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Veröffentlicht am 01.05.2022

Packender Abschluss der Trilogie mit interessanter und aktueller Thematik

Frische Wunden
5

Nach Kirsten Nähles Krimi-Debut „Zwölf Sünden“ und dem Nachfolger „Vertraute Qualen“ stellt nun „Frische Wunden“ den Abschluss der Kriminalroman-Trilogie um das Würzburger Ermittler-Duo Victoria Stahl ...

Nach Kirsten Nähles Krimi-Debut „Zwölf Sünden“ und dem Nachfolger „Vertraute Qualen“ stellt nun „Frische Wunden“ den Abschluss der Kriminalroman-Trilogie um das Würzburger Ermittler-Duo Victoria Stahl und Daniel Freund dar.

Wie bereits in den beiden Bänden zuvor ist man als Leser von Beginn an gleich mitten drin im Geschehen und muss dieses Mal hautnah miterleben, wie im Prolog eine junge Frau mit Baby auf dem Arm durch den Wald gehetzt und getötet wird. Der Prolog wird dabei in „Ich“-Form erzählt und hebt sich damit in puncto Atmosphäre und Erzählperspektive vom Rest des Buches ab. Im ersten Kapitel wird dann das Ermittler-Duo, wie bereits im Vorgängerband ergänzt durch die Anwärterin Kathrin Schuster und Oberkommissar Benedikt Strobel, zu eben diesem Tatort mitten im Wald gerufen. Obwohl das offensichtlich auffallend hübsche Opfer teure Kleidung trägt, ist sie im angrenzenden Nobel- und Villenviertel unbekannt, wie sich bei den ersten Befragungen herausstellt. Ungereimt bleibt zunächst einmal, wie die junge Frau dorthin gelangt war und die Bedeutung einer Babydecke, mit welcher die Tote zugedeckt war. Das von den Ermittlern und weiteren Personen verzweifelt gesuchte Baby bleibt erst einmal verschwunden. Darüber hinaus lernt der Leser Jonas kennen, der in einem Fitnessstudio arbeitet. Die Handlung spitzt sich dann soweit zu, dass der Leser befürchten muss, dass es sich bei der Toten wohl um Lara, die (Ex-)Freundin von Jonas handelt. Jonas stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und gerät dadurch selbst unter Verdacht. Zu diesen Protagonisten gesellen sich dann auch noch eine vernünftig überschaubare Anzahl von Nebencharakteren, die im Verlauf des Buches mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Handlung nehmen und von denen manche selbst zu Hauptverdächtigen werden. Privat ist Victoria mittlerweile wieder zu ihrem Mann Tom zurückgekehrt, ihre Tochter Marie befindet sich derzeit auf einem Auslandsaufenthalt in den USA und Daniel und seine Lebensgefährtin Susanne hatten eine Fehlgeburt erlitten. Und auch zwischen Kathrin und Daniel entwickeln sich nun deutlich mehr Gefühle als die beiden wohl geplant hatten. Hier wird also an vielen Stellen die Handlung dort fortgesetzt, wo sie ganz grob vor einem halben Jahr, damals in Band 2, geendet hatte. Alle drei Bände sind allerdings auch komplett unabhängig voneinander lesbar.

Die wieder einmal düstere Atmosphäre des Covers, welches einen leicht mit Schnee bedeckten Wald in gleißendem Gegenlicht zeigt, der Titel „Frische Wunden“ und die ständigen Perspektivenwechsel in den kurzen, mit den Namen der Protagonisten überschriebenen Kapiteln, welche die Autorin mit ihrem mitreißenden Schreibstil gekonnt einbaut, stellen einen hohen Spannungslevel über den gesamten Umfang des Buches hinweg sicher. In gewohnter Weise flüssig und nie langweilig erzählt, lässt Kirsten Nähle den interessanten Plot von „Frische Wunden“ sich zu einem begeisternden Pageturner entwickeln – zumal sie der gesamten Handlung wie auch den diesmal deutlich Ausdrucks- und Charakter-stärkeren Protagonisten im Gegensatz zum Vorgängerband mehr Zeit zur Entfaltung gewährt und deutlich mehr Tiefe verleiht. An keiner Stelle ist die Handlung auch nur im Entferntesten vorhersehbar und alle Handlungsstränge werden am Ende logisch und sinnvoll zusammengeführt. Ebenso wird mit der nicht erfüllten Kinderwunsch- und Leihmutterschaftsproblematik von der Autorin einmal mehr ein interessantes und hoch-aktuelles Thema aufgegriffen, zu welchem der Leser sich auf der Basis des Buches sein ganz eigenes Meinungsbild erstellen kann und zum individuellen Abwägen gelangt, was nun gesellschaftlich, moralisch und politisch sinnvoll ist oder sein könnte. Eine besonders emotionale Note bekommt der Roman dadurch, dass die Autorin die persönlichen Schicksale der Protagonisten, insbesondere der Ermittler Victoria, Daniel, Kathrin und Benedikt mit dem Kriminalfall geschickt verwebt.

Fazit: Kirsten Nähle liefert mit „Frische Wunden“ ein deutlich reiferes Werk ab als das noch mit dem unmittelbaren Vorgänger „Vertraute Qualen“ der Fall war. Die Handlung bleibt dieses Mal völlig widerspruchsfrei, zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar und spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Allen Lesern, die die Kriminalfälle und das Privatleben von Victoria und Daniel durch die Vorgängerbände begleitet haben, wird es eine Freude sein, nun den packenden Abschluss der Trilogie miterleben zu dürfen. Die Palette an Protagonisten ist vielfältig und jeder einzelne hat einen sehr viel ausgeprägteren Charakter und mehr Facetten als das noch in „Vertraute Qualen“ der Fall war. Des weiteren hat die durchweg schlüssige Handlung deutlich mehr Tiefgang. Nach „Frische Wunden“ wäre es durchaus schön, wenn sich Kirsten Nähle dazu entscheiden würde, die Trilogie irgendwann dann vielleicht mit einem Folgeband weiterzuführen. Vermutlich würden viele Leser gemeinsam mit mir gerne erfahren, vor welche Herausforderungen Victoria, Daniel, Kathrin und Benedikt beruflich wie auch privat noch gestellt werden.

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  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 29.09.2021

„Liebe Leiche, sprich mit mir und erzähl' mir die Geschichte deines Mordes!“

Tote schweigen nie
4

Mit „Tote schweigen nie“ beginnt A. K. Turner eine neue Krimi-Serie, die zu einem großen Teil im Bereich der Forensik spielt. Mit eben diesem sehr abwechslungsreichen Auftaktband ist der Autorin der Einstieg ...

Mit „Tote schweigen nie“ beginnt A. K. Turner eine neue Krimi-Serie, die zu einem großen Teil im Bereich der Forensik spielt. Mit eben diesem sehr abwechslungsreichen Auftaktband ist der Autorin der Einstieg in dieses Vorhaben mehr als geglückt. Das mag zum einen daran liegen, dass Turner ihren beiden Protagonistinnen Zeit lässt ihre jeweiligen Charaktere zu entfalten, zum anderen dass der Plot recht vielschichtig gestaltet ist und mehrere Handlungsstränge parallel verfolgt werden.

Zum einen gibt es da die etwas spleenige, mit Tatoos und Piercings übersäte Gothic-Queen Cassandra „Cassie“ Raven, die Sektionsassistentin im Londoner Institut für Rechtsmedizin ist. Auf ihrem Seziertisch landen allerlei Leichen, die allesamt ihre ganz eigene Geschichte „erzählen“ und mit sich herumtragen. Stets geht Cassie mit ihnen sehr behutsam um und versucht zu ergründen, welches Schicksal ihre Schützlinge ereilt hat. Da sie bei ihrer Arbeit sehr aufmerksam ist, fallen Cassie auch die kleinsten Details auf. Darüber hinaus besitzt sie die Gabe mit ihren Leichen „sprechen“ zu können – es handelt sich hierbei weder um ein reales noch um ein übernatürliches oder übersinnliches Gespräch, sondern vielmehr um ein imaginäres, welches sich in Cassies Fantasie abspielt. Die Toten und auch Cassie finden gewissermaßen erst dann ihre Ruhe, wenn geklärt wurde, wie die Toten umkamen. Völlig geschockt ist Cassie allerdings, als sie in Vorbereitung des nächsten Falls den Leichensack öffnet und gänzlich unerwartet ihre ehemalige Mentorin Mrs. Edwards, genannt „Mrs. E“, von ihr obduziert werden soll, der sie im Prinzip ihren ganzen Werdegang zu verdanken hat. Lediglich zuletzt hatte sie sich mit Mrs. E ein wenig verkracht und den Kontakt verloren. Cassie ist sich sicher, dass Mrs. E nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Als Gegenpol ruft A. K. Turner die überaus gewissenhafte, korrekte und linientreue Detective Sergeant Phyllida Flyte ins Leben, die stets nach Vorschrift handelt und dies auch sehr deutlich in Kleidung und Auftreten verkörpert. Zu Beginn verschwindet erst einmal eine Leiche aus der Forensik und die beiden Damen sind sich untereinander nicht besonders sympathisch – Flyte verdächtigt zunächst Cassie sogar, da sie bei ihr zu Hause einen Totenschädel findet und von Cassies außergewöhnlichem Hobby des Ausstopfens von Tieren mehr als überrascht ist. Aber im Verlauf des Buches finden die beiden, entgegen aller Vorbehalte, zueinander und Cassie kann Flyte - wider der Beweislage - davon überzeugen, den Tod von Mrs. E auch kriminalistisch weiter zu verfolgen.

Die Handlung wurde von A. K. Turner sehr klug inszenierten, die Geschichte wird immer aus wechselnden Perspektiven geschildert und es gibt gleich mehrere Fälle, die parallel zueinander aufgeklärt werden müssen, bei denen der Leser sich stets am Puls der Ermittlungen befindet. Sprachlich leicht verständlich geschrieben und von Marie-Luise Bezzenberger hervorragend aus dem Englischen (Originaltitel: "Body Language") übersetzt, werden die Charaktere sehr Detail-genau geschildert; dies gilt nicht nur für die Protagonisten Cassie und DS Flyte, sondern auch für alle Nebencharaktere, insbesondere für Cassies polnische Großmutter Weronika. Die Hörbuchvariante wird zudem großartig von Sandra Voss gesprochen.

Fazit: Basierend auf einem für einen Krimi zunächst ungewöhnlichen Blickwinkel der Forensik entwickelt sich ein exzellenter Krimi mit zwei überaus Charakter-starken Frauen, die in vielerlei Hinsicht nicht unterschiedlicher sein könnten, sich aber immer mehr aufeinander zu bewegen, immer besser zusammenarbeiten, die offenen Fälle erfolgreich angehen und im Hinblick auf eine Fortsetzung am Ende so gut miteinander harmonieren, dass der Leser gespannt sein darf, wie sich das Ganze zwischen den beiden noch weiterentwickeln wird. Das Buch ist gespickt mit unerwarteten Wendungen, entwickelt sich immer mehr zum Pageturner und hält eindeutig, was sein überaus interessantes Cover verspricht. Angereichert durch forensisches Wissen ist die Lektüre für den Leser/Hörer auch überaus informativ, spannend und durch den humorvollen Schreibstil auch sehr unterhaltsam. Ich persönlich fiebere der Fortsetzung dieser Krimi-Reihe entgegen: Vermutlich möchte aber jeder Leser nun nach Band 1 noch mehr über die nur auszugsweise, angerissene Vergangenheit der beiden Protagonistinnen erfahren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.09.2021

Exzellenter Krimi über einen Mehrfachmord, Nanobots, graue Gänse und graue Grütze

Seht ihr es nicht?
3

„Aha, bei diesem Buch handelt es sich also tatsächlich um einen Kriminal-Roman“ nahm ich zur Kenntnis, als ich zum wiederholten Male den Klappentext studiert hatte, nachdem mir das erste Fünftel von Georg ...

„Aha, bei diesem Buch handelt es sich also tatsächlich um einen Kriminal-Roman“ nahm ich zur Kenntnis, als ich zum wiederholten Male den Klappentext studiert hatte, nachdem mir das erste Fünftel von Georg Haderers „Seht ihr es nicht?“ gleichsam seines Buchtitels gar nicht so recht zu einem spannenden Krimi passen wollte. „Okay, ... und in dieser Geschichte geht es also um Forschung mit und an Nanobots … um was, bitteschön?“ Vermutlich geht es einer Vielzahl von Lesern so oder so ähnlich beim Einstieg in diesen Roman, was daran liegen dürfte, dass der Autor sich die nötige Zeit nimmt seine aus dem alltäglichen Leben gegriffenen Protagonisten sehr behutsam in den, wie sich im Laufe des Weiterlesens herausstellen wird, großartigen Plot einzuführen und den Kriminalfall und dessen Aufklärung sich erst mit der Zeit entwickeln lässt. Hierdurch ist der Leser immer hautnah bei den Protagonisten und deren aktuellstem Stand der Ermittlungen aber auch an deren Privatleben – im Gegensatz zu sonstigen Ermittlern in Krimis oder Thrillern haben die Hauptpersonen in „Seht ihr es nicht?“ tatsächlich ein solches und sind darüber hinaus auch weit von einem Superhelden-Status entfernt, was sie allesamt recht sympathisch und vertraut wirken lässt.

Natürlich gibt es frühzeitig bereits den rätselhaften Mord an Helena Sartori, ihren Eltern und ihrem Sohn – lediglich ihre jugendliche Tochter, Karina, scheint von dem Massaker verschont geblieben zu sein, ist seither aber spurlos verschwunden. Die Familie hatte sehr abgeschieden gelebt, zudem hatte Helena aus ungeklärten Gründen ihren gut bezahlten und sehr angesehen Job gegen einen viel schlechteren „in the middle of nowhere“ eingetauscht und sich ferner von ihrem Mann, Franz Morell, getrennt. Für den Mord scheint jegliches Motiv zu fehlen – zumindest zunächst. Dann wiederum wird der Leser direkt ins Leben der unangepassten Ermittlerin Philomena „Philli“ Schimmer und ihrer beiden Schwestern Thalia und Nemo und deren Leben hinein geworfen. Die Schwestern gehen gemeinsam zum Friseur, machen gemeinsame Ausflüge mit der Familie oder gehen mit dem Hund der Eltern Gassi. Bei vertrauten Unterhaltungen von Philli mit ihren Schwestern und Kollegen wird einerseits oft philosophiert, andererseits jedoch driftet Schimmers Sprache häufig auch in einen recht vulgären Alltagsslang ab, was allerdings der Rolle der authentischen Kommissarin durchaus angemessen erscheint. Schimmer ist durch einen ehemaligen Fall stark traumatisiert und wurde daraufhin auf ihren Wunsch hin in eine Sondereinheit zum Auffinden vermisster Personen beim österreichischen BKA versetzt. Auf einer zweiten Schiene lernen wir Michael „Michi“ Muster kennen, der die Ermittlungen in diesem Mordfall leiten soll und Schimmer unbedingt zur Aufklärung des Falles mit im Boot haben möchte. Zudem ist er Phillis Ex-Freund, ist mittlerweile aber mit einer anderen Frau verheiratet – allerdings haben die beiden seit geraumer Zeit wieder ein Verhältnis. Er benötigt Schimmers Unterstützung, da er um ihre Gabe weiß, Dinge zu sehen, welche anderen entgehen.

Basierend auf diesem Gerüst, lässt Georg Haderer sprachlich sicherlich eigenwillig, aber gewandt die Aufklärung des Kriminalfalls Stück für Stück reifen. Anfangs gibt es jede Menge Geheimnisse um die Ermordete und fast alle Befragten scheinen etwas zu verbergen oder wichtige Informationen zurückzuhalten. Zusammen mit den Ermittlern (mal sind wir gemeinsam mit Philli, mal mit Michi unterwegs, mal schließen sich die beiden kurz) tappt der Leser im völligen Dunkeln bis sich schließlich das Puzzle zusammensetzt und Licht ins Dunkel kommt - scheinbar. „Seht ihr es nicht?“ lebt weniger von geballter Action als vielmehr von interessanten Beobachtungen und psychologischen Einblicken in die Gefühlslage und Charaktereigenschaften seiner Protagonisten und bleibt durchweg spannend bis hin zum überraschenden Finale.

Fazit: „Seht ihr es nicht?“ ist einerseits ein sicherlich höchst unkonventioneller Kriminalroman, der aber andererseits sehr intelligent und spannend inszeniert wurde. Hat der Leser sich erst einmal an die Sprache gewöhnt und den roten Faden in der Handlung entdeckt, wird er/sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen. Angereichert durch die wissenschaftlichen Aspekte ist der Roman auch informativ und Humor und Ironie lässt die Lektüre ebenso wenig vermissen. Auf großartige Weise nimmt Georg Haderer den Leser durchweg auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten mit auf eine Kriminalreise voller unerwarteter Wendungen und erlaubt dem Leser gewissermaßen gemeinsam mit den Kommissaren „Philli und Michi“ von nebenan den Fall zu durchleben und zu lösen.

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Veröffentlicht am 03.08.2021

„Und es ward Licht“: Mittels Quantum- und Cluster-Computing zur Mordserie im abgelegenen Kloster L’Archange Michel

Die Gottesmaschine
11

Der Roman „Die Gottesmaschine“ von Reinhard Kleindl ist ein typischer Vertreter des Genres Thriller und lässt sich wohl am besten als eine Mischung von Ideen aus diversen Büchern von Dan Brown mit Elementen ...

Der Roman „Die Gottesmaschine“ von Reinhard Kleindl ist ein typischer Vertreter des Genres Thriller und lässt sich wohl am besten als eine Mischung von Ideen aus diversen Büchern von Dan Brown mit Elementen aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ charakterisieren, ohne aber auch nur an einer einzigen Stelle als billiger Abklatsch seiner Vorlagen zu wirken.

Bereits im Prolog ist die Spannung sehr hoch und der Leser erfährt vom Tode einer bis dahin unbekannten Person im fiktiven Kloster L’Archange Michel. In der Folge schreitet die Handlung dann ein wenig gemächlicher voran, was der umfangreichen Einführung der Protagonisten geschuldet ist: Der von seiner Afrikamission zurückgekehrte Weihbischof Stefano Lombardi möchte seinem Freund Alessandro Badalamenti einen Gefallen bereiten und soll einen Blick auf dessen Zögling, den Mönch Sébastien, werfen. Etwas unbeholfen und tolpatschig irrt Lombardi auf seiner Suche nach Sébastien, der auf einem „Supercomputer“ Rechnungen im Dienste der Wissenschaft anstellt, erst einmal durch das, zugegebenermaßen sehr fortschrittliche, Kloster und erinnert dabei in seiner leicht unbeholfenen Art ein wenig an den Fernsehkommissar Columbo (Trenchcoat dabei durch typische Priesterkleidung ersetzt). Da er bei seinen Irrungen und Wirrungen nun nicht übermäßig erfolgreich scheint und ihm die Mönche ihre Unterstützung weitestgehend versagen, stellt ihm Autor Reinhard Kleindl die sympathische, wenngleich auch etwas undurchsichtige Wissenschaftlerin Samira Amirpour zur Seite, was dem weiteren Verlauf der Geschichte enorm gut tut, insbesondere dadurch, dass Amirpour dem Leser die wissenschaftlichen Zusammenhänge näher bringt. Lombardis Ausführungen hingegen vermitteln dem Leser in kirchlichen Fragen das notwendige Rüstzeug. Dank einer überaus modernen und hilfreichen Smartphone-App des Klosters lassen sich Touren durch die dunklen Labyrinth-artigen Gänge des Klosters leichter durchführen – zumindest manchmal, hin und wieder wird's auch lebensgefährlich. Vermöge dieser App erfährt Lombardi zunächst vom Tod Sébastiens, später entdeckt er zusammen mit Amirpour dann auch dessen Leiche – es wird nicht der letzte Ermordete im Kloster bleiben. Nach und nach lernen wir immer mehr die wichtigsten Charaktere des Romans kennen u. a. Abt Shanti, den kauzigen und schrullige Pater Angelus, den traditionellen Hardliner Pater Philipp, einige weitere Mönche wie beispielsweise Demetrios, Blessings oder den Novizen Weiwei, zwei Computerexperten und den mysteriösen Diener. Viele spannende Wendungen sorgen dafür, dass manch vom Leser als Hauptverdächtiger für die Morde gehaltene Charakter bereits in den Folgekapiteln nicht mehr unter den Lebenden weilt. Speziell im zweiten Teil des Buches nimmt die Handlung nochmals gehörig Fahrt auf und die Handlungssträge verteilen sich auf besagtes Kloster und den Vatikan.

Reinhard Kleindls Schreibstil ist flüssig und recht unkompliziert gehalten, wodurch es ihm, unterstützt durch kurze, mit Cliffhangern endende Kapitel gelingt, die Spannung und das Tempo jederzeit recht hoch zu halten. Trotz kleinerer Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten weiß der Roman durchweg zu überzeugen und braucht den eingangs erwähnten Vergleich mit der wohlbekannten Literatur aus der Feder Dan Browns keineswegs zu scheuen. An Umberto Ecos „Der Name der Rose“ reicht der Plot dann sicherlich nicht ran, dazu hätte „Die Gottesmaschine“ aber auch mindestens den doppelten Umfang benötigt, um einerseits die Charaktere der Protagonisten noch besser heraus zu arbeiten und andererseits die Handlungsstränge sich ein wenig besser entfalten zu lassen und sie dann schließlich auch zu Ende zu führen. Nun gibt es aber auch nicht besonders viele Romane, die den Büchern von Umberto Eco standhalten könnten - bei solch einem Vergleich liegt die Messlatte dann natürlich auch schon gehörig hoch. Das im Prinzip sehr interessant gestaltete Cover in Kombination mit dem Titel des Buches mag leicht irreführend sein, da der Leser auf die versprochene „Gottesmaschine“ oder das, was man sich als Leser auch immer darunter vorstellen mag, vergebens wartet.

Fazit: Reinhard Kleindl hat mit seinem Thriller „Die Gottesmaschine“ einen sehr spannenden, interessanten und lehrreichen Roman geschrieben, der mich im Großen und Ganzen sehr überzeugt hat und der sich durchaus auf Augenhöhe mit jenen von Dan Brown befindet. Wissenschaftlich - die Physik wurde dabei sehr schön herausgearbeitet - bleibt das Buch stets einwandfrei, der Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft wird sehr realistisch, glaubwürdig und überzeugend dargestellt. Sehr gut gefällt mir darüber hinaus die versteckte Kritik an den Medien, wenn Teilaussagen aus dem Kontext heraus gepflückt und/oder lediglich auf Überschriften komprimiert werden. Sehr eindrucksvoll wird in „Die Gottesmaschine“ dargelegt, wozu eine solche Polarisierung und Stimmungsmache letzten Endes führen kann. Es bedarf dazu reichlich wenig, um die Welt ins Chaos zu stürzen: Einige falsch interpretierte Meldungen, Stimmungsmacher mit terroristischen Tendenzen und eine etwas unzufriedene und orientierungslose Menschenmasse, die sich leicht beeinflussen lässt reichen als Ingredienzien. Unterm Strich ist „Die Gottesmaschine“ ein sehr überzeugender Thriller, bei dem der Plot recht gelungen ist und dessen Spannungslevel nie nachlässt.

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Veröffentlicht am 26.04.2021

Festgefahrene Seele wird „wach geküsst“ und entdeckt sich wieder

Und dann war es Liebe
10

Der wohl für das Genre etwas untypische Liebesroman „Und dann war es Liebe“ von Lorraine Brown beginnt mit einer nahezu alltäglichen Story. Die etwas tollpatschige Hannah und ihr selbstbewusster Freund ...

Der wohl für das Genre etwas untypische Liebesroman „Und dann war es Liebe“ von Lorraine Brown beginnt mit einer nahezu alltäglichen Story. Die etwas tollpatschige Hannah und ihr selbstbewusster Freund Simon irren durch den überfüllten Bahnhof in Venedig, um den Nachtzug nach Amsterdam gerade noch zu erwischen. Dabei fehlen bei der detaillierten Beschreibung weder die mit Stadtplänen hantierenden Gruppen von Touristen, die den Weg versperren, noch das für solche Aktionen immer etwas zu unhandliche und sperrige Gepäck, das man mit sich führt. Kaum im Zug angelangt, müssen die beiden feststellen, dass das von Simon gebuchte, romantische Erste-Klasse-Schlafabteil doppelt vergeben wurde und sie sich neue Plätze im Zug suchen müssen, die sie schließlich auch finden. Während Simon, der innerhalb der Beziehung durch seine dominante Art stets fürs Organisieren zuständig ist, schläft, sucht sich Hannah einen bequemeren Platz einige Waggons weiter im Zug. Es kommt, wie es kommen muss: Unbemerkt wird der Zug unterwegs getrennt, Simon sitzt in dem Zugteil nach Amsterdam, Hannah in jenem nach Paris. Hierzu sowie zur Beschreibung der Entwicklung, die Hannah mit dem Gang der Geschichte durchlaufen wird, trifft meines Erachtens der englische Originaltitel „Uncoupling“ (zusammen mit seinem Cover) in seiner doppelten Bedeutung das Geschehen weitaus passender als sein deutsches Pendant.
Bereits im Zug, insbesondere aber auf den Bahnhöfen in Paris läuft Hannah dem anfangs etwas nervig wirkenden Léo immer wieder aufs neue über den Weg. Da die Weiterfahrt nach Amsterdam erst viele Stunden später möglich ist und Léo sich bestens in Paris auskennt, versucht er Hannah zu einer Besichtigungstour durch Paris zu überreden, was ihm dann schließlich auch gelingt. Der Leser darf die beiden beim Besuch diverser Sehenswürdigkeiten begleiten, mit ihnen zusammen verschiedene Pariser Köstlichkeiten genießen und bekommt einen realistischen Eindruck von der Atmosphäre und vom Lebensgefühl in Paris. Ob die beiden nun bei der Stadtrundfahrt tatsächlich zueinander finden und romantische Gefühle füreinander entwickeln oder ob Hannah durch die Gespräche zwischen den beiden wichtige Schlüsse zur Verbesserung ihrer Zukunft mit Simon gewinnt … ja, wer weiß das schon – eine Antwort darauf sollte an dieser Stelle natürlich offen bleiben.

Sehr flüssig und einfühlsam, wie auch mit einem leicht ironischen Humor lässt Lorraine Brown gekonnt ihre Charaktere sich durch den Roman bewegen, was den Leser an vielen Stellen des Buches sowohl zum emotionalen Mitfiebern als auch zum Schmunzeln verleitet. Nicht nur die Protagonisten Hannah, Léo und Simon, sondern auch die Nebencharaktere wie beispielsweise Hannahs Mutter oder Simons Schwester Catherine durchlaufen dabei eine wichtige und interessante Entwicklung. Die Geschichte entwickelt sich sehr geschickt aus einer Verknüpfung von alltäglichen Situationen, wie sie jeder Leser auf die eine oder andere Weise selbst schon erlebt hat und gibt ihm somit das Gefühl sich jederzeit in das Geschehen und die Charaktere unmittelbar hinein versetzen zu können. Sehr unaufdringlich vermittelt Lorraine Brown dem Leser aber darüber hinaus die Botschaft, über das Gelesene ein wenig zu reflektieren und sich darüber Gedanken zu machen, ob sich in der eigenen Beziehung fälschlicherweise vielleicht nicht einige Muster zu viel eingeschlichen und festgefahren haben, ob man sich gegenseitig immer auf Augenhöhe begegnet und an welcher Stelle möglicherweise Optimierungsbedarf bestehen könnte – sei es, dass wir uns manchmal zu kontrolliert und zu dominant verhalten oder andererseits zu wenig selbstbewusst sind, uns zu sehr anpassen, unser Leben vielleicht zu sehr aus der Hand geben oder dem Partner immer nur entsprechen wollen.

Das künstlerisch gestaltete Cover des Buches stellt ein sich küssendes Paar vor der Kulisse von Paris dar; gleichsam dem deutschen Titel des Buches, muss der Leser allerdings lange, genau genommen bis zum Ende des Romans ausharren, bis sich dem Leser die Implikationen von Cover und Titel erschließen. Hierdurch wird der Spannungsbogen der Geschichte aber durchaus zusätzlich noch einmal gesteigert. Einige wenige, kleinere Unstimmigkeiten in der Handlung mögen manch einem Leser missfallen, haben mir persönlich aber keinerlei Probleme bereitet.

Fazit: „Und dann war es Liebe“ mag vielleicht kein typischer Liebesroman sein, stellt aber eine wunderschöne, packende und sehr unterhaltsame Geschichte mit einem interessanten Showdown und einem romantischen Happyend dar, die durch die Entwicklung seiner Protagonisten den Leser ganz ungezwungen durchaus zum Nachdenken inspiriert. Dabei bleiben einige emotionale Fragen offen, die den Leser dazu verleiten, Antworten darauf sich im eigenen Kopfkino auszumalen und die den Wunsch nach einer Fortsetzung der Geschichte hegen. Für meinen Geschmack hat Lorraine Brown in ihrem überzeugenden Erstlingswerk wirklich alles richtig gemacht: Ein tolles Buch, welches seinen Leser vom Anfang bis zum Ende in seinen Bann zieht.

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