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Veröffentlicht am 04.06.2018

Die französische Antwort auf Inspector Brunetti!

Bretonische Verhältnisse
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In diesem Buch ticken die Uhren etwas langsamer als sonst. Man erlebt ein wenig Beschaulichkeit in dieser landschaftlich schönen Region und begleitet Dupin auf seinem Ermittlungsweg. Dabei wird schnell ...

In diesem Buch ticken die Uhren etwas langsamer als sonst. Man erlebt ein wenig Beschaulichkeit in dieser landschaftlich schönen Region und begleitet Dupin auf seinem Ermittlungsweg. Dabei wird schnell klar, dieser Kommissar ist anders, kauzig, eigenbrötlerisch, halt ein richtiger Einzelgänger. Er geht bei seinen Befragungen systematisch vor, untersucht genau, am liebsten ganz allein, dann kann er sich dem Fall richtig nähern und kommt der Sache am besten auf die Spur. Doch er ist durchaus sympathisch, seine Vorliebe für Café und seine Probleme mit Vorgesetzten zu kommunizieren machen ihn sehr menschlich. Seine Vorliebe für Spaziergänge in der bretonischen Natur bringen ihn auf die besten Ideen, behauptet Dupin.
Neue Erkenntnisse im Fall gibt er höchstens telefonisch an Kollegen weiter, sie fungieren nur als Handlanger. Doch seine Sekretärin Nolwenn unterstützt ihn, denn sie weiß, wie geschickt er in Verhören taktiert. Dort findet Dupin immer die richtigen Fragen, die sein Gegenüber in die Enge treiben.
Er ist wie gesagt ein Einzelgänger, das mag man so einem Kommissar kaum glauben.

Der Fall ist eine Mischung aus Familiengeheimnis, Einblick in die Mentalität der sturen Bretonen und die Kunstszene von Pont Aven, speziell die des Künstlers Gauguin. Für Kunstliebhaber ein tolles Thema und auf jeden Fall eine echte Liebeserklärung an die Bretagne.
Besonders erwähnen möchte ich noch die im Roman erwähnte Schule von Pont-Aven zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Diese Künstlergruppierung um Paul Gauguin waren allesamt sogenannte "Freilichtmaler", deren Werke sich durch reine und leuchtende Farben auszeichneten. Die erwähnten Gemälde machen Lust auf einen Museumsbesuch. Den roten Faden bildet aber hier im Krimi der unbekannte verschwundene Gauguin.

Die Handlung ist wunderbar eingebettet in herrliche Landschaftsschilderungen. Die Beschreibung des Meeres und der Geruch von Algen in der warmen Sommerluft wird fast spürbar.

Es ist ein sommerlicher Urlaubskrimi, der bis zum Schluss spannend geschrieben ist und den Täter mitraten lässt. Allerdings nehmen die Verhöre einen Hauptteil des Buches ein.

Ein kurzweiliger, bedächtiger Krimi, der Einblicke in die wunderschöne Landschaft der Bretagne und in die Kunstwelt des 19. Jahrhunderts gibt.

Veröffentlicht am 04.06.2018

tolles Kinderbuch

Emil und die Detektive
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Emil Tischbein wird von seiner Mutter im Zug allein nach Berlin geschickt. Die Zugfahrt zieht sich hin und Emil wird langsam müde. Doch einschlafen will er um keinen Preis. Denn er hat ein Vermögen bei ...

Emil Tischbein wird von seiner Mutter im Zug allein nach Berlin geschickt. Die Zugfahrt zieht sich hin und Emil wird langsam müde. Doch einschlafen will er um keinen Preis. Denn er hat ein Vermögen bei sich, 140 Mark soll er seiner Großmutter überbringen. In seinem Abteil sitzt ein merkwürdiger Mann, Herr Grundeis, der ihn immer so komisch ansieht. Emil traut ihm nicht. Irgendwann nickt er ein, der Mann ist weg, aber sein Geld ebenfalls.
Er springt aus dem Zug und verfolgt den Mann. Seine Oma und Cousine Pony Hütchen warten vergeblich auf Emil.

Diese aufregende Geschichte ist in Kinderaugen ein realistisches Abenteuer, niemand möchte in Emils Haut stecken. Besonders die Erwachsenen, die Emil trifft, kommen hier nicht gut weg. Alle sind unfreundlich zu Emil oder ignorieren ihn. Doch als er Gustav trifft, beginnt eine Freundschaft, die sich bewährt.
Emils Verfolgungsjagd mit Hilfe einer aufgeweckten Berliner Jungengruppe ist schon ein großer Spaß. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Dieb zu überführen. In solche Situation versetzen sich Kinder gerne und erleben diesen Fangerfolg gerne mit. Denn hier ist es mit Emil ein Kind, das die Hauptrolle spielt.

Doch das Buch hat auch einen etwas angestaubten Charakter. Es spielt in der 20er Jahren, daher sind die Währung und einige Begriffe veraltet.Auch die Namen sind alt. Über den Namen Pony Hütchen konnte ich schon als Kind sehr lachen, und ich bin über 50 Jahre alt. Es könnte nach heutigen Maßstäben lebendiger geschrieben sein, diese Musterknaben sind nicht mehr ganz zeitgemäß. Wenn man Kindern allerdings erklärt, wie alt das Buch ist, können sie sich gut darauf einstellen und finden es spannend.

Die Sprache ist gut verständlich, Kästner benutzt humorvolle und klare Beschreibungen, die auch heute noch mit Interesse gelesen werden. Für mich ist dieses Buch eine immer wieder willkommene Kindheitserinnerung und ich halte mir auch vor Augen, dass schon mein Vater dieses Buch als Kind geliebt hat.

Ein Kinderbuchklassiker, der Kindern die Wichtigkeit von Mut und Freundschaft aufzeigt und den kindlichen Leser in die Rolle des Titelhelden versetzt.

Veröffentlicht am 04.06.2018

Nachdenklich machender Roman über die Sinnlosigkeit von Kriegen!

Das Dorf der Wunder
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Der Roman "Das Dorf der Wunder" von Autor "Roy Jacobsen" erscheint seit 2012 im "Aufbau Verlag".

Finnland im Winter 1939: Die Sowjets überfallen mit einer riesigen Armee Finnland. Auf finnischer Seite ...

Der Roman "Das Dorf der Wunder" von Autor "Roy Jacobsen" erscheint seit 2012 im "Aufbau Verlag".

Finnland im Winter 1939: Die Sowjets überfallen mit einer riesigen Armee Finnland. Auf finnischer Seite kämpfen gerade mal 2000 Männer.
Der Holzfäller Timo Vatanen ist der Einzige von circa 4000 Einwohnern in Suomussalmi, der nicht flieht und in aller Seelenruhe auf die heranrückenden Truppen wartet. Bald wird sein Wissen für die Russen unentbehrlich. Denn er weiß, wie man im eisigen finnischen Winter bei minus 40 Grad überlebt.


Ein Menschenleben ist nicht viel wert, aber man klammert sich doch gern daran, wenn man es nun schon hat. (Timo Vatanen)


Der in Norwegen lebende Schriftsteller Roy Jacobsen, hat einen bemerkenswerten Erzählstil. Schon in "Die Unsichtbaren" hat mir seine Ausdrucksfähigkeit sehr gut gefallen. Diesem Roman liegen wahre Ereignisse von 1939 zugrunde. Es geht um Überleben, Kampf und die kleinen Freuden des Alltags in dieser schweren Zeit. Denn viele Zivilisten wurden unweigerlich in diesen Krieg hineingezogen, ohne ihn zu unterstützen oder auch zu verstehen.

Jacobsen erzählt vom Finnen Timo Vatanen, einem einfachen, ungebildeten Holzfäller, der vor den näher kommenden russischen Truppen aus Überzeugung und Sturheit seinen Wohnort nicht verlassen will und dort zum Lebensretter einiger Männer im eisigen finnischen Winter wird. Zwischen Trümmern und Asche bleibt Timo zurück und zieht sich ins Haus von Krämer Antti zurück, besorgt sich nützliche Dinge, die er im Dorf findet, bunkert Feuerholz und alle Lebensmittel, die er finden kann. Damit wirkt sein Rückzugsort fast wie eine Oase inmitten der Gewalt. Dort nimmt er Menschen gleich jeder Nationalität oder Religion auf, versorgt Wunden oder Erfrierungen, kocht und wärmt und rettet so arme Seelen vor dem Tod. Auch die Russen können den stoischen Timo nicht zum Abzug bewegen. Aber auch sie profitieren von seinen Fähigkeiten und seinem Feuerholz.

Interessant finde ich, wie die Grenzen zwischen den Militärmächten verschwimmen. Wie Menschen kämpfen, die Fronten wechseln und wie das Schicksal ihnen mitspielt. Wer ist Freund, wer Feind?
Bei Timo ist das egal, seine Fürsorge ist spürbar. Nach dem Lesen des Romans noch lange Zeit.


Diese Erzählung zeigt rührende Menschlichkeit, die nicht aus pazifistischer Überzeugung heraus wächst, sondern aus Timos tiefer Anteilnahme für seine Mitmenschen. Timo steht als wunderbarer Sonderling und Held und Retter der Geschichte da.
Dieses Buch rührt an, wärmt mit angewandter Menschlichkeit und zeigt, wie unsinnig Kriege sind.

Veröffentlicht am 02.06.2018

Atmosphärisch, düsterer Krimi aus Schweden

Sommernachtstod
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Es ist wie ein düsterer Schatten, der über einem Dorf in Südschweden liegt. Dort verschwand vor 20 Jahren der kleine Junge Billy Lindh spurlos. In der Folge nahm sich die Mutter des Jungen das Leben und ...

Es ist wie ein düsterer Schatten, der über einem Dorf in Südschweden liegt. Dort verschwand vor 20 Jahren der kleine Junge Billy Lindh spurlos. In der Folge nahm sich die Mutter des Jungen das Leben und der von allen Verdächtige tauchte unter und ging zur See.
Billys Schwester Vera Lindh ist inzwischen Therapeutin in Stockholm und bekommt von ihrem neuen Patienten Isak eine beunruhigende Geschichte über einen verschwundenen Jungen erzählt. Vera ist sofort alarmiert und möchte das Rätsel von damals endlich aufklären. Sie geht zurück in ihr Heimatdorf und trifft auf eine Mauer des Schweigens.

"Sommernachtstod" ist mein erster Krimi von Anders de la Motte, der bereits in Schweden einige Preise verliehen bekam.
Wie bei den Wallander-Krimis und bei anderen schwedischen Krimis, ist es hier der ruhige und dennoch düstere und bedrückende Erzählstil, der mir gut gefällt. Der Autor zeigt genaue Einblicke in die menschlichen Abgründe und verwirrt mit einem stimmungsvollen Wechsel von Perspektiven aus Vergangenheit und Gegenwart.



Nach langer Zeit kehrt Vera in ihr Elternhaus zurück, denn sie möchte das Rätsel um das Verschwinden ihres kleinen Bruders Billy aufklären. Sie lernt den Patienten Isak kennen, der durchaus ihr Bruder sein könnte. Warum sollte er sonst Einzelheiten des Verschwindens kennen?

Vera taucht in ihren eigenen Gedanken in die Vergangenheit zurück und versucht sich an Details zu erinnern. Dabei wird sie auch mit eigenen Ängsten konfrontiert. Sie leidet noch immer sehr am Tod ihrer Mutter und nun ist sie selbst Therapeutin für Trauerbewältigung geworden.

Ihr Charakter hat mir einige Schwierigkeiten gemacht und ich konnte mit ihr nicht warm werden. Dennoch hat mich die Story gefesselt und die raffiniert eingebauten Einblicke haben mich an das Buch gefesselt.

Ihre Nachforschungen bleiben nicht ohne Folgen, es kommt zu Problemen mit verschiedenen Personen. Ihre Verwandten sind nicht einfach zu durchschauen und so baut sich beim Lesen ein düsteres Bild auf. Bei diesem Krimi kann man selbst gut miträtseln und das Ende nimmt einen unerwarteten Ausgang, der auch absolut logisch erscheint.

Die gelungenen Wechsel der Erzählstränge sorgen für fesselnde Spannungsmomente und die Figuren mit ihren teilweise schwierigen Charakterzügen für eine unheilvolle und bedrückende Atmosphäre. Es gibt Andeutungen zwischen den Zeilen, die eine quälende Ungewissheit auf das Verschwindens des kleinen Jungen werfen. Die Handlung ist atmosphärisch dicht und punktet durch den ruhigen Erzählstil.
Von der gedrückten Stimmung wurde ich mitgerissen, es hat mir lediglich eine Sympathiefigur, ein Held oder Ermittler gefehlt. Das konnte Vera mit ihrer etwas labilen Art nicht darstellen.


Bei diesem Buch hat der Autor neben den Gefühlen auch die menschlichen Abgründe gut eingefangen. Für Liebhaber von Krimis mit psychologischem Tiefgang ist dieses Buch sicher gut geeignet.

Veröffentlicht am 01.06.2018

Interessante Reisereportage, die Historie und persönliche Abenteuer eines Seglers vorstellt

Die vergessenen Inseln
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Dieses Buch ist eine Mischung von Roman und Erlebnisbericht des literarischen Segelfans Thomas Käsbohrer. Er hat lange Zeit als Verleger in einem Buchverlag gearbeitet und hat stets von einer großen Reise ...

Dieses Buch ist eine Mischung von Roman und Erlebnisbericht des literarischen Segelfans Thomas Käsbohrer. Er hat lange Zeit als Verleger in einem Buchverlag gearbeitet und hat stets von einer großen Reise geträumt. Mit seinem Schiff Levje hat er sich diesen Traum erfüllt und segelte durch das Mittelmeer. Neben nautischen Informationen stellt er seine persönlichen Erfahrungen und historische Einblicke in diesem Buch vor. Er schreibt auch für die Zeitschrift YACHT und hat den Blog Mare Blu.


Dabei bekommt man als Leser seine eigenen Erfahrungen auf hoher See hautnah mit, wie er alleine den Gewalten des Meeres und den Gefahren von Stürmen ausgesetzt ist, diesen trotzt und welche Erlebnisse und Gedanken ihn dabei begleiten.

Er verbindet auf seiner Mittelmeerreise aber auch historische Hintergründe mit seinem eigenen Erleben. So taucht man in die Steinzeit ein, erlebt längst versunkene Inseln und Urlaubs-Inseln, die früher andere Namen trugen, und sieht die Griechen und Römer besiedeln, kämpfen und werkeln.


Stets verbindet er aktuelle Anekdoten und Hintergründe mit diesen historischen Anfängen. Wir erfahren von Lepra-Inseln, entdecken Kitesurf Hotspots, erleben Soldaten im 2. Weltkrieg auf Rhodos, sehen Thunfischer in Aktion und hören vom Leben der Jackie O. Auch von Flüchtlingsbooten und Schwammtauchern ist in diesem Buch die Rede.


Seine Berichte sind absolut vielfältig und sehr interessant. Es ist für jeden etwas dabei, man lernt, hört und staunt beim Lesen.
Daneben bekommt an genaue Abläufe und Vorgänge an Bord geschildert, erfährt von den vielen nötigen Handgriffen beim Segeln, von Nautik und von der nervenzehrenden Situtation bei Nacht auf See im Sturm. Seine Ängste scheinen nicht besonders stark zu sein, denn er trotzt allen Gefahren und meint auf See weniger Angst zu haben als an Land.


Ich habe einige zu detailgenaue Schilderungen des Segelns überflogen, dafür bin ich nicht die richtige Zielgruppe. Man muss sich etwas einlesen, dann bekommt man ein Gefühl für den Erzählstil des Autors. Denn er springt von Insel zu Insel, segelt natürlich dorthin und springt von Vergangenheit zu Gegenwart hin und her.
Es geht von Sizilien nach Malta, von dort nach Kreta, nach Venedig und Mallorca und zwischendurch auf türkische Inseln. Leicht verwirrend das Ganze, aber man folgt gebannt und sieht die Abenteuer im Laufe der Geschichte plötzlich in einem anderen, viel kleineren Blickwinkel.

Im Grunde zieht Thomas Käsbohrer eine Route, die der Geschichte des Mittelmeeres folgt. Von den ersten Ansiedlungen zu Christi Geburt, von den ersten Kreuzzügen bis zur heutigen Zeit mit den Flüchtlingsströmen. Hier erlebt man die Historie im Zeitraffer und saust mit dem kleinen Segelboot dahinter her.


Dieses Buch ist die richtige Lektüre für gestandene Seefahrer, Segler und Weltenbummler. Aber auch Historiker werden ihre Freude an den verschiedenen Stationen haben. Ich habe einige Geschichten und die historischen Begebenheiten nicht alle gleich interessiert gelesen. Doch insgesamt bin ich sehr angetan von diesem besonderen Buch.


Eine interessante Reisereportage mit vielen gelungenen Einblicken und den historischen Bezügen.