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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.01.2019

Es ist nie zu spät für die wirklich wichtigen Dinge im Leben

Herr Katō spielt Familie
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Irgendwann ist es soweit: der lang ersehnte Ruhestand! Aber vielleicht ist er doch nicht so sehr ersehnt? Für die namenlose Hauptfigur dieses Buches ist es eine Zäsur, denn von einem Tag auf den anderen ...

Irgendwann ist es soweit: der lang ersehnte Ruhestand! Aber vielleicht ist er doch nicht so sehr ersehnt? Für die namenlose Hauptfigur dieses Buches ist es eine Zäsur, denn von einem Tag auf den anderen ist er ein Niemand. Eine unwichtige Person, die von niemandem gebraucht wird. Seine Frau schickt ihn aus dem Haus, damit er aus dem Weg ist; im Büro ruft er nicht an aus Angst, man könne sich nicht an ihn erinnern. Für die Dinge, die er sich vorgenommen hat (Radio reparieren, Plattensammlung sortieren), fehlt ihm der Elan; vielleicht auch, weil er keinen Sinn darin sieht. Doch am Meisten erschreckt ihn die Beziehungslosigkeit, in der er lebt. Seine Ehe ist schon lange ein Neben- statt ein Miteinander, mit seinen Kindern hat er kaum Umgang, und außer zu einem Obdachlosen in der Nachbarschaft gibt es keine regelmäßigen Kontakte. Doch er sucht die Ursachen dafür nicht bei sich, sondern versucht mit Disziplin eine Regelmäßigkeit in sein Leben zu bringen, das ihm wieder Sinn verleiht - ohne Erfolg. Erst als er der jungen Mei begegnet, die ihm das Angebot macht, in ihrer Agentur als Familienmitglied für Andere kurzzeitig vermittelt zu werden, beginnt sich seine Einstellung und damit auch sein Leben zu ändern.
Es ist eine kleine Geschichte (nicht einmal 160 Seiten), die dennoch einige der Schwierigkeiten, mit denen viele Menschen zu kämpfen haben, überdeutlich macht. Die Konzentration auf die Arbeit (das scheinbar Wichtigste), die keine Zeit lässt, sich noch mit Anderem zu beschäftigen; die daraus entstehende Gleichgültigkeit selbst gegenüber den nächsten KollegInnen (man hat ja keine Zeit); die Problematik, Gefühle zuzulassen, nachdem man selbst schwer verletzt wurde; zu leben ohne dass es immer einen Sinn machen muss, einfach weil es schön ist. Das Buch bietet keine Lösungen an, sondern zeigt in einer liebenswerten Form, wie sich aus kleinsten Veränderungen der Einstellung oder Sichtweise Dinge beginnen, sich anders zu entwickeln als auf die sonst gewohnte Art.
Der Schreibstil der Autorin ist etwas ungewohnt: Der Protagonist erzählt nicht einfach das Geschehene, sondern als Lesende folgt man meist seinen Gedanken, die, wie Gedanken nun mal so sind, nicht immer chronologisch daherkommen, sondern mal hierhin, mal dorthin springen; mal in kurzer, mal in langer Form. Ich habe mich schon nach wenigen Seiten ohne Schwierigkeiten daran gewöhnt und finde diesen Stil im Nachhinein sehr gelungen.
Eine kleine feine Geschichte, die auf gelungene Weise unter anderem so Manches im (vielleicht eigenen?) Leben ganz behutsam in Frage stellt.

Veröffentlicht am 14.01.2019

Zum Brüllen komisch - garantiert nicht!

Töchter
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Was an diesem Buch 'Zum Brüllen komisch' (Spiegel online) ist bzw. einem 'Lachtränen in die Augen treiben konnte' (Denis Scheck), ist mir trotz konzentriertem Lesen nicht aufgefallen. Ja, ganz sicher gibt ...

Was an diesem Buch 'Zum Brüllen komisch' (Spiegel online) ist bzw. einem 'Lachtränen in die Augen treiben konnte' (Denis Scheck), ist mir trotz konzentriertem Lesen nicht aufgefallen. Ja, ganz sicher gibt es immer wieder Gründe zum Grinsen und sich amüsieren, aber lauthals lachen? Mir blieb das eher im Halse stecken.
Zwei Frauen Anfang 40, Betty, die Icherzählerin und Martha, ihre beste Freundin, machen sich auf eine Reise, um Marthas Vater sterben zu lassen. Er ist todkrank und möchte in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Doch unterwegs stellt sich heraus, dass er ihnen nicht alles erzählt hat und so gibt es eine Änderung im Reiseplan.
Betty ist von ihrem Leben desillusioniert und lebt eigentlich nur, weil sie nicht sterben möchte. Doch immer wieder gibt es Momente, die sie als lohnenswert empfindet und so erzählt sie die Geschichte nicht in einem jammervollen, klagenden Tonfall, sondern hat sich ihren ganz eigenen Humor bewahrt, der sie vermutlich davor schützt, in ein allzu tiefes schwarzes Loch zu fallen. Und damit den Leserinnen und Lesern tieftraurige Einsichten präsentiert, die häufig ungewohnt amüsant daherkommen. Beispielsweise Kurts Rechtfertigung der Lüge: "Zum Sterben fährst du mich, aber zum Lieben hättest du mich niemals gefahren!". Oder als Betty allein unterwegs ist: "Hier allein zu sein, war unmöglich. Mich machte diese Präsenz zunehmend nervös, ich verschwand hier nicht, ich schlug ein wie eine Bombe. Niemand wollte Leute um sich wissen, wenn er versuchte, sich selbst zu finden."
Trotz der vielen humorvollen Szenen und absurden Wendungen, die dieses Buch hat, ist es im Grunde genommen eine Geschichte um eine, wenn nicht sogar zwei unglaublich traurige Frauen. Während die Eine versucht, noch ein Glück zu finden, hat die Andere schon längst resigniert. Obwohl - ein kleiner Funken Hoffnung scheint noch zu glimmen.
Viele schöne, kluge, aber traurige Sätze - und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Veröffentlicht am 06.12.2018

Drei gute Geschichten - aber viel zu kurz

Carl Tohrbergs Weihnachten
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Schon dem Talmud war klar: Kein Mensch weiß, was im Herzen seines Nächsten vor sich geht. Und die drei Geschichten von Ferdinand von Schirach zeigen dies mehr als deutlich. Alle Protagonisten führten ein ...

Schon dem Talmud war klar: Kein Mensch weiß, was im Herzen seines Nächsten vor sich geht. Und die drei Geschichten von Ferdinand von Schirach zeigen dies mehr als deutlich. Alle Protagonisten führten ein völlig 'normales' Leben: unauffällig und angepasst. Doch irgendwann war es eine Kränkung oder Verletzung zuviel und ihre Wut und ihr Ärger darüber suchten sich ein Ventil, das sie aus ihrem ach so normalen Leben ausbrechen ließ. Jeder auf seine Weise.

Ferdinand von Schirach beschreibt diese weitgehend durchschnittlichen Leben auf eine so ruhige und gelassene Art, dass die plötzliche Ungeheuerlichkeit fast schon beiläufig daherkommt. In einem Fall wird sie beinahe nebenbei in einem Satz erwähnt, den man fast überhört. Der Vorleser Christian Berkel setzt diese Ruhe und Gelassenheit gelungen um, so dass diese 'Ausbrüche' umso drastischer wirken, sodass man sie beim ersten Hören kaum zu glauben mag und sich deshalb gleich nochmals anhört (zumindest erging es mir so )

Es sind wirklich gute Geschichten, die nur den Nachteil haben, dass sie viel zu kurz sind. Gerade einmal 48 Minuten hat die CD und wenn man dafür den vollen Preis bezahlt, ist das schon ein recht teures Hörvergnügen. Für den halben Preis oder weniger kann ich aber dazu raten, sich die CD zuzulegen. Es lohnt sich.

Veröffentlicht am 10.11.2018

Eigentlich für Kinder: Ein Gruselmärchen

Der Strand bei Nacht
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Celina ist die Lieblingspuppe der fünfjährigen Mati, doch als diese ein Kätzchen bekommt, vergisst sie ihre Puppe in ihrer Begeisterung am Strand. Für Celina wird es eine Nacht voller Schrecken.
Eine kleine ...

Celina ist die Lieblingspuppe der fünfjährigen Mati, doch als diese ein Kätzchen bekommt, vergisst sie ihre Puppe in ihrer Begeisterung am Strand. Für Celina wird es eine Nacht voller Schrecken.
Eine kleine Geschichte, die in dieser Form wohl jedem Kind schon passiert ist: das Lieblingsspielzeug wird irgendwo liegengelassen und mit etwas Glück am nächsten Tag wiedergefunden. Was sich in der Zwischenzeit ereignet hat, bleibt normalerweise unbekannt. Doch von Celina erfahren wir es und das ist so erschreckend, dass auf jeden Fall Eltern diese Geschichte vorlesen sollten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Reime des Grausamen Strandwächters sich ausgesprochen seltsam anhören, für ein Kinderbuch eigentlich völlig fehl am Platz:
'Ob Mädchen, ob Junge
Raus reiß ich die Zunge
Den Namen ich stehle
Damit er dir fehle
Im Chor lasst uns schrei'n
Der Schatz hier ist fein
Spaß will ich haben
Und mich sehr laben
An Deinem Schmerz
Wenn ich stech dir ins Herz.'
Ob es sich auf etwas spezifisch Italienisches bezieht? (Die Autorin ist Italienerin). Das wäre vielleicht eine Erklärung.
Was aber Vieles wett macht, ist die liebevolle Ausstattung und Aufmachung dieses kleinen Büchleins, das nicht gerade günstig ist. Mara Cerri hat auf mehreren Seiten farbige, fast schon kleine Gemälde beigefügt, auf denen die Schrecken Celinas klar zu erkennen sind. Man sieht, dass sie eigentlich eine leblose Puppe ist, trotzdem wirkt sie (vielleicht durch ihre blauen Augen) voller Leben und man fürchtet sich mit ihr. Die Zeichnungen sind sehr gegenständlich und mit satten Farben gemalt, sodass sie vermutlich auch Kinder begeistern können.
Ein HappyEnd rundet das Ganze ab (etwas Anderes wäre wohl auch nicht zu verantworten gewesen ) und so bleibt am Ende vielleicht sogar eine Geschichte mit Lerneffekt: Auf seine Sachen aufpassen

Veröffentlicht am 14.10.2018

Und wieder ein spannender Thriller aus Australien

Redemption Point
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Der zweite Band um Ted Conkaffey, den Ex-Cop der unschuldig unter Verdacht steht, eine 13-Jährige vergewaltigt und beinahe getötet zu haben und Amanda Pharrell, die verurteilte Mörderin, lässt wie bereits ...

Der zweite Band um Ted Conkaffey, den Ex-Cop der unschuldig unter Verdacht steht, eine 13-Jährige vergewaltigt und beinahe getötet zu haben und Amanda Pharrell, die verurteilte Mörderin, lässt wie bereits der erste Teil an Spannung nicht zu wünschen übrig. Dieses Mal sind es praktisch zwei Fälle, um die sie sich parallel kümmern. Ted ist unter anderem durch den Vater seines vermeintlichen Opfers gezwungen, sich auf die Suche nach dem wirklichen Täter zu machen; zudem machen ihm neue Verdächtigungen das Leben noch schwerer als es eh schon ist. Amanda ist währenddessen mit dem Mord an einem jungen Pärchen beschäftigt, das an seinem Arbeitsort, einer Bar, regelrecht hingerichtet wurde.
Auch in diesem Band gibt es wieder eine Reihe von skurrilen Personen (ganz vorne dabei natürlich Amanda) und ebensolchen Örtlichkeiten: Allein diese Beschreibung der Bar, in der die Morde geschahen. Und dann dieser Freudentempel. Nichts davon ist besonders obszön oder eklig, aber es ist so eindringlich dargestellt, dass ich eine ziemlich schräge Szenerie vor Augen hatte. Ebenso gelingt Candice Fox eine derart intensive Beschreibung der Personen, sodass ich die quirlige Amanda in ihren pinken Converse beim Lesen praktisch vor mir sah. Bei Ted liegt der Schwerpunkt mehr bei seinem Innenleben. Seinen Part erzählt er in der Ich-Form und schildert dabei auch ausführlich, wie er mit seiner Situation klar bzw. nicht klar kommt. Dies war mir stellenweise doch zuviel; irgendwann dachte ich 'Ja, ich hab's kapiert, wie sch.... das ist.'
Trotzdem: Es ist ein spannender Thriller, der eher unkonventionell endet und in einem Fall eine eher profane Aufklärung bietet. Aber auch das war wirklich überraschend.