Zwischen Prunk, Protz und Prahlerei
Die Gabe der SattlerinCharlotte steht neben ihrem Kaltblut Hengst Wälderwind und blickt gedankenversunken in die Ferne, während sie ihm sanft über die Nüstern streicht. Der Hengst wiehert leicht, beruhigend, denn Charlotte ...
Charlotte steht neben ihrem Kaltblut Hengst Wälderwind und blickt gedankenversunken in die Ferne, während sie ihm sanft über die Nüstern streicht. Der Hengst wiehert leicht, beruhigend, denn Charlotte ist die Einzige, die auf ihn diese Wirkung hat. Eine Gabe, die auch ihrem Vater zuteilwird, aber wenn sie an ihn denkt, wird sie sich der Konsequenzen bewusst, die ihr Handeln haben wird. Den Vater zurücklassen, ihre Geschwister, an denen auch ihr Herz hängt und die Mutter in einem Tobsuchtsanfall, wenn sie realisiert, dass Charlotte einfach so verschwunden ist. Schnell wischt sie sich über die Augenlider, denn noch kann sie sich ein anderes Leben nicht vorstellen. Bald jedoch wird genau dieses andere Leben ihre Entscheidungen vorantreiben und sie auf eine Reise führen, dessen Ausmaß sie sich in den kühnsten Träumen nicht vorzustellen vermag.
"Die Gabe der Sattlerin" von Ralf H. Dorweiler ist ein leichter, verträumter historischer Roman mit einigen, realen Figuren, der vor allem durch die Visualität der Worte punktet. Charlotte ist hierbei die Hauptprotagonistin, die sich dazu entscheidet, der zukünftigen Ehe mit dem ungeliebten Amtmann zu entfliehen und stattdessen in die Fremde zu flüchten, auf der Suche nach dem Glück. Nahezu jedes Szenario spielte sich vor meinem inneren Auge ab, in allen möglichen Farben und Formen. Der Stil ist einfach und die Seiten sind schnell zu lesen, eigentlich eher untypisch bei einem Roman dieses Genres. Die Charaktere sind in ihrem groben Rahmen schön skizziert, jedoch fehlte mir persönlich die Tiefe, die Ecken und Kanten, stellenweise die Reflektion. Die Handlung habe ich als recht spannend empfunden, jedoch plätscherte der Plot stellenweise etwas vor sich hin und war für mich eher realitätsfremd als realitätsnah. Das hat mich leider auf Distanz zur Geschichte gehalten, sodass ich nicht so tief eintauchen konnte, wie ich es mir gewünscht hatte. Das Thema rund um Pferde, Sattlerei und historischen Verknüpfungspunkten empfinde ich jedoch nach wie vor als perfekte Grundlage für einen guten Roman, den Schwerpunkt etwas mehr auf den Pferden und dem Handwerk. Eine Empfehlung für alle, die gerne leichte Romane lesen, die zwischen Prunk und Protz der Fürsten und Herrscher flanieren und dem proletenhaften Verhalten einer Räuberbande am Lagerfeuer lauschen möchten.