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Veröffentlicht am 12.12.2020

Unfassbar stoische Hauptfigur!

Ich bleibe hier
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Der aus dem Reschensee herausragende Kirchturm ist inzwischen längst zu einer Postkartenattraktion und einem Touristenmagneten Südtirols geworden, doch das Wieso-Weshalb-Warum dahinter ist weit weniger ...

Der aus dem Reschensee herausragende Kirchturm ist inzwischen längst zu einer Postkartenattraktion und einem Touristenmagneten Südtirols geworden, doch das Wieso-Weshalb-Warum dahinter ist weit weniger pittoresk, ist der Turm doch das einzige sichtbare Überbleibsel eines im Rahmen eines eigentlich sinnlosen Staudammprojektes wie auch sein Nachbardorf nahezu vollständig gefluteten Dorfes.
Im Sommer 2020 hat Netflix den Kirchturm international nun noch einmal etwas bekannter werden lassen und wieder ein wenig mehr in den Mittelpunkt gerückt, als der Anbieter die fiktive Kurzserie „Curon“ veröffentlichte, die sich um ein Mysterium, eine Legende, rund um die (nicht vorhandenen) Glocken jenes Turms drehte – Marco Balzano verfolgt in „Ich bleibe hier“ allerdings einen grundsätzlich anderen Ansatz: In seinem Roman erzählt die dort geborene Trina als Ich-Erzählerin ihrer Tochter, die ansonsten aus ihrem Leben zu verschwunden sein scheint, wie es bereits sehr früh durchklingt, die Geschichte ihres Lebens, das mit der Geschichte Grauns bzw. Südtirols eng verwoben ist.

Die Erzählung ist dabei eher nüchtern, was überraschte und mich teils auch irritierte, da Trina quasi inmitten eines aufgewühlten Meeres leben musste und es kaum Ankerpunkte für sie gegeben haben zu schien; ich fand es sehr bewundernswert, wie stoisch sie häufig mit den sich teils sehr plötzlich verändernden Umständen umzugehen schaffte, wobei sie mir manchmal schon zu abgeklärt und unemotional erschien: Persönlich kann ich mir kaum vorstellen, wie man in ihrer Situation nicht irgendwann einfach nur kreuzunglücklich ist.
Im deutschsprachigen Südtiroler Schatten des sich immer weiter ausbreitenden italienischen Faschismus aufgewachsen, der ihre beruflichen Pläne zunichtemacht, wird sie im jungen Erwachsenenleben prompt mit dem deutschen Nationalsozialismus konfrontiert, als windige Ingenieure längst planen, ihre Heimat zu fluten, in der sich die Bewohner ohnehin keiner Nationalität wirklich zugehörig fühlen können: Die Region wird von außen eher als Fremdkörper aufgefasst, eine verbindungslose Insel, die man ohne Rücksichtnahme für sich vereinnahmen kann.
Trinas Widerstand ist dabei wohl ein wenig in ihrem Sturkopf begründet, aber vielmehr darin, dass ihr Ehemann sich von Anfang an beharrlich weigert, seine Heimat jemals aufzugeben geschweige denn zu verlassen: Meines Empfindens nach hat sie sich auch hier eher mit der Lage arrangiert und versucht einfach, das Beste daraus zu machen – und zu überleben, in der Hoffnung, dass der Krug letztlich vorübergehen möge, ohne zu zerbrechen.

Ich fand „Ich bleibe hier“ eine ungemein interessante Erzählung, weil das, was nun unter dem Reschensee verborgen liegt, so deutlich beschrieben wurde, und musste auch ein paar Mal beim Lesen pausieren, weil ich Trinas „Erlebnisbericht“ teilweise einfach sehr bedrückend und belastend fand bzw. sie mitunter einfach wahnsinnig um ihre relative Abgeklärtheit beneidete (um ihr im nächsten Moment ihre Coolness aber doch nicht ganz so sehr abzukaufen).
Die Lektüre empfehle ich zwar gerne weiter; man lernt so viel rund um die betroffene Region; würde aber nicht dazu raten, diesen Roman dann zu lesen, wenn man selbst grad persönlich etwas aufgewühlt oder deprimiert ist: Da wird Trina schnell zu einer Vorbildfigur, an der man gleich scheitert.

Veröffentlicht am 06.12.2020

Schön, wenn auch nicht perfekt!

Das Wunder von R.
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„Das Wunder von R.“ ist ein ganz wundervolles und noch dazu wunderschön ausgestaltetes Buch, in dem gleichgeschlechtliche Paare ebenso wie Alleinerziehende ganz unaufgeregt erwähnt werden bzw. als die ...

„Das Wunder von R.“ ist ein ganz wundervolles und noch dazu wunderschön ausgestaltetes Buch, in dem gleichgeschlechtliche Paare ebenso wie Alleinerziehende ganz unaufgeregt erwähnt werden bzw. als die Selbstverständlichkeit, die sie heutzutage auch sein sollten, sofern sie es nicht sind. Dabei sind die „nicht-traditionellen“ Familienmodelle eine simple Randerscheinung der Geschichte; „Das Wunder von R.“ ist in dieser Hinsicht nicht bemüht gewollt eingefärbt.
Erzählt wird die Geschichte einer neu in R., wie jene Stadt ausschließlich bezeichnet wird, zugezogenen Familie, die erwartet, dort ein harmonisches Leben führen zu können, denn immerhin ist die Stadt stolz darauf, dass seit sehr langer Zeit nichts Schlimmes in ihr passiert ist. Was nach Idylle klingt, entpuppt sich aber als der Ausbund eines grundsätzlichen Misstrauens, den die Erwachsenen sich dort entgegenbringen und zu dem auch die Kinder angehalten werden, die noch sehr viel offener miteinander umgehen. Den Neuzuzügern steht man natürlich mit ganz besonderer Skepsis entgegen, doch ausgerechnet eine werden dann vom Weihnachtsmann um Hilfe gebeten, welche vor Allem die Kinder natürlich gewähren, damit das Weihnachtsfest auch in R. wie gehabt stattfinden kann, doch der Trubel in der Wohnung erregt die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner und plötzlich ist es ein Rennen gegen die Zeit entgegen des Widerstandes der ängstlichen Bürger…

Insgesamt ist „Das Wunder von R.“ ein Plädoyer für die Freundschaft, die unbedingte Hilfsbereitschaft, die Toleranz und vor Allem dafür, seine Herzen ein wenig mehr zu öffnen und Fremden offener entgegenzutreten, auf dass aus ihnen Freunde werden könnten.
Es ist kein allzu langes Buch, das noch dazu fantastisch illustriert worden ist: Tatsächlich erwecken die enthaltenen Bilder in mir nahezu eine 3D-Illusion, so plastisch wie die Szenerien dort abgebildet sind. Das fest eingebundene Buch ist dazu recht dick, also sehr stabil, was zugleich doch auch ein wenig genervt hat, denn aufgrund der Festigkeit ließ sich das Buch gar nicht so einfach komplett öffnen – die Qualität ist ein Segen für die Buchliebhaber, die ihre Bücher niemals komplett aufschlagen, um den Rücken nicht zu brechen und jegliche Leserillen zu vermeiden, aber grad für Angehörige der jungen Zielgruppe, welche die Zeilen im aufgeschlagenen Buch zuweilen noch mit den Fingern verfolgen, ist es halt doch schnell unpraktisch, dass sich das Buch nicht komplett auseinanderbiegen lassen will. Hier wurde „Das Wunder von R.“ darum auch ganz schnell zum Vorlesebuch.
Generell muss ich auch zugeben, dass ich mir die ganze Geschichte im Vorfeld noch sehr viel weihnachtlicher, zauberhafter, warmherziger… vorgestellt hatte angesichts des Klappentextes, der italienischen Verkaufszahlen und der Bewerbung als „künftiger Kinderbuchklassiker“ – ich halte den Inhalt zwar für ziemlich zeitlos, aber ich sehe diesen Titel nun nicht unbedingt als solchen an, den man alljährlich wieder und wieder zur Weihnachtszeit hervorkramt; für mich krankte das Klassikerpotential nur schon ein wenig daran, dass mir der Schluss etwas zu überhastet abgehandelt schien und zu plötzlich alles perfekt und Friede, Freude, Eierkuchen war. Die Botschaft des Miteinanders statt des Gegen- oder zumindest Nebeneinanders hätte man in meinen Augen doch noch sehr viel nachdrücklicher verpacken können.

Alles in Allem aber doch ein sehr ansprechendes Kinderbuch für muckelige (Vorlese)Abende winters am Kamin!



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 02.11.2020

Zum mehr (Schicksals)Gedanken machen

Nur eine Ewigkeit mit Dir.
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Fand ich diesen Roman nun gut oder doch eher so mittel? Ich schwanke und entscheide mich schließlich für 3,8*, die ich dann eben doch in der Gesamtwertung zu 4 Sternchen hochrechne.

Mit Lilly und Jonas ...

Fand ich diesen Roman nun gut oder doch eher so mittel? Ich schwanke und entscheide mich schließlich für 3,8*, die ich dann eben doch in der Gesamtwertung zu 4 Sternchen hochrechne.

Mit Lilly und Jonas steht hier ein Figurenpaar im Vordergrund, das sich bereits aus einem früheren Leben kennt, was allerdings von vornherein nur Jonas bewusst ist, der aktuell keine irdische Existenz innehat – und der er Lilly, nachdem diese sich von einer Brücke in den Tod stürzen wollte, Einblick in ihr betreffendes früheres Leben bietet, welches sich wie eine Geschichte in Traum- und vor Allem Tagebuchform sich immer weiter vor Lilly auszubreiten beginnt. Zugleich entspinnt sich zwischen Lilly und Jonas ein immer fester gewebtes Band der Vertrautheit; insgesamt spielt „Nur eine Ewigkeit mit dir“ da sehr mit den Themen Vorherbestimmung bzw. Schicksal, Reinkarnation und Schutzengel.

Lilly und Jonas treten abwechselnd als personaler Erzähler auf; man weiß also grad über Jonas immer etwas mehr als Lilly; und die Grundidee der Geschichte hat mir sehr gut gefallen; zuweilen klangen auch deutliche poetisch-philosophische Töne durch, die ich teils sehr bewegend und als zum Nachdenken anregend empfunden habe. Für mich ist es einfach ein schöner Roman gewesen, um auch das eigene Leben mal zu reflektieren zu beginnen und sich ggf. mit eigenen vergrabenen/verdrängten Gefühlen auseinanderzusetzen. Da ist „Nur eine Ewigkeit“ mit dir einer der wenigen Liebesromane, denen man tatsächlich Tiefgründigkeit unterstellen kann.

Was mir jedoch ein wenig Lesefrust bereitet hat, war, dass ich fand, dass die Handlung zuweilen auf der Stelle trat und sich da arg in die Länge zog, dass ich irgendwann nur um des Schreibstils willen weitergelesen habe und weil ich neugierig war, welchen Input die Handlung womöglich noch liefern würde.
Auch das Ende hat mir nicht ganz so zugesagt; mir blieb es ein wenig zu offen und ich habe auch gar nicht verstanden, wie das nun überhaupt funktionieren können sollte. Dazu hätte ich mir dann doch noch ein paar deutlichere Worte gewünscht, aber wie gesagt: zumindest für die Gedankenanstöße, die die Handlung vorbereitet hat, habe ich mich definitiv begeistern können und kann dies Buch auch durchaus jenen empfehlen, die beim Lesen auch mal in philosophischere Gedankenwelten abschweifen wollen.

Veröffentlicht am 30.09.2020

Wahnsinnig oder wahnsinnig smart?

Die Stimme
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Tremayne und ich sind uns häufig nicht so richtig grasgrün, sondern oftmals eher so blassmint: Einerseits lese ich seine Thriller recht gerne, andererseits hasse ich es, dass seine Bücher zum Schluss hin ...

Tremayne und ich sind uns häufig nicht so richtig grasgrün, sondern oftmals eher so blassmint: Einerseits lese ich seine Thriller recht gerne, andererseits hasse ich es, dass seine Bücher zum Schluss hin auch mal einen völlig unsinnigen Schwenk hin zum Paranormalen machen. „Die Stimme“ sprach mich nun auf Anhieb an; nach dem Lesen der ersten paar Seiten wollte ich auch unbedingt erfahren, wie sich diese Geschichte fortsetzt – und hatte dabei doch ständig die Befürchtung im Hinterkopf, dass letztlich weder nur Schizophrenie oder Angriff zum Tragen kommen, sondern noch eine Geistererscheinung auftreten könnte, die einem bis dahin guten und glaubhaftem Thriller doch noch einen lächerlichen Anstrich verleihen würde. Aber nein, das ist nicht passiert. ;)

„Die Stimme“ erzählt eine Geschichte, von der man sich vorstellen kann, dass sie in nur wenigen Jahren tatsächlich so passieren könnte, wenn Wohnungen/Häuser immer smarter ausgestattet werden: Die Protagonistin Jo, freie Journalistin auf beruflicher sowie privater Durststrecke, lebt quasi als Untermieterin ohne Zahlungsverpflichtungen in der Luxuswohnung ihrer elitären Freundin Tabitha, die ständig unterwegs ist, um irgendwelche Naturdokus zu drehen (und dabei gar nicht sonderlich engagiert in Sachen Natur- und Tierwelt wirkt). Dabei ist die Butze mit zig verschiedenen Home Assistants ausgestattet (dass man sich zuweilen schon fast wundern kann, dass es nicht ständig zu Ausfällen kommt, weil sich diese smarten Assistenten ständig gegenseitig in die Quere kommen) – die plötzlich ein skurriles bis morbides Eigenleben entwickeln, Jo auf dunkle Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit ansprechen, eigenmächtig eMails in Jos Namen versenden, heimliche Videoaufzeichnungen aus Jos Leben abspielen und keinen Hehl daraus machen, dass ihr Endziel Jos Tod ist. Allerdings hat sich Jos Vater einst das Leben genommen, nachdem seine Schizophrenie ihn mehr und mehr wahnsinnig machte; seine Diagnose war aufgefallen, nachdem er meinte, der Fernseher würde mit ihm reden – bei Jo sind es nun also die Smart Assistants, die sich nur zu Wort melden, wenn Jo alleine ist, so dass Jo einerseits verzweifelt versucht, diesem Treiben ein Ende zu bereiten und zumindest Zeugen für diese immer gehäufter auftretenden Vorfälle zu finden, und andererseits fast schon überzeugt ist, die Schizophrenie ihres Vaters geerbt zu haben, und daran verzweifelt, die Symptome in den Griff zu bekommen.
Spannend wird das Ganze dadurch, dass Jo natürlich mutmaßt, wer aus ihrem Umfeld das technische Knowhow besitzt (überraschend viele, denn Jo scheint sich, von Tabitha abgesehen, hauptsächlich mit den totalen Cracks der digitalen Boheme abzugeben) und noch dazu sooooooo viele Dinge über sie weiß (kaum jemand, und davon wissen generell alle aber auch nicht alles, was die Home Assistents jedoch so preisgeben). Da konnte ich mit Jo doch sehr gut mitfühlen und mitverdächtigen bzw. immer wieder überzeugt sein, dass sie definitiv einen herben schizophrenen Schub erlitt.

Wo Tremayne mir auch in „Die Stimme“ sehr grün ist: Jo ist nicht sonderlich sympathisch, ohnehin gibt es bei den Figuren nicht den Prototyp des allseits perfekten, allseits beliebten Menschen; die Figuren haben definitiv ihre Makel. Das mag ich, auch wenn ich es manchmal schon herausfordernd finde, wenn ich hier allenfalls mal eine Nebenfigur richtig toll finden kann (in diesem Fall z.B. den Obdachlosen „Autos“), und die hauptsächlich behandelten Figuren in einer oberflächlichen Blase versumpfen. „Versumpft“ wurde hier ohnehin ständig: Jede Menge in London spielender Romane haben mich zur Überzeugung kommen lassen, dass dort allabendliche Wein-Trinkgelage stattfinden (aber nur Rotwein!) und Pärchen in ihren 30 ebenso regelmäßig Swingerpartys besuchen oder wenigstens Dreier haben wie sie Wein trinken.
Hier passte Jos Darstellung für mich aber sehr: Irgendwie war sie noch sympathisch genug als dass ich es unerträglich fand, die Angriffe auf ihre gesamte Existenz zu beobachten, aber sie war mir auch noch unsympathisch genug als dass es mich nicht tieftraurig stimmte, dass sie nun womöglich in der geschlossenen Psychiatrie enden oder Suizid begehen würde. Sie war halt nicht der Typ Mensch, bei dem es einen tief erschüttert, wenn er schlimm erkrankt. Klingt zwar gemein, aber ich dachte definitiv die ganze Zeit während des Lesens, dass ich mich mit einer schizophrenen Jo sehr gut arrangieren könnte – und hoffte teils auch irgendwann, dass das letztlich des Rätsels Lösung sein würde, weil die (potentiellen) Wahnvorstellungen das Thema „Schizophrenie“ und was die Krankheit bei Betroffenen auszulösen vermag sehr gut in Szene setzten, dass man dann doch wieder dachte, das durchmachen zu müssen wünsche man niemandem, auch der unsympathischen Jo nicht.

Das Ende, in welche Richtung es auch gegangen sein mag, war dann auch schlüssig; man hat es als Leser gut verstehen können, wenn es mir da auch ein wenig zu holterdipolter ging, grad dafür, dass sich die ganze Situation zuvor mehr und mehr dramatisch zugespitzt hatte. Das hätte mir etwas entzerrter wohl doch auch noch ein Stück besser gefallen.
Letztlich bleibt in jedem Fall die Frage an den Leser, wie sehr künstliche Intelligenzen, erst recht zukünftig, das menschliche Leben beeinflussen können und da ist „Die Stimme“ definitiv ein sehr drastischer Gedankenanstoß, weil es sich hier eben voll und ganz darum dreht, ob Jo einfach krank ist oder ob sich die smarten Haushaltshelfer tatsächlich selbst zu manipulativen Psychopathen entwickeln können oder wie sehr von Dritten in ihre Prozesse eingegriffen werden kann – und alle drei Optionen scheinen in „Die Stimme“ ähnlich wahrscheinlich zu sein, was dann unsere echten, existenten Digitallösungen doch ein wenig sehr gruselig wirken lässt.

Veröffentlicht am 18.09.2020

Keine ganze Moral von der Geschicht'

Ein ganz alter Trick
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Pascal, Protagonist dieses Romans, lebt seit zwei Jahren im Internat, seitdem die Mutter einen neuen Partner hat, zu welchem Pascal aber keine besondere Beziehung unterhält, und ständig mit diesem auf ...

Pascal, Protagonist dieses Romans, lebt seit zwei Jahren im Internat, seitdem die Mutter einen neuen Partner hat, zu welchem Pascal aber keine besondere Beziehung unterhält, und ständig mit diesem auf Reisen ist. Pascal, der seinen Stiefvater nur mit männlichen Personalpronomen bezeichnet, lässt unterschwellig dabei durchklingen, dass er eine unbändige Wut verspürt; gegenüber der alten Ingelotte gibt er das auch freimütig zu; und es ist zu vermuten, dass er vor Allem dem Neuen seiner Mutter die Schuld an seiner Situation gibt. Die Sommerferien verbringt Pascal seither auf dem Internatsgelände; irgendwann wird erwähnt, dass er in den (im Vergleich kurzen) Herbstferien zwar zu seiner Mutter fährt, aber besonders erpicht scheint er nicht darauf zu sein. Generell ist Pascal auch kein großer Sympath: Im Allgemeinen gibt er sich eher passiv-aggressiv, im Internat ist er eher sowas wie der Schulclown, der mit seinen Streichen auch mal zu weit geht – weswegen er nun zur Strafe vier Wochen lang einige Stunden täglich in der Seniorenresidenz aushelfen soll. Dabei nimmt ihn Ingelotte, ursprüngliches Opfer seines letzten Streichs, prompt unter ihre Fittiche, wobei auch Ingelotte es eher faustdick hinter den Ohren hat und nun plant, mit Pascals Hilfe einen zurückgelassenen und nicht weiter benannten Schatz aus ihrem früheren Zuhause zu retten.
Das ist einerseits recht unterhaltsam und andererseits ist es schön zu erkennen, wie Pascal in Ingelotte und deren Enkel, der da auch gleich mit von der Partie ist und der zu den wenigen Verwandten Ingelottes zählt, auf die jene Wert legt; denn auch in deren Familie ist nicht alles Gold, was glänzt; nebst Talal, dem Hilfsarbeiter des Heims, der als Flüchtling ins Land gekommen ist, eine Art kleiner Ersatzfamilie findet, die fest zusammenhält. Das zu lesen hat wirklich Spaß gemacht und letztlich war die Geschichte so schnell zu Ende, dass man sich zudem nach dem Ende auch wünschte, man könne künftig noch mehr Erzählungen rund um dieses kleine Team lesen. Meiner Meinung nach schrie „Ein ganz alter Trick“ da definitiv danach, fortgesetzt zu werden.

Aber der Tenor, der hier herrschte, klang nicht immer nach etwas, das man Kindern unbedingt vermitteln wollte (Achtung, es folgen ein paar erklärende Spoiler): Pascals Streiche haben letztlich wenig Konsequenzen bzw. daraus, dass er Ingelottes Rollator im See versenkt hat, ergibt sich für ihn letztlich mehr Abenteuerlust und Spaß als dass er jemals eine Bestrafung erleiden oder zumindest wirklich Reue zeigen würde. Auch vor den Aufgaben, mit denen man ihn im Altenheim betraut hat, drückt er sich zumeist sehr geschickt; als er einen Zaun streichen soll, manipuliert er letztlich einen Senior und eine Seniorin, dass letztlich diese Beiden den Zaun streichen – und sich später noch bei ihm bedanken, weil sie darüber hinaus daraufhin zart miteinander angebändelt haben. Es ist zwar schön, dass er den beiden Alten da eine von diesen wohl gern erledigte Beschäftigung gegeben hat, aber dass er die Beiden nichtmals weiter während des Streichens unterstützt (wobei ja eigentlich sie ihm geholfen hätten), sondern sich abgesetzt hat, war dann doch etwas arg dreist.
Später ist Talal zunächst entsetzt, als man ihn um Mithilfe bei der „Schatzbergung“ (auf gut Deutsch: einen geplanten Einbruch in Ingelottes ehemaliges Zuhause) bittet, weil ihn nur schon das Wissen darum in die Bredouille bringen könnte, was eine potentielle Abschiebung angeht – er entscheidet sich dann zwar selbst, den Anderen doch zu helfen, aber ich war überrascht, dass da echt keiner sagte: „Nee, Talal, für dich steht hier echt zu viel auf dem Spiel. Halt dich hierbei lieber fern von uns.“

Grundsätzlich bietet „Ein ganz alter Trick“ also schon noch Diskussionsstoff an. Positiv aufgefallen ist mir übrigens, dass Ingelottes altes Zuhause nun von einem schwulen Pärchen bewohnt wird, ohne dass darum in der Geschichte noch ein großes Trara gemacht wird. Wenn man dazu nimmt, dass Pascal einen Stiefvater hat, mit dem er nicht klarkommt, und in Ingelottes Familie auch nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, plus Talals Herkunft, ist schnell ersichtlich, dass „Ein ganz alter Trick“ eine alltägliche Personenkombi darstellt und sich nicht auf das altgewohnte „Vater, Mutter, zwei Kinder und alle sind glücklich“-Familienbild beschränkt. Das fand ich echt gut und wie gesagt, die Geschichte ruft in meinen Augen sehr nach einem nächsten Band (auch wenn sie in Sachen Schatzsuche durchaus abgeschlossen ist); ich würde mir für einen eventuellen Nachfolgeband aber definitiv etwas mehr Lerneffekt herbeiwünschen.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]