Platzhalter für Profilbild

Mianna

Lesejury Profi
offline

Mianna ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Mianna über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.01.2021

Unerwartet eindrücklich

Ada
0

Ada wird 1945 als Kind einer Jüdin in Leipzig geboren und flieht mit ihrer Mutter nach Argentinien. Ein paar Jahre später muss sie sich in Berlin in ihre Heimat einfinden. Sie wächst mit dem Schweigen ...

Ada wird 1945 als Kind einer Jüdin in Leipzig geboren und flieht mit ihrer Mutter nach Argentinien. Ein paar Jahre später muss sie sich in Berlin in ihre Heimat einfinden. Sie wächst mit dem Schweigen ihrer Mutter und den umwälzenden Ereignissen der deutschen Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg auf.

Nach "Der Apfelbaum" ist "Ada" der zweite Roman in einer Trilogie. Berkel befasst sich darin mit der Geschichte der Frauen in seiner Familie.

Dieser Roman hat mich unerwartet begeistert. Christian Berkel zeigt sich als wahrer Schriftsteller. Er schafft es die frühere deutsche Geschichte ergreifend zu beschreiben und das aus Sicht einer jungen Frau. Seine einfühlsamen Beschreibungen begleiten Ada in ihrer Entwicklung. Ihre Haltlosigkeit, der große Druck des Schweigens und die Suche nach ihrem Ich sind bewegend und realistisch dargestellt. Ihr Erleben ist raumgreifend.

Berkel hat eine ausdrucksstarke Sprache, bringt Zusammenhänge humorvoll und bildreich auf den Punkt. Die Dialoge im Berliner Dialekt wirken authentisch, ebenso die poetisch anmutenden Gedanken seiner Hauptfigur. Er bringt der Schwere und Eindrücklichkeit ebenso viel Humor und Leichtigkeit entgegen.

Der Roman hat mich ergriffen, mich in das Geschehen eingesaugt, mich bewegt und nachdenklich gemacht. Berkel gelingt es die geschichtlichen Ereignisse nah rücken zu lassen, ihnen die Bedeutung zu geben die ihnen zukommt. Die Geschichte lebt weiterhin in den nächsten Generationen. Mit diesem Gefühl habe ich das Buch beendet.

Ein beeindruckender Roman über die Entwicklung einer Frau in schweren Zeiten und die Umwälzungen des 20.Jahrhunderts in Deutschland. Sehr eindrücklich.

Veröffentlicht am 12.04.2020

Wahnsinnig ergreifend

Dankbarkeiten
0

Michka und Marie verbindet eine vertrauensvolle Beziehung, sie trägt die Beiden auch als Michka ins Altenheim zieht und immer mehr ihre Sprache verliert.

Dies ist ein Roman über den Wert von verantwortungsvoller ...

Michka und Marie verbindet eine vertrauensvolle Beziehung, sie trägt die Beiden auch als Michka ins Altenheim zieht und immer mehr ihre Sprache verliert.

Dies ist ein Roman über den Wert von verantwortungsvoller Sorge umeinander, den Zusammenhalt unterschiedlicher Generationen und das Abschiednehmen, wenn der Tod naht. Mit großer Emotionalität erzählt die Autorin von der Bedeutsamkeit menschlicher Nähe, die schützen und tragen kann. Ebenso geht es um das Erinnern und Vergessen. Damit beschäftigt sich die Autorin mit vielen bedeutsamen Themen, die alle Menschen betreffen. Der Roman hat eine große und sehr positive Aussagekraft: dankbar sein und sich dankbar zeigen. Die Erzählung ist nie albern oder übermäßig tränenreich und bedient sich angenehm wenig an Vorurteilen.

Das Buch ist abwechselnd kapitelweise aus der Sicht von der jungen Marie und dem Logopäden Jérome erzählt. Die Autorin weiß mit Worten umzugehen und verwendet sie mit Bedacht. Die Erzählung ist weder ausschweifend noch besonders geschmückt, ist eher nüchtern und zurückhaltend und lässt vieles offen. Michkas Einschränkungen der Sprache lassen sich dadurch gut nachvollziehen und werden erfahrbar. Die Geschichte ist schnell gelesen, die Spannung hoch.

Am Ende bin ich sehr berührt von der positiven Aussagekraft des Romans und nachdenklich über diese anregenden Themen.

Ein sehr berührender und schlichter Roman zu bedeutsamen Themen des Erinnerns und Vergessens, vorallem aber über menschliche Nähe.

Veröffentlicht am 28.03.2020

Eindrucksvoll und aussagekräftig

Nach Mattias
0

Das Mattias nicht mehr lebt, ist ein großer Verlust für die Angehörigen. In acht Geschichten, geht es außer den Angehörigen, um Menschen die direkt oder indirekt von ihm berührt wurden. Durch ihre Geschichten ...

Das Mattias nicht mehr lebt, ist ein großer Verlust für die Angehörigen. In acht Geschichten, geht es außer den Angehörigen, um Menschen die direkt oder indirekt von ihm berührt wurden. Durch ihre Geschichten entsteht ein Bild von Mattias.

In einzelnen Kapiteln werden die unterschiedlichsten Geschichten erzählt und es ist spannend auf welche Weisen diese untereinander und zu Mattias Bezug nehmen. Einzelne Kapitel scheinen zuerst nur für sich zu stehen, bei diesen gelingt es erst zum Ende des Buches eine Verbindung zu Mattias herzustellen.

Das Ende hat es dann nochmal in sich, verbindet die Geschichten zu einem großen Ganzen und eröffnet eine unerwartete und bedeutsame Thematik. Sind schon die einzelnen Geschichten für sich voller Gefühl und Bedeutung, so ist es das große Ganze umso mehr. Bewundernswert ist, wie es der niederländische Autor schafft so unterschiedliche Menschen mit ihren berührenden Schicksalen unter einen "Hut zu bringen", ja sogar Verbindungen herzustellen.

Das ist schließlich auch das Tröstliche an der Erzählung. Es geht um Trauer, aber vor allem Zuversicht. Es wird klar, das uns Menschen mehr verbindet als trennt und das sich innerhalb gesellschaftlicher Dynamiken Schicksale verändern.

Sehr gelungen ist auch die Sprache und der Aufbau des Buches. Die kurzen Kapitel befördern den Lesefluss und den Spannungbogen. Der Text ist einerseits nüchtern und klar, jedes Wort hat seine Berechtigung. Andererseits ist die Sprache spielerisch, voller Ausdruck, besonders die anregenden Sprachbilder.

Dies ist ein wahnsinnig anregender Roman, mit einer schwerwiegenden Thematik. Sprachlich und inhaltlich eine Wucht.

Veröffentlicht am 24.02.2020

Ergreifend und schonungslos

Rote Kreuze
0

"Das Glück hat immer eine Vergangenheit (...) und jeder Kummer hat eine Zukunft."

Die 90 jährige Tatjana hat Alzheimer, doch es gibt vieles, das sie nicht vergessen kann und möchte. Ihr Leben ist eng ...

"Das Glück hat immer eine Vergangenheit (...) und jeder Kummer hat eine Zukunft."

Die 90 jährige Tatjana hat Alzheimer, doch es gibt vieles, das sie nicht vergessen kann und möchte. Ihr Leben ist eng mit den tragischen Geschehnissen des 20. Jahrhunderts in Russland verknüpft. Gegen das Vergessen drängt sie sich mit ihrer "Biographie der Angst" ihrem neuen Nachbarn Alexander auf. Dieser trägt jedoch selber schwer am Leben.

Die Geschichte von der Tatjana erzählt, hat ein ungeheures Gewicht. Ihre Erlebnisse während und nach dem Krieg, die Repressionen gegen die eigene Bevölkerung und der Umgang mit Kriegsgefangenen sind zutiefst erschreckend. Gleichzeitig wird deutlich wie geschichtliche Fakten von Bevölkerungsteilen verharmlost und beschönigt werden. Die kritische und vielstimmige Herangehensweise an diese Thematik ist sehr bereichernd.

Der Autor schafft durch seine nüchterne und distanzierte Erzählung einen Ausgleich zwischen den dramatischen Geschehnissen und dem berührenden Schicksal Tatjanas. Es ist angenehm, dass es emotional nicht so sehr in die Tiefe geht. Das scheint bei dem emotional aufgeladen Thema auch nicht nötig.

Die Erzählung hat einen starken Spannungbogen und wirkt mitreißend. Die Sprache ist besonders durch den schwarzen/schonungslosen Humor gekennzeichnet. Viele Textpassagen sind sehr deutlich und aussagekräftig. So spielen die "roten Kreuze" in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle in der Erzählung. Sie sind mit Bedeutung aufgeladen.

Insgesamt ist das Buch sehr zu empfehlen. Eine starke Thematik, die trotz der Dramatik mit einer gewissen Distanz umgesetzt wurde.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Die Herausforderungen einer Frau

Mittwoch also
0

Hedda lebt in Norwegen, ist Mitte 30 und ungewollt schwanger, unglücklich verliebt und verliert auch noch ihren Job. Damit fällt sie aus dem staatlichen Hilfesystem während sie sich mit der Grundsatzfrage ...

Hedda lebt in Norwegen, ist Mitte 30 und ungewollt schwanger, unglücklich verliebt und verliert auch noch ihren Job. Damit fällt sie aus dem staatlichen Hilfesystem während sie sich mit der Grundsatzfrage beschäftigt, ob sie das Kind überhaupt austragen möchte. Dafür muss sie sich nach norwegischem Gesetz drei Tage Bedenkzeit lassen. Für Hedda beginnt eine Reise mit existenziellen Fragen, feministischen Gedanken und der Suche nach Orientierung. Nicht, dass dies ihr Leben schon genügend auf den Kopf gestellt hätte, weicht ihr ein pausenlos redender, treuherziger Urlaubsflirt nicht mehr von der Seite.

In ihrem Roman gibt die norwegische Autorin Lotta Elstad einen Einblick in eine Frau, die selbstständig und freiheitlich denkend, ohne soziale Sicherheiten für sich entscheiden muss/kann, ob sie ein Kind austrägt. Das Thema hat eine große Reichweite und umfasst feministische Gedanken, politische Rahmenbedingungen, das prekäre Leben vieler Alleinstehender und die Suche nach sich Selbst, in einer Gesellschaft der Selbstoptimierung. In Hedda zeigt sich die Schwierigkeit die veränderte Frauenrolle, der starken selbstständigen Frau mit weiblicher Fortpflanzung zu verbinden. Das Buch hat es was das Thema angeht in sich, ist spannend und vielschichtig.

Die Autorin begeistert mit der außergewöhnlichen Sprache, die einerseits Hedda als intelligente Frau ihrer Generation zeigt, andererseits der vielschichtigen Thematik gerecht wird. Hedda kommt in vielen Monologen zu Wort und fällt durch den Slang ihrer Generation, ungewöhnliche Wortkreationen, intelligente Zusammenhänge auf. Mal sind die Sätze abgebrochen, mal endlos mit klugen Gedanken gefüllt. Ihre Ausdrucksweise ist oftmals bissig, humorvoll und ungewöhnlich. Dabei gibt sie tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.

Hedda ist eine sympathische Hauptfigur, mit vielen Ecken. In ihr kann man ein starkes weibliches Vorbild sehen, jedoch gleichzeitig eine orientierungslose, unreife und resignierte Frau, die an den äußeren Rahmenbedingungen und geschlechtlichen Rollen fast zerbricht. Sie wirkt stark und labil zugleich, das macht sie umso interessanter. Mit ihren sehr realistischen Gedanken zum Thema Fortpflanzung deckt sie gesellschaftliche Muster auf, dies macht nachdenklich und kann erschrecken. Die verschiedenen Gedanken zu Abtreibung und der Umgang mit alternativen Methoden sind teilweise verstörend. Die Autorin zeigt auf, wozu Verzweiflung führen kann. Sie verharmlost hier nicht, das Thema ist ganz und gar nicht schön. Der Roman ist provokant, die Thematik ebenso wie die Charakterzüge und das Verhalten der Hauptfigur.

Der Text ist gut verständlich und sehr abwechslungsreich gestaltet. Kurze Abschnitte und längere Kapitel reihen sich aneinander, sodass der Text nur so verfliegt. Das Lesen macht Spaß.

Ein sehr gelungener feministischer Roman zum Frausein in der heutigen Zeit: inhaltlich provokativ und sprachlich begeisternd.