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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2021

Fesselnd, verstörend, großartig

Girl A
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Alexa Gracie ist das Mädchen, dem die Flucht gelingt: Mit fünfzehn Jahren bricht sie aus dem Elternhaus aus, in dem sie und ihre sechs Geschwister jahrelang unter abscheulichsten Bedingungen von ihren ...

Alexa Gracie ist das Mädchen, dem die Flucht gelingt: Mit fünfzehn Jahren bricht sie aus dem Elternhaus aus, in dem sie und ihre sechs Geschwister jahrelang unter abscheulichsten Bedingungen von ihren Eltern gefangen gehalten und misshandelt worden sind. Jetzt, nach beinahe zwei Jahrzehnten, kommt sie zurück nach London, weil ihre Mutter gestorben ist und sie sich um das Erbe kümmern soll.
Der Autorin schafft es, unglaublich realistisch aus der Perspektive des ehemaligen Opfers auf dieses Verbrechen zu schauen. Es geht nicht darum, zu analysieren, wie und warum sich etwas so Unbegreifliches, Entsetzliches entwickeln kann, auch wenn immer wieder scheinbare Erklärungen wie z.B. religiöser Fanatismus durchscheinen. Vielmehr liegt das Gewicht auf dem, was geschah und was es mit den Überlebenden gemacht hat.
Alexas Leben wirkt auf den ersten Blick beinahe beneidenswert. Dank ihrer Intelligenz und Zielstrebigkeit, mit Unterstützung einer engagierten Psychologin und verständnisvoller Adoptiveltern gelingen ihr ein guter Schulabschluss und das anschließende Jurastudium. Als Anwältin arbeitet sie in einer Kanzlei in New York und ist dabei recht erfolgreich.
Wie sehr sie ihr Schicksal jedoch noch immer unter der Haut trägt, wird in jedem Gedanken, in jedem Satz, in jeder Handlung deutlich.
Diesen permanenten Ausnahmezustand zu vermitteln, ist großartig gelungen. Ganz dicht sind wir an der Protagonistin, die das aktuelle Geschehen ständig mit ihren Erinnerungen verwebt. Sie hangelt sich assoziativ und sprunghaft an einem lockeren chronologischen Faden entlang. Das ist äußerst spannend zu lesen, insbesondere auch wegen des hervorragenden Schreibstils mit vielen treffenden und aussagestarken Metaphern (Andere (Fälle) sind offen wie eine Tür im Winter und er kann ihre Zugluft spüren. S. 100).
Das ganze Ausmaß der Verstörung wird erst gegen Ende fassbar und hinterlässt Emotionen wieTrauer, Wut und grenzenloses Mitleid.
Ein Buch, das an der Substanz nagt und doch gelesen gehört.

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Veröffentlicht am 14.03.2021

Eine berührende Geschichte von Liebe und Unrecht

Stay away from Gretchen
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Greta, die Mutter des bekannten Kölner Fernsehmoderators Tom Monderath kann ihre fortschreitende Demenz nicht länger verbergen. Ihr Sohn ist nun gefordert, sich zu kümmern, und gerät dabei auf eine aufwühlende ...

Greta, die Mutter des bekannten Kölner Fernsehmoderators Tom Monderath kann ihre fortschreitende Demenz nicht länger verbergen. Ihr Sohn ist nun gefordert, sich zu kümmern, und gerät dabei auf eine aufwühlende Spurensuche.
Autorin Susanne Abel verknüpft gleich eine ganze Reihe völlig unterschiedlicher Themen zu einem rasanten, fesselnden Roman. Schon der Einstieg lässt den Berufsalltag in der Medienwelt mit einem vernachlässigten Mutter-Sohn-Verhältnis und der Herausforderung durch eine Alzheimererkrankung kollidieren. Noch ist nicht zu ahnen, dass all dies eigentlich erst den Rahmen bildet für eine Geschichte, die tief berührend und erschütternd in eine völlig unerwartete Richtung abbiegt.
Dazu braucht es neben der aktuellen Zeitebene eine zweite, die in Intervallen in die Kriegs- und Nachkriegsjahre führt. Hier können wir Greta vom Kind zur jungen Frau heran wachsen sehen. Im historischen Kontext wird ihr unsägliches Leid zugefügt, das sie stellvertretend für viele Frauen durchlebt und bis ins hohe Alter mit sich herum trägt.
Der lebhafte, frische Schreibstil mit einfachen, kurzen Sätzen, trotz der Dramatik immer wieder aufblitzender Humor, Personen, die man meint anfassen zu können, außerdem der Eindruck, dass bei schwebender Leichtigkeit hinter allem äußerst gründliche Recherche steht - das sind Zutaten, die das Lesen zum Vergnügen machen.
Es ist großartig gelungen, anhand konkreter Schicksale auf eine darüber hinausweisende Problematik einzugehen. Oder derer mehrere.
Und genau hier liegt der winzige Mangel: Viel wird zwischen die Seiten gepackt. Vielleicht zu viel. Und das in mancherlei Hinsicht. Zu viel Kehrtwendung des anfangs eher unsympathischen Tom, zu viele wirklich wesentliche Themen, zu viele Emotionen und gegen Ende zuviel … Nein, das wird hier natürlich nicht verraten!
Auf jeden Fall lässt sich sagen, dass hier ein Anliegen vorgebracht wurde. Gretas Unglück ist eines, über das gerne geschwiegen wird. Umso besser, dass es hier Gehör findet.

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Veröffentlicht am 19.02.2021

Fesselnde Geschichte über vier Generationen

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Hannahs Großmutter Evelyn erhält von einer israelischen Anwaltskanzlei die Mitteilung, dass möglicherweise Kunstwerke existieren, auf die sie einen Rechtsanspruch haben könnte, und bietet an, dem nachzugehen. ...

Hannahs Großmutter Evelyn erhält von einer israelischen Anwaltskanzlei die Mitteilung, dass möglicherweise Kunstwerke existieren, auf die sie einen Rechtsanspruch haben könnte, und bietet an, dem nachzugehen. Während Evelyn davon wenig wissen will, ist Hannah fasziniert und lässt sich auf die Suche ein, die auch einiges bisher Unbekannte über ihre Familie zutage bringt.
Alena Schröder beginnt die Geschichte von vier Frauen aus vier Generationen in der Jetztzeit, wechselt dann in die 20-er Jahre des letzten Jahrhunderts und stellt behutsam die Verbindung her. Wir dürfen Senta, Evelyns Mutter, in ihrer Entwicklung begleiten und ausgiebig kennen lernen, so wie später ihre Tochter, und erleben sie während der dramatischen Ereignisse in den Kriegsjahren.
Das Grauen dieser Jahre, insbesondere die Verbrechen an den Juden, bilden einen wesentlichen Hintergrund der Geschichte. Es wird weitgehend ohne Brutalität transportiert, vielmehr in kleinen, emotionalen Gesten, und immer sehr persönlich, was die Ungeheuerlichkeiten auch ohne Ausformulierungen sehr nahe bringt.
Der Schreibstil wirkt leicht, originelle Formulierungen sorgen für ein angenehmes Lesen. Ein wenig passt er sich den Zeiten an: Hannahs Gedanken drücken sich manchmal in heutiger Jugendsprache aus.
Hannah erfährt in dem Zeitraum ihrer Forschung eine Wandlung. Sie startet als an sich selbst zweifelnde Doktorandin, die sich in ihren Doktorvater verliebt und ansonsten an Kontakten spart. Die ihre Wohnung in ein aseptisches Weiß getaucht hat und darunter leidet, dass sie ihren Weg nicht erkennen kann. Doch auf der Suche nach den verschollenen Bildern findet sie nicht nur viel Wissenswertes über ihre Vorfahren, sondern ebenso über sich selbst heraus, was sie wachsen lässt und ihren Blick für die Zukunft öffnet.
Diesem Roman ist es gelungen, anhand der Provenienzforschung, über die übrigens einiges Interessante vermittelt wird, und der Menschen, die damit befasst sind, einen etwas anderen Blick in die deutsche Geschichte zu werfen.

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Veröffentlicht am 31.01.2021

Eine Geschichte wie ein Kaleidoskop

Das Verschwinden der Erde
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An der Küste Kamtschatkas lassen sich Aljona und Sofia an einem sonnigen Nachmittag von einem Fremden überreden, in sein Auto zu steigen. Seitdem fehlt von den Schwestern jede Spur.
Julia Phillips entführt ...

An der Küste Kamtschatkas lassen sich Aljona und Sofia an einem sonnigen Nachmittag von einem Fremden überreden, in sein Auto zu steigen. Seitdem fehlt von den Schwestern jede Spur.
Julia Phillips entführt ihre Leser in eines der entlegensten Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. Ureinwohner und Russen versuchen ein Miteinander, in dem Misstrauen und Vorurteile viel zu viel Raum einnehmen. Sprachen und Gebräuche, auch die Herausforderungen der Natur bereichern beiläufig und doch prägend das gesamte Geschehen.
Ausgehend vom August wird für ein ganzes Jahr Monat um Monat eine andere Person in den Fokus gerückt. Ganz dicht gerät man an die Menschen heran und spürt gleichzeitig eine unüberbrückbare Distanz. Zu sezierend ist der Blick.
Zunächst sucht man im Laufe der Begegnungen vergeblich nach dem Kontext, überlässt sich schließlich den eindringlichen Schilderungen unterschiedlichster Lebenssituationen. Meist sind es Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Die sich im Geflecht ihrer Beziehungen verhalten und erklären. Gegen ihre Verzweiflung und um ihre Träume kämpfen, Stärken und Schwächen offenbaren. Dann, nachdem sich die Perspektive wieder einmal verschoben hat, erscheinen bereits bekannte Figuren in anderen Kontexten und zeigen neue Facetten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Hier dreht sich ein gigantisches Kaleidoskop von bunten Geschichten um dieselben Betroffenen und die durchgängige Frage nach dem Schicksal der Mädchen und verursacht von Seite zu Seite großartige und überraschende Bilder.
Das Cover ist so schön wie verunsichernd: Die hochaufgetürmten blauen Berge, in die sich die Schwestern zu verlieren drohen, erinnern an aufgewühltes Meer. Das ist so wenig zufällig wie der scheinbar rätselhafte Titel.
Am Ende fügt sich alles zusammen. Genial konzipiert, mit Genuss zu lesen. Ganz sicher ist der Roman eine literarische Kostbarkeit. Ein Thriller jedoch, wie auf im Zitat auf der Rückseite angegeben wird, ist er nicht. Leser*innen, die hier mit falschen Erwartungen einsteigen, werden möglicherweise enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Ganz schön gruselig

Gespensterjäger auf eisiger Spur (Band 1) - Mit 8 neu illustrierten Farbseiten
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Der Junge Tom hat Angst vor dem dunklen Keller des Mehrfamilienhauses, in dem er mit seinen Eltern und der älteren Schwester Lola wohnt. Wenn seine Mutter ihn hinunterschickt, um etwas aus dem Vorrat hochzuholen, ...

Der Junge Tom hat Angst vor dem dunklen Keller des Mehrfamilienhauses, in dem er mit seinen Eltern und der älteren Schwester Lola wohnt. Wenn seine Mutter ihn hinunterschickt, um etwas aus dem Vorrat hochzuholen, muss er sich mit aller Kraft überwinden. Doch als ihm eines Tages dort ein weiß-grünliches Gespenst begegnet, das klebrigen Schleim absondert und ihm seine kalten Finger um den Hals legt, verfällt er in heillose Panik. Niemand außer seiner Großmutter glaubt ihm. Und die hat vielleicht sogar eine Lösung.
Cornelia Funke hat diese Geschichte schon 1993 geschrieben. Die nun erschienene Neuauflage ist recht gruselig illustriert von Franziska Blinde.
Es ist deutlich zu spüren: Der Zeitgeist war in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts ein anderer als heute. Die Erwachsenen gehen recht unsensibel mit ihrem Sprössling um, die Beziehung zur Schwester erscheint nahezu feindselig. Und für die Beschreibungen der übersinnlichen Begegnungen sind starke Nerven hilfreich.
Auch der Schreibstil wirkt leicht veraltet, das hat aber durchaus seinen Reiz und ist äußerst vorlesegeeignet. Wenn Gespenst Hugo seinen Sprechfehler konsequent durchzieht, haben sicher viele jungen Leser und Zuhörerinnen ihren Spaß. Auch das Verzeichnis der Gespensterjäger-Abkürzungen am Ende offenbart die Freude, die die Autorin an der Sprachvermittlung hat.
Natürlich gelingt es Tom, seine Angst zu überwinden, und entwickelt sich damit zu einem kleinen Helden. Er macht vor, wie man über sich selbst hinauswachsen und dadurch Selbstvertrauen gewinnen kann. Und am Schluss teilt man ihm die Schadenfreude über einen besonderen Triumph: Die Schwester, die ihn so gerne drangsaliert und verhöhnt hat, wird auf Grund eines ganz besonderen Erlebnissen ganz kleinlaut.
Dieser erste Band der Reihe „Gespensterjäger“ mag eine feste Größe in der Kinderliteratur erlangt haben, doch sollte man das Kind kennen, dem man es in die Hand drückt oder vorliest, und versuchen einzuschätzen, ob es den Inhalt gut wird verarbeiten können.

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