Zeiten des Wahnsinns
Alles Dunkel dieser WeltSchon in seinen Liedern der zahlreichen Solo-Platten singt Mark Lanegan bewegend und rau von langen dunklen Zeiten und harten Wegen, aber in seiner Biografie „Alles Dunkel dieser Welt“ legt er seine Seele ...
Schon in seinen Liedern der zahlreichen Solo-Platten singt Mark Lanegan bewegend und rau von langen dunklen Zeiten und harten Wegen, aber in seiner Biografie „Alles Dunkel dieser Welt“ legt er seine Seele und Drogensucht radikal und knallhart detailliert offen. Aufgewachsen mit einer lieblosen Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater, war die Musik seine Fluchtmöglichkeit aus der Kleinstadt Ellensburg – doch die Grunge-Zeit der 90er-Jahre war für Lanegan vor allem durch Heroin geprägt. Viele nahe Wegbegleiter wie Kurt Cobain oder Kristen Pfaff starben und Lanegan liefert mit seiner intensiven Autobiografie eine schonungslose und lakonische Chronik seiner jahrelangen Sucht, dem körperlichen und psychischen Verfall, der Entzugserscheinungen sowie den vielen verästelten Wegen der Drogenbeschaffung. Bis ihm eine berühmte Bekannte seine Rehab bezahlte und er den Weg aus Abhängigkeit, Kleinkriminalität und Obdachlosigkeit schaffte.
Doch als Sänger der Screaming Trees kann Lanegan neben der Suchthölle auch ausgiebig und präzise aus dem Grunge-Nähkästchen sowie der Hochburg Seattle plaudern, auch wenn die Band nie so erfolgreich war wie Nirvana & Co. – von ausgearteten Auftritten, Backstage-Eskapaden, zahlreichen Frauengeschichten sowie Aufstieg und Fall so mancher Vorzeigeband. Auf 440 soghaften, intimen und teils tragikomischen Seiten blickt der Leser mit viel schwarzem, derben Humor und erschütternden wild-düsteren Geschichten voyeurístisch in Lanegans Leben, das so oft am seidenen Faden hing. Lanegan erzählt nüchtern und ehrlich, ohne zu reflektieren – er bittet nicht um Sühne für seine Verfehlungen und Abgründe, schildert sein Dunkel dieser Welt sowie Musikerlaufbahn bissig-sachlich und liefert dabei neben einer grandiosen Reise in die Grunge-Ära, einen aufrüttelnden, sarkastischen und verstörend-radikal offenen Blick in die Heroin-Sucht.
Grandios übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner und am besten untermalt mit Lanegans von seinen Memoiren inspirierten Soundtrack „Straight Songs Of Sorrow“ ist diese direkte und kraftvolle Musiker-Autobiografie wahrlich keine klassische, aber jetzt schon legendär und auf seine ganz eigene berührende Art lesenswert!