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Veröffentlicht am 01.06.2021

Provokant und herausfordernd, aber wichtig

Drei Kameradinnen
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„Die weltoffene Metropole aber ist jetzt der Ort, an dem du deine Sprache leise sprichst, dein Dragoutfit erst im Taxi anziehst, deine Kippa zu Hause lässt.“

Kasih, Hani und Saya sind schon seit der Schulzeit ...

„Die weltoffene Metropole aber ist jetzt der Ort, an dem du deine Sprache leise sprichst, dein Dragoutfit erst im Taxi anziehst, deine Kippa zu Hause lässt.“

Kasih, Hani und Saya sind schon seit der Schulzeit Freundinnen. Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht, im Alltag immer wieder diskriminierende Situationen erlebt, mussten oft doppelt so hart arbeiten wie andere, um ihre Ziele zu erreichen. Die drei Frauen sind zu einer Hochzeit eingeladen, treffen sich nach langer Zeit wieder, denken gemeinsam an vergangene Zeiten. Am Abend der Hochzeit kommt es zu einer schlimmer Brandkatastrophe. Und Saya, die so engagiert gegen Rassismus kämpft, scheint am Feuer nicht ganz unschuldig. Was geschah wirklich?

Autorin Shida Bazar schreibt alles andere als gefällig und einnehmend aus der Sicht von Kasih in Ich-Form. Es ist nicht immer leicht, ihren Gedanken zu folgen, geht sie doch nicht streng chronologisch vor, sondern bringt ihre Gedanken mitunter ungefiltert und ungeordnet zu Papier. Sie erzählt zudem von Ereignissen, die nicht wirklich stattgefunden haben, aber stattfinden hätten können. Da ist es eine ziemlich Herausforderung, den Überblick zu behalten. Für die Leser wird es oft unangenehm. Immer wieder ist von „wir“ und „ihr“ die Rede. „Wir“ das sind Kasih und ihre Freundinnen, „ihr“ die Leser, die trotz nach außen getragener Toleranz und Gutmenschlichkeit, tief drinnen vorurteilsbehaftet und rassistisch sind, meint zumindest Kasih.

„Die drei Kameradinnen“, die wie im Krieg die Kameraden gemeinsame Kämpfe im Alltag ausfechten müssen, sind recht unterschiedliche Charaktere. Hani ist anpassungsfähig, arbeitet extrem hart und viel, lässt sich in ihrem Job als „Mädchen für alles“ ausnutzen, ohne sich zu beschweren. Pädagogin Saya hingegen ist permanent wütend. Sie hat sich vorgenommen, gegen jede Art von Rassismus, sei er offen oder versteckt, zu kämpfen:
„So wird die Welt nicht besser. Ich will aber nicht tun, als wäre die Welt in Ordnung, das ist doch das, was die weiße Dominanzgesellschaft von uns will. Sie will, dass wir so müde werden, dass wir aufhören, darüber zu reden, und dass wir nicht weiterkämpfen. Wir haben allen Grund zu kämpfen! Wir müssen dafür kämpfen, nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.“
Saya ist besessen davon, Nazis zu jagen, liest im Internet Chatprotokolle, geht dabei aber so rigoros vor, dass sie mitunter übers Ziel hinausschießt und jeden weißen Mann als Feindbild betrachtet. Kasih, die dritte im Bunde, hat einen Einserabschluss in Soziologie und findet dennoch keinen Job. Sie zeigt sich in ihren Schilderung nicht als die ruhige, zurückhaltende, angepasste Person, die sie möglicherweise im „echten“ Leben sein mag. Als Erzählerin wirkt wie „auf Krawall gebürstet“, scheut nicht davor, ihre Leser verbal zu attackieren und zu beschuldigen.
Wenn sie hingegen von sich und ihren persönlichen Erlebnissen schreibt, wirkt sie ganz anderes als die Person, die durch die Handlung führt und ihre Leser angreift. Wer Kasih wirklich ist, bleibt unklar und undurchsichtig.
Die drei Freundinnen kennen sich sehr gut, wissen, was die jeweils anderen ausmacht und umtreibt. Sie sind wie ein „Schutzraum“ für einander, in dem sie sein dürfen, wie sie sind. Aber so intensiv die Verbindung ist, sie hat auch negative Aspekte: „Was bringen uns unsere Schutzräume, wenn wir uns in ihnen eher unseren hässlicheren Seiten hingeben?“

Herausfordernd, provokant, krawallig, aber auch irgendwie beeindruckend. So war mein erster Eindruck, als ich anfing, den Roman zu lesen. Es ist durchaus ein Statement, seine Leser zu attackieren, ihnen ständig unter die Nase zu reiben, dass sie eben nicht alles verstehen können, weil sie keine Ahnung habe, wie Migranten in Deutschland leben. Weil sie nicht wissen, dass Migranten ständig mit Rassismus konfrontiert sind, der oft nicht offensichtlich, aber selbstverständlich ist. Anfangs fühlte ich mich von Kasih angesprochen, musste zugeben, dass auch ich -wie jeder andere Mensch - Vorurteile habe. Doch je härter und anklagender der Ton wurde, desto mehr habe ich mich von ihrem „Ihr“ distanziert, wollte mir den Schuh nicht mehr anziehen. Gibt es denn überhaupt ein „Ihr“ und „Wir“? Kasih schreibt selbst: „Wir sind nicht so anders. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt.“ Grenzen verschwimmen. Und natürlich ist Kasihs Sicht selbst auch eine subjektive und Kasih zeigt anschaulich mit ihrem häufigen „Ihr“ und „Wir“, dass sie ebenfalls ausgeprägte Vorurteile hat.

Dieses lauten Buch endet mit einem noch lauteren Paukenschlag, aber für mich nicht unbedingt mit einem stimmigen. Die Intention der Autorin kann ich durchaus verstehen, aber dennoch empfand ich das Ende nicht als „rund“ und überzeugend.
Das Buch ist in vielerlei Hinsicht ein Experiment. Shida Bayzar hat viel zu sagen, nutzt dabei unkonventionelle, ungewöhnliche Mittel, verliert sich allerdings manchmal in Nebensächlichkeiten, schweift dann ab und schaffte es nicht immer, mich bei der Stange zu halten. Sie möchte berechtigterweise für wichtige Themen sensibilisieren, tut dies aber auf etwas zu provokante, laute, plumpe und aggressive Weise. „Drei Kameradinnen“ ist ein etwas anderes Buch, das zweifellos Eindruck auf mich gemacht hat, wenn auch nicht durchgehend im positiven Sinn. Ein Buch, das mich gleichermaßen zwiegespalten, rat- und sprachlos, betroffen, ein wenig verärgert und sehr nachdenklich zurücklässt.

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Veröffentlicht am 29.05.2021

Harry Potter trifft auf Animox: Hochspannung zum Schluss, aber wenig einnehmende Hauptfiguren

Falcon Peak – Wächter der Lüfte (Falcon Peak 1)
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Eine ungeheure Energie schoss durch Kendricks Adern und versetzte jede Zelle seines Körpers in Schwingung. Kendrick fühl­te sich, als würde er auseinandergenommen und neu zusammen­ gesetzt. Allerdings ...

Eine ungeheure Energie schoss durch Kendricks Adern und versetzte jede Zelle seines Körpers in Schwingung. Kendrick fühl­te sich, als würde er auseinandergenommen und neu zusammen­ gesetzt. Allerdings verspürte er keine Schmerzen. Im Gegenteil, er hatte nie etwas Angenehmeres erlebt. Es fühlte sich richtig an.“

Der dreizehnjährige Kendrick geht seit diesem Schuljahr an die Mount Avelston School. Sein Vater ist dort der neue Headmaster, der Schulleiter. Das macht es für Kendrick, der adlige Vorfahren hat, natürlich auf der Schule nicht gerade leicht. Sein Mitschüler Clarence Dippdale und dessen Freunde provozieren ihn permanent. Die Mount Avelstone School ist eine ganz besondere Schule: Die Internatsschüler, die im weißen Flügel der Schule wohnen, pflegen eine jahrelange Feindschaft zu den Bewohnern des schwarzen Flügels. Als Kendrick seinen Mitschülerinnen heimlich auf den nahe gelegenen Falcon Peak folgt, macht er eine erstaunliche Beobachtung. Die Mädchen können sich in verschiedene Vögel verwandeln. Und damit nicht genug: Kendrick erfährt, dass auch seine Mutter zu den „Aves“ zählte und die Gestalt eines Falken annehmen konnte. Kendricks Lehrerin ist fest davon überzeugt, dass auch Kendrick ein Vogelwandler ist. Es stellt sich heraus, dass sie Recht behalten soll....

Autor Heiko Wolz schreibt gut verständlich, aber auch mitunter ein wenig „ausladend“, was recht gut zur magischen, mystischen Thematik passt. Ich würde das Lesealter bei zehn Jahren ansetzen. Die vielen englischen Ausdrücke erschweren jüngeren Kindern möglicherweise das flüssige Lesen.

Die Charaktere in „Falcon Peak“ haben sehr viel Potential. Menschen, die zu Vögeln werden können, das ist unheimlich faszinierend. Schon allein dieser Umstand macht die Figuren reizvoll. Leider wurde dieser Vorteil nach Meinung meiner Kinder und mir nicht genutzt. Ja, Kendrick und seine Mitschülerinnen haben es nicht leicht, sie befinden sich in der Pubertät, haben mit sich, dem Erwachsenenwerden und den Herausforderungen des Lebens als Aves zu kämpfen. Kendrick hat früh seine Mutter verloren, er hat Schwierigkeiten, sich anzupassen, fühlt sich in seiner Haut nicht wohl, wirkt heimatlos. Dass er sich im Umgang mit anderen nicht unkompliziert und gefällig gibt, ist verständlich. Leider war er uns auch sonst nicht recht angenehm, er blieb uns weitestgehend fremd. Ebenso erlebten wir seine Mitschülerinnen, ob es die überaus ehrgeizige Ivy ist, die besessen von der Vorstellung ist, etwas Besonderes zu sein oder die provokante Sienna, die nicht immer fair spielt. Uns war keine der Hauptfiguren richtig sympathisch und daher konnten wir uns nicht so in die Geschichte hineinversetzen, wie wir uns das gewünscht hätten. Die zahlreichen durchaus netten Nebenfiguren wie Bahar, Scarlett, Kelly, Amber oder Chloe waren für uns zudem schwer voneinander zu unterscheiden.

Das Setting der Reihe ist durchaus interessant. Ein Internat auf einer Burg, verfeindete Schüler aus verschiedenen Wohntrakten, das erinnert stark an Harry Potter. Menschen, die sich in Tiere verwandeln gibt es ebenso auch in anderen Reihen, z.B. in Animox. Der Traum vom Fliegen ist ein ganz besonderer, den jeder wohl schon einmal hatte. Für Kendrick wird er Wirklichkeit. Die Grundidee des Buchs ist gut, aber nicht neu, die Handlung ebensowenig. Gerade zum Schluss beim aufregenden Finale von „Wächter der Lüfte“ kommt zwar extreme Spannung auf, aber durchgehend fesseln und überzeugen konnte uns die Geschichte leider nicht. Uns fehlte das Mitfiebern mit den Hauptfiguren, die sich selbst und ihren eigenen Erfolg oft zu wichtig nehmen und dabei das Zusammenwirken mit anderen zu vergessen scheinen. Zu einem richtigen Abenteuer gehören für uns „richtige“ Helden. Bleibt zu hoffen, dass sich die Charaktere in den Fortsetzungen noch zu solchen entwickeln.

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Veröffentlicht am 03.03.2021

Überdrehte Geschichte, schräge Charaktere und mittelkomische Gags

Wie man seine Eltern erzieht (Eltern 1)
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Luis muss mit seiner Familie umziehen. Seine neue Schule ist leider nicht so der Brüller: viele Streber, wenig Spaß. Dabei will Luis doch eigentlich Komiker werden. Doch plötzlich möchten seine Eltern ...

Luis muss mit seiner Familie umziehen. Seine neue Schule ist leider nicht so der Brüller: viele Streber, wenig Spaß. Dabei will Luis doch eigentlich Komiker werden. Doch plötzlich möchten seine Eltern nur noch gute Schulnoten sehen und verhindern Luis künstlerische Weiterentwicklung. Die Teilnahme am Talentwettbewerb, bei dem sich Luis gute Chancen ausrechnet, verbieten sie ihm sogar. Beim Theaterkurs lernt Luis Maddy kennen, die ihm helfen will, dennoch am Wettbewerb teilnehmen zu können. Außerdem gibt Maddy Luis vielversprechende und konkrete Tipps, wie man seine Eltern richtig erzieht, damit sie einem nicht mehr so auf die Nerven fallen. Luis startet den Versuch. Ob es ihm tatsächlich gelingt, das Verhalten seiner Eltern zu steuern?

Pete Johnson schreibt aus der Sicht des zwölfjährigen Luis. Die Geschichte wird in Form von Tagebucheinträgen in der ersten Person erzählt. Die Sprache, die Formulierungen wirken recht authentisch. Luis schreibt frech, flapsig und mit Humor, gibt immer wieder Kostproben aus seinem imaginären Bühnenprogramm. Wie das so mit Witzen ist, sind manche davon für mich lustig und manche nicht, Humor ist eben Geschmacksache. Das Buch enthält ein paar wenige kleinere Illustrationen zur Auflockerung. Ich halte die Geschichte für Leser ab zehn Jahren geeignet, Jungen und Mädchen werden dabei gleichermaßen angesprochen. Leser der Zielgruppe haben für manche Gags vermutlich mehr Sinn als ihre alten Eltern.

Luis steht kurz vor der Pubertät und verhält sich so, wie sich Jungen seines Alters schon mal verhalten. Er nimmt die Schule, Erwachsene und manche Regeln weniger ernst, hat genaue Vorstellungen, die nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen und verliert nie den Humor.
Den kompletten Gegensatz zu Luis stellt sein Mitschüler der Streber Theo dar, der dem Druck seiner Eltern ausgesetzt ist und für den gute Noten alles sind.
Luis Eltern sind für Eltern nicht untypisch. Sie legen Wert auf das, was andere von ihnen denken, versuchen sich hin und wieder in Konsequenz, halten das aber auch nur hin und wieder durch. Die Figuren werden recht überspitzt dargestellt. Das ist manchmal recht komisch, manchmal zum Kopfschütteln.

Ob Luis letztendlich seine Eltern erzieht? Und kommt er seinem Traum vom Leben als Komiker näher?
„Wie man seine Eltern erzieht“ basiert auf einer originellen Grundidee, war überwiegend recht kurzweilig zu lesen. Das Buch brachte mich zum Schmunzeln, hatte aber gerade anfangs auch seine Längen, da fehlte mir mitunter der rote Faden. Bei all der schrägen Überdrehtheit schwingen auch ernste Gedanken in der Geschichte mit. Theos Problematik ist sicherlich übertrieben dargestellt, aber alles andere als frei erfunden. Leistungsdruck stellt für einige Kinder durchaus ein großes Problem dar. Und so witzig die Vorstellung, seine Eltern zu erziehen, ist, ist Erziehung doch immer eine Gratwanderung für Kinder und für Eltern genauso.

Vom Hocker hat mich das Buch nicht gerissen, aber für die schnelle Unterhaltung und Ablenkung taugt es durchaus. Kinder haben ohnehin oft einen anderen Humor als Erwachsene und Kinder sind ja die eigentliche Zielgruppe. Ich kann mir vorstellen, sie werden bei Luis Tagebuch auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 27.02.2021

Spannender Thriller mit vielversprechender Grundidee, aber nicht ganz überzeugender Auflösung

Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst.
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„Ich weiß nicht, ich...ich sitze im Wohnzimmer, schaue mich um und sehe nur Dinge, die ich kenne. Alles hier gehört mir oder Linda, mit den meisten Gegenständen verbinde ich eine Erinnerung oder eine Geschichte, ...

„Ich weiß nicht, ich...ich sitze im Wohnzimmer, schaue mich um und sehe nur Dinge, die ich kenne. Alles hier gehört mir oder Linda, mit den meisten Gegenständen verbinde ich eine Erinnerung oder eine Geschichte, Und doch fühle ich mich, als säße ich in einem fremden Haus. Kannst du das verstehen?“

Hendrik und Linda sind glücklich. Sie wohnen zusammen in einem modernen Haus in Hamburg-Winterhude und wollen bald heiraten. Doch als eines Nachts Chirurg Hendrik zu einem Notfall gerufen wird, verschwindet Linda spurlos. Hendrik verständigt die Polizei, doch die zeigt zunächst wenig Interesse an dem Fall und vermutet, Linda hätte Hendrik verlassen. Daraufhin postet Hendrik auf eigene Faust einen Suchaufruf im Internet, den Alexandra Tries liest und sich mit Hendrik in Verbindung setzt. Die junge Frau hat bei der Kriminalpolizei ein Praktikum absolviert und ist dabei auf ähnliche Vermissten-Fälle gestoßen. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass das Smart-Home-System Adam, das auch in Hendriks Haus installiert ist, mit Lindas Verschwinden zu tun hat. Hat sie recht? Wurde Linda tatsächlich überwacht und entführt?

Arno Strobel schreibt klar, flüssig und in recht einfacher Sprache. Er schildert hauptsächlich Hendriks Situation, seine Suche nach Linda. Immer wieder werden zur Abwechslung und zur Steigerung der Spannung aber auch Abschnitte eingeschoben, in denen erzählt wird, wie der Täter mit seinen Opfern verfährt, die Identität der Personen bleibt dabei aber verborgen.

Strobels Figuren werden nicht sehr ausführlich und vielschichtig dargestellt, aber das ist auch nicht notwendig. Die Personenkonstellation zeichnet sich schon wie in Strobels Thriller „Offline“ dadurch aus, dass die Leser sich immer wieder fragen, wem eigentlich zu trauen ist. Alle Figuren wirken ein wenig zwielichtig und dubios. Macht sich Hendrik vielleicht selbst etwas vor? Woher hat Alexandra ihre vielen Informationen und warum hilft sie Hendrik so uneigennützig? Wieso arbeiten die Kriminalkommissare und Kollegen Sprang und Kantstein nicht zusammen, sondern agieren teilweise hinter dem Rücken des jeweils anderen? Wer gehört hier eigentlich noch zu den Guten? Diese permanenten Zweifel an ihren wahren Absichten machen die Charaktere interessant und reizvoll.

Die Vorstellung, in einem komplett überwachten Haus zu wohnen, in dem Fremde in die Privatsphäre eindringen, ist wirklich mehr als beängstigend. Selbst das bloße darüber Lesen war für mich schon unheimlich, aber auch unheimlich spannend. Die diffuse, unterschwellige Bedrohung, der Hendrik ausgesetzt ist, konnte ich fast selbst spüren. Da war ich doch sehr froh, keine Smart-Home-App installiert zu haben und das Licht eigenhändig mit Hilfe eines klassischen, stinknormalen Schalters an- und ausknipsen zu können.
Wer steckt denn nun hinter den üblen Machenschaften? Und wo ist Linda? Über weite Strecken hat mich der Thriller wirklich gepackt und mitgerissen, die Seiten flogen nur so dahin.
Leider geht Strobel beim Erzählen seiner Geschichte am Ende die Puste aus, für mich kommt es kurz vor Schluss zu einem Bruch. Der rasante Plot verwandelt sich auf den wenigen letzten Seiten in einen lauwarmen Aufguss von bereits bekannten Motiven. Die Auflösung des Falls mit einer durchaus vielversprechenden Grundidee hat mich nicht überzeugt, vielmehr sogar etwas enttäuscht. Ich kann die Gedankengänge des Autors, seine Absichten durchaus nachvollziehen, hätte mir aber eine raffiniertere, durchdachtere Entwirrung der Handlungsstränge gewünscht. Leise Töne und Feinfühligkeit wären bei diesem eher krawalligen Roman, der bewusst auf Effekt setzt, sicher fehl am Platz, aber am Ende vermisste ich doch ein klein wenig Fingerspitzengefühl.
Insgesamt trotzdem ein kurzweiliger, unterhaltsamer Thriller zum schnellen Weglesen, der auf der Zielgeraden schwächelt.

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Veröffentlicht am 18.02.2021

Charmante Liebesgeschichte, die auf ziemlich verwirrende Weise erzählt wird

Dein erster Blick für immer
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Jeden Tag beobachtet Maya im Zug den Mann, den sie, seit sie ihn das erste Mal gesehen hat, nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Zu gerne würde sie ihren Bahn-Mann näher kennenlernen und einmal mit ihm ausgehen. ...

Jeden Tag beobachtet Maya im Zug den Mann, den sie, seit sie ihn das erste Mal gesehen hat, nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Zu gerne würde sie ihren Bahn-Mann näher kennenlernen und einmal mit ihm ausgehen. Die junge Frau ist zwar ausgesprochen romantisch, träumt von der einzig großen wahren Liebe, aber leider ist sie auch ausgesprochen schüchtern. Eines Tages fasst sie endlich Mut und steckt ihm einen Zettel mit ihrer Mailadresse zu. Ob er sich melden wird?

Autorin Zoë Folbigg erzählt im Präsens in der dritten Person Singular wie ein allwissende Erzähler von Maya und für sie prägenden Momenten. Dabei geht sie nicht chronologisch vor, sondern schildert scheinbar unzusammenhängend verschiedene wichtige Episoden, Entwicklungen aus dem Leben der Protagonistin. Die ständigen Zeitsprünge machen es gerade anfangs schwer, die Geschichte nachzuvollziehen. Mitunter verlor ich dabei leider die Übersicht. Ab dem Mittelteil fiel mir die Orientierung in der Handlung etwas leichter und ich konnte die einzelnen Textabschnitte besser einordnen.

Maya ist eine liebenswerte, sehr sympathische Hauptfigur: schüchtern, hoffnungslos romantisch und sehr warmherzig. Zu ihrem vollkommenen Glück fehlt Maya die große Liebe.
Sie interessiert sich sehr für ihre Mitmenschen und kümmert sich um andere.
Velma, Mayas Freundin, fasst zusammen: „Du bist wunderbar genug, wenn du einfach Du selbst bist, Maya! Wenn du lächelst und Hallo sagst.“ So ganz glauben kann Maya das aber nicht.
Der Bahn-Mann James bleibt über weite Strecken recht blass und passiv. In seiner Beziehung spielt er anscheinend keine Rolle, nimmt die schwer erträglichen Launen seiner Freundin einfach hin. Zwar hegt er durchaus Leidenschaften z.B. fürs Fotografieren, aber beim Lesen spürbar war das für mich nicht. Maya und James sind beide beruflich noch nicht angekommen, fühlen sich in ihren Jobs nicht wohl und sind noch auf der Suche, nach einer Tätigkeit, die sie erfüllt und ihren Neigungen besser entspricht als die aktuelle.
Obwohl Maya ganz fest glaubt, der Bahn-Mann sei der Eine für sie, beurteilte ich als Leserin das etwas anders.

Gibt es nur den Einen? Kann man sich in jemanden verlieben, den man nicht kennt?
Während Maya Antworten auf diese Fragen sucht, irrt sie über weite Strecken ziemlich herum, nimmt ihre Leser mit, die sich gerade anfangs in Mayas Leben nicht klar orientieren und zurecht finden. Dem Roman liegt eine sehr schöne Grundidee zugrunde, doch leider fehlt der rote Faden. Auf mich wirkte das Ganze wie ein Experiment, einmal eine etwas andere, ungewöhnliche Erzählweise auszuprobieren. Ein charmantes Experiment zwar mit einigen durchaus netten, lesenswerten Episoden, aber ganz überzeugt hat mich das Versuchsergebnis nicht.

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