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Veröffentlicht am 14.02.2021

Kälte und Poesie

Das Gewicht von Schnee
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Mein Land ist kein Land, es ist der Winter, hat ein kanadischer Dichter einmal geschrieben, und diese Zeilen gingen beim Lesen von Christian Guay-Poliquins Buch "Das Gewicht von Schnee" wie ein Echo ...

Mein Land ist kein Land, es ist der Winter, hat ein kanadischer Dichter einmal geschrieben, und diese Zeilen gingen beim Lesen von Christian Guay-Poliquins Buch "Das Gewicht von Schnee" wie ein Echo durch meinen Kopf. Denn in diesem ungewöhnlichen Roman voll spröder Poesie spielt der Winter und das Überleben zwischen Schnee- und Eismassen eine Hauptrolle. Schon bei den zunächst verwirrenden Kapitelüberschriften - das Buch beginnt mit "38" - kein Fehler bei der Gliederung, sondern die aktuelle Schneehöhe, wie sich nach und nach herausstellt.

Und auch wenn der Autor viele eindrucksvolle Wort und Formulierungen findet, um diesen gewaltigen Winter immer wieder neu zu beschreiben, ist "Das Gewicht von Schnee" kein Naturroman, sondern ein distopisches Kammerspiel voll zunehmender Paranoia. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler ist in sein Heimatdorf zurückgekehrt, um noch einmal seinen Vater zu sehen. Doch auf dem Weg dahin hatte er einen schweren Unfall, beide Beine sind mehrfach gebrochen, er ist vollkommen hilflos. Fast hätten die Dorfbewohner, die ihn fanden, ihn wie ein verletztes Tier von seinen Leiden erlöst, zumal sie fürchteten, die knappen Medikamente könnten für ihn verbraucht worden. Doch in dem Moment, in dem er als einer der Ihren erkannt wurde, erhält er die Chance zum überleben.

Es ist ein Fremder, ein alter Mann namens Matthias, der sich um den Verletzten kümmert - in einem Haus, etwa eine Stunde Fußweg vom Rest des Dorfes entfernt und selbst gestrandet. Er möchte nichts lieber, als wieder zurückzukehren in die Stadt, aus der er gekommen ist, um sich um seine in einem Pflegeheim wartende Frau zu kümmern. Doch das ist nicht möglich: Der Himmel voller Schneewolken hat seit Wochen nicht aufgehört, "das Land zu begraben. Die Welt steht still. Wartet auf den Frühling. Von hier gibt es keinen Ausweg. Die Berge zerschneiden den Horizont, der Wald umzingelt uns von allen Seiten, das Weiß sticht ins Auge."

Doch es ist nicht alleine der strenge Winter, der die Dorfbewohner gefangen hält. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, aber wohl auch die öffentliche Ordnung im ganzen Land. Gerüchteweise ist von Plünderungen die Rede in den Städten, von Milizen, von bürgerkriegsähnlichen Zuständen - vielleicht aber gibt es jenseits des eingefrorenen Dorfes, in dem die Lebensmittel immer knapper werden, auch ein besseres Leben. Heimlich arbeitet jeder an seiner Exit-Strategie, auch Matthias, während der Erzähler zunächst zu schwach ist, um überhaupt zu reden oder irgendwelches Interesse an seiner Umgebung zu entwickeln. Als er die Lage erkennt, will aber auch er nicht alleine zurück bleiben. Bis dahin, so schreibt er sei jeder "der Gefangene des anderen".

In einer Welt, in der alle Gewissheiten dahin sind und die Natur allemal stärker, können die Einzelnen nur auf ihr Überleben hoffen. Viele der Umstände der Außenwelt bleiben dabei vage, der Erzähler und Matthias gefangen in ihrer Einsamkeit, der wechselseitigen Abhängigkeit in dem entlegenen Dorf und der Hoffnung, am Ende zu überleben. Der Winter steht dabei für die Schönheit und Brutalität des Lebens an sich. Nicht nur das isolierte (Über-)leben in einem verlassenen Haus - eigentlich nur seiner Veranda, die ist leichter zu heizen) schafft eine klaustrophobische Atmosphäre, in der menschliche Nähe und gegenseitiges Belauern gleichermaßen im Spiel sind. Für diese verstörende Schönheit voller Ängste hat Guay-Poliquin mit "das Gewicht von Schnee" die passende Sprache gefunden.

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Veröffentlicht am 23.12.2020

Beklemmend-düster und voller Spannung

Olympia
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Die historischen Kriminalromane von Volker Kutscher über den Kommissar Gereon Rath und seine Frau Charlotte haben bei allen Unterschieden in Genre und Leserschaft eine Gemeinsamkeit mit der Harry Potter-Serie: ...

Die historischen Kriminalromane von Volker Kutscher über den Kommissar Gereon Rath und seine Frau Charlotte haben bei allen Unterschieden in Genre und Leserschaft eine Gemeinsamkeit mit der Harry Potter-Serie: Sie werden immer dunkler und düsterer. Waren die in der Endphase der Weimarer Republik angesiedelten ersten Bücher noch geprägt von der schillernden Atmosphäre des damaligen Berlin, dem Tanz auf dem Vulkan angesichts der politischen Spannungen und des Machtzuwachs der Nationalsozialisten, ist mit dem achten Band, "Olympia" das Jahr 1936 erreicht. Das Nazi-Regime hat sich voll etabliert und will die Olympischen Spiele in Berlin zur Propagandashow für das neue Deutschland machen. Mindestens ebenso wie um die Aufklärung eines Todesfalls im Olympischen Dorf geht es um die Frage, wie der Einzelne in einer Diktatur ein anständiger Mensch bleiben kann, und wie sehr das System jeden Bereich des täglichen Lebens erfasst.

Gereon Rath ist für den Sicherheitsdienst erpressbar geworden und Polizisten der alten Schule im Landeskrimimalamt zunehmend selten. Dafür prägen die schwarzen Uniformen der SS das Bild, verwischen beim Sicherheitsdienst die Grenzen zwischen SS und Gestapo. Nach dem Tod eines amerikanischen Sportmanagers soll Gereon Rath ermitteln und wird von einem alten Widersacher, mittlerweile Obersturmbannführer bei der SS, ins Olympische Dorf geschickt.

Augenzeuge des Zwischenfalls wurde ausgerechnet Fritze, der einstige Pflegesohn der Raths, der nun bei einem überzeugten Nationalsozialisten lebt und als leidenschaftlicher Hitlerjunge beim "Ehrendienst" die Athleten aus aller Welt unterstützen soll. Dass er besonders für schwarze Athleten wie den amerikanischen Läuferstar Jesse Owens schwärmt, isoliert ihn allerdings innerhalb der anderen Jugendlichen.

Während die SS angesichts weiterer Todesfälle um jeden Preis Beweise für eine kommunistische Verschwörung zur Störung der Spiele finden will, ahnt Gereon immer mehr, dass der Tod des Sportfunktionärs und die übrigen Todesfälle nichts miteinander zu tun haben. Denn die anderen Toten, bei denen teilweise zunächst von Unfällen ausgegangen war, dienten alle in einer Spezialeinheit Hermann Görings. Mehr noch: Sie alle waren in einen Zwischenfall verwickelt, mit dem auch Gereon Rath zu tun hatte.

Da ich nicht alle Bücher der Serie kenne, haben Kenner der vorangegangenen Bände hier offensichtlich Vorteile. Aber auch mit Band acht in die Lektüre einzusteigen, trübt die Spannung nicht. Da allerdings Figuren vorangegangener Titel wieder auftauchen, brauchte ich allerdings ein bißchen, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Gereon Rath erkennt: Hier übt jemand systematisch Rache. Ist auch sein eigenes Leben in Gefahr? Seine Ehefrau "Charly", die die Nationalsozialisten hasst und verachtet, begibt sich ebenfalls auf gefährliches Terrain: Neben ihrem offiziellen Job als Privatdetektiven hilft sie Menschen, die aus Deutschland fliehen müssen, bei der Beschaffung falscher Papiere. Immer öfter fragt sich auch die preußische Patriotin und leidenschaftliche Berlinerin, ob ihr Platz noch in einem Deutschland sein kann, dass ihr fremd und verhasst geworden ist. Doch kurz bevor Charly und Gereon ihre Pläne, mit tschechoslowakischen Pässen als angebliche Deutschböhmen mit den übrigen Olympiatouristen die "Rückreise" nach Prag anzutreten, eskaliert die Situation. Ein dramatisches Finale lässt viele Fragen offen, einschließlich der Zukunft dieser Serie.

Atmosphärisch dicht, beklemmend und spannend - "Olympia" ist großes Kopfkino, mit glaubwürdigen Charakteren und bildstarker Schilderung des Berlins des Jahres 1936. Viel mehr als "nur" ein Kriminalroman, lässt dieses Buch den Leser gewissermaßen direkt ins Herz der Finsternis steigen

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Veröffentlicht am 25.10.2020

Berührender Abschied vom sterbenden Vater

Sterben im Sommer
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Persönlicher geht es wohl nicht: Mit "Sterben im Sommer" setzt sich Zsuzsa Bánk mit der unheilbaren Krebserkrankung ihres Vaters auseinander, mit seinem Tod, dem ersten Jahr ohne ihn. Es ist buchstäblich ...

Persönlicher geht es wohl nicht: Mit "Sterben im Sommer" setzt sich Zsuzsa Bánk mit der unheilbaren Krebserkrankung ihres Vaters auseinander, mit seinem Tod, dem ersten Jahr ohne ihn. Es ist buchstäblich Trauerarbeit, die sie als Ich-Erzählerin leistet. In der Hörbuchversion ist Lisa Wagner eine Idealbesetzung für die Umsetzung des Buches. Ihre ruhige, manchmal spröde Stimme lenkt nicht ab von den Worten, ist nicht betont gefühlig, sondern nimmt sich angenehm zurück und erlaubt die Konzentration auf die of poetische und reflektierende Sprache der Autorin. Immer wieder macht Bánk mit vielen Wiederholungen den Einsruck, als Ringe sie noch beim Schreiben um das exakt passende Wort, als wolle sie damit dem Leser (oder Hörer) eine ganz bestimmte Nuance näher bringen.

"Sterben im Sommer" startet mit einem letzten Familiensommer in der ungarischen Heimat der Eltern, die das Land nachdem niedergeschlagenen Aufstand 1956 verlassen haben. Noch einmal, ein letztes Mal, will der Vater im Balaton schwimmen, will im Obstgarten sitzen, will mit der Familie einen ungarischen Sommer an einem Ort voller Erinnerungen verbringen. Die Diagnose "unheilbar" ist da schon gestellt, alle wissen: Dies ist das letzte Mal.

Es kommt anders, noch während der Ferien verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Vaters, er muss ins Krankenhaus, mit Blick auf das ungarische Gesundheitssystem entscheidet sich die Familie für eine Klinik in Österreich. Der Urlaub wird zum Pendeln zwischen Balaton und Krankenhaus. Die Stoßgebete "Bitte noch nicht jetzt" kommen häufiger. Der letzte Sommer findet in Krankenzimmern, im Gespräch mit Ärzten statt, es ist der Anfang eines unausweichlichen Endes, bis zu dem gefürchteten Moment, in dem die Ärzte die Familie vor eine Entscheidung stellen: Es kann nichts mehr getan werden, - soll das Ende durch weitere Chemotherapie herausgezögert werden, oder soll der Vater in ein Hospiz kommen?

Der Tod ist allgegenwärtig in "Sterben im Sommer" - erst als gefürchteter Abschluss, dann als Realität. Bánk beschreibt die Momente, auf die Freunde und Angehörige selbst dann nicht vorbereitet sind, wenn sie wissen: Es gibt keine Hoffnung, alle Therapien und Behandlungen sind letztlich aussichtslos, sichern nur ein bißchen Extra-Zeit. Bánk schildert Verzweiflung und Frustration im Umgang mit Ärzten, für die das Sterben der Patienten so zur Alltagsroutine gehört, dass die Empathie auf der Strecke geblieben ist, die Hilflosigkeit angesichts der vielen Behördengänge und Entscheidungen, die nach dem Tod eines Angehörigen zu treffen sind, aber auch Solidarität und Zusammenhalt, den die Familie durch Nachbarn und Freunde erlebt.

"Sterben im Sommer" ist konsequent aus der Sicht der Erzählerin beschrieben, es geht um ihre Gefühle, ihren Weg, das Erlebte zu verarbeiten, um ihre Erinnerungen an den Vater. Die übrigen Angehörigen sind da eher Randfiguren. Das mag einige stören, ist aber letztlich schlüssig: Wie Tod und Trauer erlebt werden, ist schließlich eine ganz persönliche und individuelle Erfahrung. Die Phasen des Sterbens, zwischen Leugnung, Zorn bis hin zur Akzeptanz - sie scheinen auch für die Hinterbliebenen zu gelten.

So reflektiert die Sprache in "Sterben im Sommer" ist, so ungefiltert ist der Schmerz der Erzählerin zu spüren. Das tut weh, auch beim Lesen oder Zuhören, insbesondere dann, wenn eigene Erfahrungen und Erinnerungen an das Sterben und den Tod geliebter Menschen wieder aufgerissen werden wie eine mehr oder weniger vernarbte Wunde. "Sterben im Sommer" ist definitiv keine "nebenher"-Lektüre, man muss sich darauf einlassen auf diese so gar nicht leichte Lese-Kost. Ein eindringliches, einprägsames und nachdenklich machendes (Hör-)Buch.

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Veröffentlicht am 08.10.2020

Suche nach den Wurzeln

Das weite Herz des Landes
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Eins mit der Natur und trotzdem unvertraut mit den eigenen Wurzeln - das ist für Franklin Starlight, den Protagonisten von Richard Wagameses Roman "Das weite Herz des Landes" kein Widerspruch. Denn der ...

Eins mit der Natur und trotzdem unvertraut mit den eigenen Wurzeln - das ist für Franklin Starlight, den Protagonisten von Richard Wagameses Roman "Das weite Herz des Landes" kein Widerspruch. Denn der 16-jährige Ich-Erzähler, der bei einem Ziehvater auf einer entlegenen Farm aufwächst und schon als Kind selbständig jagte, tagelang allein in der Wildnis unterwegs war, weiß kaum etwas über seine Familie. Seine Mutter kennt er überhaupt nicht, seinen alkoholkranken Vater hat er nur selten gesehen und dann nicht in bester Erinnerung erhalten. Doch nun bittet der ihn um einen buchstäblich letzten Wunsch: Zum Sterben will er in die Berge, ein Tal überblicken und dann im Sitzen mit dem Gesicht nach Osten begraben werden, so wie einst die Krieger seines Volkes, von denen er eigentlich nichts weiß.

Auch Richard Wagamese fand laut Klappentext erst als Erwachsener zu seinen indigenen kulturellen Wurzeln. Die Starlights sind "McJibs" - Nachkommen von Ojibwe-Indianern und Schotten, und als einziges nicht-weisses Kind in der Klasse hat Franklin oft die Frage umgetrieben, was er eigentlich sei. Sein Ziehvater, fast durchgehend im Buch nur "der Alte" genannt, ist weiß, hat aber sein Bestes getan, ihm "Indianersachen" nahe zu bringen, allen voran das Eins sein mit der Natur, den Respekt vor ihr, vor den gejagten Tieren, die man zwar tötet, bei denen man sich aber auch bedankt. Der Alte ist kein Mann vieler Worte, eher so ein knorriger Rancher, wie man sie auch aus klassischen Western kennt.

Wagameses ruhige Erzählweise lässt den Leser eintauchen in die kanadischen Wälder, in die Begegnung mit einem Grizzly, die Jagd, die Weite der Landschaft und der Menschen, die mit, nicht gegen die Natur leben. Die Vater-Sohn-Geschichte ist zugleich eine Coming of Age-Erzählung, wobei Franklin reifer wirkt als mancher doppelt so alte Mann. Die Tage mit dem unsentimental beschriebenen Vater, der immer weiter abbaut, sind buchstäblich die letzte Gelegenheit für beide, eine Vergangenheit aufzuarbeiten, von der Franklin nichts weiß. Das letzte Kapitel im Leben des Einen wird so auch zu einem neuen für den Anderen.

Manchmal ist Wagamese so lakonisch wie der "Alte", mal sind seine Beschreibungen von spröder Poesie. Die Enwurzelungvon Franklins Vater Elrond, der in einer schmutzigen Fabrikstadt Gelegenheitsarbeiten nachgeht, steht im starken Kontrast zu dem naturverbundenen Leben auf der Farm. Doch über ihr kulturelles Erbe müssen Vater und Sohn gleichermaßen rätseln. Auch wenn die Geschichte der "first nations" nicht die Hauptrolle spielt, ist der Verlust dieser Identität unter den Nachfahren der indianischen Ureinwohner ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht. Anders als etwa in W.P. Kinsellas "Dance me outside"-Kurzgeschichten geht es hier nicht um das oft depremierende, von Alkohol- und Drogenmissbrauch und hohen Selbstmordraten geprägte Leben in den Reservationen, sondern um die entfremdet jenseits alter Gemeinschaften aufgewachsenen indigenen Menschen.

Fern von jeglicher Indianerromantik und Naturkitsch ist "Das weite Herz des Landes" unsentimental, aber nicht ohne Optimismus. Der Ausspruch "In der Stille liegt die Kraft" hat für dieses Buch und seinen jungen Protagonisten allemal Gültigkeit.

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Veröffentlicht am 04.10.2020

Coming of Age Story zwischen Swahili-Küste und China

Das Meer der Libellen
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Wer schon einmal auf den Inseln des Lamu-Archipels war, weiß: Es ist, wie in eine andere Zeit, ein anderes Tempo einzutauchen. Die Inseln, auf denen sich die Traditionen der Swahili-Kultur besonders lebendig ...

Wer schon einmal auf den Inseln des Lamu-Archipels war, weiß: Es ist, wie in eine andere Zeit, ein anderes Tempo einzutauchen. Die Inseln, auf denen sich die Traditionen der Swahili-Kultur besonders lebendig erhalten haben, sind geprägt vom Rhythmus des Meeres, vom Ruf des Muezzin, von afrikanischem und omanischem Erbe, dem Schmelztiegel alter Handelsstädte - auch wenn von der einstigen Bedeutung auf den Routen, auf denen schon Sindbad der Seefahrer unterwegs gewesen sein dürfte, nicht mehr viel zu spüren ist. Das Leben scheint dort langsamer, gemächlicher voranzustreiten.

Hier siedelt die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor ihren neuen Roman "Das Meer der Libellen" an. Es ist nicht automatisch eine Welt, die der in Nairobi geborenen Owuor, deren familiäre Wurzeln dem Namen nach eher im Westen des Landes liegen dürften, automatisch vertraut sein dürften."Die Küste ist nicht Kenia" heißt es an einer Stelle, und immer ist in dem Buch vom Unterschied der Küstenbewohner zum Hinterland, den Bürokraten von Upcountry die Rede.

Vor allem aber geht um eine, eigentlich zwei Frauen, die in dieser konservativen, teils archaischen Umgebung mit festen Vorstellungen von Sittsamkeit und Ehre,ihren eigenen Weg gehen. Owuor beschreibt das Heranwachsen von Ayaana, die quasi durch Geburt eine Außenseiterin ist:Ihre Mutter Munira gehörte einst zu einer der tonangebenden, einflussreichen Familien. Doch dass sie vom Studium in Nairobi mit einem unehelichen Kind zurückkehrte und noch nicht mal den Namen des Vaters nennen konnte - das war eine so große Schande, dass ihre Familie die Heimatinsel Pate verließ. Munira musste bleiben, betreibt in ihrem Haus einen Schönheitssalon, während Ayaana, weniger beaufsichtigt als andere Mädchen, früh eine Faszination für das Meer entwickelt. Der ehemalige Matrose Muhidin wird für sie die Vaterfigur, die sie selbst erwählt hat.

Ihre Andersartigkeit wird für Ayaana zu einer Chance, die mit guten und schlechten Erfahrungen verbunden sein wird: Als "Nachfahrin" wird sie als eine Art Sonderbotschafterin mit Studienmöglichkeit nach China eingeladen, verkörpert sie nach Ansicht chinesischer Wissenschaftler doch das Erbe jener chinesischen Seefahrer, die vor Jahrhunderten als Teil einer Expedition durch den "westlichen Ozean" an der ostafrikanischen Küste landeten. In einer Zeit, in der sich China bereitmacht, wirtschaftlich in Afrika Fuß zu fassen, kommt dieses chinesisch-afrikanische Erbe gerade recht.

Owuor erzählt in bildhafter, poetischer Weise vom Weg einer jungen Frau, die aufgrund ihrer Andersartigkeit teils für sie gefährliches Interesse und Begehren weckt, einer Frau, die von den Traditionen ihrer Heimat geprägt ist, aber auch gegen sie aufbegehrt und mit Verlust und Verrat konfrontiert wird.

Die Rolle Chinas in Afrika wird in diesem Roman ebenso thematisiert wie das Werben radikaler Islamisten um die jungen Männer der Inseln, den Hass, der ebenso unerbittlich ist wie der Krieg gegen den Terror, in dem das Zerbrechen Unschuldiger als Kollateralschaden gilt. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben jenseits des Meeres, das skrupellose Geschäftemachern von Schleusern, das Schicksal von Migranten - die Themen und Krisen des 21. Jahrhunderts sind verbunden mit der Lebensgeschichte Ayaanas.

"Das Meer der Libellen" ist ebenso die epische Geschichte einer starken Frau wie ein Roman dieser Zeit und globaler Probleme. Swahili-Weisheiten zu Beginn eines jeden Kapitels schlagen dabei den Bogen zu der alten Kultur der Inselwelt. Bei diesem Buch hat man förmlich den Geruch von Zimt und Kardamon in der Nase, den Klang von Taarab-Musik in den Ohren und schmeckt das Salz in der Küstenbrise.

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