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Veröffentlicht am 12.02.2021

Auf Irrwegen der Rache

Malvita
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Schwer von Liebeskummer und Verrat gebeutelt, fährt die etwas unscheinbare Studentin und Hobbyfotografin Christina nach Italien – sie soll dort die Hochzeit ihrer unbekannten Cousine Marietta fotografieren, ...

Schwer von Liebeskummer und Verrat gebeutelt, fährt die etwas unscheinbare Studentin und Hobbyfotografin Christina nach Italien – sie soll dort die Hochzeit ihrer unbekannten Cousine Marietta fotografieren, nachdem die eigentlich vorgesehene Fotografin verschwunden ist. Dort angekommen, beginnt ein obskurer Trip zwischen Surrealismus und menschlichen Abgründen. Christinas unbekannter Familienzweig der Espositos samt Tante Ada, Onkel Tonio, Cousin Jordie und die Cousinen Elena und Marietta wohnen in einer Art Schloss und werden von zahlreichen blau uniformierten Bediensteten umsorgt. Der fiktive, toskanische Ort Malvita hat schon bessere Zeiten erlebt – seit der Schließung der Lederfabrik ist er fast ausgestorben und die letzten Bewohner finden Anstellung bei der nach außen gönnerhaften Familie. Doch je länger Christina auf dem gruseligen und labyrinthischen Anwesen verweilt, desto abstruser entwickeln sich die exaltierten Charaktere und die fantastische Handlung. Jeder der Familie scheint einen großen psychischen Knacks abbekommen zu haben und so manche Frauen sinnen auf Rache für das, was ihnen angetan wurde. Nicht umsonst ist Modelcousine Elena ein großer Fan von Artemisias Gemälde „Judith und Holofernes“ in den Uffizien. Als Christina zusammen mit Jordie die Leiche von Blanca – die eigentliche Hochzeitsfotografin – findet, nehmen die mysteriösen Dinge ihren Lauf und Christina will den Mord aufklären, auch wenn sie sich selbst in Gefahr begibt.

Wer hier einen Krimi trotz kriminalistischen Elementen und subtil spannender Rahmenhandlung erwartet, wird enttäuscht werden – die junge österreichische Autorin Irene Diwiak spielt mit den Genres und führt an einigen Stellen den Leser wie die Protagonistin auf Irrwegen. Sprachlich mitreißend, in einer filmischen Szenerie à la David Lynch und mit viel Zynismus taucht sie in Abgründe, reißt Fassaden herunter und lässt die Geschichte in einem gewalttätigen, leicht feministisch angehauchten Rache-Showdown enden, der in der Realität nur schwer vorstellbar ist. Hier endet Christinas surreal angehauchter Trip zu den Verwandten und der Roman hat den Leser um den Finger gewickelt. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis, über das man länger sinniert.

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Im Einklang mit dem Tuck-Tuck

Was dir bleibt
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Gladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die ...

Gladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die 76-jährige ihre schwer depressive und suizidgefährdete Tochter, um die sie sich aufopferungsvoll gekümmtert hat, alleine zurückgelassen? Ein Drang nach Freiheit oder steckt mehr dahinter? Gladys hat ihre gesamte Kindheit in einem fahrenden Schulzug, dem school train verbracht, der ‚Wildlingen’, Kindern in abgeschiedenen Waldgebieten, eine neue Tür zur Welt eröffnet hat. Möchte sie diesen Spuren folgen?

Ein Lehrer und zugleich Zugfan, der eigentlich an aussterbenden Zugverbindungen recherchiert, ist fasziniert von dieser Reise der Frau – er beschließt, darüber zu schreiben und Menschen zu treffen, die Gladys begegnet sind.

So entsteht eine Zusammenfügung eines Puzzles und unterschiedliche Abschweifungen in die Biografien von Menschen um die Gleisen herum – als würde der Leser selbst im Zug sitzen, darf er aus dem Fenster in unterschiedliche Leben und Lebensträume blicken und erfährt immer weitere Details über Gladys – ihre Begeisterung für das Treibenlassen im Zug im Einklang des Tuck-Tucks, dem sanften Klang der Schienenübergänge. Bildhaft, melancholisch aber auch gewitzt führt Jocelyne Saucier ihre Sprachkunst hier aus, es finden sich viele Parallelen zu „Ein Leben mehr“, aber ohne einen bestimmten roten Faden. Wie eine Flaschenpost lässt sich Gladys durch die Landschaft in Wellenbewegungen durch kanadische Dörfer, Menschen und Landschaften treiben, aber sie hat eine Aufgabe, die sich erst im letzten Teil des Buches offenbart: Sie möchte Menschen treffen, die sie auf ihrer letzten Reise des Sterbens begleiten und sie möchte jemanden Zuverlässigen finden, der sich um ihre Tochter Lisana kümmert, wenn sie nicht mehr da ist. Und wie in einem Märchen, wird sie diese Menschen finden und der Lebensstrang wird sich auch mit dem Ich-Erzähler verbinden.

Der Leser muss bereit sein, sich treiben zu lassen in diesem Buch – neben den atemberaubenden Schilderungen der school trains und über die ‚Wildlinge’ (hier wird Sauciers schriftstellerisches Können sichtbar), gibt es etwas Verlorenes und weniger einen roten Faden wie bei den zwei vorhergehenden Werken der Autorin. Saucier nimmt uns mit ins Vergängliche, Verschwundene und zeigt auf, wie verschieden Menschen mit dem Thema Tod umgehen. Verschwindende Zugstrecken, Biografien, Dörfer und Menschen – am Ende Gladys selbst, aber sie hatte die Zügel des Schicksals in der Hand, hat auf die Begegnungen im Zug vertraut und am Ende am Sterbebett all ihre Lieblinge vereint.

Durch die schriftstellerische Perspektive eines dritten Erzählers bleibt der Leser leider manchen Charakteren und Emotionen fern – er darf Einblicke erhaschen, kommt ihnen aber nicht richtig nahe. Trotzdem hallt der Roman noch immer bei mir nach – nicht das beste Werk von Saucier, aber eins, das wirken darf wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit, die der Ich-Erzähler weiterreicht. Der Leser blickt gespannt auf vergangene Zeiten und Menschen, die sich etwas bedeutet haben und was davon bleibt. Und der Zug in einem sehr weitläufigen Land als verbindende Ader.

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Über friedvolle Momente vor dem Sterben

What light there is
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Der mehrfach ausgezeichnete, schottische Autor und Lyriker John Burnside umkreist in seinem neuen Essay „What light there is“ assoziativ, philosophisch und autobiografisch das Vergängliche und die Kunst ...

Der mehrfach ausgezeichnete, schottische Autor und Lyriker John Burnside umkreist in seinem neuen Essay „What light there is“ assoziativ, philosophisch und autobiografisch das Vergängliche und die Kunst des Sterbens, Ars moriendi. In den vier motivisch verbundenen Hauptkapiteln „Erde“, „Himmel (über das Verlieren“), „Die Sterblichen“ und „Die Göttlichen“ geht er prägenden Erinnerungen der Kindheit nach, zitiert Walt Whitman, Matthew Arnold und Mark Strand, findet Anknüpfungspunkte in der Musik und im Arthouse-Kino. Überhaupt scheint Burnside Rat und Halt in der Kunst zu suchen, in den Filmen von Andy Warhol und Ken Loach, bei seinem Lieblingsdichter Joseph Brodsky, auf dessen Spuren er im Winter nach Venedig reist, oder in seinem Lieblingsgemälde: „Eislandschaft mit Schlittschuhläufern“ von Jan van Goyen – ein Elysium für den Dichter. Aber auch die Tagebucheinträge des kurz vor dem Tod stehenden Antarktisforschers Lawrence Oates verknüpft Burnside mit seinen Gedanken und Gefühlen. Und so wird dem Leser in gekonnter Prosa eine neue Welt mit poetischen und philosophischen Teilstücken offenbart, wie er sie vorher noch nicht gesehen hat.

Burnside arbeitet assoziativ und sehr eigen, er entwickelt Gedankenkonstrukte, lässt manche zusammenbrechen, sucht geteilte Räume des Moments, die sich auftun, Durchlässe und Schlupflöcher in der Realität (un ange passe) und das Besondere an dem Alltäglichen abseits des Trubels, des ungezügelten Konsums und dem Lärm. Schöne, stille, allgegenwärtige und friedvoll erlebte Momente vor dem Tod, vor dem Frieden im weißen Raum, den der Autor zu greifen versucht.

Aber auch um das Vergangene, das Sterbliche, das Altern und die Suche nach der Zeit, das Konservieren von Erinnerungen und das Kreisen der Gedanken um das, was wir nie besessen haben, beschäftigen den Dichter.

„ Was wir nur flüchtig sehen, haftet in der Erinnerung; nicht als etwas, das wir verloren, sondern als etwas, das wir nie ganz besessen haben, wodurch es einen größeren Zauber entwickelt als alles, was zu behalten uns gestattet ist.“

Ein sehr anspruchsvolles, aber trotzdem verständliches und präzise übersetztes Werk. Der recht kitschige, rosarote Buchumschlag mit der harmonischen Schrift und Klappentext täuscht ein bisschen um den wahren tiefgreifenden Inhalt des Buches, in dem John Burnside nicht nur um die Schönheit des Moments, sondern auch um die Kunst des Sterbens und den eigenen Tod kreist. Sehr besonders und beeindruckend!

„ Ich will das Hier und Jetzt, ich will die flüchtige Vergänglichkeit von Himmel und Jahreszeit, die subtile Schönheit des Unscheinbaren.“

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Tatendrang für mehr Gemeinschaft

Bergsalz
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Sehr poetisch beginnt Karin Kalisas neuer Roman, detailliert und bildhaft beschreibt sie das Föhnwetter in einem Allgäuer Dorf mit Blick auf die Berge. Dort wohnen mehrere verwitwete Frauen, die Kinder ...

Sehr poetisch beginnt Karin Kalisas neuer Roman, detailliert und bildhaft beschreibt sie das Föhnwetter in einem Allgäuer Dorf mit Blick auf die Berge. Dort wohnen mehrere verwitwete Frauen, die Kinder schon aus dem Haus, und leben jede für sich einsam und alleine vor sich hin. Kochen und decken den Tisch für sich alleine. Aber muss das so sein? Für Franzi nicht – als eine Nachbarin klingelt, um sich Mehl zu borgen (die Vorräte sind eigentlich immer bei allen Damen prall gefüllt), essen sie kurzerhand zusammen zu Mittag. Stück für Stück wird ein Mittagstisch mit mehreren Frauen gegründet, Standortgeheimnisse für Kräuter preisgegeben, über die nächsten Rezepte ausgetauscht. Und da merkt die Runde: Gemeinschaft tut der Seele sehr gut! Sie packen ein Graswurzelprojekt an, gründen im "Rössle" – eine etwas heruntergekommene Gastwirtschaft, in deren oberen Zimmer Flüchtlinge untergebracht sind – eine Offene Küche. Von nun an, kann hier jeder kommen zum Essen sowie Reden und die Damen kochen zusammen mit Flüchtlingsfrauen wie Esma. Und weil der Anfang gemacht ist, wird der Dorfkern noch weiterbelebt: mit Repair-Café, Hofladen, Lastenfahrrad-Verleih und einem Mehrgenerationentreff. Es entsteht eine aktive Gemeinschaft, in der sich mehrere Generationen treffen, so auch die junge Sabina, frisch aus einem Kriegsgebiet traumatisiert zurückgekehrt – hier findet sie wieder eine Heimat, zieht in das alte Einödle, das eine historische Vergangenheit besitzt. An der Wand ist ein Bundschuh gemalt – ein Zeichen für die früheren Bauernaufstände gegen Obrigkeiten. Einige dieser historischen Ereignisse schiebt die Autorin zwischen die Kapitel – ein Zusammenhang ergibt sich erst am Ende.

Insgesamt hat der Roman einige erzählerische Schwächen, was an den vielen Erzählsträngen und verschiedenen Biografien liegt und an der eher mystisch-wirren Nahtod-Erfahrung von Franzi am Ende. Trotzdem ist er sehr feinfühlig geschrieben, voller zarter und origineller bildhafter Charaktere und Formulierungen, in denen auch die Landschaft und das Essen nicht zu kurz kommen. Und „Bergsalz“ stiftet Hoffnung und Mut, sich selbst mal in der Umgebung umzuschauen – was kann verändert werden? Was führt zu mehr Zusammenhalt und Gemeinschaft, raus aus Isolierung und Einsamkeit? Dieser Tatendrang voller aktiver Ideen steckt an und ich habe mich oft in die Offene Küche geträumt. Die kleinen Schätze mitten in unserer Gesellschaft müssen nur entdeckt und angepackt werden. Und darauf macht Karin Kalisa herzerwärmend mit „Bergsalz“ Lust.

„Die Sache war ja insgesamt inzwischen so verrückt, dass es verrückt gewesen wäre, nicht weiterzumachen.“ S. 61

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Roadtrip der Befreiung

Das perfekte Grau
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In einem morbiden Seebad-Hotel an der Ostsee treffen vier junge, gestrandete Seelen aufeinander und werden dort als günstige Mitarbeiter ausgenutzt. Rofu, Mimi, Novelle und Ich-Erzähler Dante sind alle ...

In einem morbiden Seebad-Hotel an der Ostsee treffen vier junge, gestrandete Seelen aufeinander und werden dort als günstige Mitarbeiter ausgenutzt. Rofu, Mimi, Novelle und Ich-Erzähler Dante sind alle auf ihrer Art sehr verschieden und – auf der Flucht. Vor sich selbst und der Vergangenheit wie Dante, vor einem kriminellen Geschehen aus Notwehr wie Mimi, vor fürchterlichem Missbrauch wie Novelle oder wie Rofu, der Schmerzvolles und Wahres von seiner Flucht aus Afrika über das Mittelmeer zu schildern hat. Nach langsamen und misstrauischem Beäugen folgt zartes Vertrauen und als Mimi den Ausschlag gibt, machen sich alle auf zu einem Roadtrip voller Begegnungen (mit sich selbst und anderen) und Suche nach innerer Ruhe an einem friedvolleren Ort.

Sie kapern ein Boot, erleben warme Momente des Beisammenseins, aber auch schmerzvolle Erinnerungen und Kritik werden ausgetauscht – sie lernen und begreifen gemeinsam und miteinander. Als sie das Boot verlassen müssen, geht die Reise trotzdem weiter, zu Fuß, per Rad und Zug. Bis sie ihr Ziel erreichen – ein Ort, der ausschlaggebend für Novelles Trauma ist, aber auch Potenzial für eine neues Zuhause birgt. Heimat haben die Vier bereits in ihrer Gemeinschaft gefunden.

Salih Jamal hat einen zutiefst menschlichen und berührenden Roman über die Freundschaft, aber auch über den Schmerz von Vergangenem geschrieben – in schöner, moderner Prosa, die klug eingesetzt auch vor aktueller Gesellschaftskritik keinen Halt macht. Aus Dantes Erzähl- und Innenperspektive kommt der Leser sehr nah an die Charaktere und ihre bewegenden Geschichten ran. Jamal umkreist sie dabei nicht plakativ, sondern zart, subtil und mit unheimlich poetisch schönen Sprachbildern. Kapitel um Kapitel finden sich Sätze zum Nachdenken, Rausschreiben und philosophischen Sinnieren, ohne dass es stereotyp wird. Die feinfühlige Melancholie wird mit humorvollem Wortwitz und skurriler Situationskomik á la Tschick kombiniert – hier geht es auch mal derb-gewaltvoll und kriminell zu.

Und am Ende der Reise und der Weiterentwicklung der authentisch gezeichneten Protagonisten ist man traurig, dass man sich von Rofu, Mimi, Novelle und Dante verabschieden muss. Vorerst – ich hoffe auf eine Fortsetzung.

„Denn zwischen dem reinsten Weiß und unserem vollkommensten Schwarz liegen Millionen Stufen von Grau.(...) Vielleicht sind es gar nicht die Farben, die uns füreinander besonders machen, sondern die Schatten, die wir einander deuten.“ S. 78

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