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Veröffentlicht am 10.08.2020

Berührend und poetisch

Am Abend vor dem Meer
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Khaled Hosseini berührt mit seinem schmalen, reich bebilderten Buch, Sea Prayer, Gebet am Meer, heißt seine kleine aber wichtige Erzählung im Original, und wie ein Gebet ist sie geradezu meditativ. Sicher ...

Khaled Hosseini berührt mit seinem schmalen, reich bebilderten Buch, Sea Prayer, Gebet am Meer, heißt seine kleine aber wichtige Erzählung im Original, und wie ein Gebet ist sie geradezu meditativ. Sicher auch ein geeignetes Buch, um Kindern das Thema Flucht über das Meer nahe zu bringen.

Gerade mal 45 Seiten, manchmal nur ein paar Zeilen Text als Ergänzung zu den Illustrationen von Dan Williams. Mit "Am Abend vor dem Meer" setzt Khaled Hosseini den Flüchtlingsfamilien ein Denkmal. In ebenso einfacher wie poetischer Frage gibt es Antwort auf die Frage: Warum kommen diese Menschen?

Inspiriert für «Am Abend vor dem Meer» wurde Hosseini vom Schicksal des dreijährigen Alan Kurdis aus Syrien, der vor drei Jahren im Mittelmeer ertrank. Das Bild des toten Kindes am Strand ging damals um die Welt.

Schon die Farben der Bilder zeigen die Zäsur, die der Krieg nach Syrien gebracht hat. Das Davor: Bunt, Grün, farbenfroh, ein üppiges orientalisches Leben. In düsteren Grautönen dann die Bilder vom Krieg, von Luftangriffen, von Menschen unter Trümmern. Und auch das Meer, das den Ausweg bieten soll in eine sichere Zukunft, wirkt bedrohlich, das Blau mit Schwarz gemischt wie eine tödliche Gefahr.

Denn auch heute noch ist der Text, der den Tausenden von Flüchtlingen gewidmet ist, «die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung im Meer ertrunken sind» und denen Alan Kurdis vor drei Jahren ein Gesicht gegeben hat, von beklemmender Aktualität.

In dem Text wendet sich ein Vaters an seinen kleinen Sohn, beschwört die Erinnerung an die heilere Vergangenheit hervor, in der die syrische Stadt Homs blühte, als die Familie bei Verwandten auf dem Land unter Olivenbäumen ruhen konnte.

Die Welt, die der kleine Marwan kennt, ist nur die des Krieges. Der Abend vor der Überfahrt über das Meer mit den beruhigenden Worten des Vaters gerät zum Höhepunkt von Hoffnung und Verzweiflung: «Denn heute Macht kann ich nur daran denken, wie tief das Meer ist, wie riesig, wie teilnahmslos. Und dass ich dich nicht davor beschützen kann.»

Hört das Meer das Gebet des Vaters? Das «Inshallah» des Vaters ist auch Ausdruck einer Erkenntnis, an einem Punkt zu stehen, wo er nichts mehr ändern kann. Er kann nur hoffen, dass die kostbarste Fracht auf den Wellen, sein Kind, sicher und heil das rettende Ufer auf der anderen Seite des Meeres erreicht.

Die Einnahmen des Autors aus dem Verkauf des Buches, heißt es im Klappentext, gehen an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, zu dessen Sonderbotschaftern der einst aus Afghanistan geflohene Hosseini gehört sowie an Hosseinis eigene Stiftung.

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Veröffentlicht am 09.08.2020

Thriller zwischen bleierner Zeit und DDR-Abwichklung

Die letzte Terroristin
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Mit dem Politthriller „die letzte Terroristin hat André Georgi einen spannenden Politthriller geschrieben, der gleichermaßen Erinnerungen an den blutigen „deutschen Herbst“ und die Zeit nach dem Zusammenbruch ...

Mit dem Politthriller „die letzte Terroristin hat André Georgi einen spannenden Politthriller geschrieben, der gleichermaßen Erinnerungen an den blutigen „deutschen Herbst“ und die Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR geschrieben.

Wie weit würdest Du für Deine Überzeugungen gehen, welchen Preis für Deine Ideale bezahlen? Das ist die Frage, die sich die Hauptfigur des Psychothrillers "Die letzte Terroristin" stellen muss - und die Antwort findet sie letztlich viel zu spät. Schon der Start des Buches ist rasant: Ein Kommando der letzten Generation der RAF arbeitet sich durch seine Kill-Liste, ein unter Druck geratener Ermittler des Bundeskriminalamts soll weitere Anschläge verhindern. Greift das seit Jahren gepflegte Programm der V-Männer, hat er es geschafft, den streng abgeschotteten Kreis der RAF-Unterstützerszene zu durchbrechen und einen Kontaktmann einzuschleusen? Kurz kommt Hoffnung auf, den Terroristen doch noch voraus zu sein, bis ein neues Attentat das BKA nur weiter unter Druck setzt.

Es gibt viele Grautöne in diesem Buch, kein reines Schwarz-Weiß-Schema. Terroristen wie Polizisten sind Jäger und Gejagte zugleich, denn das BKA steht unter dem Druck von Öffentlichkeit und Politik. Was macht dieser Druck mit den Beamten, was macht das jahrelange Versteckspiel, das Leben in der Anonymität, mit den in den Untergrund gegangenen RAF-Mitgliedern?

Seit den 70-er Jahren sind zwei neue RAF-Generationen in den politischen Kampf gegangen, nunmehr nicht aus der Stadtguerilla und beflügelt vom revolutionärem Kampf in Lateinamerika oder Afrika, sondern geschult von Stasi-Ausbildern, die lange ihre eigene Agenda verfolgt haben, nun aber im wiedervereinigten Deutschland vor allem auch an die eigene Zukunft denken müssen. Da werfen die Terroristen, die einst im Ausbildungslager so sorgfältig mit Nato-Waffen geschult werden, einen langen und ungewollten Schatten.

Die RAF-Teams, die jedes Zaudern als Verrat ansehen und alle Brücken hinter sich verbrannt haben, glauben sich wiederum an einem historischen Wendepunkt: Im Osten Deutschlands brodelt es, Zehntausende fürchten um ihre Arbeitsplätze, ihre ganze Existenz, während die einstigen volkseigenen Betriebe abgewickelt werden.

Manchem Investor geht es nicht um „blühende Landschaften“ in Bitterfeld und anderswo, sondern darum, potenzielle Konkurrenz von Anfang an zu zerschlagen. Kein Aufbau Ost, sondern brutales Ausschlachten und Kleinhalten. Ist das der Moment, wo sich die RAF mit Anschlägen auf verhasste Manager an die Spitze einer Volksrevolte stellen könnte?

Immer wieder wechselt Georgi in seinem Thriller die Erzählperspektive, schildert die Sicht der RAF-Leute und der Ermittler, zeigt auch den Preis, den sie in diesem jahrelangen, erbitterten Kampf führen. Privatleben ist ein Luxus, das sich die BKA-Ermittler nicht mehr leisten können, die Terroristen haben das mit der Entscheidung für den Untergrund ohnehin für sich verabschiedet.

Doch was ist mit den Familien, die zurück bleiben und aus allen Wolken fallen, wenn ein Familienmitglied, jemand mit dem gleichen Nachnamen, plötzlich mit dem Fahndungsaufruf des BKA landesweit auf den Bildschirmen erscheint? Wenn Nachbarn, Kollegen, Mitschüler die Angehörigen in Kollektivverantwortung nehmen und sie letztlich den Preis zahlen müssen. Aber auch für die Familien der Anschlagsopfer, zeigt Georgi mit einem Blick in deren Zukunft, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Eine Kugel oder eine Bombe kann gleich mehrere Menschenleben zerstören.

Spannend wäre «Die letzte Terroristin» schon allein wegen des Katz und Maus-Spiels – Die Ermittler jagen die Terroristen, die wiederum ihren letzten Anschlag umsetzen wollen. Doch daneben geht es eben auch um die Jagd in den Köpfen der Beteiligten, die immer mehr zu Getriebenen werden. Druck und Angst, Zweifel und Hoffnung, Besessenheit und Enttäuschungen – als Sieger kann sich hier keiner fühlen. Das Klima von Verdächtigungen und Misstrauen, Skrupeln und Berechnungen wird eindrücklich gezeichnet. Eine beklemmende und intensive Lektüre.

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Veröffentlicht am 08.08.2020

Eine moderne saudische Frau und ihre Rache

Saras Stunde
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«Saras Stunde» ist die Geschichte einer Rache, vor allem aber die Geschichte einer modernen saudischen Frau, die sich weder als Opfer noch als Objekt sehen will. Das Buch von Najem Wali ist Anklage, Gesellschaftsporträt ...

«Saras Stunde» ist die Geschichte einer Rache, vor allem aber die Geschichte einer modernen saudischen Frau, die sich weder als Opfer noch als Objekt sehen will. Das Buch von Najem Wali ist Anklage, Gesellschaftsporträt und ungewöhnliche Liebesgeschichte zugleich.


Sie ist eine selbstbewusste Frau, keine die schweigt und den Blick niederschlägt. Doch im vielleicht entscheidensten Moment ihres Lebens verkleidet sich Sara, die Titelheldin des Romans «Saras Stunde» von Najem Wali, als Mann. Nur so kann sie den als Befreiungsschlag angesehenen Mord an dem Mann begehen, der so viele Leben ruiniert hat. Denn um in das Krankenhaus zu fahren, in dem ihr verhasster Onkel im Koma liegt, muss Sara Auto fahren - und das ist ihr als Frau in Saudi Arabien verboten.

Wali, der nach Ausbruch des Krieges zwischen Irak und Iran 1980 nach Deutschland flüchtete, stammt aus dem Irak, seine vorangegangenen Bücher befassten sich mit seiner Heimat. Nun wechselt er nicht nur die Szene seines Buches, sondern auch die Perspektive. «Saras Stunde» ist erzählt aus der Sicht einer Frau, die sich nicht fügen will in das Schicksal einer schweigenden, gehorsamen Frau unter dem Schleier.

Als jüngstes Kind und später Nachkömmling ist Sara so ganz anders als ihre Geschwister, hat schon als kleines Kind ihren eigenen Kopf. Die Mutter sieht es mit Sorge, der Vater, mit Aufträgen der US-Armee reich geworden, lässt der jüngsten Tochter Freiheiten, die er ihren älteren Schwestern nicht zugebilligt hätte. Sie darf sogar auf eine ko-edukative Grundschule gehen, in der auch Mädchen gemessen an den üblichen Verhältnissen des streng islamischen Landes mehr Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten haben. «Ich will nicht mehr die erste Schönheitskönigin des Königreiches werden, ich will die erste Psychiaterin in Saudi-Arabien werden», schreibt die zehnjährige Sara in einem Brief an ihre Freundin Alhanuf.

Die Geschichte Saras könnte sich zu einem arabischen Frauenfrühling entwickeln, zur Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die den Traditionen der Männergesellschaft entgegentritt. Doch es kommt anders. Sara, als zehnjährige mit dem ersten Irakkrieg konfrontiert, der ihren Vater nur noch reicher macht, missfällt mit ihrer selbstbewussten Art Scheich Jussuf-al-Ahmad, dem Chef der «Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und für die Verhinderung von Lastern». Er ist der Bruder von Saras Mutter, doch Sara ahnt schon früh - von diesem Onkel ist nichts gutes zu erwarten.

Der Mann, der selbst in der wahabitischen Gesellschaft als streng gilt, sieht mit Freude, dass fast alle seiner Söhne den Koran studieren und der Reihe nach dem Ruf ihres Landsmanns Osama bin Laden nach Afghanistan folgen. Nur sein Erstgeborener, Nassir, ist anders und flieht zum Studium ins gemäßigtere Nachbarland Bahrein, um dort zu studieren.

Die vom Onkel erzwungene arrangierte Ehe zwischen Nassir und Sara erweist sich als Ausweg für die beiden jungen Leute. Denn Nassir, der mittlerweile in Großbritannien studiert und davon träumt, ein Erfinder zu sein, ist homosexuell, auch wenn er sich selbst die Gefühle für seinen langjährigen Schulfreund zunächst nicht eingestehen will. Für Sara wiederum ist die Ehe, in der das Paar schon vor der Hochzeitsfeier beschließt, geschwisterlich zusammen zu leben, die Tür in eine Welt, in der sie den Hijab ablegen und das Leben einer westlichen Frau in London führen kann.

Mit den Terroranschlägen vom 11. September geht auch das Leben in London in Trümmer. Als Saudi, der im Keller seines Hauses immer wieder mit seinen Experimenten Explosionen auslöst, gerät Nassir unter Terrorverdacht. Sara muss zurück nach Saudi Arabien, in eine Gesellschaft, in die sie nie zurück kehren wollte. Nun will sie Rache, auch für alle diejenigen, deren Leben durch den religiösen Fanatismus des Scheich zerstört wurde.

Mit großer Sympathie für die junge Generation, die gegen alte Werte aufbegehrt, schildert Wali das Schicksal Saras und ihrer Familie, kritisiert Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit der selbst ernannten Religions- und Sittenhüter. Mit Sara hat er eine Titelheldin geschaffen, mit der sich nicht nur muslimische junge Frauen identifizieren können, sondern alle, die gegen vorgezeichnete Rollen aufbegehren.

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Veröffentlicht am 07.08.2020

Kriegsroman und Kriegswirklichkeit

Propaganda
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Als einen "Hans im Glück" kann man den Romanhelden John Glueck wohl nicht bezeichnen. Der Ich-Erzähler aus Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" hat zwar im Zweiten Weltkrieg eine der für die amerikanischen ...

Als einen "Hans im Glück" kann man den Romanhelden John Glueck wohl nicht bezeichnen. Der Ich-Erzähler aus Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" hat zwar im Zweiten Weltkrieg eine der für die amerikanischen Truppen blutigsten Schlachten im Hürtgenwald in der Eifel überlebt, doch ein Einsatz 30 Jahre später in Vietnam hat ihm eine üble Hautkrankheit eingebracht. Er sei zu lange einem Entlaubungsmittel ausgesetzt gewesen, verrät Glueck, der zu Beginn des Romans in einer Gefängniszelle sitzt.

Doch in dieser schuppigen, eiternden, sich schälenden Haut, die er selbst nicht mehr als die eigene erkennt, fühlt er sich ohnehin wie lebendig eingemauert. Was für einen Unterschied macht da schon ein Gefängnis in Missisippi, zumal der liberale Gefängnisdirektor in seinem rätselhaften Gefangenen den verhinderten Schriftsteller erkennt und ihm Papier und Schreibzeug zur Verfügung stellt.

Denn Glueck, als Kind einer deutsch-amerikanischen Familie an der Lower East Side aufgewachsen, voller romantischer Vorstellungen über dads alte Herkunftsland seiner Familie, wollte eigentlich ein Autor werden. Doch es kam anders: Der literarisch ambitionierte Schöngeist wird durch den Zweiten Weltkrieg zum Offizier für psychologische Kriegsführung, sprich, für Propaganda. So leistet Glueck, der als Jugendlicher einen Sommer lang für die begeisterte Nationalsozialistin Grete schwärmte, deren Vater als deutscher Manager in New Yort stationiert war, seinen Beitrag zur Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Vom Krieg bekommt er wenig mit - er kämpft mit Worten, von seinem Londoner Schreibtisch aus.

Das ändert sich erst, als Glueck für eine Reportage in der letzten Kriegsphase nach Frankreich kommt. Er soll sich auf die Suche nach Ernest Hemingway machen, Paris steht vor der Befreiung, und Glueck erhofft sich von dem Kontakt mit dem berühmten Schriftsteller auch einen Kick für das Buch, das er nach dem Krieg endlich zu schreiben hofft. Als angeblicher Kumpel von Hemingways Sohn wird Glueck von "Papa" Hemingway mit offenen Armen aufgenommen. Der Marsch auf Paris verschwimmt im exzessiven Alkoholnebel, Hemingway entpuppt sich als Mensch mit großem Herzen und noch größeren Ängsten und Zweifeln, Den großen Kriegsroman muss dann wohl John Glueck schreiben.

Als Glueck sich einer amerikanischen Divison anschließt, bekommt der Schreibtischoffizier mehr vom Krieg mit, als er sich hätte träumen lassen - Im unwegsamen Waldgelände, zwischen Minenfeldern wird die Eroberung des kleines Dorfes Schmidt zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Massensterbens, dem "Nichtsmehrsagen.Dem Niewiederetwassagen.Dem Ewigschweigen."

Es sind die Schilderungen von Zusammenhalt und von Angst, von der wilden Tapferkeit des Sergeant Sencea, eines Irokesen, der die getöteten Feinde skalpiert, die unerwartete Menschlichkeit eines deutschen Arztes, der eine kurze Waffenpause erreicht, um Verletzte beider Seiten zu behandeln, die ungemein dicht und plastisch sind. Der Hürtgenwald wird zum Symbol für Mut wie auch für sinnlose Vernichtung von Menschenleben, Für den idealistischen Glueck sind die Erlebnisse auch desillusionierend, angefangen vom Alltagsrassismus auch in der Armee bis hin zu den Ergebnissen schlechter Kommunikation der Militärführung mit dramatischen Auswirkungen für die kämpfenden amerikansichen Soldaten.

Doch "Propaganda" ist weit mehr als ein Kriegsroman, Es geht um die Tragweite individueller Entscheidungen, um Verantwortung, um Postionen und natürlich um Literatur. Ähnlich wie einst "Forest Gump" kreuzt auch Glueck die Wege bekannter Persönlichkeiten - angefangen von einem Universitätskurs für kreatives Schreiben, als unter seinen Mitstudenten ein gewisser Bukowski und ein Nachwuchsautor namens Salinger sind. Anders als der reine Tor Forest Gump ist Glueck allerdings ein Berufsmilitär, der sich als kritischer Geist erfolgreich der Hexenjagd McCarthys entziehen konnte und als Deutschlandexperte Präsident John F. Kennedy vor dessen Berlin-Besuch einen deutschen Satz in Lautschrift aufschreibt, der zu einem der ikonischen Zitate der Ära des Kalten Krieges wird, Selbst in der Auseinandersetzung um die Rechte der freien Presse im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der "Pentagon Papers" ist Glueck eine Randfigur.

Glueck, der Mann, dessen Job die Propaganda war, kämpft gegen Lügen in Kriegs- wie in Friedenszeiten. Wobei die Wahrheit wohl immer eine persönliche ist. Kopetzky hat mit "Propaganda" einen Roman voll spannender Wucht, mit mancher Überraschung und voll erzählerischer Farbe geschrieben,

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Veröffentlicht am 06.08.2020

Viel mehr als nur ein Krimi

Darktown (Darktown 1)
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Eine junge Frau wird tot, ermordet, auf einem vermüllten Grundstück gesehen, Die Polizisten, die zum Tatort gerufen werden, erkennen die Tote - erst kurz zuvor hatten sie sie, offensichtlich misshandelt, ...

Eine junge Frau wird tot, ermordet, auf einem vermüllten Grundstück gesehen, Die Polizisten, die zum Tatort gerufen werden, erkennen die Tote - erst kurz zuvor hatten sie sie, offensichtlich misshandelt, im Wagen eines Mannes sitzen sehen, den sie bei einem Umfall kontrollierten. So weit klingt vieles nach einem ganz normalen Detektivroman, in dem nun die Ermittlungen ihren Anfang nehmen müssen und der Leser zur zusätzlichen Spannung auf ein paar falsche Spuren geführt wird.

Doch "Darktown" von Thomas Mullen spielt im Atlanta des Jahres 1948, und die Polizisten gehören der kleinen, erst vor kuzem gegründeten Gruppe der sogenenannten "Negro Polizisten" an, die in den von Schwarzen bewohnten Stadtvierteln, eben in Darktown, Dienst tun - unter der Führung eines weißen Offiziers. Segregation ist noch höchst lebendig und Rassismus ist Alltag. Die acht schwarzen Polizisten wissen - auf ihnen ruhen die Augen der gesamten Community, teils argwöhnisch, teils voller Hoffnung. Und auch innerhalb des Polizeipräsidiums - das die schwarzen Polizisten nicht betreten dürfen - hoffen viele, dass das Experiment scheitert. Einige Beamte versuchen, die ungeliebten schwarzen Kollegen in Diskredit zu bringen, ganz besonders der korrupte Polizist Dunlow.

Lucius Boggs, einer der "Negro Cops" und Sohn eines Geistlichen, ist sicher, dass Dunlow den Mann kennt und deckt, in dessen Auto die später ermordete Frau saß. Dieser Mann, so findet er heraus, war selbst einmal Polizist, der nach einem Skandal gefeuert wurde. Auch Dunlows Partner Rake, der nach seinem Militärdienst zur Polizei gekommen ist und dem der Schmiergeld kassierende Kollege ein Dorn im Auge ist, stößt auf einige Merkwürdigkeiten. Rake und Boggs, der gar keine Detektivaufgaben wahrnehmen darf, ermitteln heimlich und auf eigene Faust - erst jeder für sich, dann im Rahmen einer zunächst von Misstrauen und Skepsis bestimmten Zusammenarbeit.

Ein wenig erinnert "Darktown" an das Genre Noir, mit hartgesottenen Polizisten, die auch mal kräftig zuschlagen und Dienstvorschriften eher lax auslegen. Gleichzeitig ist dies ein historischer Roman, der in den Zeiten von #Blacklifesmatter nichts an Brisanz eingebüßt hat. Ja, es gibt ein paar Klischees von der schwüle des Südens, den Predigern und den Damen der Gesellschaft, aber Jahre vor der Bürgerrechtsbewegung (ein gewisser Referend King gehört übrigens zu den Geistlichen, mit denen Boggs über seinen Vater bekannt ist) bestimmt die Hautfarbe , wo Menschen wohnen und welche Chancen sie haben - und schwarz zu sein, kann sich unter bestimmten Voraussetzungen als tödlich erweisen.

Thomas Mullen hat ein atmosphärisch dichtes und spannendes Buch geschrieben und greift dabei auf ein Vokabular zurück, dass heute nicht mehr als politisch korrekt gelten würde - das N-Wort zum Beispiel! Im historischen Kontext und um den damaligen Zeitgeist zu spiegeln dürfte das allerdings unumgänglich sein - und vielleicht trägt es bei manchem Leser ja auch dazu bei, mehr Sensibilität im Umgang zur Sprache zu entwickeln.

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