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Veröffentlicht am 12.06.2021

Interessante, bunte und prall gefüllte Enzyklopädie für die ganze Familie

Alles, was wir wissen und was nicht
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Die Welt ist voller Wunder. „Alles, was wir wissen und was nicht“ stellt einige davon vor und noch viel mehr. Das Buch ist eine umfangreiche Enzyklopädie der besonderen Art.
Im ersten Kapitel geht es ...

Die Welt ist voller Wunder. „Alles, was wir wissen und was nicht“ stellt einige davon vor und noch viel mehr. Das Buch ist eine umfangreiche Enzyklopädie der besonderen Art.
Im ersten Kapitel geht es um das „Universum“, seine Entstehung, Galaxien, Planeten, aber auch z.B. um Raumschiffe. Kapitel 2 widmet sich der „Erde“, ihr Inneres wird genauso thematisiert wie Berge, Gesteine, Wasser, Wetter oder Naturkatastrophen. Kapitel drei „Materie“ befasst sich mit Physik und Chemie: Atomen, Energien, der Schwerkraft oder einfachen Maschinen. Im Kapitel „Leben“ nimmt Biologie die Hauptrolle ein, es geht beispielsweise um Evolution, Pflanzen, Tiere oder den Regenwald. Die „Menschen“ stehen im Kapitel 5 im Fokus, ihr Körper, ihre Gefühle, ihr Glaube, Kunst, aber auch Geld, Arbeit oder Gesetze. Kapitel 6 nimmt die Leser mit auf eine Reise ins „Altertum und Mittelalter“: Mesopotamien, Stonehenge, die Alten Perser, Griechen oder Römer. Weiter geht es in Kapitel 7 mit „Modernen Zeiten“: Renaissance, Azteken, Meilensteine der Medizin oder die Weltkriege stellen hier u.a. die Themen dar. Den Abschluss bildet das achte Kapitel „Heute und Morgen“. Hier wird internationaler Handel genauso behandelt wie etwa Internet, Klimawandel, Energien oder die Zukunft.

Jede Doppelseite bezieht sich auf ein allgemeines Thema, das für Kinder ab ca. zehn Jahren relativ altersgemäß aufbereitet wurde. Auf den einzelnen Seiten sind kurze, recht gut verständlich formulierte Informationstexte abgedruckt. Einige Fremdwörter und Fachbegriffe werden Erwachsene jüngeren Lesern vermutlich genauer erklären müssen, aber die Abschnitte sind so interessant und vielfältig aufgemacht, bieten allerhand Bestaunenswertes, dass nicht jedes Wort exakt verstanden werden muss.
Zahlreiche Bilder und Grafiken gestalten die Seiten sehr abwechslungsreich und motivierend. Immer wieder werden bekannte Wissenschaftler vorgestellt, aktuelle Experten und Expertinnen kommen mit Kommentaren zu Wort.

Im Vorwort gesteht Herausgeber Christopher Lloyd ein „Morgenmensch“ zu sein. Er erzählt, dass er schon beim Aufstehen vor Neugier platzt. Und das ist wirklich gut nachzuvollziehen. Das Leben ist verrückt und aufregend, es gibt so viel zu erforschen und lernen. Das zeigt „Alles, was wir wissen und was nicht“ sehr eindrücklich.
Ein dickes Buch voller Wunder, zum Immer-wieder-Anschauen, Nachschlagen, Neueslernen und zum Einfach-nur-Schmökern. Verschiedene Disziplinen der Wissenschaft wie Physik, Biologie, Chemie, Geographie, Geschichte oder Wirtschaft werden in diesem bunt bebilderten Lexikon näher vorgestellt. Die unzähligen Fakten, Fotos, Rekorden machen Lust auf mehr Wissen und laden ein, Dingen auf den Grund zu gehen und Neues zu entdecken. Hier wird die Welt erklärt und dabei gleichzeitig begreiflich gemacht, dass es auch vieles Unerklärliche gibt und dass Wissen Grenzen hat. Ein absolut empfehlenswertes Buch für alle neugierigen Familien mit Forscher- und Wissensdrang.

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Veröffentlicht am 10.06.2021

Ein Lehrer auf den Spuren Hercule Poirots - kleiner, kurzweiliger Krimihappen aus Freiburg

Der Mathelehrer und der Tod
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Gregor Horvath ist Deutschlehrer aus Leidenschaft für Sprache und Literatur. Der Hercule Poirot-Fan geht den Dingen - genau wie sein Idol- gerne auf den Grund. Als sein Kollege an einem Freiburger Gymnasium, ...

Gregor Horvath ist Deutschlehrer aus Leidenschaft für Sprache und Literatur. Der Hercule Poirot-Fan geht den Dingen - genau wie sein Idol- gerne auf den Grund. Als sein Kollege an einem Freiburger Gymnasium, Mathelehrer Michael Menzel, nach einem Sturz aus dem Fenster stirbt, wird ausgerechnet Horvaths Zwillingsbruder Kriminalkommissar Martin Horvath mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Doch der hat angesichts eines Doppelmords und Personalmangels bei der Polizei kaum Kapazitäten für die Bearbeitung des Falls. Und so landet der Todesfall als Selbstmord bei den Akten. Doch Gregor Horvath glaubt nicht an Selbstmord und beginnt mit tatkräftiger Unterstützung einiger Schüler auf eigene Faust zu ermitteln.

Marc Hofmann schreibt aus Gregor Horvaths Sicht in Ich-Form. Der Schreibstil ist angenehm, unkompliziert und gut verständlich. Die immer wieder eingeschobenen passenden Zitate berühmter Persönlichkeiten oder aus der Literatur, die Horvath oft in den Sinn kommen, sorgen für Abwechslung und haben mir gut gefallen.

Hauptfigur Gregor Horvath ist ein sehr spezieller Charakter, ein Original. Er ist stets elegant und konservativ mit Anzügen gekleidet, mag Tai Chi, wirkt ein wenig altmodisch. „Sprachvermüllung“ ist ihm ein Dorn im Auge. Wenn ein Schüler mit „Nicht wirklich“ antwortet, läuft er Gefahr, in eine philosophische Diskussion um z.B. Platons Höhlengleichnis verwickelt zu werden.
Selbst beschreibt er sich mit den Worten: „Aus der Zeit gefallen war ich nicht. Ich war nämlich nie drin gewesen.“ Mit vielen modernen Entwicklungen hat er ein Problem: „Ich finde mich eigentlich ganz normal, dachte ich. Ich finde nur die Zeit, in der wir leben so verrückt.“
Der Beruf als Lehrer hat Spuren bei Horvath hinterlassen. Die Wiederholung des Immergleichen demotiviert und langweilt ihn, auch wenn er für seine Fächer brennt und sich auch mit einigen Schüler sehr gut versteht. Da kommt ihm der Todesfall im Kollegium gerade recht. Horvath ist definitiv ein recht ungewöhnlicher Ermittler.

Wer hat denn nun den Mathelehrer ermordet?
Verdächtige finden Horvath und seine Schüler jede Menge: aktuelle Schüler, ehemalige Schüler, Eltern oder Kollegen und auch an den entsprechenden Motiven mangelt es nicht. Der Verlauf des Plots ist recht ruhig, immer wieder nimmt der Schauplatz Freiburg auch eine kleine Rolle ein, was Freiburger und Fans der Stadt sicher erfreuen wird. Am Ende heißt es dann ganz frei nach Poirot „Es gab richtig und es gab falsch. Es gab aber nichts dazwischen.“ und Horvath gerät ganz schön in die Bredouille.
Kein absolutes Highlight, aber durchaus ein kurzweiliger, netter, solider cosy Krimi mit einem ungewöhnlichen, sehr speziellen Ermittler, der über weite Strecken Spaß macht und sich fast wie von selbst liest. Ich werde mir jedenfalls auch die Fortsetzung gönnen.

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Veröffentlicht am 09.06.2021

Was wäre wenn? Intensiver Roman über die Suche nach dem Glück und dem Sinn des Lebens

Die Mitternachtsbibliothek
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Nora Seed ist todunglücklich. Sie verliert ihren Job im Musikladen, zu ihrem Bruder, dem einzig lebenden Mitglied ihrer Familie, hat sie keinen Draht mehr und dann stirbt auch noch ihr Kater. Einsam und ...

Nora Seed ist todunglücklich. Sie verliert ihren Job im Musikladen, zu ihrem Bruder, dem einzig lebenden Mitglied ihrer Familie, hat sie keinen Draht mehr und dann stirbt auch noch ihr Kater. Einsam und verzweifelt beschließt Nora zu sterben und versucht, sich durch eine Tablettenüberdosis das Leben zu nehmen. Doch nach dem Selbstmordversuch kommt für sie nicht der Tod. Plötzlich befindet sie sich in einer riesigen Bibliothek mit zahlreichen Bücher und trifft dort auf die frühere Schulbibliothekarin Mrs. Elm, die ihr erklärt, dass in all den Büchern die Leben stecken, die Nora alternativ hätte führen können, wenn sie sich anders entschieden hätte, z.B. einen anderen Beruf gewählt hätte oder geheiratet hättet. Nora erhält die Möglichkeit, andere Leben zu erproben, zu erfahren, was hätte sein können. Ob sie dabei ein Leben findet, das sie glücklich macht?

Matt Haig erzählt die Geschichte aus Noras Sicht. Sein Sprachstil ist flüssig, klar und unkompliziert. Sprecherin Annette Frier liest Haigs Roman betont, abwechslungsreich und lebendig. Ihrem angenehmen und stimmigen Lesevortrag habe ich gerne zugehört.

Protagonistin Nora weckt Mitgefühl. Sie hat es wirklich nicht leicht: Sie verliert Ihre Eltern früh, ihr Bruder ist aus ihrem Leben verschwunden, all ihre Beziehungen scheitern, sie leidet unter Depressionen und mit Mitte 30 hält sie sich noch mit einem Aushilfsjob in einem Laden für Musikinstrumente über Wasser. Von ihrer früheren Leidenschaft fürs Schwimmen, ihrem Interesse an Gletschern oder ihrer Liebe zur Philosophie ist nichts mehr übrig geblieben. Alles scheint trostlos. Nora sieht keinen Ausweg. Sie hat das Gefühl, trotz ihrer vielen Talente und Fähigkeiten gescheitert zu sein. Während ihrer Reise in die verschiedenen Versionen ihrer Leben zeigt Nora ganz unterschiedliche Facetten von sich. Nora ist eine interessante, mitreißende, vielseitige Protagonistin. Sie ist die meiste Zeit des Romans über weder tot noch lebendig, wandert zwischen verschiedenen Leben hin und her. Das macht die Figur sehr ungewöhnlich.

Mrs Elm, die Bibliothekarin, erklärt Nora wie eine geduldige Lehrerin ihre Situation. Sie wirkt sehr weise, klug, unterstützt Nora, bringt sie zum Nachdenken und möchte sie anleiten, den für sie richtigen Weg zu wählen. Ich empfand Mrs. Elm als einen sehr angenehmen, fast philosophischen Charakter.

Gibt es ein Leben, das Nora glücklich macht?
Ich litt und bangt mit ihr, hoffte, dass sie aus ihrer tiefen Traurigkeit, die ich während des Hörens nachvollziehen, ja fast selbst mitempfinden konnte, herausfinden würde und eine neue Chance in einem neuen Leben bekommt.

Was wäre gewesen, wenn ich mich anderes entschieden hätte? Diese Frage hat sich sicherlich jeder schon mal gestellt. Matt Haig spielt mit diesem Thema, zeigt in Noras Fall auf, was hätte sein können. Ein überaus faszinierendes Gedankenspiel. Das Leben ist die Summe von Millionen von Entscheidungen und jede Entscheidung kann manchmal unsere oder ein anderes Leben komplett verändern. Ohne es zu wissen, berühren und bewegen wir so viele andere Menschenleben. Und manchmal scheint das Schicksal manche Menschen zu uns zu schicken. Eine schöne Vorstellung, dass wir ohne, dass es uns bewusst ist, das Leben anderer verbessern können. Denn niemand ist eine Insel.
Nora hat alle Möglichkeiten. Sie besucht zig Versionen ihres Leben, begegnet immer wieder neuen aber auch bekannten Menschen. Am Ende, nachdem ihr klar wird, was Leben, was Bereuen bedeutet, gelangt sie zu einer weitreichenden Entscheidung. Sie ist sich sicher, weiß nun, welches Leben sie führen möchte, was für sie Glück heißt. Glück geht nicht zwangsläufig mit Ruhm oder Erfolg daher. Es bedeutet, nicht zu hadern und einfach zu leben. Nach einer etwas genaueren Betrachtung entpuppt sich manches Grau häufig als viel farbenfroher als angenommen. Mitunter erinnerte das Hörbuch ein wenig an den Filmklassiker „Ist das Leben nicht schön?“. Traurig, aber auch mit zuversichtlichen, schönen Erkenntnissen.
Das Ende war für mich etwas zu erklärend, etwas zu „zerredet“, zu überladen. Einige Ausführungen und Erläuterungen empfand ich dabei als unnötig. Auch ohne viele Worte wäre die sehr wichtige Botschaft des Romans klar geworden, für mich wäre weniger hier mehr gewesen.
Dennoch ein besonderer, philosophischer, lebenskluger, mitreißender, trotz seiner oft nachdenklich stimmenden Schwermut leichter und zuversichtlicher Roman, der anregt über das Leben nachzudenken und der mir auf jeden Fall länger in Erinnerung bleiben wird. Eine Liebeserklärung an das Leben, das oft verletzt und schmerzt, mit all seinen dunklen Seiten, die es aber braucht, damit die hellen umso intensiver strahlen und leuchten können.

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Veröffentlicht am 01.06.2021

Eine Gute-Laune-Geschichte so bunt wie eine Blumenwiese

Lea Lavendel und das Gänseblümchenwunder (Lea Lavendel 1)
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Eigentlich will Lea nur den Fußball zurück haben, den sie beim Spielen ins Nachbargrundstück geschossen hat. Doch dummerweise hat der Ball die Scheibe eines Gewächshauses zerdeppert und die merkwürdige ...

Eigentlich will Lea nur den Fußball zurück haben, den sie beim Spielen ins Nachbargrundstück geschossen hat. Doch dummerweise hat der Ball die Scheibe eines Gewächshauses zerdeppert und die merkwürdige Nachbarin Hortensia Pfeffer besteht darauf, dass Lea für den Schaden aufkommt. Frau Pfeffer besitzt einen außergewöhnlichen Garten mit ganz vielen exotischen und weniger exotischen Pflanzen. Lea bietet Frau Pfeffer an, bei der Pflege ihrer Pflanzen zu helfen, um ihre Schulden abzuarbeiten. Die ältere Frau ist erstmal skeptisch, doch dann stellt sich heraus, dass Lea genau wie Hortensia Pfeffer über ein seltenes Talent als Pflanzenflüsterin verfügt und sich mit Blumen unterhalten kann. Als der Bürgermeister Hortensias wundervollen Garten dem Erdboden gleich machen möchte, versucht das Lea unbedingt zu verhindern. Und schon steckt sie mittendrin in einem besonderen, magischen Abenteuer.

Corinna Wieja schreibt kindgemäß, lebendig und sehr unterhaltsam. Sie erzählt aus Leas Sicht in Ich-Form. Über die lustige Ausdrucksweise des Gänseblümchens Bella wie „herrhimmelisch“, oder „gebrummsummselt“ haben meine Mitleser und ich uns sehr amüsiert. Wahrhaft witzelisch diese Wortwahl! Sehr ansprechend ist auch die Gestaltung des Buchs, andersfarbige Überschriften in unterschiedlicher Schriftart, dezente Verzierungen und farbenfrohe, lustige, ausdrucksstarke Illustrationen. Das Buch hat handliches DIN A5-Format.
Leser ab acht Jahren werden die Geschichte schon selbstständig erfassen können, zum Vorlesen ist sie auch für jüngere Kinder ab fünf, sechs Jahren geeignet.

Lea ist ein aufgewecktes, neugieriges, abenteuerlustiges Mädchen, mit dem sich Kinder sicher prima identifizieren können. Lea hat ein Herz für Pflanzen, weiß das aber selber noch gar nicht, weil sie sich bisher noch wenig mit Pflanzen beschäftigt hat. So geht es vermutlich einigen Lesern auch.
Hortensia Pfeffer wirkt auf den ersten Blick sehr seltsam, schrullig und streng. So ist die lebenslustige, humorvolle, unkonventionelle Pflanzenliebhaberin, wenn man sie erst richtig kennenlernt, aber gar nicht. Im Gegenteil, wir würden uns eine solche Nachbarin wie Hortensia Pfeffer auch wünschen.
Die außergewöhnlichsten, originellsten Figuren der Geschichte sind die sprechenden Pflanzen, die Pflanzengefährten Gänseblümchen Bella, Papageienblume Hektor oder die Linde Titania. Blumen, die reden können, wo gibts denn sowas? Diese ver„sprechen“ natürlich eine ganz besondere Handlung.

Werden Lea und Hortensia Hortensias Garten retten können und dabei vielleicht sogar einen Schatz finden? Und was hat der Bürgermeister eigentlich wirklich vor?
Lea Lavendel und Hortensia Pfeffer entführen die Leser in ein turbulentes, spannendes, phantasievolles und zeitweise ganz schön zauberhaftes Abenteuer. Und nebenbei wird die leider ziemlich realistische Vergrauung der Vorgärten auf humorvolle Art thematisiert. Auch die verschiedenen faszinierenden Superkräfte von Pflanzen werden dabei herausgestellt. Und alle im Buch vorkommenden Blumen gibts wirklich in echt, auch wenn sie wohl nur für die wenigsten unter uns sprechen können...Die Geschichte macht große Lust darauf, sich näher mit Pflanzen und dem Gärtnern zu befassen. Das ist auch für Kinder sehr spannend, motivierend und lehrreich, wenn sie selber mit anpacken und einfach ausprobieren. Am Ende des Buchs finden sich noch zwei Gute-Laune-Rezepte zum Nachmachen.
„Lea Lavendel und das Gänseblümchenwunder“ ist eine Geschichte so bunt und vielfältig wie eine Blumenwiese. Empfehlenswert für alle Fans der Pflanzenwelt mit grünem Daumen und für solche, die es noch werden wollen.

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Veröffentlicht am 01.06.2021

Ein besonderer Roadtrip zu Fuß mit interessanten Bekanntschaften und vielen Kindheitserinnerungen

Als wir uns die Welt versprachen
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„So ist das mit den Erinnerungen: Sie entscheiden selbst, wann der Moment gekommen ist, sich zu zeigen. Manchmal lenken sie die Hände schneller als der Verstand. Manchmal folgt das Herz dem Kopf oder es ...

„So ist das mit den Erinnerungen: Sie entscheiden selbst, wann der Moment gekommen ist, sich zu zeigen. Manchmal lenken sie die Hände schneller als der Verstand. Manchmal folgt das Herz dem Kopf oder es verliert sich in ihnen.“

Edna und Jacob gehören zu den Schwabenkindern. Sie stammen aus Bergdörfern und werden von ihren bitterarmen Familien vor dem zweiten Weltkrieg als Arbeitskräfte an einen Bauern in Oberschwaben verkauft. Das Leben auf dem Hof ist für beide hart und schrecklich. Sie nehmen sich vor, gemeinsam mit dem Papagei Emil zu fliehen. Jahrzehnte später erfährt Edna, die mittlerweile eine alte Frau ist, aus der Zeitung, dass Jacob einen Unfall hatte und in Ravensburg verletzt im Krankenhaus liegt. Sie macht sich zu Fuß von Südtirol aus auf den Weg, um Jacob im Krankenhaus zu besuchen und um ein Versprechen zu erfüllen, das sie ihm als Kind gab. Unterwegs trifft sie auf einige interessante Menschen und führt mit ihnen intensive Gespräche

Romina Casagrandes Roman „Als wir uns die Welt versprachen“ liest sich angenehm und unkompliziert. Die Autorin schildert Ednas aktuelle Situation, ihre Reise nach Ravensburg und lässt sie in Rückblenden von ihrer Kindheit erzählen. Dabei webt sie immer wieder viele schöne weise, traurige, manchmal fast poetische Sätze zum Nachdenken und Genießen in ihre Geschichte mit ein.

Edna ist eine wirklich besondere Frau mit extrem starken Willen. Die Zeit auf dem Bauernhof ist für sie mit schrecklichen Erinnerungen und harter Arbeit verbunden. Sie hat dort nie ihren Platz gefunden, hielt sich stets für unzulänglich: „Ednas Bestimmung schien es zu sein, rastlos von einem Ort zum anderen zu schwirren wie eine Biene auf der Suche nach ihrem Stock, bemüht, alles gut zu machen, da sie doch zu nichts gut war.“
Zu Jacob hat Edna eine besondere Verbindung, teilt mit ihm besondere Momente:
„Obwohl sie noch Kinder waren, wussten Edna und Jacob bereits, dass man für jeden Augenblick des Glücks einen Preis bezahlen muss. Und sie waren plötzlich sehr glücklich, während sich ihr Lächeln in den Augen des anderen spiegelte und sie das Gleiche dachten. Aber sie wussten nicht, welche Rechnung ihnen das Schicksal am Ende präsentieren würde.“
Die Figur Edna hat mir imponiert. Obwohl sie schon sehr alt ist, unter körperlichen Gebrechen leidet, hat sie ihren Mut und ihre Tatkraft nicht verloren. Sie tut alles, um zu Jacob zu kommen. Eine beeindruckende Frau, ein Weggefährte fasst es treffend zusammen: „Sie haben alles daran gesetzt, so schnell wie möglich an ihr Ziel zu kommen. Das nennt man Beharrlichkeit. Klar, das hat sicher auch was von Verrücktheit, aber nur für Menschen mit wenig Phantasie. Dabei ist es doch eine Frage von Herz. Und von Mut. Sie haben ihren Traum und kämpfen dafür. Wie die Allergrößten.“
Gefallen hat mir auch die Figur Agnes, die sich um Edna kümmert und sich engagiert für sie einsetzt. Eine treue Freundin, die Ednas Freundschaft verdient hat und umgekehrt auch in Edna eine gute Freundin gefunden hat.

Ednas Reise ist ein wie ein Roadtrip zu Fuß, eine Art Pilgerreise. Edna trifft auf ganz unterschiedliche Leute, denen sie Teile ihrer Geschichte erzählt und die Edna wichtige Gedankenanstöße mitgeben. Jede Begegnung verändert einen Menschen, inspiriert ihn, das wird hier sehr deutlich. Allerdings haben die Begegnungen auch viel Märchenhaftes an sich, sie wirken nicht wirklich realistisch, müssen sie vielleicht aber auch gar nicht. Letztendlich weiß Edna:
„„Das wirkliche Leben war kein Märchen. Manchmal geschahen die Dinge ohne logischen Zusammenhang, man musste darauf achten, den Felsbrocken auszuweichen und sich nicht erschlagen zu lassen.“
Das Schicksal der Schwabenkinder ging mir sehr nahe. Grausam, dass auf den Höfen so vielen Kindern ihre Kindheit gestohlen wurde, viele Kinde mussten entsetzlich leiden, einige bezahlten mit dem Leben. Romina Casagrande macht auf diesen unbekannten Teil der Geschichte Südtirols zurecht aufmerksam.
Auch wenn nicht alle Stationen von Ednas Reise hundertprozentig überzeugend geschildert wurden, so hat mir Ednas Geschichte doch recht gut gefallen. Sie liefert einige Anregungen zum Nachdenken über das Leben und macht trotz mancher dunkler Kapitel Mut: „Wo etwas endet beginnt das Neue und was zuweilen grausam erscheint, geschieht manchmal um Gutes zu bewirken. Nur eins ist wichtig, Frau Edna, man darf nie stehen bleiben. Und ich glaube, dass sie diese Lektion gut gelernt haben.“

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