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Veröffentlicht am 14.09.2025

Kurskorrekturen

Aufsteiger
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Die Karriere des ehrgeizigen Journalisten Felix Licht kannte bisher nur eine Richtung: nach oben. Dafür hat er Familie, Privatleben und Gesundheit hintangestellt und lebt in Erwartung weiteren Aufsteigens ...

Die Karriere des ehrgeizigen Journalisten Felix Licht kannte bisher nur eine Richtung: nach oben. Dafür hat er Familie, Privatleben und Gesundheit hintangestellt und lebt in Erwartung weiteren Aufsteigens auf zu großem Fuß. Um den Gipfel in Gestalt des Chefredakteurspostens bei der bedeutenden Wochenzeitschrift „Das Magazin“ zu erreichen, schreckt er auch vor Königsmord an seinem Mentor, Förderer und Freund Richard Leck nicht zurück, doch kommt ihm der mit der Kündigung zuvor. Seit das Blatt vom neureichen Ehepaar Christian und Charlotte Berg übernommen wurde, die ihr Riesenvermögen mit Kleidung für Neurechte gemacht haben und dieses Image nun unbedingt loswerden möchten, rückt Felix‘ Ziel in immer greifbarere Nähe, nun ist er sich seiner Sache sicher:

"Er fühlte sich wie ein Alpinist, der im Schatten eines gewaltigen Berges aufgewachsen war und nun nach vielen Jahren und Aufstiegsversuchen nur noch wenige Meter bis zum Gipfel vor sich hatte, das Ziel fest im Blick. Er war viel zu nah dran, als dass er noch scheitern könnte." (S. 35)

Verkalkuliert
Der Schlag trifft ihn ebenso unvorbereitet wie hart, plötzlich ist nicht nur Richard Leck, sondern auch Felix Licht ein alter weißer Mann. Ihm, der sich mit seinen 48 Jahren noch zum journalistischen Nachwuchs im besten Alter zählte, wird dank der Fürsprache von Charlotte Berg ausgerechnet die 31-jährige woke, schwarze Zoe Rauch vorgezogen, eine Frau mit einem „ausgezeichneten Ruf in genau dem Milieu, das das Magazin bislang strikt ablehnte“ (S. 76). Vor zwölf Jahren war sie seine begabteste Volontärin. Um ein Haar wäre er damals ihrer Schönheit und ihrem Charme erlegen und hätte für sie sein „Spießerleben“ (S. 71) riskiert. Nun ist sie plötzlich wieder da – unter umgekehrten Vorzeichen, aber ebenso anziehend. Innerhalb weniger Stunden bricht für Felix Licht alles zusammen: Karriere, Ansehen, Familie. Warum also nicht auf das Angebot des rechten Hetzbloggers und Anwalts Cornelius Sentheim eingehen und auf Diskriminierung wegen Alters, Geschlechts und Hautfarbe klagen, um wenigstens die finanziellen Probleme abzufedern?

Auf und Ab
"Aufsteiger" ist ein Roman aus der Berliner Medienwelt, der mich zunächst in Bann gezogen hat. Der Prolog in den Räumen der Gerichtsmedizin macht neugierig, die Niederlage des selbstmitleidigen Ehrgeizlings Felix Licht erzeugt Schadenfreude und die Schilderung der prekären Lage der Printmedien ist interessant. Dass der 1969 geborene Autor Peter Huth heute Unternehmenssprecher bei Axel Springer ist und früher als Journalist unter anderem Chefredakteur der "B.Z." und der "Welt am Sonntag" war, steht für tiefe Kenntnis der bundesdeutschen Medienszene.

Allerdings flaute meine Begeisterung im Mittelteil deutlich ab, denn die Diskussionen in der Redaktion und den rechtspopulistischen sozialen Medien über Klimakleber, Windkraft, Indianer, Gendersternchen und Transpersonen wirken – wenn auch nicht abschließend gelöst – entsetzlich abgedroschen. Ausgetauscht werden altbekannte Argumente, die mich  angesichts der schweren aktuellen Krisen wie Ukraine- oder Gazakrieg noch weniger ineressieren als damals und mit denen ich mich einfach nur gelangweilt habe. Gestört hat mich außerdem, dass es durchgängig nur radikale Charaktere gibt, die zudem jedes erdenkliche Klischee erfüllen: radikal ehrgeizig, geltungssüchtig, (pseudfeministisch, rechtspopulistisch, wertefrei, selbstmitleidig, reich…, keinerlei Grautöne, und für mich damit ohne Möglichkeit zur Anknüpfung.

Im letzten Teil hat mich die Handlung allerdings wieder eingefangen, trotz der extremen Wendungen, so dass "Aufsteiger", nicht zuletzt wegen des dynamischen, temporeichen Schreibstils und des Clous im Epilog, trotz der angeführten Schwächen letztlich insgesamt doch eine lohnende Lektüre für mich war.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Ermittlungsakte 40/913/990-07

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Statistisch gesehen stirbt weltweit alle zehn Minuten eine Frau oder ein Mädchen durch den Partner oder Ex-Partner, wobei die drei Monate nach der Trennung das höchste Gefahrenpotential darstellen. In ...

Statistisch gesehen stirbt weltweit alle zehn Minuten eine Frau oder ein Mädchen durch den Partner oder Ex-Partner, wobei die drei Monate nach der Trennung das höchste Gefahrenpotential darstellen. In Deutschland gab es 2023 laut BKA-Bundeslagebericht 360 Femizide, also Tötungsdelikte aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, Tendenz steigend. In 155 Fällen waren die Täter Partner oder Ex-Partner, in 92 weiteren Familienangehörige.

Deutlich höhere Zahlen weisen Afrika, aber auch Amerika und Ozeanien auf. In Mexiko, wo der Straftatbestand des Femizids 2012 ins Bundesstrafgesetzbuch aufgenommen wurde, sind es zehn pro Tag.

Selten geschehen die Taten ohne Vorlauf. Die US-amerikanische Krankenschwester Jacquelin Campbell hat 1985 eine „Kartografie der Gewalt“ (S. 59) mit 22 Risikofaktoren für häusliche Übergriffe erstellt. Die Vorzeichen nicht erkannt zu haben, ist eine der Ursachen für Schuldgefühle Hinterbliebener.

Eine Akte ersetzen
Schuldgefühle, Scham, Trauer und die fehlende Sprache für den Femizid an ihrer Schwester Liliana Rivera Garza am 16.07.1990 ließen auch die mexikanische Schriftstellerin Cristina Rivera Garza jahrzehntelang stumm bleiben. Nach einer Odyssee durch mexikanische Behörden 2019 jedoch, bei der die Ermittlungsakten unauffindbar blieben, obwohl der mutmaßliche Täter Ángel González Ramoz nie gefasst und angeklagt wurde, fasste sie einen Entschluss:

"In Zukunft, sage ich mir, während ich versuche, dem Augenblick zu entfliehen, werde ich mich daran erinnern, dass dies der Moment war, in dem ich erkannt habe, dass ich schreiben muss, um diese Akte zu ersetzen, die vielleicht für immer unauffindbar bleibt." (S. 36)

Entstanden ist ein äußerst persönliches Memoir über das kurze Leben Lilianas, das sie und nicht den mutmaßlichen Täter oder die Tat in den Mittelpunkt stellt, verbunden mit einem Blick auf die strukturellen und gesamtgesellschaftlichen Probleme hinter dem Phänomen Femizid. Getrennt durch einen Altersabstand von fünf Jahren und unterschiedliche Interessen fühlt sich die Autorin Liliana bis heute besonders bei ihrem gemeinsamen Hobby nah: dem Schwimmen.

Eine detailreiche Rekonstruktion
Mit Hilfe einer Unzahl von „Heften, Notizen, Aufzeichnungen, Collagen, Plänen, Briefen, Kassetten und Kalendern“ (Nachwort, S. 327), außerdem zahlreichen transkribierten, literarisch aufbereiteten Interviews im Freundes- und Familienkreis der 20-jährigen begabten, freiheitsliebenden, lebenshungrigen und umschwärmten Architekturstudentin, rekonstruiert Cristina Rivera Garza deren Persönlichkeit. Sechs Jahre währte die immer wieder unterbrochene Beziehung zu ihrem späteren Mörder, einem von Wut, rasender Eifersucht, Penetranz und Kontrollzwang getriebenen jungen Mann, der so gar nicht zu Lilianas studentischem Freundeskreis in Mexiko-Stadt passte, und von dem sie sich etwa im Mai 1990 endgültig befreite. Viele Fragen bleiben offen, da die kommunikative Liliana sich ausgerechnet in Beziehungsfragen äußerst bedeckt hielt. Ahnte sie die Gefahr? Warum kehrte Liliana immer wieder in die belastende Beziehung zurück? Eine Antwort darauf gibt die US-amerikanische Journalistin und Expertin für häusliche Gewalt Rachel Louise Snyder:

"Opfer partnerschaftlicher Gewalt bleiben in der Beziehung, weil sie wissen, dass jede plötzliche Bewegung den Bären provoziert." (S. 235)

Die inzwischen überwiegend in den USA lebende und lehrende, 1964 in Mexiko geborene Soziologin und Historikerin Cristina Rivera Garza gehört zu den wichtigsten Autorinnen ihres Herkunftslands. Für "Lilianas unvergänglicher Sommer" - der Titel bezieht sich auf ein Zitat von Albert Camus - erhielt sie den Pulitzer-Preis 2024 in der Kategorie Memoiren oder Autobiographie, der seit 2023 vergeben wird. Ich hätte mir bei den Interviews und den Notizen Kürzungen, bei den Bildern erklärende Unterschriften gewünscht und streckenweise war mir der Text zu gefühlvoll, wenngleich das aus Sicht der Autorin verständlich ist. Gefallen haben mir der kämpferische Stil, die allgemeinen, nüchternen Betrachtungen zum Thema Femizid und besonders die ergreifende Schilderung der lebenslangen Auswirkungen einer solchen Tat auf die Hinterbliebenen.

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Veröffentlicht am 24.07.2020

Weggesperrt und für verrückt erklärt

Die Tanzenden
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Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel ...


Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel vor Turku, auf der es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen gab. Meist wurden sie von ihren Angehörigen eingewiesen, häufig nicht mit einer psychiatrischen Diagnose, sondern wegen Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen.

Eine ganze Reihe von Parallelen, aber auch grundlegende Unterschiede dazu, weist das preisgekrönte Debüt "Die Tanzenden" der 1987 geborenen Französin Victoria Mas auf, das im Hôpital de la Salpêtrière in Paris spielt. In beiden Romanen stehen je zwei Patientinnen und eine Krankenschwester im Zentrum, beide beschäftigen sich mit den Einweisungsgründen und dem Klinikalltag und in beiden leben nur wenige Patientinnen freiwillig, weil ihnen die Einrichtung Schutz vor meist männlicher Gewalt bietet. Doch während die Handlung in "Själarnas Ö" von 1891 bis in die 1930er-Jahre spielt, umfasst sie in "Die Tanzenden" lediglich zwei Wochen im Februar und März 1885 mit einem Epilog 1890. Abgeschottet lebten die Patientinnen hier wie dort, doch gab es in der Salpêtrière zahlreiche Ärzte, an der Spitze 1885 der berühmte Professor Charcot mit seiner Hypnosetherapie, der mit ausgewählten Patientinnen wöchentliche öffentliche Lehrvorstellungen gab. Höhepunkt des Jahres für die Salpêtriere wie für die Pariser Bourgeoisie war der jährliche zu Mittfasten abgehaltene Kostümball, der „Bal des folles“, bei dem man die „Hysterikerinnen“ einem sensationsgierigen Publikum präsentierte.

Zwei Patientinnen, eine Krankenschwester
Während Sigrid, die Krankenschwester auf Själö, ihre Patientinnen empathisch umsorgt und die Grenzen zwischen krank und gesund ständig infrage stellt, ist Geneviève, die ehrgeizige Oberaufseherin der Salpêtrière, distanziert und zweifelt nicht am Konzept ihrer Klinik. Louise, eine 16-jährige Waise, wurde drei Jahre zuvor von ihrer Tante eingeliefert, nachdem ihr Onkel sie missbraucht hatte. Ebenfalls Opfer ihrer Familie ist die rebellische 19-jährige Eugénie aus bürgerlichem Hause, die mit ihrer Geisterseherei eine Bedrohung darstellt:

"Dass sie Verstorbene sah, war ein untrügliches Anzeichen von Wahnsinn. Derlei Symptome führten eine Frau, das wusste Eugénie, nicht zum Arzt, sondern geradewegs in die Salpêtrière. Wer solche Dinge öffentlich erwähnte, dem war die Zwangseinweisung sicher." (S. 54)

Als Eugénie sich trotzdem ihrer Großmutter anvertraute, brachte ihr Vater sie umgehend in die berüchtigte Klinik. Nicht nur für Eugénie ein dramatischer Einschnitt, sondern auch für Geneviève, die durch die Geisterseherin in ihren Grundfesten erschüttert wird:

"Seit einer Woche, seit Eugénie da ist, entgleitet ihr alles, was sie im Griff zu haben meinte. Ein bedrückendes Gefühl, doch sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Sie hat versucht, standhaft zu bleiben – umsonst." (S. 136)

Ein zwiespältiges Fazit
Einerseits ist die Geschichte äußerst spannend, gut recherchiert, die Ausrichtung auf den dramaturgischen Höhepunkt in der Ballnacht gelungen. Man merkt, wie sehr die Autorin für ihr Thema und die unterdrückten Frauen brennt. Der Erzählstil ist einfach und liest sich dank des fast konsequent chronologischen Aufbaus leicht, das Cover wunderschön. Leider hat mir aber das Abgleiten ins Okkulte und Spiritistische überhaupt nicht gefallen, weil es einer ansonsten realistischen Handlung die Glaubwürdigkeit raubt. Von der Lektüre abraten möchte ich trotzdem nicht, dazu hat mich der historische Hintergrund zu sehr gefesselt und das Geschehen abseits der Geistergeschichte zu gut unterhalten.

Veröffentlicht am 31.05.2019

Familienterror

Der Zopf meiner Großmutter
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Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, ...

Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, sondern auch den Enkel Maxim, genannt Mäxchen. Dass sie ihm grundlos Krankheiten andichtet, ihn mit pürierter Kost traktiert, mit einem wahren Desinfektionswahn gegen Keime ankämpft und ein Schulfest für ebenso gefährlich hält wie eine Grippeepidemie, könnte man noch unter dem Schlagwort „Überbehütung“ verbuchen. Beschimpfungen wie „Du bist ein Idiot“ oder „formloser Rotz“ passen dazu jedoch definitiv nicht, und dass sie ihm eintrichtert, „körperlich schwach und geistig minderbemittelt“ zu sein, entspricht mit Sicherheit nicht dem Erziehungsideal der Stärkung von Kindern. „Ein Klotz am Bein“ sei er, versichert sie ihm beständig, und schuld daran, dass für sie „jedes Lebensjahr für zwei“ zählt. „Niemand auf der ganzen Welt würde sich jemals so für mich interessieren wie sie“ versichert sie dem Ich-Erzähler Maxim, der zu Beginn fünf Jahre alt und gerade mit den Großeltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland übergesiedelt ist. Zunächst wehrt sich der intellektuell überlegene Enkel nicht, denn: „Ich käme ja sonst zu nichts anderem mehr“, aber allmählich durchschaut er sie doch und beginnt „am Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu zweifeln“ – ein erster Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

Einen anderen Ausweg aus der Unterdrückung findet der Großvater mit den asiatischen Gesichtszügen. Zwar kann Margarita ihn mit Schuldzuweisungen an sich binden, doch verliebt er sich kurz nach der Ankunft in Deutschland. Maxim, der die Situation instinktiv erfasst, deckt ihn, und so ist ausgerechnet die alles kontrollierende Margarita lange ahnungslos. Umso erstaunlicher reagiert sie, als sie mit der Wahrheit konfrontiert wird: Sie gründet kurzerhand eine Patchwork-Familie. Am Krankenbett des Großvaters ergibt sich deshalb ein verwirrendes Bild: „Wenn ich auf Station war, riefen mich die Schwestern … und fragten, wer die beiden Frauen an Großvaters Bett seien und wer von ihnen mich und meinen kleinen Bruder aus Korea adoptiert habe.“

Leider hat der Humor in der stark 200 Seiten umfassenden Geschichte selten so wie an dieser Stelle bei mir gezündet. Obwohl ich skurrile Protagonisten prinzipiell mag, war mir die Egozentrik Margaritas einfach zu viel. Erklärungsansätze für ihr Verhalten werden zwar im Laufe der Geschichte sichtbar, ihre Einsamkeit, die Entwurzelung, ihre Angst, nicht gebraucht zu werden, und ihre Schuldgefühle, trotzdem kam kein Mitgefühl bei mir auf. Durch die Ich-Perspektive Maxims – es blieb mir unklar, ob er rückblickend aus der Erwachsenenperspektive oder zeitnah erzählt – konnte ich außerdem nicht einschätzen, inwieweit er diese traumatische Kindheit tatsächlich so locker wegsteckt, wie er uns glauben machen will. Darüber hinaus kam das Ende relativ plötzlich, unspektakulär und mit größeren Zeitsprüngen im letzten Drittel des Romans.

Für mich reicht Alina Bronskys neuer Roman "Der Zopf meiner Großmutter" nicht an "Baba Dunjas letzte Liebe" heran. Unterhaltsam, kraftvoll geschrieben und gut zu lesen ist er jedoch allemal.

Veröffentlicht am 23.05.2019

Ein beispielloser Fall

Mörderisches Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 5)
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Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit ...

Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit der Abreise der letzten Touristen weniger Arbeit. Nicht so in diesem Jahr. Was mit der Vermisstenanzeige einer jungen Frau beginnt, führt kurz darauf zu einem makabren Fund: Ein abgetrennter Fuß mit Schuh taucht auf, kurz danach der Rest der Leiche. Laut dem Befund von Dr. Leon Ritter, Gerichtsmediziner am rechtmedizinischen Institut von Saint-Sulpice, deutscher Abstammung und Lebenspartner von Capitaine Isabelle Morell, verblutete das Opfer infolge der dilettantisch durchgeführten Verstümmelung. Offensichtlich hatte der Täter es darauf angelegt, dem Opfer ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen: „Allerdings liegt in diesem Fall ein Maß an Aggressivität vor, wie ich es in meiner fünfundzwanzigjährigen Berufspraxis nur selten gesehen habe.“ Kurz nach der ersten verschwindet eine weitere Frau. Frankreichweit erregen die Vorgänge in Le Lavandou Aufsehen: „Dieser Fall war ohne Beispiel und darum eine Sensation“ und „lockt die Medien an wie reife Beeren die Wespen“, dabei möchte der Polizeichef, „dass Le Lavandou für seine Blumenpracht bekannt wird und nicht für seine abgesägten Füße“.

Wie immer schickt die Staatsanwaltschaft Toulon bei Kapitalverbrechen eine Kommissarin nach Le Lavandou, sehr zum Ärger von Polizeichef Zerna. Begeistert ist auch niemand über die Psychologin Dr. Claire Leblanc, die die Kommunikationsstruktur der Gendarmerie national verbessern soll – außer dem médecin légiste, der prompt einen Flirt mit der attraktiven Frau beginnt.

Dr. Leon Ritter steht noch mehr als gewöhnlich im Mittelpunkt dieses fünften Falls. Nicht nur, dass alle Opfer bei ihm in der Gerichtsmedizin landen, scheint der Täter ihn ganz persönlich herausfordern zu wollen. Trotz seiner Beteuerungen, dass er nur für die Fakten, die Polizei dagegen für die Schlüsse zuständig sei, kann er das Ermitteln wieder einmal nicht lassen und stellt die Ergebnisse der Polizei immer wieder in Frage. Doch plötzlich ist Leon noch viel mehr in den Fall involviert, als er es sich hätte träumen lassen, und zu den beruflichen Problemen kommen nun auch noch private.

Remy Eyssens Provence-Krimis gehören zu einer der wenigen Reihen, von denen ich mir keinen Band entgehen lasse. Trotz der schaurigen Mordfälle sind es „Wohlfühlbücher“ in herrlicher Umgebung, mit französischem Flair und sehr sympathischen Protagonisten. Allerdings habe ich auch bei „Mörderisches Lavandou“, genau wie beim Vorgängerband „Das Grab unter Zedern“, den Täter vorzeitig entlarvt, dieses Mal nach etwa zwei Dritteln des Buches. Etwas weniger blutige Details hätten für meinen Geschmack genügt und der Showdown war, wenn man die Vorgängerbände kennt, nicht besonders originell, aber ansonsten hat mich der leicht lesbare Krimi wieder gut unterhalten und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Le Lavandou, wenn vielleicht sogar Hochzeitsglocken läuten.