Kostbare Tage“ wurde aus dem Amerikanischen übersetzt und repräsentiert in vielerlei Hinsicht eine typische amerikanische Kleinstadt, mit Bewohnern, die noch niemals gereist sind, aber ...

Kent Harufs Werk „ Kostbare Tage“ wurde aus dem Amerikanischen übersetzt und repräsentiert in vielerlei Hinsicht eine typische amerikanische Kleinstadt, mit Bewohnern, die noch niemals gereist sind, aber bei auftauchenden Problemen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Eigenschaften, die in Deutschland zunehmend verloren gehen. Auch die Funktion der Kirche dort wird gut herausgearbeitet.
Was will uns der Autor aufzeigen? Eine ländliche Idylle mit einfach gestrickten Menschen, die sich in ihr eigenes Schicksal und das anderer Menschen ergeben. Der Autor arbeitet in ruhigen und einfachen Worten die Situation um den krebskranken Dad Lewis, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, heraus. Er präsentiert Menschen in ihrem normalen Alltag mit den Problemen, aber auch Freude und Glück. Dabei werden die unterschiedlichen Nachbarn gegenübergestellt.
Das qualvolle Sterben wird detailliert beschrieben und konfrontiert den Leser mit seinem eigenen möglichen „Abgang“. Dad muss sein Erbe regeln. Dabei kommen viele Erinnerungen in sein Gedächtnis, die den Abschied umso schwerer machen. Zwar kümmern sich seine Frau Mary und seine Tochter Lorraine aufopfernd um ihn, aber sein homosexueller Sohn Frank ist vor der engstirnigen Enge der Kleinstadt geflohen und will nichts mehr mit seinen Eltern zu tun haben.
Die Thematik, das Sterben eines Menschen wir gut und unspektakulär in Szene gesetzt. Schuld und Vergebung, Hass, Verbundenheit und Pflichtbewusstsein werden angetippt. Diese Probleme existieren in Jedermanns Leben und machen das Werk universell. Es ist keine einfache Urlaubslektüre, sondern soll, trotz aller Banalität, zur Selbstreflexion anregen.

Veröffentlicht am 09.07.2026

Moral in Extremsituationen

Insel der Ratten
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Jo Nesbos neues Werk mit dem Titel “Insel der Ratten“ wird perfekt durch das düstere und unheimliche Cover repräsentiert, zusätzlich zu dem gruseligen und angsteinflößenden Titel.
Wir werden in eine brutale, ...

Jo Nesbos neues Werk mit dem Titel “Insel der Ratten“ wird perfekt durch das düstere und unheimliche Cover repräsentiert, zusätzlich zu dem gruseligen und angsteinflößenden Titel.
Wir werden in eine brutale, dystopische Welt voller Chaos katapultiert, denn nach einer erschreckenden Pandemie kommt es zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems. Armut, Gewalt und das Recht des Stärkeren herrschen vor, und nur die Reichen können sich wirklich retten, denn marodierende Banden beherrschen das Leben. Massenarbeitslosigkeit und somit Perspektivlosigkeit könnten zum totalen Untergang führen.
Der sehr reiche Unternehmer, Colin Lowe, kann sich mit seiner Familie auf seine Insel der Ratten retten, denn das Leben in der Stadt wird immer gefährlicher. Colins Sohn, Brad, der Chef der “Chaosbande“ schreckt jedoch vor keiner Grausamkeit zurück, Moralische Bedenken sind ihm egal, als er Will, den Freund seines Vaters, angreift und dessen Tochter Amy tötet.
Will ist der Protagonist des Werkes. Er ist Jurist, und versucht immer, gerecht und fair zu handeln. Tötet er, um nicht selbst getötet zu werden? Er ist die einzige Figur, mit der ich mich ein wenig identifizieren kann.
Es gelingt ihm, Brad in seine Gewalt zu bringen und somit ein Faustpfand zur Erpressung zu haben. Er entwickelt einen cleveren Plan!
Nesbo baut die Spannung durch schnelle Szenenwechsel auf. Die Neugier des Lesers bleibt bis zum Schluss erhalten, denn wichtige Infos werden nur scheibchenweise lanciert.
Die Story wird abwechselnd von Will und Yvonne, die zur Chaosgang gehört, erzählt. Beide haben eine extrem unterschiedliche Empfindung hinsichtlich der Ereignisse, aber beide lancieren brutale Fakten und Szenarien.
Das Ende hat mich überrascht, obwohl es nachvollziehbar ist. Die rasante, psychologische Spannung und die gut lesbare, ausgeklügelte Schreibweise machen das Werk zu einem Pageturner, obwohl brutalste Szenen vorkommen, die seichte Gemüter schocken könnten.
Das Werk hat mich sehr schockiert, aber dadurch zum Nachdenken angeregt, wie brutal Menschen in Extremsituationen reagieren können. Da es zur extremen Brutalität einen süchtig machenden Lesefluss „aufzwingt“, bewerte ich diesen Thriller mit 4 Punkten.

Veröffentlicht am 02.06.2026

Ein spannender Tech-Thriller

Code Null. Dieses Spiel kennt keine Regeln
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“Code Null“ passt perfekt zu diesem Thriller des bekannten Autors, Florian Schwiecker, der mit diesem Werk eine Ära, der von ihm geschaffenen KI-Romane, einleitet. Das düstere und kühle Cover in Schwarz- ...

“Code Null“ passt perfekt zu diesem Thriller des bekannten Autors, Florian Schwiecker, der mit diesem Werk eine Ära, der von ihm geschaffenen KI-Romane, einleitet. Das düstere und kühle Cover in Schwarz- und schreienden Hell-Lila-Tönen führt perfekt in die Atmosphäre um Technologie ein.
Inhaltlich geht es um die Terrorgruppe “Timeout“, die das europäische Satellitennavigationssystem Galileo manipulieren kann und plant, Berlin oder auch größere Bereiche ins Chaos zu stürzen. Die Thematik ist erschreckend realistisch und macht deutlich, wie wir uns im Griff moderner Technik befinden. Können Geheimdienste und Hacker die Terroristen aufhalten? Dazu wird die von Charlie, einer sehr perfekten IT-Spezialistin, entwickelte, selbstlernende KI, namens KIM eingesetzt.
Aber auch KIM ist nicht fehlerfrei, denn beim Lösen komplexer Probleme können auch ihr Fehler unterlaufen. Somit ergibt sich die sehr aktuelle Frage, ob man sich einer Maschine ausliefern kann und will?
Die Protagonistin Charlie lebt zwar isoliert in ihrer eigenen Welt, symbolisiert aber nicht die typische Nerd-Persönlichkeit.
Sie kommt sehr menschlich und auch an sich selbst zweifelnd rüber. Dadurch ist Identifikation möglich.
Schwieckers klarer und teilweise bildhafter Schreibstil ermöglicht es Nicht-IT-lern, einen Zugang zur Thematik zu finden. Die technischen Termini könnten aber in einem Anhang erklärt werden.
Die Geschichte wirkt sehr realistisch und schafft Tempo durch geschickte Rückblicke, gelegentlichen Perspektivwechsel, wobei auch der Hacker zu Wort kommt, und kurze Kapitel.
Den Start empfand ich als eher langatmig, aber nach 100 Seiten nimmt die Aktion an Fahrt auf. Das Ende ist wohl bewusst offen gehalten, da eine Serie geplant ist.
Ich vergebe nur 4 Punkte, da die Handlung nicht besonders überraschend ist, und oft nur Ereignisse aneinandergereiht sind. Generell ist das Werk interessant für Personen, die Tech-Thriller lieben.

Veröffentlicht am 28.05.2026

Auggie der Antityp

Sunset Flip
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Bei Aufenthalten in den USA habe ich mich immer über die Wrestlingbegeisterung gewundert. Ja, es wird in vielen Highschools sogar als Sportkurs angeboten.
Da ich mich näher mit dieser Thematik befassen ...

Bei Aufenthalten in den USA habe ich mich immer über die Wrestlingbegeisterung gewundert. Ja, es wird in vielen Highschools sogar als Sportkurs angeboten.
Da ich mich näher mit dieser Thematik befassen wollte, habe ich in “Sunset Flip“ ein vielschichtiges Werk zu diesem Thema gefunden.
Schon der Titel weist auf einen speziellen Wurf hin, und der sehr erfolgreiche US-Amerikanische Autor, Joel Goebel, hat das Werk natürlich für ein amerikanisches Publikum geschrieben.
Eingebettet in eine herzzerreißende Story wurde ich über die dramaturgisch ausgefeilte Sportart informiert, bei der die Gewinner schon vor dem Match festliegen. Alles basiert auf einen Gut/Böse Schema, und die erfolgreichen Wrestler müssen sich komplett den Vorgaben der Veranstalter unterwerfen. Es geht nur um Kommerz, also um klingende Kassen. Die Zuschauer müssen begeistert sein! Das ist das Wichtigste! Dazu muss ein Wrestler ausgefeilte Kampftechniken beherrschen, aber auch schauspielerisches und rhetorisches Talent besitzen. Bei den Schaukämpfen werden sehr gefährliche Sprünge und lebensgefährliche Würfe und Griffe ausgeführt. Alles soll gefährlich und echt aussehen. Dabei kommt es oft zu sehr gefährlichen Verletzungen der Akteure.
Der Protagonist des Werkes, Auggie Schnuck, hat unter diesen Bedingungen sehr zu leiden. Jedoch sieht er keine andere Möglichkeit, seine Version des “American Dream“ zu verwirklichen, also hier viel Geld zu verdienen. Tatsächlich ist es ihm gelungen, aufgewachsen in einem Wohnwagen, in äußerst ärmlichen Verhältnissen, als Wrestler ganz an die Spitze zu gelangen, nachdem seine geplante Schauspielkarriere gefloppt ist.
Auggie will mit seiner Frau Nadine eigentlich ein ruhiges,“normales“ leben führen, muss aber durch die USA ziehen zu ständigen Schaukämpfen. Dabei ist er fast das ganze Jahr über von seiner großen Liebe getrennt, zumal dieses Dasein an seiner physischen und psychischen Gesund heit zerrt. Als er zu der Kultfigur “The Aug“ wird, kann er kaum noch zwischen seiner Kunstperson und der Realität unterscheiden. Sein Verfall scheint vorprogrammiert! Eine schizoide Persönlichkeitsstörung nimmt ihren Verlauf, die zu einem inneren Verfall führt.
Auggie ist aber auch nicht der riesige, muskelbepackte Idealtyp des Wrestlers, und er isoliert sich immer von den anderen Wrestlern, die gern angeben, saufen und auch Drogen nehmen. Dieser Antityp wird von Goebel in meisterlicher Erzähltechnik, in Vor- und Nachblenden, beschrieben, sprachlich ausgefeilt, leicht verständlich, und in angepassten Dialogen. Dazu passt auch das Cover. Wie im Diogenes Verlag meist äußerst minimalistisch, präsentiert es uns einen schmächtigen, nachdenklichen jungen Mann, also den Auggie-Typ, der perfekt zu der Geschichte passt.
Das Ende des Werkes lässt einen mit “offenen Mund“ zurück, aber hier soll nicht gespoilert werden.
Mich hat das Werk sehr angesprochen, allerdings fand ich die Details bei den Kampfszenen und die damit verbundenen vielen Akteure oft zu detailliert und ermüdend. Daher ein Punkt Abzug.
Das WerK ist aufgrund seiner psychologischen Dichte sicherlich für ein breites Publikum interessant, jedoch möchte ich in Deutschland nicht den Erfolg wie in einer Wrestlernation wie den USA voraussagen.

Veröffentlicht am 16.04.2026

Ein außergewöhnlicher Roman

Verlorene Schäfchen
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Das Cover in warmem Gelb evoziert Harmonie, und das typische amerikanische Mittelschichthaus mit den Säulen und der US-Flagge davor sowie einer großen Schönwetterwolke darüber, vermittelt “Heile Welt“. ...

Das Cover in warmem Gelb evoziert Harmonie, und das typische amerikanische Mittelschichthaus mit den Säulen und der US-Flagge davor sowie einer großen Schönwetterwolke darüber, vermittelt “Heile Welt“. Aber wie passt der Titel “Verlorene Schäfchen“ dazu?
Bud, der Familienvater, flieht in seiner Ohnmacht, da seine Ehefrau eine offene Ehe führen will, zu dieser so benannten Selbsthilfe-Gruppe. Aber der Titel könnte sich auch auf alle Mitglieder dieser komplett orientierungslosen Familie beziehen, wobei jeder nach Sicherheit und Selbstfindung sucht.
Die Autorin lässt die Flynns in einer absurden und total überzeichneten Welt in einer typischen amerikanischen Kleinstadt leben, wo die Verbindung zur Kirche wichtig ist. Allerdings ist auch Pater Andrew nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen.
Mutter Catherine leidet an einer Sinnkrise, und auch ihre Töchter versuchen in dieser Lebenskrise zurechtzukommen, so dass sie sich ungewöhnlichen “Ankerpunkten“ zuwenden. So wähnt sich Harper, die Jüngste, einer großen Verschwörung auf der Spur, Louise hat einen fundamentalistischen Online – Freund und Abigail wendet sich einem sehr schweigsamen jungen Mann zu, der “Kriegsverbrecher Wes“ genannt wird.
Es laufen etliche Plot-Anteile kreuz und quer. Die Perspektiven wechseln häufig, wodurch eine gewisse Spannung erhalten bleibt. In ihrem flüssigen Schreibstil vermittelt Madeline Cash viel Ironie, Sarkasmus und trockenen Humor. Die Figuren sind liebenswert gezeichnet, jedoch werden ganz alltägliche Dinge oft parodiert.
Sicherlich hat Cash einen sehr ungewöhnlichen Familienroman geschrieben, aber für meinen Geschmack ist vieles skurril, überdreht und absurd. Soll man dieses Werk so gar nicht ernst nehmen? Das Ende des Plots ist teilweise schlüssig und könnte Fans von literarischen Romanen mit Satire gefallen. Für mich gibt es allerdings zu wenig Realitätsgehalt, daher 4 Punkte