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Veröffentlicht am 22.01.2019

Ganz anders als ich dachte, aber so schön

Fünf Tage im Mai
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Liebhaber von altem Handwerk oder Freunde des Ursprünglichen und Natürlichen werden die Optik dieses Romans mögen. Der Schutzumschlag wirkt, als hätte jemand die Tiroler Bergwelt auf ein gehobeltes Brett ...

Liebhaber von altem Handwerk oder Freunde des Ursprünglichen und Natürlichen werden die Optik dieses Romans mögen. Der Schutzumschlag wirkt, als hätte jemand die Tiroler Bergwelt auf ein gehobeltes Brett skizziert und dann den Titel aufgestempelt. Nimmt man den Umschlag ab, hält man ein schön gemasertes Brett in den Händen. Ich finde die Aufmachung sehr ansprechend.

Inhaltlich war der Roman ganz anders aufgebaut als ich gedacht hatte. Ich war davon ausgegangen, dass die Protagonistin in Erinnerungen an fünf aufeinanderfolgenden Tagen im Mai schwelgt. Weit gefehlt, die Ich-Erzählerin greift fünf besondere Tage im Mai aus unterschiedlichen Lebensjahren für ihre Geschichte auf. Die Lücken dazwischen werden bewusst ausgelassen, können durch den Leser gedanklich ausgefüllt werden. Kleine Rückblicksequenzen sorgen für ein gutes Verständnis.

Für mich war Illys Aufwachsen und Erwachsenwerden auch ein Eintauchen in eigene Erinnerungen, mit aus Elternsicht merkwürdigen Freunden, modischen Aussetzern und phasenweise „Bocklosigkeit“. Ich mochte Illy wirklich gern. Sie ist nicht annähernd perfekt, hat ein Händchen für Fettnäpfchen, also ein ganz normales „Pubertier“. Insbesondere die Beziehung zu ihrem Urgroßvater Tat‘ka habe ich als etwas Wunderbares empfunden. Sie verstehen sich auch ohne Worte, geben einander Geborgenheit, müssen sich die Unzulänglichkeiten des jeweils anderen nicht vorhalten. Somit hat sich die zu Beginn durchschnittliche Geschichte mit jedem Kapitel gesteigert. Zum Ende hin hatte ich mit Tränen zu kämpfen, weil da so viel Zuneigung und Liebe zwischen den beiden zu spüren war.

Etwas irritiert haben mich die Zeitangaben. 1986 hatte Illy Erstkommunion, zwölf Jahre später, 1998, war sie dann in der 7. Klasse am Gymnasium. Ich gehe davon aus, dass in Tirol die Einteilung der Klassen einfach anders gezählt wird als ich es kenne. Komisch kam mir auch vor, dass Illy als Tochter von Geschäftsleuten 2004 noch einen Walkman mit Kassette benutzt.

Insgesamt hat es mir „Fünf Tage im Mai“ gut gefallen, starke Gefühle ohne Kitsch. Ich empfehle den Roman gern weiter, insbesondere den in den 1980ern Geborenen.

Veröffentlicht am 29.11.2018

(Selbst-)Mord im Spukhaus?

Mörderische Renovierung
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Das Cover ist ein Hingucker für jeden Hobby-Verschwörungstheoretiker. In Schwarz und Weiß gehalten, zeigt es Axton House in einer übertriebenen Tiefe, aus einer ganz unwirklichen Perspektive. Über Allem ...

Das Cover ist ein Hingucker für jeden Hobby-Verschwörungstheoretiker. In Schwarz und Weiß gehalten, zeigt es Axton House in einer übertriebenen Tiefe, aus einer ganz unwirklichen Perspektive. Über Allem prangt ein riesiges Auge, das dem Betrachter in die Seele zu schauen scheint. Römische Ziffern von eins bis zwanzig umranden das Auge, geheimnisvolle, englischsprachige Begriffe wie the oracle, the monster, the wizzard und the nobleman rahmen das Buch ein. Für mich hatte schon das Cover so viel Anziehungskraft, dass ich „Mörderische Renovierung“ unbedingt lesen wollte.

A., dessen vollständiger Name nicht erwähnt wurde, und Niamh, katholische, stumme Punkerin mit immer wieder neuen, abgefahrenen Frisuren, verlassen Europa, um in Point Bless, Virginia, das Axton House zu beziehen. Axton House wurde A. von seinem Cousin vierten Grades, Ambrose Wells, zusammen mit einem ansehnlichen Geldvermögen vermacht. Doch es handelt sich nicht nur um ein Herrenhaus vom Feinsten, im Axton House soll es spuken. Schon nach kurzer Zeit gibt es erste paranormale Erscheinungen. Dazu kommen die Geschichten der Kleinstadtbewohner über geheime jährliche Treffen. Also fangen A. und Niamh an, das Rätsel um Axton House zu lösen. Bewundernswert sind dabei der unermüdliche Ehrgeiz der beiden, ihre Unerschrockenheit und ihre Steh-auf-Männchen-Natur.

Neu war für mich die Konstruktion des Romans. Nicht ein Prosatext erzählt die ganze Geschichte, nein, sie entsteht aus verschiedensten Puzzleteilen wie Tagebucheinträgen von A., Briefen an eine zunächst ominöse Tante Liza, Gesprächsnotizen, die Niamh zur Verständigung macht. Später kommen noch Ton- und Kameraaufzeichnungen, sowie Traumjournale und scheinbar wissenschaftliche Abhandlungen dazu. Aus alldem entsteht ein fantastischer Roman, der aus meiner Sicht zwar mit Aufmerksamkeit gelesen werden muss, aber trotzdem sehr gut verständlich ist. Ich fühlte mich beim Lesen ein bisschen wie ein Forensiker, der aus Hinweisen einen Tathergang rekonstruiert.

Besonders gut haben mir die escape-room-ähnlichen, stufenweise zu lösenden Rätsel, sowie der Ausflug in die Kryptographie gefallen. Schön fand ich darüberhinaus den unterschwelligen Witz des Romans, der immer wieder gekonnt platziert wird, z. B. als Niamh beim Besuch der Brodies das Tischgebet „spricht“ (S. 101) oder dass der Menschen kreuzende und züchtende Axton charles hieß (S. 104).
Zwei Dinge sind allerdings kritikwürdig, der nach meinem Geschmack nicht passende Titel und das Ende, was mir persönlich zu schnell kam. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit den Geheimnissen von Axton House hätte ich mir auch mehr Raum für die Wendung und das Ende gewünscht.

Fazit: Insgesamt hat mir „Mörderische Renovierung“ gut gefallen. Daher kann ich Edgar Canteros Roman ohne Bedenken weiterempfehlen, insbesondere allen experimentierfreudigen Leser, die gern auch mal etwas Neues ausprobieren.

Veröffentlicht am 06.10.2018

Starke Geschwister

Arminuta
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Wenn Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, nicht genug Energie für die Zuwendung zu ihren Kindern haben, müssen die Kinder stark sein um zu überleben.

Nachdem Arminuta von einer entfernten ...

Wenn Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, nicht genug Energie für die Zuwendung zu ihren Kindern haben, müssen die Kinder stark sein um zu überleben.

Nachdem Arminuta von einer entfernten Tante Adalgisa überaus liebevoll groß gezogen worden ist, kehrt sie im dreizehnten Lebensjahr gezwungenermaßen zu ihren leiblichen Eltern zurück. Dort erlebt sie quasi einen Kulturschock. Mit all ihren Geschwistern haust sie, ungeachtet von Alter und Geschlecht, zusammen in einem heruntergekommenen Raum. Ihre Schwester Adriana macht jede Nacht ins gemeinsame Bett. Zu Essen gibt es minderwertige Lebensmittel. Um halbwegs satt zu werden, muss man gegen die Anderen um die eigene Portion kämpfen.

Arminuta, deren richtigen Namen wir nicht kennen, mochte ich von Beginn an. Am Anfang, als sie von der Situation zu Hause bei den leiblichen Eltern überrollt wurde, empfand ich Mitleid für sie. Später wich das Mitleid der Bewunderung. Arminuta lernt sehr schnell in diesem herausfordernden Umfeld aus Armut, Hunger und Prügelstrafe zurecht zu kommen. Dabei hilft ihr die „Verbrüderung“ mit den zunächst unbekannten Geschwistern. Zu ihnen, insbesondere zu Vincenzo, Adriana und Giuseppe, entwickelt Arminuta eine so tiefe Liebe, dass ihr später jede Trennung ungeahnte Schmerzen bereitet. Vincenzo und Adriana sind dabei die beiden Charaktere, die Arminuta stark machen, weil sie sich ihrer sofort nach der Ankunft annehmen, ihr die Zuneigung zu Teil werden lassen, die die Eltern zu geben nicht in der Lage sind, und ihr zeigen, dass Armut kein Ausschlusskriterium für Spaß sein muss.

Neben der beeindruckenden Geschichte der Geschwister hat mir auch Arminutas Beziehung zu ihrer Mutter gefallen. Sie wirkt zwar zu keinem Zeitpunkt wirklich liebevoll, ist gleichzeitig dennoch von Liebe gekennzeichnet. Die Gesten sind nur klein, aber intensiv, wie zum Beispiel das Hühnerbein zu Beginn.

Insgesamt war es mir eine Freude, Arminuta zu lesen, auch wenn ihre Geschichte teilweise sehr bedrückend ist. Der Schreibstil war gut lesbar, hat zu ausgiebigen Lesevergnügen verleitet. Ich musste mich regelrecht zwingen, zwischendurch eine Pause einzulegen, damit ich mehr als einen Tag lang, etwas von diesem schön Buch hatte.

Fazit: Klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 09.03.2024

Es gibt nur eine Macht. Die Macht zu töten.

Das Philosophenschiff
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Die Hundertjährige Architektin Anouk Perlemann-Jacob bittet einen wenig renommierten Schriftsteller ihr Leben in einem Roman zu verarbeiten. Die Geschichte beginnt, als Anouk auf Lenins Befehl hin mit ...

Die Hundertjährige Architektin Anouk Perlemann-Jacob bittet einen wenig renommierten Schriftsteller ihr Leben in einem Roman zu verarbeiten. Die Geschichte beginnt, als Anouk auf Lenins Befehl hin mit einem Philosophenschiff ins Exil deportiert wird. Wenige Personen der sogenannten Intelligenzija sind mit ihr auf dem völlig überdimensionierten Schiff. Die Crew des Schiffes bleibt für die Passagiere verborgen. Sie haben nur einander, vermuten Spionage, die Stimmung ist von Misstrauen geprägt. Als das Schiff mehrere Tage auf offenem Meer hält, geht die Angst um.

Vor diesem Hintergrund spinnt Michael Köhlmeier eine Story aus historischen Fakten und frei erfundenen Lügen zusammen, die die Erinnerungen der gealterten Anouk Perlemann-Jacob darstellen sollen. Natürlich verändern sich Erinnerungen im Laufe der Zeit, Details gehen verloren, Lücken werden aufgefüllt. Doch in solch extravaganter Ausprägung wie hier sind mir Erinnerungen noch nie begegnet. Ehrlich gesagt hat mich damit der Autor auch ein Stück weit abgehängt, da ich nicht so recht ausmachen kann, was er seiner Leserschaft mit diesem Roman sagen will. Will er alternative Fakten anprangern? Will er auf sich wiederholende Geschichte aufmerksam machen? Vieles ist mir ein Rätsel geblieben. Themen werden angerissen, später nicht weiterverfolgt. Personen, die der Geschichte wenig dienen, nehmen in meiner Wahrnehmung viel Raum ein. Soll unsere Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit widergespiegelt werden oder die ausufernde Phrasendrescherei von Leuten, die eigentlich nichts zu sagen haben? Vielleicht alles davon vielleicht Nichts.

Dabei habe ich die Kapitel einzeln betrachtet, eigentlich ganz gern gelesen. Rein sprachlich hat mich der Roman schon abgeholt. Beeindruckt haben mich die Ausführungen, die Köhlmeier Lenin über Macht sprechen lässt, sowie Stalins Ausführungen über die leichtfertig aufgegebene Freiheit des Volkes, um selbst keine Verantwortung und kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das gibt mir schon zu denken.

Insgesamt ist mir „Das Philosophenschiff“ allerdings zu zerfasert und über weite Strecken auch zu weit weg von historischer Glaubwürdigkeit. Zudem hätte ich mir ein Nachwort oder irgendeine Erklärung gewünscht, die mich nochmal aus anderer Richtung abholt. So bleibe ich nach der Lektüre etwas ratlos zurück.

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Veröffentlicht am 06.12.2023

Anstrengendes Lesevergnügen

Unsereins
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Ich habe schon lange keinen vergleichbar anstrengenden Roman mehr gelesen. Durch die Lektüre von Archipel wusste ich, dass der Stil von Inger-Maria Mahlke durchaus anspruchsvoll sein kann. In diesem Sinne ...

Ich habe schon lange keinen vergleichbar anstrengenden Roman mehr gelesen. Durch die Lektüre von Archipel wusste ich, dass der Stil von Inger-Maria Mahlke durchaus anspruchsvoll sein kann. In diesem Sinne hat sie sich hier noch übertroffen. Damit möchte ich den Roman nicht in ein schlechtes Licht rücken, sondern lediglich auf die erforderliche Zeit und Konzetration aufmerksam machen.

Ohne die Stadt Lübeck auch nur ein einziges Mal zu benennen, stellt sie als kleinster Staat des Deutschen Kaiserreichs das Hauptsetting der von 1890 bis 1906 dargestellten Geschichte der Familie Lindhorst dar. Die Familiengeschichte selbst wird sehr detailreich erzählt, die Familienmitglieder treten insbesondere auch aufgrund politischer Verflechtungen mit jeder Menge weiterer Personen in Kontakt. Wir haben es also mit einer hohen Anzahl an Charakteren zu tun, die fast ausschließlich durch ihr Handeln zum Leben erweckt werden. Ihre präzise Optik sowie ihre Gefühlswelt bleiben der Leserschaft weitestgehend verborgen. In diesem Kontext ist es schwierig, sich ein umfassendes Bild von den handelnden Personen zu machen, geschweige denn Nähe zu ihnen aufzubauen. Insgesamt waren es für meinen Geschmack auch zu viele Charaktere.

Obwohl sich der Roman überwiegend entlang des Zeitstrahls bewegt, sind die verschiedenen Zeitschienen nicht gut erkennbar. Es werden ungekennzeichnete Rückblicke eingestreut, die meinen Lesefluss gehemmt haben. Dadurch entstehen Längen, die eigentlich nicht notwendig wären. Denn was mir an „Unsereins“ gefällt, ist die vermittelte Atmosphäre, der Umgang der Leute miteinander, Eltern mit ihren Kindern, Politiker untereinander und mit ihren Angestellten. Interessant auch das Verhalten gegenüber Minderheiten. Es entsteht darüberhinaus ein Eindruck zum Leben seinerzeit an sich, wie beschwerlich es für manche Gesellschaftsschicht war. Amüsant habe ich die Verhaltensregeln in Liebesdingen empfunden. Insgesamt habe ich die Erzählweise ähnlich wahrgenommen wie Gespräche zwischen meinen Großeltern und deren Freunden, denen ich als kleines Kind beiwohnen durfte. Dieses Wecken von Erinnerungen gefällt mir.

Trotzdem kann ich den Roman nicht uneingeschränkt weiterempfehlen. Man muss sich schon sehr darauf einlassen und mehr Lesekapazität als gewohnt investieren.

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