Im Einklang mit dem Tuck-Tuck
Was dir bleibtGladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die ...
Gladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die 76-jährige ihre schwer depressive und suizidgefährdete Tochter, um die sie sich aufopferungsvoll gekümmtert hat, alleine zurückgelassen? Ein Drang nach Freiheit oder steckt mehr dahinter? Gladys hat ihre gesamte Kindheit in einem fahrenden Schulzug, dem school train verbracht, der ‚Wildlingen’, Kindern in abgeschiedenen Waldgebieten, eine neue Tür zur Welt eröffnet hat. Möchte sie diesen Spuren folgen?
Ein Lehrer und zugleich Zugfan, der eigentlich an aussterbenden Zugverbindungen recherchiert, ist fasziniert von dieser Reise der Frau – er beschließt, darüber zu schreiben und Menschen zu treffen, die Gladys begegnet sind.
So entsteht eine Zusammenfügung eines Puzzles und unterschiedliche Abschweifungen in die Biografien von Menschen um die Gleisen herum – als würde der Leser selbst im Zug sitzen, darf er aus dem Fenster in unterschiedliche Leben und Lebensträume blicken und erfährt immer weitere Details über Gladys – ihre Begeisterung für das Treibenlassen im Zug im Einklang des Tuck-Tucks, dem sanften Klang der Schienenübergänge. Bildhaft, melancholisch aber auch gewitzt führt Jocelyne Saucier ihre Sprachkunst hier aus, es finden sich viele Parallelen zu „Ein Leben mehr“, aber ohne einen bestimmten roten Faden. Wie eine Flaschenpost lässt sich Gladys durch die Landschaft in Wellenbewegungen durch kanadische Dörfer, Menschen und Landschaften treiben, aber sie hat eine Aufgabe, die sich erst im letzten Teil des Buches offenbart: Sie möchte Menschen treffen, die sie auf ihrer letzten Reise des Sterbens begleiten und sie möchte jemanden Zuverlässigen finden, der sich um ihre Tochter Lisana kümmert, wenn sie nicht mehr da ist. Und wie in einem Märchen, wird sie diese Menschen finden und der Lebensstrang wird sich auch mit dem Ich-Erzähler verbinden.
Der Leser muss bereit sein, sich treiben zu lassen in diesem Buch – neben den atemberaubenden Schilderungen der school trains und über die ‚Wildlinge’ (hier wird Sauciers schriftstellerisches Können sichtbar), gibt es etwas Verlorenes und weniger einen roten Faden wie bei den zwei vorhergehenden Werken der Autorin. Saucier nimmt uns mit ins Vergängliche, Verschwundene und zeigt auf, wie verschieden Menschen mit dem Thema Tod umgehen. Verschwindende Zugstrecken, Biografien, Dörfer und Menschen – am Ende Gladys selbst, aber sie hatte die Zügel des Schicksals in der Hand, hat auf die Begegnungen im Zug vertraut und am Ende am Sterbebett all ihre Lieblinge vereint.
Durch die schriftstellerische Perspektive eines dritten Erzählers bleibt der Leser leider manchen Charakteren und Emotionen fern – er darf Einblicke erhaschen, kommt ihnen aber nicht richtig nahe. Trotzdem hallt der Roman noch immer bei mir nach – nicht das beste Werk von Saucier, aber eins, das wirken darf wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit, die der Ich-Erzähler weiterreicht. Der Leser blickt gespannt auf vergangene Zeiten und Menschen, die sich etwas bedeutet haben und was davon bleibt. Und der Zug in einem sehr weitläufigen Land als verbindende Ader.