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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.09.2018

FreundInnen von Verschwörungstheorien sind hier richtig ;-)

Slow Horses
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Der MI5 ist sicher den Meisten hinlänglich bekannt - DER britische Inlands-Geheimdienst. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, dass in Misskredit geratene AgentInnen, sogenannte Slow Horses, nach Slough ...

Der MI5 ist sicher den Meisten hinlänglich bekannt - DER britische Inlands-Geheimdienst. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, dass in Misskredit geratene AgentInnen, sogenannte Slow Horses, nach Slough House versetzt werden, um dort bis zum Ende ihrer Tage deprimierende Hilfsarbeiten für ihre erfolgreichen KollegInnen in Regent's Park, der Zentrale, zu erledigen. Sie sind ein heterogener Haufen Individualisten, die nur wenig gemeinsam haben: einen Fehler, den jede/r gemacht hat; den Arbeitsort, an den sie verbannt wurden; und das Hadern mit ihrem Schicksal. Als eine Geheimdienstaktion der Zentrale aus dem Ruder zu laufen scheint, ist jedoch ihre Unterstützung gefragt - allerdings anders als gedacht.
Wie bei Spionageromanen zu erwarten, ist nichts so wie es scheint. Dies gilt auch für den Auftakt dieser Serie, die in Großbritannien bereits 2010 erschienen ist. Die Entführung eines britischen Bürgers, der geköpft werden soll, scheint klar von der islamistischen Szene auszugehen. Doch dieser Bürger heißt Hassan und es sind die Rechten, die hier vor laufender Kamera ein Exempel statuieren wollen. Geschickt spielt der Autor mit den Erwartungen der Lesenden und immer, wenn man sicher zu sein scheint zu wissen, wie was warum und weshalb geschieht und geschehen wird - passiert doch etwas völlig anderes.
Die Geschichte ist nicht nur voller verblüffender und spannender Wendungen, sondern überrascht zudem mit einem herrlich subtilem Humor, wie beispielsweise die Beschreibung, wie ein bestimmter Sitzplatz für geheime Besprechungen frei gehalten wird: "Freigehalten wurde sie durch einen ekelhaft aussehenden Flecken Vogelscheiße, der praktisch die gesamte Sitzfläche verschmierte; widerwärtiger Dreck, der garantierte, dass sich selbst der müdeste Tourist ein anderes Plätzchen zum Ausruhen suchte. Dabei handelte es sich bei dem Fleck in Wirklichkeit um einen gut angebrachten Farbklecks aus Kunststoff." Und tatsächlich scheint es beim MI5 neben solch profanen Dingen mehr um die eigenen Befindlichkeiten zu gehen als um die Sicherheit des Landes.
Ein wirklich gelungener Auftakt, der durch die schnellen Szenenwechsel ein aufmerksames Lesen erfordet; mit seinen nicht alltäglichen ProtagonistInnen aber auf jeden Fall Lust auf die weiteren Folgen der Reihe macht.

Veröffentlicht am 20.07.2018

Europas Hauptstadt

Die Hauptstadt
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Nach dem Lesen dieses Romans ist eines jedenfalls klar: Brüssel ist Europas Hauptstadt, hier findet man die VertreterInnen aller Nationen, die gegen- und miteinander versuchen, die Gegenwart und Zukunft ...

Nach dem Lesen dieses Romans ist eines jedenfalls klar: Brüssel ist Europas Hauptstadt, hier findet man die VertreterInnen aller Nationen, die gegen- und miteinander versuchen, die Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents zu gestalten. Doch so unterschiedlich die Menschen dort auch sind, auf irgendeine Weise sind sie miteinander verbunden, jetzt oder durch ihre Vorfahren in der Vergangenheit. Davon handelt dieses Buch, vom Leben in dieser Hauptstadt und den zumeist unsichtbaren Fäden, die die BewohnerInnen untereinander verknüpfen.
Viele Geschichten werden hier erzählt: die des Kommissars Brunfaut, dem die Untersuchung eines Mordfalles entzogen wird; die des ehemaligen Auschwitzgefangenen David de Vriend, der in ein Altenheim umzieht; die der EU-Beamtin Fenia, die sich strafversetzt fühlt und zum ersten Mal ein Gefühl verspürt, an das sie nie glaubte; und sechs, sieben weitere Personen, die alle auf ihre Art ihre Nationen vertreten, gleichzeitig aber so europäisch sind, wie man es nur sein kann.
Robert Menasse erzählt in einem locker-leichten Plauderton mit viel (auch schwarzem) Humor und serviert einem praktisch so nebenbei viele der Probleme unserer Zeit mit teilweise umfangreichen Analysen: Flüchtlingskrise, Vergangenheitsbewältigung, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, zunehmende Medialisierung, Werteverlust usw. Das Ganze meist mit jeder Menge feiner Ironie und leichter Spöttelei, sodass ich mich trotz der ernsten Themen häufig gut amüsierte.
Einen kleinen Haken hat das Buch jedoch, wie ich finde. Durch die vielen ProtagonistInnen wechseln die Erzählstränge zwangsweise häufig und auch schnell. Liest man den Roman zügig durch, dürfte das kein Problem sein. Zieht es sich jedoch etwas hin (wie es bei mir der Fall war), kommt kein richtiger Erzählfluss auf. Die Figuren wurden mir nicht vertraut genug, sodass ich nahtlos wieder einsteigen konnte - häufig musste ich zurückblättern, wer wer war. Trotzdem war es eine unterhaltsame und stellenweise auch erhellende Lektüre.

Veröffentlicht am 10.06.2018

Eine Familie ohne Heimat

Häuser aus Sand
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Erzählt wird eine Familiengeschichte über vier Generationen hinweg, die wohl typisch ist für diese Gegend aus der sie stammt: Palästina. Es beginnt mit Salma, die mit ihrem Mann Hussam in Jaffa lebt. Doch ...

Erzählt wird eine Familiengeschichte über vier Generationen hinweg, die wohl typisch ist für diese Gegend aus der sie stammt: Palästina. Es beginnt mit Salma, die mit ihrem Mann Hussam in Jaffa lebt. Doch durch den UN-Teilungsplan 1947, der einen Bürgerkrieg zur Folge hatte, müssen sie fliehen und bauen sich in Nablus ein neues Leben auf. Aber auch dort ist ihrer Familie kein Frieden vergönnt: der Sechs-Tage-Krieg 1967 lässt sie erneut fliehen und sie finden sich in Kuwait wieder, bis sie erneut der Krieg erreicht, als 1990 irakische Truppen einmarschieren.
Für unsereins, die Krieg und Vertreibung (glücklicherweise) nur aus dritter Hand kennen, erscheint dies unvorstellbar: wieder und immer wieder das Zuhause aufgeben und in einer fremden Welt von vorne beginnen. Es ist die Familie, die Schwestern, Brüder, Oma, Opa usw., die sich gegenseitig dabei helfen, das alles gemeinsam durchzustehen.
Die Autorin schildert überzeugend (vermutlich weil ihr Lebenslauf gewisse Ähnlichkeiten mit einer der Figuren aufweist), wie sich für die einzelnen Mitglieder das neue Leben darstellt und entwickelt. Jedes Kapitel ist im Abstand von zwei bis zu zehn Jahren immer einer Person gewidmet, die sich an das Vergangene erinnert und die Gegenwart, in der sie lebt, beschreibt. So begleitet man die Familie durch den Lauf der Zeiten und macht sich vielleicht zum ersten Mal bewusst, was die Menschen dort bisher alles durchleben mussten. Wobei deutlich gemacht werden muss: Diese Familie ist im Vergleich zu vielen anderen sehr privilegiert, da sie über ausreichend Mittel verfügt, sich immer wieder ein neues Heim aufzubauen. Was es für die Armen dieser Länder bedeutet, wird nur ansatzweise dargestellt, was ich bedauerlich finde. Aber vielleicht wäre die Lektüre für einen Sommerschmöker dann zu schwermütig geworden und hätte eher abgeschreckt - wer weiß.
So ist es eine unterhaltsame, melancholische Familiengeschichte aus einem Land, das man bei uns wohl nur aus den Nachrichten kennt.

Veröffentlicht am 10.06.2018

Mit Klassikern durch Deutschland reisen

Deutschlandreise
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Die Autorin und Autoren dieses Hörbuches sind wohl den Meisten geläufig: Theodor Fontane, Mark Twain, Heinrich Heine und sechs weitere KlassikerInnen. Alle haben sie Deutschland bereist und darüber geschrieben, ...

Die Autorin und Autoren dieses Hörbuches sind wohl den Meisten geläufig: Theodor Fontane, Mark Twain, Heinrich Heine und sechs weitere KlassikerInnen. Alle haben sie Deutschland bereist und darüber geschrieben, was sie gesehen und erlebt haben und wie sich ihnen Deutschland präsentierte. So ist ein bunter Querschnitt durch die Lande und durch die Zeiten entstanden, sodass sich den Hörenden ein breites Spektrum bietet. Von Hamburg bis München gehen die Reisen, von der Pfalz bis Weimar und vermitteln anschaulich ein Bild der großen Vielfalt, die in Deutschland seit jeher vorzufinden ist.
Der Stil der Beiträge ist fast ebenso vielfältig: Es reicht von humorvollen, phantasiegeschmückten Abenteuerreisen (Mark Twain) bis hin zu fast schon völkerkundlichen Abhandlungen (Germaine de Staël). Selbst die Lyrik kommt nicht zu kurz (Heinrich Heine). In jedem Fall jedoch erfährt man Neues und Überraschendes, zumindest mir erging es so. Dass beispielsweise die schwäbische Kehrwoche bereits zu Montaignes Lebzeiten (16. Jahrhundert) bekannt war, hätte ich nie und nimmer gedacht. Tja, Gutes überdauert offenbar sogar die Jahrhunderte
Als Vortragende konnte Audiobuch wirklich tolle SprecherInnen gewinnen: Frank Arnold, Heikko Deutschmann, Ulrike Hübschmann und David Nathan. Nur Oliver Rohrbeck überzeugte mich als Heinrich Heine nicht so besonders. Zu jugendlich-unbedarft empfand ich seine Stimme für die durchaus bösen Spitzen, die Heine ja so genial zu verteilen weiß.
Am meisten begeistert haben mich Mark Twain mit seiner Wanderung durch das Neckartal und Heinrich Heines Harzreise. Und mit Otto Julius Bierbaum habe ich zudem noch jemand Neuen kennengelernt, dessen Werke ich mir mal genauer anschauen werde. Alle drei Berichte sind humorvoll und unterhaltend, aber dennoch informativ, während ich den Bericht des großen Goethe als recht dröge empfand.
Alles in allem aber eine abwechslungsreiche Mischung der unterschiedlichsten KlassikerInnen, bei der man einiges Neues über Deutschland erfährt.

Veröffentlicht am 10.06.2018

Eine schlichte Geschichte, wunderschön erzählt!

Ein Monat auf dem Land
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Viel ereignet sich nicht auf den rund 150 Seiten dieses kleinen Büchleins. Aber dennoch ist es überaus lesenswert, diese in liebevoller und das Herz wärmende beginnende Heilung des jungen Kriegsversehrten ...

Viel ereignet sich nicht auf den rund 150 Seiten dieses kleinen Büchleins. Aber dennoch ist es überaus lesenswert, diese in liebevoller und das Herz wärmende beginnende Heilung des jungen Kriegsversehrten Tom Birkin. Noch immer schwer gezeichnet vom Soldatendasein im 1. Weltkrieg, dazu gerade verlassen von seiner Frau, nimmt der junge Restaurator den Auftrag in einem kleinen Dorf an, ein mittelalterliches Gemälde in einer Kirche freizulegen. Vorsichtig nähern sich Tom und die Dorfbewohner einander an, es entstehen Freundschaften und langsam, ganz langsam beginnen seine Verletzungen weniger zu schmerzen und die Freude am Leben zuzunehmen.
Carr lässt Tom aus der Ich-Perspektive erzählen, sodass man sein Denken und Fühlen unmittelbar miterlebt. Wie er vorsichtig sein Umfeld taxiert, während er gleichzeitig versucht, die Erinnerungen an die Kriegserlebnisse zu unterdrücken. Voller Zurückhaltung, aber auch mit freundlichem Interesse beobachtet er die Menschen und es wächst der Wunsch in ihm, einer von ihnen zu werden. Carrs Sprache ist voller Wärme aber auch Humor, sodass es wirklich ein Genuss ist, Toms Geschichte zu lesen. Wie er sich beispielsweise dem Ofen in der Kirche widmet: "Verärgert gab er (der Pfarrer) ihm einen kleinen Tritt. Er und der Ofen starten einander finster an wie zwei Erzfeinde. ... Ich streichelte besänftigend die Stelle, die der Pfarrer zuvor so schnöde gestoßen hat."
Ein schönes kleines Buch, wie die Zeit, der richtige Ort und die richtigen Menschen auch die schlimmsten Verletzungen langsam heilen können.