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Veröffentlicht am 07.10.2018

Brotbacken zur Besinnung auf das Wesentliche

Ca. 750 g Glück – Das kleine Buch über die große Lust sein eigenes Sauerteigbrot zu backen
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Brotbacken bedarf Geduld, eine Gabe, die uns heutzutage viel zu oft abhanden gekommen scheint, ein wenig Disziplin und Aufmerksamkeit dem Teig gegenüber. Denn nur wenn man gewisse Regeln beachtet, hat ...

Brotbacken bedarf Geduld, eine Gabe, die uns heutzutage viel zu oft abhanden gekommen scheint, ein wenig Disziplin und Aufmerksamkeit dem Teig gegenüber. Denn nur wenn man gewisse Regeln beachtet, hat man die Chance aus den Zutaten Wasser, Mehl und Salz ein genießbares Brot entstehen zu lassen.

Wer einen Rezeptband mit Geling-Garantie erwartet, ist hier bei „Ca. 750 g Glück“ an der falschen Adresse. Ein perfektes Brot steht hier weniger im Fokus, viel mehr die Leidenschaft beim Anrühren der Zutaten, beim Beobachten und Belauschen des Sauerteiges, beim sanften Kneten des Brotes, beim Duft des Backens und beim Warten auf das Anschneiden des fertigen Brotes. Auf mich wirkte der Ansatz wie das Weihnachtslied „Vorfreude, schönste Freude ...“.
Sprachlich wurde die Idee der Entschleunigung beim Brotbacken mit Witz und Charme umgesetzt. Unsere „Luxusprobleme“ von heute und unser Umgang damit werden gekonnt auf die Schippe genommen.

Die Aufmachung des Buches mit dem schlichten roten Titel wirkt äußerlich wie die handgeschriebenen Rezeptbücher meiner Mutter früher, was ich sehr ansprechend finde. Die Oberfläche ist so strukturiert, dass es nach einem Leineneinband aussieht. Die Buchseiten sind, wie bei anderen Back- und Kochbüchern auch, aus hochwertigem, schneeweißen Papier. Bebildert wurde das Buch sehr dezent teils in Farbe, teils monochrom. Insgesamt eine hübsche Sache.

Fazit: Da es sich nicht um ein „reinrassiges“ Backbuch handelt, kann ich nur eine eingeschränkte Leseempfehlung geben. Mir hat es gut gefallen, mein erster Starter ist angerührt, ich bin nun gespannt, was daraus wird.

Veröffentlicht am 04.10.2018

Unter Biestern

Ins Dunkel
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Vielleicht hat jeder von uns schon einmal wahrgenommen, was passiert, wenn zu viele Frauen ohne den ausgleichenden Spirit von ein paar Herren über einen längeren Zeitraum mit einander auskommen müssen, ...

Vielleicht hat jeder von uns schon einmal wahrgenommen, was passiert, wenn zu viele Frauen ohne den ausgleichenden Spirit von ein paar Herren über einen längeren Zeitraum mit einander auskommen müssen, vielleicht in einer Mädels-Clique während der Schulzeit oder im beruflichen Alltag in vom weiblichen Geschlecht dominierten Abteilungen. Wenn es gut läuft, gibt es nur hin und wieder Differenzen, andernfalls zicken sie sich richtig an.

Genau dies sollte wohl bei BaileyTennants vermieden werden, indem man mit abwechselnder Besetzung jedes Jahr Survival-Trails mit Mitarbeitern und Führungskräften als Teambuilding-Maßnahme durchgeführt hat. Die aktuelle Besetzung, ein Damen- und ein Herrenteam, soll nun innerhalb von drei Tagen den Mirror Falls Trail im Giralang-Massiv absolvieren. Das Herrenteam erreicht das vereinbarte Ziel termingerecht. Von den fünf gestarteten Damen kommen Tage später schwer gezeichnet nur vier wieder zurück. Alice bleibt im Wald verschwunden.

„Ins Dunkel“ beschreibt in zwei sich abwechselnden Handlungssträngen die Wanderung in die Katastrophe. Dabei begleiten wir einerseits Jill, Bree, Beth, Lauren und Alice auf ihrem beschwerlichen Weg und auf der anderen Seite die örtliche Polizei bei der Suche nach Alice, sowie den Ermittler Aaron Falk und seine Partnerin Carmen, die eigentlich aus anderen Gründen an BaileyTennants interessiert sind.

Die fünf Damen waren mir allesamt unsympathisch. Ich kam an keine so richtig heran, konnte mich auch mit keiner identifizieren. Am wenigsten mochte ich Alice. Warum das so war, steht auch gleich im ersten Absatz: „Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte.“

Aaron Falk wirkte hier ein wenig fehl am Platz, weil das, was hauptsächlich zu ermitteln war, nämlich das Verbleiben von Alice, nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fiel. Trotzdem hat er die lokalen Behörden bestmöglich unterstützt. Durch den Erkenntnisgewinn über Eltern-Kind-Beziehungen ist es ihm gelungen, in seinem eigenen Leben ein Stück mehr Ordnung zu bringen.

Am besten hat mir Carmen gefallen. Ihre natürliche und rücksichtsvolle Art hat mich direkt angesprochen. Sie ist die perfekte Ergänzung zu Aaron im Dienst. Im Privaten hat sie immer ein offenes Ohr für ihn. Zudem ist sich Carmen auch nicht zu schade, ihrem Partner mit einem Tritt in den Hintern auf den richtigen Weg zu verhelfen.

Wenn man davon absieht, dass „Ins Dunkel“ eher ein Abenteuerroman mit Thrillerelementen ist und dass für einen richtigen Thriller die Spannung zu spät anschwillt, hat mir das Buch ganz gut gefallen. Als Leser war ich lange Zeit ganz im Dunklen unterwegs. Ich hätte mir gewünscht, mit einer Ahnung auf den Holzweg gelockt zu werden. Als mir dann sehr spät klar wurde, worauf das Ganze hinaus läuft, war es auch genau so.

Veröffentlicht am 28.12.2022

Die ewige Stadt

Römische Tage
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Ein kleines Büchlein, aber nichts für Zwischendurch, dafür sind die heißen Römischen (Sommer)Tage zu anstrengend. Wir begleiten einen jungen Mann nach Rom, um die Sommermonate dort mit ihm zu verbringen. ...

Ein kleines Büchlein, aber nichts für Zwischendurch, dafür sind die heißen Römischen (Sommer)Tage zu anstrengend. Wir begleiten einen jungen Mann nach Rom, um die Sommermonate dort mit ihm zu verbringen. Er lässt sich durch die Stadt treiben, denkt an die Berühmtheiten, die vor ihm dort waren.

Simon Strauss beschreibt die ewige Stadt sehr detailreich mit allem, was er bzw. der junge Besucher wahrnimmt, die Gebäude und Statuen, die Straßen und Plätze, die Leute mit ihren Problemen. Er wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, schafft ein Gesamtbild einer Stadt, die den Zahn der Zeit nicht zu fürchten braucht. Zwischendrin platziert er ein Stück Gesellschaftskritik.

Römische Tage ist kein typischer Roman mit handelnden Personen und Spannungsbogen, nein, dieser Roman entsteht durch die Beobachtungen und Gedanken einer einzelnen Person. Ich glaube, das Ganze lässt sich besser nachvollziehen, wenn man selbst schon mal in Rom war und das Flair der Stadt in sich aufnehmen konnte. Ich selbst tue mich schwer mit dieser Auseinandersetzung. Viele der Orte sind mir nicht bekannt, so dass die darin liegende Schönheit nicht direkt offensichtlich ist. Darüber hinaus hatte ich bald vergessen, dass hier ein junger Mann die ewige Stadt besucht. Ich hatte beim Lesen eher den Eindruck als würde jemand in der Midlifecrisis oder noch älter hier erzählen, als hätte Rom ihn jeden Tag altern lassen.

Insgesamt ist es mir schwergefallen, überhaupt einen Zugang zum Roman zu finden. Die meiste Zeit wahr das Lesen für mich eine langatmige Angelegenheit. Eine Empfehlung kann ich leider nicht aussprechen.

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Veröffentlicht am 28.06.2021

Friedrich Ani kann es besser

Letzte Ehre
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Oberkommissarin Fariza Nasri ist die treibende Figur in diesem Roman. Sie bringt die Ermittlungen durch ihre taktisch kluge Befragung von Zeugen voran. So wird hier vorgetäuscht gleichzeitig, aber in Wirklichkeit ...

Oberkommissarin Fariza Nasri ist die treibende Figur in diesem Roman. Sie bringt die Ermittlungen durch ihre taktisch kluge Befragung von Zeugen voran. So wird hier vorgetäuscht gleichzeitig, aber in Wirklichkeit sequenziell an drei Fällen gearbeitet. Einer davon ist das Verschwinden der siebzehnjährigen Finja Madsen, die nach einer Party nicht wieder zurück nach Hause gekommen ist. Thematisch bewegen sich die drei Fälle im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Mädchen bzw. Frauen. Schon allein durch die thematische Abgrenzung hat es der Roman schwer.

Hinzu kommt die mühsam aufgebaute Spannung, die durch die Anordnung der Fälle schnell wieder erstickt wird. Hier wird nicht wie sonst oft gebräuchlich zwischen den verschiedenen Personen eines Ermittlungsteams hin- und hergeschwenkt, sondern viel aus der Innensicht von Fariza Nasri erzählt. So ergibt sich lediglich ein Mix aus Vernehmungen durch die Oberkommissarin und den anschließenden Gedanken ebendieser. Für eine Oberkommissarin ist Fariza Nasri meinem Empfinden nach auch nicht besonders vielseitig unterwegs. Von Vernehmungen in Zimmer 214 im Kommissariat geht es zu einer Befragung ins nahegelegene Gefängnis und wieder zurück. Mag sein, dass dies eher der Realität entspricht, dem Roman wird dadurch eine gewisse Trägheit verliehen. Wenn es denn einen Zusammenhang zwischen den drei Fällen geben sollte, hätte ich mir diesen deutlicher herausgearbeitet gewünscht.

Vorteilhaft ist lediglich, dass die Leserschaft Oberkommissarin Fariza Nasri, die auch schon in „All die unbewohnten Zimmer“ ermittelt hatte, näher kennen lernen durfte. Natürlich hat auch sie so ihre privaten und dienstlichen Probleme, die ganz gern im Alkohol ertränkt werden. Typischer Fall von Ermittlerin mit Knacks weg. Nicht verstanden habe ich dabei die Einschübe zu Tim Gordon, der selbst oder dessen Vater im Vorgängerroman einen Disput mit der Oberkommissarin hatte. Auch hier fühlte ich mich vom Autor nicht gut abgeholt. Ohne die Erklärung am Ende des Romans wäre diese Tatsache ganz an mir vorbei gegangen.

Summa summarum ist mir Friedrich Ani zu unscharf in seiner Ausarbeitung, nicht präzise genug. Ich kann gar nicht genau die Zusammenhänge wiederherstellen, obwohl ich mich stark auf diesen Roman konzentriert habe. Besonders enttäuscht hat mich die schlechte inhaltliche Korrektur. Die Nebenfigur des Streifenpolizisten heißt mal Marc-André Hagen, mal Marco Hagen und dann einfach nur
Hagen, wo im ganzen Roman die Figuren mit Vornamen oder mit Vor-und Zunamen bezeichnet werden. Ein zwei Ausrutscher kann ich mit einem Schmunzeln locker verzeihen, wenn es wie hier stetig hin- und herwechselt, geht es mir auf die Nerven.

Da ich auch „All die unbewohnten Zimmer“ kenne und auf Basis dieser Leseerfahrung eine gewisse Erwartungshaltung hatte, kann ich „Letzte Ehre“ nicht weiterempfehlen. Insgesamt hat mich dieser Roman enttäuscht.

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Veröffentlicht am 17.03.2021

Undurchdringlich für mich

Die Fremde
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In ihrem autofiktionalen Roman erzählt uns Claudia Durastanti von sich und ihrer Familie. Dreh- und Angelpunkt der Fremden sind die gehörlosen Eltern, doch die Geschichte beginnt schon viel früher mit ...

In ihrem autofiktionalen Roman erzählt uns Claudia Durastanti von sich und ihrer Familie. Dreh- und Angelpunkt der Fremden sind die gehörlosen Eltern, doch die Geschichte beginnt schon viel früher mit den provinziell geprägten Großeltern, die in Teilen recht überfordert mit der körperlichen Einschränkung ihrer Kinder sind. So lernen die Eltern der Protagonistin lediglich ein eingeschränkt normales Familienleben kennen, aus dem folgerichtig die unstete Familiensituation der Protagonistin resultiert.

In einer recht sprunghaften Erzählweise versucht die Autorin die Ursache-Wirkungs-Ketten, die ihr Leben und Fühlen beeinflusst haben, den Leser*innen transparent zu machen. Wie lernt ein Kind das Sprechen, wenn die Eltern gehörlos und damit im Sprechen mindestens stark eingeschränkt sind? Was bedeutet es für so ein Kind, in ein Land mit anderer Sprache umzuziehen? Wie kann ein Kind Selbstbewusstsein entwickeln, wenn die Eltern, das was sie besonders macht, verstecken? Wie soll ein Kind Gefühle einordnen, wenn Eltern diese weder vorleben noch mit eigenen Worten erklären können? Daraus ergibt sich ein grundsätzlich interessanter Lesestoff, durch den ich als nicht Betroffene andere Lebenswirklichkeiten kennen lernen kann.

Zugegebenermaßen ist diese Autofiktion außergewöhnlich, weil für Außenstehende eigentlich unbegreiflich. Nachvollziehbar ist die Fixierung der Protagonistin auf Literatur, Film und Fernsehen, sowie Musik. Nur hier erfährt sie unverfälschte Sprache, je nach Genre auch sehr schöne Sprache. Da ihre Familie allerdings nicht nur sprachlich, sondern durch die zerrütteten Verhältnisse auch emotional eingeschränkt ist, fehlt der Protagonistin diesbezüglich Orientierung. Dahingehend eine Wahrheit medial auszumachen, finde ich extrem schwierig. So bleibt sie letztlich irgendwie verloren. Die im Klappentext angekündigten, euphorischen Geschichten einer wilden italoamerikanischen Familie in den Sechzigern bis ins gegenwärtige London konnte ich leider nicht erkennen. In meiner Wahrnehmung durchzog den Roman eine eher depressive Stimmung, versöhnlich wurde es erst zum Ende hin.

Die wechselhafte Art der Aufbereitung mit Gedankensprüngen zwischen diversen Zeitebenen, Erlebnissen, Personenkreisen und Orten machte es mir schwer, Freude beim Lesen zu empfinden. Ich konnte das dominierende Thema des Romans, fremd zu sein, spüren, hatte aber Mühe, mich zum Weiterlesen zu motivieren. Zudem war es zunehmend anstrengend, mich mit den gefühlt unendlichen Anspielungen auf Filme und Songtexte auseinanderzusetzen. Das war mir einfach zu viel, wirkte auf mich überladen.

Ich kann leider keine Leseempfehlung aussprechen.

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