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Veröffentlicht am 30.07.2021

Verästelte Gedanken

Auszeit
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Henriette fühlt sich ihrem eigenen Leben nicht verbunden – die Mittdreißigerin hat schon immer mit Antriebsproblemen und Depressionen zu kämpfen, findet keinen für sie wünschenswerten Beruf und ihre Dissertation ...

Henriette fühlt sich ihrem eigenen Leben nicht verbunden – die Mittdreißigerin hat schon immer mit Antriebsproblemen und Depressionen zu kämpfen, findet keinen für sie wünschenswerten Beruf und ihre Dissertation über die Kulturgeschichte des Werwolfes stagniert. Eine Abtreibung hat ihr derzeit den Rest gegeben und sie weiß nicht, wohin ihr Leben verlaufen soll, während für sie alle anderen ein geordnetes Dasein führen. Ihre enge Freundin Paula überredet sie für eine Auszeit in einer Hütte im Bayerischen Wald – umgeben von der Natur und mit Yogaübungen sowie Massagen möchte sie die Traumata und Wunden Henriettes heilen. Und die Umgebung in der Nähe von Wolfsgehegen sei prädestiniert für die Weiterführung ihrer Doktorarbeit. Die Tage ziehen neben Paulas gedanklichen Reflexionen mit alltäglichen Dingen wie Kochen, Reden, Wein trinken und Spazierengehen dahin, bis Paulas On-Off-Freund Tom auftaucht und das Zweierteam aufmischt.

„Der Moment direkt vor dem Augenaufschlag ist eine Millisekunde im Negativbereich des Bewusstseins vor dem Beginn der Zeitrechnung des Tages. Alles ist schon in ihm angelegt: die Trauer oder die Freude des Kommenden.“ S. 16

Feinfühling, zart, direkt und poetisch taucht der Leser tief in Henriettes verästelte Gedanken und Selbstzweifel ein – geplagt von Grübelattacken sucht sie einen Sinn im Leben, beobachtet dabei ihre Umgebung und ihren bisherigen Lebensweg präzise und kreist immer um sich selbst. Sie denkt schmerzhaft über die Abtreibung und dem dazugehörigen One-Night-Stand nach und ordnet immer wieder ihre Wahrnehmung und ihr Befinden ein. Dabei fließen Bezüge zur Werwolfs-Transformation und seine verschiedenen Ausführungen ein.

„Die Deutung, dass es sich bei der Verwandlung in einen Wolf um einen Ausbruch des Bösen im Menschen handelte, ist falsch. Ich glaube, der Werwolf rennt durch die Nacht wie ein Wahnsinniger, der leben will.“ S. 65

Hannah Lühmann zeigt ein bewegendes und ruhiges Bild einer depressiven jungen Frau, das sehr authentisch und intim zugleich ist. Dabei steht nicht eine ganze 30er-Generation, die sich voller Möglichkeiten in der Entscheidungsfindung verliert, sondern Henriette und ihre düsteren Gedankenspiralen im Vordergrund. Der Roman entwickelt sich leise, vieles ist zwischen den Zeilen zu finden. Am Ende wartet eine überraschende, fast schon traumartige Wendung, die Paula aus ihrer depressiven Phase holen wird. Dieses fällt etwas unrealistisch aus und die Werwolf-Bezüge sind insgesamt schwierig einzuordnen.

Mit einer dichten, sensiblen sowie klaren Sprache zeichnet Lühmann in „Auszeit“ präzise und eindringlich das Seelenleben einer jungen Frau nach, die vom eigenen Leben überfordert ist und einfach nur voller Energie leben möchte – bei der inhaltlichen Komposition ist noch Luft nach oben und es bleibt spannend, was von der Autorin in Zukunft erscheint.

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Rebellion einer Außenseiterin

Mado
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Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter ...

Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter Laure, findet sie keine Ruhe vor ihrer Vergangenheit und ihren inneren Dämonen. Gewalt, Ausgrenzung und frauenfeindliche Männer durchziehen die Lebenslinien der Frauen in der Familie Kaaris. Halt findet Mado nur bei ihrer berüchtigten und renitenten Großmutter Rosa. Sie wird ihr auch unerbittlich zur Seite stehen, als ihr rachsüchtiger Ex-Freund Mados Spur verfolgt und erste Opfer fordert. Ihre jüngere Schwester Verelle wird bald auch Bekanntschaft mit einem Mann machen, der es nicht ernst mit ihr meint. Die Enttäuschung der Schwester zusammen mit einem Familiengeheimnis rund um den Vater lassen Mados Zorn auf Männer ins Unermessliche wachsen. Kann sie sich dem eigenwilligen Bann ihrer Familie entziehen und ein eigenes Leben jenseits der Gewalt aufbauen? Oder ist sie den familiären Verstrickungen und Erblasten hilflos ausgeliefert? Mado muss sich entscheiden, bevor die nächste Situation eskaliert.

„Mado“ ist der Debütroman des Theaterregisseurs Wolfgang Franßen und schildert mit einer schnörkellosen, rasanten und manchmal auch derben Sprache ein Milieu am Rande der Gesellschaft, aus dem sich die Menschen nur schwer befreien können. Die Protagonistin Mado ist rebellisch, stur und zornig – Menschen zu lieben, hat sie nie gelernt. Sie jobt gelegentlich, tanzt sich ihre Wut nachts vom Leib, trinkt, nimmt Drogen und kämpft für ihre Freiheit. Niemand schreibt ihr vor, wie sie zu leben hat.

Eindringlich und detailliert beschreibt Franßen Mados Außenseiter-Welt und zerrütteten Familienverhältnisse und zeichnet einen Abschnitt aus ihrem Leben, das nach Aufbegehren lechzt. Trotzdem blieb mir Mado etwas auf Distanz – auch den Leser lässt sie nicht in ihr zerbrechliches Innenleben schauen, purer Zorn und Aversion gegen Konventionen halten alle Menschen von ihr fern.

Diese starken aggressiven Gefühle ziehen sich durch ihre gesamte Geschichte und bilden sogar ihren Kern, überlagern für mich aber auch einen aussagekräftigen Handlungsstrang. Dieser verliert sich meiner Meinung nach in zu vielen Details und Beschreibungen außenrum und in Mados unsteten und ruhelosen Charakter. Auch die Erzähl-Perspektive ihres Exfreundes und Boxers Marcel gaben dem Plot zwar eine Abwechslung, konnten mich aber nicht wirklich überzeugen. Auf der anderen Seite ist Franßen ein unkonventioneller Milieu-Roman gelungen, der authentischen Einblick in eine Welt der Ausgegrenzten zulässt, ohne eine Einordnung mit erhobenen Zeigefinger zu wollen. Der Leser folgt der rebellischen und störrischen Mado für eine kurze Zeit – und lässt sie weiterziehen: hoffentlich in die Freiheit und Selbstbestimmtheit und erlöst von den weitervererbten Familiendämonen.

„Was für ein trauriges Leben, in das sie da hineingeboren worden war. Ein trauriges Leben war das beschissenste überhaupt. Durch keinen Trost zu retten. (…) Plötzlich musste sie lachen, schüttelte den Kopf und schlug mit den Händen ineinander, als klatsche sie ihrer Familie Beifall.“ S. 246

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Ednas fantastische Pilgerreise

Als wir uns die Welt versprachen
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Es gibt Herzensdinge im Leben, die müssen noch in Angriff genommen werden, auch wenn das Leben fast zu Ende ist: Die fast 90jährige Edna verlässt ihr Haus mit gemütlichem Garten nur noch selten, schwelgt ...

Es gibt Herzensdinge im Leben, die müssen noch in Angriff genommen werden, auch wenn das Leben fast zu Ende ist: Die fast 90jährige Edna verlässt ihr Haus mit gemütlichem Garten nur noch selten, schwelgt viel in der Vergangenheit. Dann liest sie wie immer ihre Zeitschrift und entdeckt auf einem Foto Jacob wieder. Mit ihm verbindet sie einen schmerzvollen, traumatischen Abschnitt im Kindesalter – beide waren verarmte Schwabenkinder, mussten weitab ihrer Heimat auf deutschen Bauernhöfen hart mitarbeiten und wurden auf „Viehmärkten“ begutachtet. Jacob hat seiner kleinen „Zimperliese“ Edna immer geholfen, ihre Freundschaft hat sie das Leid besser ertragen lassen – bis sie tragisch getrennt wurden und sich aus den Augen verloren haben. Nach den Blick in Jacobs Augen auf dem Foto steht für Edna fest: sie wird Jacob in Ravensburger Krankenhaus besuchen und hat sie sich dafür einen besonderen Weg ausgesucht: den harten über die Alpen, den sie schon als Schwabenkinder gegangen sind. Denn sie quält seit Jahrzehnten das schlechte Gewissen, will Buße tun: Sie glaubt, ein Versprechen gebrochen und Jacob im Stich gelassen zu haben.

„Aber dann, eines Tages, wenn man es am wenigsten erwartete, geschah etwas, was einen zurückbrachte. Und dann war es, als wäre man nie weg gewesen. Als zähle die ganze Zeit, die seit diesem Augenblick vergangen war, überhaupt nichts mehr.“ S. 141

Kurzerhand packt sie ihren kleinen Koffer und ihren geliebten Papagei Emil ein – (er stammt noch von Jacob aus der Schwabenkinder-Zeit), kramt eine sehr alte Landkarte von damals aus und wandert los, ohne zu wissen, wo sie übernachten kann und was sie zu Essen bekommt. Unterwegs passiert ihr allerhand Skurriles, Dramatisches und Berührendes – sie trifft auf die verschiedensten Menschen, die ihr helfen, von denen sie aber auch noch lernen kann und jeder geht aus den Begegnungen verändert weiter. Sie entwickelt schier unglaubliche Kräfte in ihrem Alter, um einem verloren geglaubten Versprechen nachzugehen. Und eventuell bleibt ihr nicht mehr viel Zeit. Unterwegs gehen ihre Erinnerungen und Gedanken kontinuierlich zurück in die Zeit auf dem Bauernhof und zu den bewegenden und traurigen Erlebnissen als Schwabenkind.

So komponiert die Autorin Romina Casagrande ihren szenischen Roman in zwei Zeitsträngen und packt allerhand menschliche Schicksale und bunte Charaktere auf der Reise in ihre Handlung. Die bildgewaltigen Naturbeschreibungen und die berührenden Rückblenden zusammen mit ein paar poetisch, nachdenklichen Sätzen sind schön herausgearbeitet. Der fast fantastisch anmutenden Pilgerreise der hochbetagten Edna in der Jetzt-Zeit fehlt es etwas an Glaubwürdigkeit und Authentizität – dafür gab es umso mehr Slapstick. Wer sich daran nicht stört, den erwartet ein emotionaler, leichtfüßiger und humorvoller Roman, der einen wichtigen und traurigen Teil der Geschichte rund um die Schwabenkinder miteinwebt und sehr menschlich ist.

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Veröffentlicht am 03.04.2020

Wilde Hirschgulascherzählungen

Das eiserne Herz des Charlie Berg
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Charlie Berg hat einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und es nicht leicht - die gescheiterten Künstlereltern sind nur mit ihrer eigenen Verwirklichung beschäftigt, die autistisch veranlagte Schwester ist ...

Charlie Berg hat einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und es nicht leicht - die gescheiterten Künstlereltern sind nur mit ihrer eigenen Verwirklichung beschäftigt, die autistisch veranlagte Schwester ist ein wandelndes Zitatenlexikon und er träumt mit 19 Jahren von einer Freundin: Am liebsten die mexikanische Videobrieffreundin. Sein einzigster Lichtblick, um aus Piesbach zu entfliehen ist eine Zivistelle am Wattenmeer - doch da stellen sich so einige Hürden und Kriminalgeschichten wie der Tod des Opas in den Weg.

Bei den Bergs gab es nach oder vor großen Reisen immer Hirschgulasch, um sich dann ausgiebig von dem Erlebten zu erzählen - die berühmten großen Hirschgulascherzählungen. Ein bisschen kommen mir die über 700 Seiten des Autors auch so vor: buntgewürftelte, viele Stückchen an ausschweifenden Erinnerungen und verschrobenen Charakteren, sehr detailliert ausgeweitet und verrührt. Und am Ende der Lektüre kann ich mich kaum noch an den Geschmack des Gulaschs erinnern.

Sebastian Stuerz hat eine wunderbare Fantasie, kann tolle Sprachbilder, überraschende Wendungen und witzige Situationskomik entwerfen. Die Idee mit dem Geruchssinn, dem Literaturwettbewerb und den Charme der 90er-Jahre mit den Videotapes fand ich gelungen. Aber für meinen Geschmack gab es zu viele Einblicke in die Pubertät von Charlie, ein wenig mehr Zentriertheit und weniger vulgäre Begebenheiten hätten dem Roman besser getan. Der Autor hat viel Potenzial und ich bin gespannt, welche Geschichte er beim nächsten Mal 'kocht'.

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Wakala und Saubazi

Das kann uns keiner nehmen
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Hans, ein eher verschlossener Hanseat, und der derb-aggressive Saubazi Tscharli treffen bei ihrer Kilimandscharo-Besteigung aufeinander. Hier, am höchsten Bergmassiv Afrikas, zwischen Himmel, Wolken und ...

Hans, ein eher verschlossener Hanseat, und der derb-aggressive Saubazi Tscharli treffen bei ihrer Kilimandscharo-Besteigung aufeinander. Hier, am höchsten Bergmassiv Afrikas, zwischen Himmel, Wolken und Erde entsteht aus anfänglicher Unsympathie und Falschbeurteilen eine Freundschaft. Denn Tscharli hat zwar einen sehr harten und teils obszönen Kern, verbirgt aber so manches weiches Geheimnis. Stück für Stück lässt der "Beißer" Hans hinter seine Fassade blicken. Als klar wird, dass Tscharli schwer krank ist, begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Reise durch Afrika - von Tansania bis nach Sansibar (eine schöne Landkarte hierzu ziert den inneren Buchumschlag). Hier ist vor allem die Darstellung von Land und Leute sehr detailreich und anschaulich. Eher beschwerlich und manchmal sehr nah an der Schmerzgrenze sind die vielen vorlauten Bemerkungen und Kommentare von Tscharli in seinem anstrengenden Fantasie-Suhali-Bairisch-Englisch - nicht selten musste ich ein Wörterbuch online zurate ziehen und eher schaudern als schmunzeln.

Matthias Politycki verarbeitet neben den bunten Roadtrip-Eindrücken auch eine autobiografisch geprägte Krankheitsgeschichte in Afrika - diese kommt auf den letzten Seiten sehr detailreich geschildert zur Geltung und verlangt wegen den vielen Durchfall- und Eiterschilderungen eine Menge vom Leser ab.

Mich konnte der rasante Roman leider nicht ganz fesseln - vieles erschien mir zu gewollt und etwas zu plakativ. Trotzdem hat er auch viele nennenswerte und schöne Momente, die vom Leben, Scheitern, Tod und das Revidieren von Urteilen handeln - und von einer ganz besonderen, wenn auch nicht von Anfang an gewollten Männer-Freundschaft. Letztere hat beiden geholfen, wichtige Lebensabschnitte zu verarbeiten und die Schwelle zum Horizont zu betreten.

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