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Veröffentlicht am 07.04.2019

Die Wahrheit über das Lügen

Die große Heuchelei
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Der Titel von Benedict Wells´ letztem Buch würde auch zu Jürgen Todenhöfers beeindruckendem Sachbuch “Die große Heuchelei“ gut passen. Der Autor ist dafür bekannt, dass er gut recherchierte Reportagen ...

Der Titel von Benedict Wells´ letztem Buch würde auch zu Jürgen Todenhöfers beeindruckendem Sachbuch “Die große Heuchelei“ gut passen. Der Autor ist dafür bekannt, dass er gut recherchierte Reportagen aus den Krisen- und Kriegsgebieten der Welt veröffentlicht und dabei selbst häufiger in Lebensgefahr gerät. Er hat die ganze Welt bereist und berichtet über Syrien, den Irak, Libyen, Afghanistan, Palästina, den Jemen und Myanmar. Auf die für das vorliegende Buch unternommene Reise hat er sich mit seinem Sohn und Ko-Autor Frederic begeben, der fotografiert und gefilmt hat. Die zahlreichen Fotos belegen die Darstellung des Autors im Textteil.
Es ging Todenhöfer darum zu zeigen, dass wir nicht die Guten sind, dass der Westen von jeher die Welt mit militärischen Aktionen und Kriegen überzogen hat, nicht um anderen Ländern die eigenen Werte zu vermitteln, sondern stets im eigenen Interesse und aus Machtstreben. Auch die Interventionen der letzten Jahrzehnte haben den betroffenen Ländern nie Freiheit und Demokratie, sondern stattdessenn unendliches Leid gebracht, was auch die Bilder belegen: in Grund und Boden bombardierte Städte und verletzte und tote Menschen. Todenhöfer greift in seiner Darstellung nicht nur die Politiker an, die die Menschen in ihren Ländern belügen, sondern auch die Medien, die diese Heuchelei durch ihre Berichterstattung häufig unterstützen.
Der Autor mahnt eine gewaltfreie humanistische Revolution an, um endlich dem Frieden eine Chance zu geben. Nur wenn der Westen nicht länger seine eigenen Werte verrät, kann er selbst überleben, und die Menschen werden nicht in immer neue militärische Auseinandersetzungen verwickelt. Nach der Lektüre dieses Buches kann niemand sagen, er hätte nichts gewusst und sich bequem zurücklehnen. Todenhöfers Abrechnung mit der Heuchelei der Mächtigen ist keine leichte Kost, aber sie kann niemand kalt lassen. Am Ende berührt die Flucht eines 12jährigen jesidischen Jungen, der unter schwersten Bedingungen halb Europa durchquert, den Leser und macht deutlich, dass mitmenschliches Verhalten gegenüber den Flüchtlingen geboten ist. Ein überaus wichtiges Buch.

Veröffentlicht am 10.03.2019

Rituale für die Manen

Rückwärtswalzer
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In “Rückwärtswalzer“, Vea Kaisers dritten Roman, steht die Familie Prischinger im Mittelpunkt. In dem kunstvoll komponierten Roman wird kapitelweise wechselnd die Geschichte der Familie erzählt, beginnend ...

In “Rückwärtswalzer“, Vea Kaisers dritten Roman, steht die Familie Prischinger im Mittelpunkt. In dem kunstvoll komponierten Roman wird kapitelweise wechselnd die Geschichte der Familie erzählt, beginnend im Jahr 1953, als die Russen die Gastwirtschaft im Waldviertel besetzt hatten und die Mutter mit den fünf Kindern auf engstem Raum lebte und sie alle Hunger litten. Der Roman setzt mit der zweiten Erzählebene in der Gegenwart ein, wo der erfolglose Schauspieler Lorenz Prischinger wieder einmal seine drei Tanten und seinen Onkel Willi anbettelt, weil er finanziell am Ende ist. Alle leben inzwischen in Wien: die Schwestern Mirl, Wetti und Hedi mit ihrem Partner Willi, der eigentlich Koviljo Markovic heißt und aus Montenegro stammt. Dann stirbt Onkel Willi plötzlich. Es war sein Wunsch, in Montenegro begraben zu werden. Da kein Geld mehr vorhanden ist, beschließen die drei Tanten eine illegale Überführung im Panda mit Lorenz als Fahrer über eine Distanz von 1029 km. Dabei kommt es zu allerhand Komplikationen.
Die Geschichte ist eine sehr gut lesbare Road Novel, wobei in den Rückblenden die Vergangenheit nachgeholt wird, Geheimnisse ans Licht kommen und auch die Schwestern Dinge erfahren, von denen sie nichts wussten. Auch der Leser muss fast bis zum Ende des Romans warten, bis er erfährt, wie der kleine Bruder Nenerl, Zwillingsbruder von Hedi, ums Leben kam, an dessen Tod sich die drei Schwestern die Schuld geben, ohne diese Tragödie jemals durch Gespräche aufzuarbeiten.
Man könnte meinen, dass die Überführung einer Leiche eine sehr traurige Geschichte ist, aber der Autorin gelingt es, sie mit viel Humor zu erzählen. Die drei Tanten sitzen zum Beispiel dick vermummt und zusammengedrängt auf dem Rücksitz, während die Klimaanlage auf Hochtouren läuft und der zunächst tiefgefrorene Willi geschminkt mit Sonnenbrille und Kappe auf dem Beifahrersitz thront und immer stärker riecht. Am Ende ist es eine berührende Geschichte, wie die Schwestern trotz aller Differenzen zusammenhalten, wenn es darauf ankommt und ihnen die Wünsche des Verstorbenen wichtiger sind als das Gesetz. Der Geist des Toten beeinflusst die Hinterbliebenen, indem er ihnen neue Wege aufzeigt. Das Leben geht weiter, auch für Lorenz, der die Ratschläge des geliebten Onkels beherzigt, denn “… auch diejenigen, die nicht mehr waren, blieben dabei. Solange man auf sie hörte.“ (S. 419). Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 10.03.2019

Das Schicksal ist ein Rätsel

Bella Ciao
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In ihrem Roman “Bella Ciao“ (Originaltitel: "Destino") zeichnet Raffaella Romagnolo das Schicksal einiger ausgewählter Familien im fiktiven Borgo di Dentro vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1946 nach ...

In ihrem Roman “Bella Ciao“ (Originaltitel: "Destino") zeichnet Raffaella Romagnolo das Schicksal einiger ausgewählter Familien im fiktiven Borgo di Dentro vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1946 nach und liefert dabei ein gut recherchiertes Porträt italienischer Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das zwei Weltkriege und den Faschismus ebenso umfasst wie die Situation italienischer Einwanderer in den USA.
Im Mittelpunkt steht Giulia Masca, Mitte 60, die 1946 in Begleitung ihres Sohnes Michael zum ersten Mal in den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, den sie 45 Jahre zuvor fluchtartig verlassen hatte, nachdem sie kurz vor der Hochzeit den Verrat ihres Verlobten Pietro und ihrer besten Freundin Anita bemerkt hatte. Die schwangere 20jährige lernt in New York den Geschäftsmann Libero Manfredi kennen, der ihr fortan ein zuverlässiger Ehemann und Vater für ihren Sohn ist. Der Roman berichtet über ihr Leben in der neuen Welt ebenso wie über ihre harte Kindheit und Jugend mit einem Alkoholiker als Vater und einer verbitterten Mutter, die sie nicht liebt. Die Autorin benutzt die Technik des umgestellten Erzählens, um sowohl die private als auch die große Geschichte mit vielen Rückblenden, Wechseln der Erzählperspektive und Zeitsprüngen zu erzählen, wobei sie immer wieder zur Gegenwart zurückkehrt, wo sich Giulia auf die Begegnung mit ihrer Vergangenheit vorbereitet. Eine Vielzahl von Personen, die mehreren Generationen angehören, macht die Lektüre nicht einfacher. Dennoch bleibt ein sehr positiver Eindruck zurück, denn der Leser geht mit einem enormen Zuwachs an Wissen aus der Lektüre des Romans hervor - sowohl, was die Situation ausgebeuteter Arbeiter in den Fabriken und von Halbpächtern im Weinanbau und in der Landwirtschaft als auch den Faschismus unter Mussolini betrifft. Viele Orte und Personen sind echt, und die beschriebenen Ereignisse, z.B. den Überfall auf die Druckerei und das Massaker an den Partisanen hat es wirklich gegeben. Besonders beeindruckt hat mich der letzte Teil des Romans, der den verlustreichen Kampf der Partisanen in der Resistenza zeigt. Der deutsche Titel macht insofern Sinn, als “Bella Ciao“ das berühmte italienische Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg war, das als Kampflied von Revolutionären aller Art überlebt hat. Es gibt viele Tote im Roman, aber dennoch auch tröstliche Botschaften: Familie ist wichtig, denn gerade in schwierigen Zeiten muss man füreinander da sein. Die Vergangenheit gibt es nicht, denn man muss nach vorn schauen. Leben heißt gehen. Eventuell darf man allerdings zurückkehren so wie Giulia, die sich auch zukünftige Begegnungen ihres Sohnes und seiner Familie mit den Menschen in Borgo di Dentro vorstellen kann.
Der Roman ist keine einfache Lektüre, aber absolut lohnend, wenn man sich erst einmal darauf einlässt.

Veröffentlicht am 05.03.2019

Liebe währt nicht ewig

Die Liebe im Ernstfall
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“Die Liebe im Ernstfall“ ist Daniela Kriens zweiter Roman nach ihrem viel beachteten Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und einem Band mit 10 Erzählungen aus dem Jahr 2014. In ihrem neuen ...

“Die Liebe im Ernstfall“ ist Daniela Kriens zweiter Roman nach ihrem viel beachteten Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und einem Band mit 10 Erzählungen aus dem Jahr 2014. In ihrem neuen Roman erzählen fünf Frauen aus wechselnder Perspektive aus ihrem Leben. Es sind Paula, die Buchhändlerin, Judith, die Ärztin, die Schriftstellerin Brida, die Musiklehrerin Malika und ihre Schwester Jorinde, die Schauspielerin. Die fünf Abschnitte werden nicht unverbunden aneinander gereiht, sondern es gibt vielfältige Verknüpfungen. Sie sind ein Leben lang Freundinnen wie Paula und Judith oder Rivalinnen um die Liebe eines Mannes wie Malika und Brida oder konkurrieren um die Liebe der Eltern. Es ist ein realistisches Bild der Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern und von Geschwistern unter einander. Wie im wirklichen Leben gibt es kein Happy End. Liebesbeziehungen dauern unterschiedlich lang. Sie werden beendet, wenn sich einer der Partner neu orientiert oder gar nur mit Hilfe des Internets flüchtige Kontakte sucht, die zu nichts verpflichten. Wenn eine Beziehung hält wie die Ehe von Malikas und Jorindes Eltern Vicky und Helmut, dann nicht, weil sie besonders glücklich ist, sondern weil einer der Partner resigniert und wegschaut. Die Autorin zeichnet kein übertrieben pessimistisches Bild, sie beschreibt einfach nur, wie es ist, ohne Sentimentalität.
Sprachlich ist der Roman sehr gelungen. Er ist anders als ihr erster. Wiedervereinigung und Westorientierung der Bewohner der neuen Bundesländer kommen zur Sprache, spielen aber nicht dieselbe tragende Rolle. Alles in allem ein empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 26.02.2019

Schwierige Mutterrolle

Frau im Dunkeln
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Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“ erscheint 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum ersten Mal in deutscher Sprache.
Leda, Ende 40, geschieden, arbeitet als Professorin in Florenz. In der Erzählgegenwart ...

Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“ erscheint 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum ersten Mal in deutscher Sprache.
Leda, Ende 40, geschieden, arbeitet als Professorin in Florenz. In der Erzählgegenwart des Romans macht sie Urlaub am Meer, irgendwo im Raum Neapel. Leda ist eine unzufriedene, sehr unglückliche Frau, bei der es privat und beruflich nicht mehr rund läuft. Am Strand beobachtet sie die junge Mutter Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena, die ein sehr inniges Verhältnis zueinander haben und stundenlang miteinander und mit der geliebten Puppe Nani spielen. Der Anblick der glücklichen jungen Familie macht Leda neidisch und wütend und bringt sie dazu, Entscheidungen, die sie an kritischen Punkten in ihrem Leben getroffen hat, zu überdenken und neu zu bewerten.
Leda war in den Jahren nach der Geburt ihrer beiden Töchter so erschöpft und überfordert, dass sie gehen musste, um zu überleben. Sie verließ Bianca und Marta, als sie 6 und 4 Jahre alt waren und kehrte erst drei Jahre später zurück. Das Verhältnis zu ihren Töchtern war nie einfach. Sie waren Rivalinnen um die Liebe der Mutter, sorgten mit ihren wachsenden Ansprüchen für Unfrieden und verdrängten als Heranwachsende die Mutter von ihrem angestammten Platz der schönen Frau, die die Blicke auf sich zieht. Da die Töchter bei ihrem Vater in Kanada leben, hat die räumliche Distanz für eine noch größere Entfremdung gesorgt. Das alles geht Leda immer wieder durch den Kopf, als sie eine gegen die junge Familie gerichtete unüberlegte Tat begeht und großen Kummer verursacht. In der scheinbaren Harmonie zeigen sich plötzlich Risse, und die junge Nina fühlt sich zunehmend zu ihr hingezogen. Sie scheint sich in einer ähnlichen Situation zu befinden wie Leda vor Jahren.
Elena Ferrantes Roman entfaltet auch in der Übersetzung eine intensive Wirkung und liest sich sehr gut. Die Autorin zeigt am Beispiel ihrer Protagonistin Leda, wie schwer, wenn nicht sogar unmöglich es ist, die Mutterrolle mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung zu vereinbaren. Leda muss sich von Außenstehenden beleidigen und als Rabenmutter beschimpfen lassen. Glück haben ihr die von ihr vor Jahren getroffenen Entscheidungen jedenfalls nicht gebracht, wie sie selbst am besten weiß. Die Autorin stellt überzeugend dar, dass Mutterliebe nichts Naturgegebenes, Unveränderliches ist. In ihrer Überforderung begegnete Leda ihren Töchtern teilweise mit Ablehnung und Hass und ließ sich fast zu Handgreiflichkeiten hinreißen. Man kann diese Geschichte als Leser sehr gut nachvollziehen. Mir hat die Innenansicht einer unglücklichen Mutter sehr gut gefallen.