Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.03.2020

Unterhaltsame nostalgische Reise

Legendäre Reisen in Deutschland
0

"Legendäre Riesen in Deutschland" ist eine launige Melange aus alten Fotos, Zitaten, Abbildungen von Postkarten, Reisebroschüren, Hotelrechnungen und anderen mit dem Reisen zusammenhängenden Dingen. Die ...

"Legendäre Riesen in Deutschland" ist eine launige Melange aus alten Fotos, Zitaten, Abbildungen von Postkarten, Reisebroschüren, Hotelrechnungen und anderen mit dem Reisen zusammenhängenden Dingen. Die Vielfalt macht Spaß und man kann so gleich mehrere Aspekte des Titelthemas entdecken.

Die Gestaltung ist ansprechend, ein hochwertig gestalteter fester Einband ist bereits vielversprechend und der Standard hält sich im Buch, das insgesamt gelungen nostalgisch und doch übersichtlich daherkommt.

Das Buch besteht aus fünf Teilen, jeder widmet sich einer Route durch eine andere Gegend des heutigen Deutschlands. Einem Einführungstext zur jeweiligen Region folgen dann die einzelnen Orte und Gegenden. Hier gibt es für jeden Ort/jede Gegend zuerst ein Zitat, die schön ausgewählt sind - manchmal eher stimmungsvoll, manchmal informativ. Es kommen eine Vielzahl an Leuten zu Wort - u.a. Goethe, Heine, Rilke, Fontane, auch Auszüge aus dem Baedeker finden sich. Die Zitate sind eine Freude, da so vielfältig und so passend ausgesucht. Hinten im Buch findet man einen Zitatnachweis und einige der dort genannten Bücher werde ich mir sicher genauer anschauen.

Die Fotos stammen größtenteils aus der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert, zeigen meistens die erwähnten Orte, manchmal aber auch Urlauber, wartende Hotelpagen oder Restaurants. Auch hier: eine schöne Mischung. Die Hotelrechnungen fand ich ebenfalls interessant, so findet sich auf einer der Posten "Dienerschafts-Zehrung" - es ist unterhaltsam und informativ, zu sehen, welche Posten damals enthalten waren. Kurze Texte zu jedem Ort sind ebenfalls erstaunlich informativ, hier wurden viele Informationen gelungen in wenig Text gepackt - denn vorherrschend sind die Abbildungen. Die meisten Orte erhalten eine bis zwei Doppelseiten, nur größere Städte wie München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin werden ausführlicher behandelt. Ein Manko: Leipzig erhält gerade mal eine Doppelseite und ein Doppelseitenfoto, Dresden dagegen mehrere Seiten. Da hätte Leipzig ruhig ebenfalls ein wenig mehr Raum verdient.

So kann man hier ganz gemütlich durch ganz Deutschland reisen, sich Eindrücke aus mehreren Jahrhunderten zu Gemüte führen, manche Dinge wiedererkennen, auch leider mittlerweile zerstörte Stadtbilder entdecken und ganz nebenbei durchaus einiges über Land und Alltagsleben lernen. Eine gelungene unterhaltsame Mischung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 23.02.2020

Komplexe Themen komprimiert und ausgezeichnet erklärt

Das lange 19. Jahrhundert
0

Auf etwa 250 Seiten gibt Matthias von Hellfeld einen ganz ausgezeichneten Überblick über die Jahre zwischen 1776 und 1914, die vorwiegend mit Blick auf das heutige Deutschland, aber auch mit Informationen ...

Auf etwa 250 Seiten gibt Matthias von Hellfeld einen ganz ausgezeichneten Überblick über die Jahre zwischen 1776 und 1914, die vorwiegend mit Blick auf das heutige Deutschland, aber auch mit Informationen über andere europäische Länder. Das Buch ist schon haptisch ein Vergnügen, hier wurde angenehmes hochwertiges Papier gewählt. Auch die Gestaltung ist übersicht und ansprechend: es finden sich qualitativ ausgezeichnete Abbildungen, farbig unterlegte Zitatfelder, sowie Karten, Tabellen und Übersichten. Auch der Text kann mit der Gestaltung mithalten. Hellfeld schreibt angenehm, gut verständlich, konzentriert sich meistens auf das Wesentliche. Er verweist auf umfangreiche Geschichtswerke namhafter Autoren wie Nipperdey oder Münkler, und gerade wer Nipperdey kennt, weiß, wie ausgezeichnet, aber auch detailliert seine dreibändige "Deutsche Geschichte" ist. Hellfeld zieht aus diesen Bücheren die wichtigen Themen komprimiert heraus und das gelingt gut.

So sind auf diesen 250 Seiten erstaunlich viele Informationen vorhanden. Wer einen gelungenen Überblick über jenes "lange Jahrhundert" bekommen und Zusammenhänge verstehen möchte, ohne sich durch umfangreiche Geschichtswerke zu wühlen, für den ist dieses Buch genau das Richtige. Gerade die Zusammenhänge werden ganz ausgezeichnet erklärt, dies auch wesentlich klarer als in vielen anderen Bücheren. Hier sieht man, wie die Geschehnisse ineinandergreifen, welche zu jener Zeit kaum absehbare Konsequenzen manche Handlugnen und Entscheidungen Jahrzehnte später haben können. Gut erklärt wird auch, wie übertriebener Nationalismus entstehen konnte, was die Bismarck'sche Politik eigentlich bedeutete und wie schnell sie sich unter Wilhelm II umkehrte und in die Katastrophe führte. Selten habe ich geschichtliche Zusammenhänge so gut erklärt gefunden. Hier und da kommt es zu einigen kleineren Wiederholungen, ein wenig irritiert war ich, auf Seite 245 einen Satz zu lesen, der fast wortgleich schon auf Seite 226 steht. Das sind aber nur Kleinigkeiten.

Während die Politik im Vordergrund steht, findet auch die Entwicklung von Kunst, Familienleben, Arbeitsbedingungen und anderen Alltagsthemen Platz, wenn auch vorwiegend zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Insgesamt bin ich beeindruckt, wie viel hier in einem recht dünnen Buch Platz gefunden hat, wie mit wenigen Worten so gründlich Zusammenhänge, Hintergründe und Entwicklungen dargelegt wurden. Absolut empfehlenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 15.02.2020

Gekonnt erzählte komplexe Geschichte

Der rote Judas
0

Mit „Der rote Judas“ ist Thomas Ziebula ein hervorragender historischer Kriminalroman gelungen, der die vielschichtigen Nachwirkungen und Nachwehen des ersten Weltkriegs – die persönlichen Tragödien ebenso ...

Mit „Der rote Judas“ ist Thomas Ziebula ein hervorragender historischer Kriminalroman gelungen, der die vielschichtigen Nachwirkungen und Nachwehen des ersten Weltkriegs – die persönlichen Tragödien ebenso wie die politischen Folgen –eindringlich schildert. Das beginnt schon intensiv im ersten Kapitel, welches uns in die Welt jener mitnimmt, die mit massiven Traumata aus dem Krieg zurückkamen – damals etwas flapsig „Kriegszitterer“ genannt – und durch grausame Behandlungsmethoden letztlich noch mehr traumatisiert wurden. Im Laufe des Buches begegnen uns viele Männer, die alle auf irgendeine Art vom Krieg geschädigt wurden und auf jeweils andere Weise versuchen, damit fertigzuwerden. So entwirft der Autor ein Panorama, das diese Auswirkungen lebhaft zeigt, viele der Schilderungen waren für mich schwer zu lesen, weil sie so schonungslos geschildert wurden, und genau so sollten sie auch geschildert werden.

Überhaupt ist der Schreibstil eine Freude. Es finden sich viele herrliche Ausdrücke, die ich teilweise mehrfach las, weil ein solch gekonnter Umgang mit Sprache einfach Freude macht. Formulierungen, die mit wenigen gut ausgewählten Worten ein Bild entstehen ließen, keine langatmigen Passagen, sondern Konzentration auf das Wesentliche, ohne dabei die Atmosphäre zu vernachlässigen. Ganz vereinzelt gab es einige Wiederholungen, die ich ein wenig anstrengend fand, das waren aber wirklich nur Einzelfälle.

Auch äußerlich spricht das Buch an, ich finde, das Titelbild ist ausgezeichnet gelungen. Eine Mischung aus unaufdringlich und eindringlich, gut abgestimmte Farben, mit einem Hintergrundbild, das schon andeutet, daß wir es hier mit einem – durchaus düsteren – historischen Krimi zu tun bekommen. Dem Korrektorat hätte eine sorgfältigere Arbeitsweise dagegen nicht unbedingt geschadet.

Das Düstere des Titelbildes findet sich im ganzen Buch wieder. Das ergibt sich schon aus der Thematik. Man spürt förmlich die Trostlosigkeit, die in diesem Jahr 1920 über dem Land hängt. Es gibt so gut wie keine unbeschwerten Momente, dafür viele dunkle Erinnerungen und wenig Hoffnung. Die historischen Informationen sind ausgezeichnet recherchiert und eingeflochten, nur an einigen sehr wenigen Stellen war die Information eher um ihrer selbst willen erwähnt, so z.B. wenn ein Polizeiinspektor plötzlich über die Funktionsweise von Pedalen bei einer Straßenbahn nachdenkt. Es gibt viele spannende Fakten und ich habe, obwohl ich über jene Zeitepoche nicht uninformiert bin, noch einiges gelernt und das auf unterhaltsame Weise. Auch mein geliebtes Leipzig wurde hier sehr schön erweckt, immer wieder fließen Details ein, werden Informationen gegeben und ergibt sich mit der Straßenbahnlinie 10 eine Art roter Faden, der uns durch das gesamte Buch begleitet. Ab und an war es mir ein wenig zu Straßennamen- und Wegbeschreibungslastig, aber insgesamt habe ich die Reise ins historische Leipzig genossen und mich ohnehin gefreut, daß diese Stadt der Schauplatz der Geschichte war.

Im ersten Teil geht es noch verhältnismäßig ruhig zur Sache, es wird die Handlung nach und nach aufgebaut, der historische Hintergrund erklärt, die Personen eingeführt. Es sind eine Vielzahl Personen, unser Protagonist Paul Stainer hat alleine schon mit acht Kollegen/Vorgesetzten zu tun, die teilweise noch Spitznamen haben und auch die Täter und Mordopfer sind zahlreich, die einzelnen Taten zuerst nicht augenscheinlich verknüpft. Da kam ich manchmal ein wenig durcheinander und brauchte doch eine Weile, mich in die komplexe Geschichte hineinzufinden. Die Komplexität ist aber auch gleichzeitig ein Pluspunkt – hier wurde eine wirklich ausgefeilte Geschichte sorgfältig entworfen, die viele Aspekte und Schicksale miteinander verknüpft und in eines der vielen dunklen Kapitel des Ersten Weltkrieges tief hineingeht. Der zweite Teil bringt uns Tempo und einige überraschende und tragische Wendungen. Auch einige Charaktere entwickeln sich unerwartet.

So bietet „Der rote Judas“ eine intelligent konzipierte und mit Können erzählte Geschichte, die wegen ihrer historischen Informationen ebenso empfehlenswert ist, wie wegen des gelungenen Schreibstils.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2020

Agatha at her best

Dreizehn bei Tisch
0

Mit "Dreizehn bei Tisch" hat Agatha Christie ein Meisterstück abgeliefert. Wir begleiten Poirot und Hastings auf eine verwickelte Mordermittlung. Die am Ort des Mordes gesehene Frau war anscheinend zur ...

Mit "Dreizehn bei Tisch" hat Agatha Christie ein Meisterstück abgeliefert. Wir begleiten Poirot und Hastings auf eine verwickelte Mordermittlung. Die am Ort des Mordes gesehene Frau war anscheinend zur gleichen Zeit bei einem Dinner und wurde dort von zwölf Personen gesehen. Wie kann das sein? Das ist nur der Anfang einer Geschichte, die mit immer neuen Wendungen daherkommt, uns immer neue potentielle Verdächtige präsentiert und uns gelungen zeigt, daß nichts so ist, wie es scheint. So gibt es einige, die ein Mordmotiv hätten, und immer wieder mal rückt jemand näher in den Fokus, doch ergeben sich immer wieder Punkte, die die jeweilige Theorie entkräften. Nach und nach deutet sich an, was geschehen sein könnte, doch fehlt für diesen Tathergang ein Motiv. Und so rätselt man sich voller Vergnügen durch dieses Buch und wird von Agatha Christie immer wieder überrascht und hinter's Licht geführt, jedenfalls ging es mir so. Zum Glück irrt sogar der brillante Poirot hier zwischendurch - wenn es ihm schon so geht, wie soll der normale Leser durchsteigen?

Diese ausgefeilte Geschichte ist zudem auch noch wundervoll erzählt. Viele Agatha-Christie-Bücher finde ich etwas zäh - sich ständig inhaltlich wiederholende Verhöre, erst nach der Hälfte des Buches geschehene Morde, arg behäbige Ermittlungen beeinträchtigen doch öfter mein Lesevergnügen. Hier geht alles flott daher. Kaum haben wir die interessanten Charaktere kennengelernt, wird auch schon eifrig gemordet. Die Ermittlungen sind abwechslungsreich und verlaufen in gutem Tempo. Durch die vielen Wendungen gibt es keine Wiederholungen, man wird in Atem gehalten. Hinzu kommt noch immer wieder durchblitzender Humor. Poirots liebenswerte Eitelkeit bietet dafür natürlich Raum, aber auch sonst gibt es viele witzige Einschübe. Und während ich über Poirot schmunzeln konnte, hat er mich oft durch seinen geschickten Umgang mit seinen Mitmenschen und seine psychologische Raffinesse beeindruckt. Auch die anderen Charaktere sind gut, lebendig gezeichnet.

Hier stimmt also wirklich alles - Erzählweise, Fall, Charaktere. Ein Rundum-Lesevergnügen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.11.2019

Wundervoll geschriebene und ergreifende Geschichte

Mittagsstunde
0

Nachdem ich in "Altes Land" bereits den Schreibstil Dörte Hansens so bemerkenswert fand, auch wenn es für mich dann an Charakteren und Geschichte haperte, bin ich von "Mittagsstunde" restlos begeistert. ...

Nachdem ich in "Altes Land" bereits den Schreibstil Dörte Hansens so bemerkenswert fand, auch wenn es für mich dann an Charakteren und Geschichte haperte, bin ich von "Mittagsstunde" restlos begeistert.

Wieder geht es um ein norddeutsches Dorf und auch hier erzählt die Autorin auf verschiedenen Zeitebenen. Man muß in jedes Kapitel ein wenig reinlesen, bevor man weiß, in welcher Zeitebene man gerade ist. Das funktioniert aber ausgezeichnet und mir hat es Spaß gemacht, zu sehen, wo (bzw: wann) wir uns nun befinden, wer hier im Fokus stehen wird. Durch ihre klare Art zu schreiben läßt Dörte Hansen trotz vieler Charaktere und verschiedener Zeitebenen keine Verwirrung entstehen. Durch die Blicke in verschiedene Zeiten füllen sich auch nach und nach Lücken, klären sich einige Fragen, wird unser Bild im vollständiger. Leider bleibt das Schicksal einer wesentlichen Person des Buches dann völlig offen, was ich doch ein wenig störend fand, es erschien mir zu nebenbei abgehandelt.

Der Schreibstil ist wieder ein Vergnügen, meines Erachtens noch besser als bei "Altes Land". Hier wird Sprache schnörkellos und doch ganz bildhaft, auf hohem Niveau verwandt. Hohe Sprachkunst ohne irgendetwas Prätentiöses. "Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben (...) und manchmal war das Glas auch noch beschlagen" - das ist nur einer dieser Sätze, die wundervoll und knapp so viel aussagen. Ich bin in diese Sprache eingetaucht.

Auch die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet. Der rote Faden im Dorf Brinkebüll und im Buch ist die Familie Feddersen, von denen wir drei Generationen kennenlernen. Besonders anrührend fand ich Sönke, der auch im hohen Alter von über 90 noch seelisch von seiner jahrzehntelang zurückliegenden Zeit in russischer Gefangenschaft gekennzeichnet ist, der auch nach seiner Rückkehr in sein Heimatdorf viele Bürden tragen mußte. Er tut dies schweigsam, wie überhaupt in Brinkebüll nichts zerredet wird. Sönkes Gedanken zu Schuld und Sühne, zur Anständigkeit, sein wortknappes Sich-Annehmen des unehelichen Kindes seines offiziellen Tochter und auch die ebenfalls wortkarge Hingabe an seine Ehefrau Ella - das alles ist zutiefst berührend, manchmal herzzerbrechend traurig. Wir erleben ihn in einer Zeitebene in der Mitte seines Lebens, in einer anderen Zeitebene, die in der Gegenwart spielt, als alten Mann, der geistig rege ist, dessen Körper ihn aber zunehmend im Stich läßt. Die Szenen, in denen Sönkes Enkel Ingwer sich um Sönke und dessen Frau Ella kümmert, zeigen ganz eindringlich, wie schmerzhaft das Alter werden kann, was es an Würde, Unabhängigkeit und Freiheit nehmen kann und wie es auch auf die jüngere Generation wirkt.

Dies sind nur einige der vielen Themen, die uns in "Mittagsstunde" begegnen. Es gibt kaum dramatische, rasante Geschehnisse, das Buch ist eher eine Milieustudie eines kleinen Dorfes und sich ändernder Zeiten. Es geht vorwiegend um die kleinen Dinge, die Charakterentwicklungen, die kleinen Umwälzungen, die manchmal zu großen Umwälzungen führen. Man wird als Leser Teil dieses Brinkebüll-Mikrokosmos, in dem Dinge auf ihre eigene Art geregelt werden. Ich fand diesen Blick in eine mir fremde Welt ganz faszinierend und zudem ausgezeichnet dargestellt.

Ingwer Feddersen, Sönkes Enkel, ist ein wenig ein Bindeglied zwischen modernem Stadtleben und dem traditionellen Dorfleben. Er ist als einziger der Charaktere ein wenig farblos und die sich mit ihm beschäftigenden Passagen haben ab und an Längen, sind nicht immer so fesselnd, aber auch hier gab es viel Interessantes. Die Schilderung seines seit über 20 Jahren bestehenden WG-Lebens, in dem seine beiden Mitbewohner mit großer Krampfhaftigkeit am Unverkrampftsein festhalten und sich von ihrem großbürgerlichen Hintergrund trotz aller Versuche genauso wenig trennen können wie Ingwer von Brinkebüll, ist herrlich gelungen.

So erfreut "Mittagsstunde" mit einer sorgfältig konzipierten Geschichte, in der sich Zeitebenen, Charaktere, Themen und Lebenswelten zu einem ungemein unterhaltsamen Ganzen zusammenfinden. Das ist manchmal herrlich komisch und manchmal zu Tränen rührend. Eines der drei besten Bücher, die ich dieses Jahr lesen durfte!