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Veröffentlicht am 24.02.2022

Gefährliche Gemeinschaft

connect
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Die 28-jährige Ava arbeitet in einer Werbeagentur. Sie fühlt sich überfordert und ausgelaugt. Durch die ehemaligen Kommilitonin Lina erfährt sie von einer Gruppe Menschen, die alternative Lebensvorstellungen ...

Die 28-jährige Ava arbeitet in einer Werbeagentur. Sie fühlt sich überfordert und ausgelaugt. Durch die ehemaligen Kommilitonin Lina erfährt sie von einer Gruppe Menschen, die alternative Lebensvorstellungen haben, und die sich Connect nennt. Bei den Treffen fühlt sie sich so wohl wie lange nicht mehr und lässt sich immer weiter ein.
Thea Mengelers Roman liest sich sehr ruhig, beinahe sachlich. Dabei ist das Thema hochemotional. Wir erhalten durch die Protagonistin, an deren Seite wir durch das Geschehen gehen, einen Einblick in die Mechanismen einer kleinen, von der Gesellschaft abgespaltenen Gemeinschaft.
Die Bereitschaft, das gewohnte Leben hinter sich zu lassen, steigt mit der Unzufriedenheit im Alltag. Connect setzt hier an und bietet eine Wohlfühlatmosphäre, schlüssige Ideale, Verständnis, angenehme Beschäftigung und vieles mehr. Es prangert die ausbeuterische Arbeitswelt, verkrustete Traditionen und den Austausch von realer Nähe durch digitale Medien an. Das alles wirkt auf den ersten Blick schlüssig und durchaus nicht unsympathisch.
Geleitet wird die Organisation von dem charismatischen Dev, der in einer täglichen Ansprache stets die richtigen Worte für die Ohren seiner Anhänger*innen findet, und sie bis zur Hörigkeit auf seine Ideologie einschwört.
Durch den kleinen vorangesetzten Abschnitt ist von Beginn an zu befürchten, dass es zu einer Eskalation kommen wird. Dies ist einer der Gründe, weshalb sich der Roman von Beginn an äußerst spannend anfühlt.
Sehr gekonnt übernimmt die Autorin die Rolle der Beobachterin und überlässt die Wertung dem Publikum. So ganz leicht wird es dem nicht gemacht, denn es erweist sich, dass die heile Welt, die Dev suggerieren möchte, weder diesseits noch jenseits von Connect zu finden ist.
Vielleicht ist Avas Entwicklung ein wenig vereinfacht dargestellt und von daher nicht für jeden bis auf den letzten Punkt nachvollziehbar. Doch für die Auseinandersetzung mit dem Thema gibt das Buch jede Menge Denkanstöße.
Von Aufmachung, Aufbau, Thema und Schreibstil her könnte man sich als Zielgruppe vorwiegend, aber keineswegs ausschließlich, Jugendliche oder junge Erwachsene vorstellen.

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Veröffentlicht am 10.02.2022

Ungewöhnlich und fesselnd

Im Auge des Zebras
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In sechs Städten Deutschlands werden zeitgleich sieben Jungen entführt, wenig später ihre Eltern ermordet. Kommissarin Olivia Holzmann vom LKA Berlin versucht, ihren genialen ehemaligen Kollegen Boesherz ...

In sechs Städten Deutschlands werden zeitgleich sieben Jungen entführt, wenig später ihre Eltern ermordet. Kommissarin Olivia Holzmann vom LKA Berlin versucht, ihren genialen ehemaligen Kollegen Boesherz zur Mithilfe zu bitten, doch der verweigert sich.
Zunächst präsentiert Autor Vincent Kliesch in diesem ersten Teil der Bösherz-Reihe (die unterschiedliche Schreibart ist durchaus beabsichtigt!) ein Szenario, welches abseits des Falls abläuft: Der mutmaßliche Drogenboss Fjodor Sokolov fordert von seinem angehenden Mitarbeiter, dass der als Beweis seine Loyalität einen Mord begeht. Was sich daraufhin entwickelt, ist ein Feuerwerk an Ideen, Finten und unerwarteten Wendungen. Ein Einstieg, der auf das Buch einstimmt und eine Wundertüte an Überraschungen erwarten lässt. Gleich vorweg: Diese Erwartungen werden erfüllt. Ganz sicher gibt es wenige derart einfallsreiche Thriller wie diesen.
Vielleicht muss deshalb in Kauf genommen werden, dass auch die Charaktere teilweise extrem ausgestaltet sind. Das trifft keineswegs auf die taffe Ermittlerin zu, die sich durchaus als Identifikationsfigur anbietet. An ihr ist und bleibt man dicht dran und kann das meiste, was sie tut, gut nachvollziehen. Weitaus schwieriger ist das bei Sokolov, der sich als Zauberer inszeniert, und besonders bei Boesherz, der in überaus überlegener, sogar überheblicher Manier sich mit zweifelhaften Begründungen bei fast jeder Gelegenheit den Erwartungen anderer entzieht. Seine geheimnisvolle Aura und besondere Gaben entrücken ihn den Lesenden.
Ähnlich wie Sherlock Holmes ist er ein Ermittler mit genialer detektivischer Kombinationsgabe, der auf der Basis von Fakten seine Schlussfolgerungen zieht. Allerdings greift er selten auf handfestes Beweismaterial zurück, sondern analysiert vor allem die Verhaltensweisen und Äußerungen von Personen im Kontext mit den Geschehnissen.
Die Geschichte ist ausgefeilt, raffiniert und sorgt für fesselnde Unterhaltung. Leicht pathetische Momente oder das Überstrapazieren gewisser Elemente wie beispielsweise der Zauberkunst zu Beginn des Buches können die Lesefreude nur wenig dämpfen. Am Ende bleibt die Vorfreude auf den zweiten Band der Reihe.

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Veröffentlicht am 11.12.2021

Rasante, atemlose Jagd mit vielen Finten

606
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John Kradle sitzt im Todestrakt von Pringshorn, Nevada, verurteilt wegen Mordes an seiner Frau und seinem Sohn. Nichts auf der Welt ist ihm wichtiger, als seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter ...

John Kradle sitzt im Todestrakt von Pringshorn, Nevada, verurteilt wegen Mordes an seiner Frau und seinem Sohn. Nichts auf der Welt ist ihm wichtiger, als seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden. Ganz unerwartet bekommt er eine Chance, als ein Erpresser die Freilassung aller 606 Gefangenen erzwingt.

Sicherlich ist der Titel nicht ganz zufällig, gehört doch 606 zu den Engelszahlen und steht eben für den Engel, der Unterstützung bietet bei der Realisierung eines Wunsches.

Autorin Candice Fox verliert keine Zeit. Der Einstieg ist großartig inszeniert und gnadenlos spannend. Ganz kurz gibt sie Gelegenheit, sich in die Ausgangssituation hinein zu begeben und einigen Charakteren zu begegnen, ehe sie ihre Leserschaft in die Eskalation katapultiert. Eine knallharte Konfrontation, Erpressung, Hilflosigkeit. Die Panik ist absolut nachvollziehbar, die Verzweiflung der Betroffenen direkt zu spüren.
Die Anzahl der Personen ist herausfordernd. Zum Glück sind die Charaktere scharf gezeichnet, mit Ecken und Kanten und vielerlei Kennzeichen. Wirklich sympathisch gerät niemand, im Laufe des Geschehens, unter extremen Bedingungen, erweist sich manche Einschätzung als Trug. Doch das stört nicht, im Gegenteil. Man fährt sich emotional beim Lesen nicht fest, bleibt in alle Richtungen offen, so wie auch die rasante Handlung. Die ist voller Haken und überraschender Wendungen. Manche dieser Wendungen sind allerdings so überraschend, dass es einige Unglaubwürdigkeit zu verzeihen gilt.
Erzählt wird weitgehend chronologisch, eine ganze Reihe paralleler Ereignisse überfluten die Bühne, spielen ineinander, beeinflussen sich gegenseitig. Durchbrochen wird das Ganze von Rückblenden in die Vergangenheit der Hauptpersonen. Damit werden nachträglich Erklärungen aufgebaut, Tiefen geschaffen.
Im Gegensatz zu etlichen anderen fesselt dieser Thriller nicht durch Grausamkeiten, auch wenn es durchaus blutige Szenen gibt. Vielmehr sind es die Besessenheit, die Dringlichkeit, die Atemlosigkeit, mit der John Kradle sein Ziel verfolgt, und die Umstände, die ihn davon abzubringen versuchen, die dafür sorgen, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann.

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Veröffentlicht am 19.09.2021

Tragik und Komik eng verwoben

Der Mauersegler
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Ein Arzt namens Prometheus ist in seinem Auto in ohne konkretes Ziel Richtung Norden unterwegs. Offenbar befindet er sich im totalen emotionalen Ausnahmezustand und scheint auch körperlich am Ende. Zu ...

Ein Arzt namens Prometheus ist in seinem Auto in ohne konkretes Ziel Richtung Norden unterwegs. Offenbar befindet er sich im totalen emotionalen Ausnahmezustand und scheint auch körperlich am Ende. Zu ahnen ist, dass er den Freitod als Lösung erkennt, und tatsächlich versucht er es. Doch dann kommt alles anders.
Jasmin Schreibers Talent ist neben ihrer originellen, frischen Sprache und den sprudelnden Ideen die Fähigkeit, Tragik und Komik so zu verknüpfen, dass ihre Bücher Gefühle einer umfassenden Spannbreite transportieren. Das konnte sie bereits bei „Marianengraben“ unter Beweis stellen.
Wie in ihrem ersten Buch geht es auch hier um die Verarbeitung eines Todes, um tiefe Verbundenheit, um Schuldgefühle.
Stück für Stück erfahren wir die Gründe für Prometheus´ Verzweiflung. Seine Erinnerungen sind überwältigend, beinahe präsenter als die tatsächliche Gegenwart. Mal nehmen sie ganze Kapitel ein, dann wieder sind sie wie beiläufig als Assoziationen in Klammern an andere Sätze angehängt. Die Zeitebenen sind eng verwoben, die Emotionen kreisen ausschließlich um den erlittenen Verlust seines Freundes Jakob und den eigenen Anteil an dessen Tod, den er sich zuschreibt.
Man merkt der Autorin die Biologin an. Vielfach werden Fauna und Flora in die Erzählung integriert. Als Zuschauer, als Metapher. So auch der Mauersegler, dem der Himmel näher ist als die Erde, und der sein Leben im Flug verbringt.
Die Einbeziehung der Tiere wird allerdings etwas überstrapaziert. Inwieweit die häufigen und wiederholten Erwähnungen mancher Tierarten sowie Ansätze zur Vermenschlichung der Geschichte förderlich sind, mag subjektiv unterschiedlich bewertet werden. Dasselbe ist über den Humor zu sagen, der hier mitunter slapstickartig den Ernst des Problems unterwandert, sowie über über die Sentimentalität, die in manchen Situationen übermächtig wird.
Dennoch werden Prometheus´ Schmerz, seine Zerrissenheit und sein Gefühl der Ausweglosigkeit facettenreich und glaubhaft dargestellt und machen den Roman lesenswert.

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Veröffentlicht am 28.05.2021

Provenzalische Beschaulichkeit, gepaart mit grausamen Verbrechen

Verhängnisvolles Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 7)
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Der Friede in dem malerischen Ort La Lavandou an der Côte D´azur wird jäh unterbrochen, als am Strand die in Plastik verpackte Leiche eines Jungen aufgefunden wird. Der Leichnam ist in ein Mädchenkleid ...

Der Friede in dem malerischen Ort La Lavandou an der Côte D´azur wird jäh unterbrochen, als am Strand die in Plastik verpackte Leiche eines Jungen aufgefunden wird. Der Leichnam ist in ein Mädchenkleid gehüllt, das Gesicht geschminkt. Der Körper weist Spuren starker Misshandlungen auf.
Auch in diesem siebten Band der Reihe um den deutschen Gerichtsmediziner Leon Ritter schafft Autor Remy Eyssen diesen besonderen Spagat: Er vereint Schilderungen brutalster Kriminalfälle mit dem beschaulichen Zauber eines typisch provenzalischen Ortes. Mühelos bildet er das Dorfleben ab, lässt die mittlerweile altbekannten Bewohner wieder auferstehen, die allesamt ihren Rollen erneut gerecht werden. Ein spezielles Highlight für Boulebegeisterte ist natürlich der obligatorische Wettkampf, der auf dem Platz vor dem Bistro Chez Miou ausgetragen wird und einmal mehr die Atmosphäre des Ganzen unterstreicht.
Leon Ritter ist ein absolut integrer Mensch, penibel und geistreich in seiner Arbeit, mit dem Anspruch, den Toten, die er untersucht, ebenso respektvoll entgegenzutreten wie er es bei lebenden Patienten täte. Er konzentriert sich derart auf das, was sie ihm mitzuteilen haben, dass es sogar zu übernatürlichen Erscheinungen kommen kann. Er liebt Isabelle, die stellvertretende Leiterin der Ermittlungsstelle, deren siebzehnjährige Tochter Loulu für Turbulenzen neben dem Hauptschauplatz sorgt.
Der Kriminalfall ist nicht besonders ausgeklügelt konstruiert, die Lösung ist bei aufmerksamem Lesen durchaus zu erraten. Doch viel mehr Gewicht liegt auf der Entwicklung der Ermittlungen und den parallel stattfindenden Verbrechen. Während auf der einen Seite mühsam und unter großem Druck Spuren verfolgt und ausgewertet werden, arbeitet ein erfindungsreicher Täter an der Vollendung seines zerstörerischen Werks.
Das ist durchaus spannend zu lesen. Und da die Rahmenbedingungen so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich vorgestellt werden, darf der Band auch Neueinsteigern empfohlen werden. Diejenigen, die Leon Ritter bereits kennen, haben sicher ohnehin schon zugegriffen.

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