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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.10.2021

Eine unbedingte Leseempfehlung

Die verlorene Generation
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Wie wir es von Autor und Historiker Christian Hardinghaus gewöhnt sind, hat er für dieses, sein drittes Buch, über die Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, die letzten noch lebenden Zeitzeugen ...

Wie wir es von Autor und Historiker Christian Hardinghaus gewöhnt sind, hat er für dieses, sein drittes Buch, über die Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, die letzten noch lebenden Zeitzeugen aufgesucht und zahlreiche Interviews geführt. „Oral History“ ist das Schlagwort dazu, denn der Autor lässt die Zeitzeugen erzählen. Gleichzeitig werden diese Berichte in den historischen Kontext eingebettet.

Nach „Verdammte Generation“ und „Verratene Generation“ widmet sich der Autor jenen Männern, die noch als Schüler zuerst als Flakhelfer und dann als Infanteristen an die Front geschickt wurden. Wir, die seit Jahrzehnten in Frieden leben (und den manchmal gar nicht so richtig zu schätzen wissen) dürfen an den Gedanken, Ängsten und Sorgen der jungen Männer teilhaben, denen das NS-Unrechtsregime die Jugendjahre gestohlen hat.

Jede Geschichte enthält biografische Daten wie Geburtsdatum, Herkunft und Elternhaus. Vor allem das Elternhaus prägt die jungen Soldaten, sei es, dass sie aus tief religiösen, christlichem oder humanistischen Elternhaus stammen oder, dass ein Vater doch bei der SS war. Anschließend lässt Christian Hardinghaus die betagten Männer erzählen. Die furchtbaren Ereignisse kommen wieder aus dem Inneren hervor und lassen den einen oder anderen in Tränen ausbrechen.

Anfangs sehen die Halbwüchsigen ihre Aufnahme in die Hitlerjugend durchaus positiv. Sie scheinen an den sportlichen Veranstaltungen Gefallen zu finden, ahnen aber nicht, dass sie so spielerisch zu Soldaten ausgebildet werden sollen. Mit Fortdauer des Krieges ändert sich einiges und die jungen Burschen werden oft nach nur wenigen Wochen als Kanonenfutter an die Front geschickt. Sie sehen ihre Klassenkameraden sterben und erleiden selbst schwere Verletzungen. Die seelischen Verletzungen werden bei manchen bis heute nicht geheilt sein.

Wir Nachgeborenen dürfen uns nicht vom Wissen von heute verleiten lassen, diese Kindersoldaten zu verdammen. Der anfängliche Enthusiasmus verschwindet recht bald. Sie kämpfen um das eigene Überleben und sind heute oft erschrocken über ihren jugendlichen Überschwang von damals. Aber, ihnen ist ja eingetrichtert worden, die „Heimat zu verteidigen“. Das darf man nicht vergessen.

Jedem der 13 ehemaligen Flakhelfern stellt Christian Hardinghaus die Frage, was sie von der Vernichtung der Juden gewusst haben. Unisono berichten die Männer, dass zwar wussten, dass Juden im Deutschen Reich unerwünscht waren und umgesiedelt wurden. Von der Massenvernichtung haben sie erst nach dem Krieg erfahren, was durchaus glaubwürdig wirkt.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das von mir 5 Sterne erhält und die Leser die dringende Empfehlung, es zu lesen und, wenn es noch Verwandte gibt, die diese Gräuel miterlebt haben, einfühlsam zu befragen. Einige warten darauf, sich ihre Last von der Seele reden können.

Veröffentlicht am 16.10.2021

Hat mich bestens unterhalten

Ein Rindvieh für Gaddafi
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Günther Thönnes hat mit diesem Krimi eine herrliche Satire geschaffen. Er entführt seine Leser in das Wien der 1980er Jahre. Man fischt eine Leiche aus dem Donaukanal, der zuvor die Hände abgehackt und ...

Günther Thönnes hat mit diesem Krimi eine herrliche Satire geschaffen. Er entführt seine Leser in das Wien der 1980er Jahre. Man fischt eine Leiche aus dem Donaukanal, der zuvor die Hände abgehackt und die Zunge herausgeschnitten wurden. Zeichen, dass es sich um einen Verräter handeln muss?

Chefinspektor Erwin Wimmer, der nach seiner Lieblingsspeise „Sterz“ genannt wird, wird mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Recht schnell ist klar, dass er dabei in höchste Regierungskreise eintauchen muss. Er stößt auf einen, dem Ölpreiskrise von 1973 geschuldeten Deal mit dem libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi als der noch von den westlichen Regierungen hofiert worden ist.
Wimmers Tanzpartnerin Elisabeth Körner ist Lokalreporterin und versorgt den Sterz mit einigen Informationen. So soll libysches Öl im Tausch gegen österreichische Rindviecher nach Österreich gekommen sein. Dieser von der Politik einfädelte Handel, scheint jahrelang perfekt funktioniert zu haben, bis ... das lest bitte selbst.

Meine Meinung:

Mir hat dieser Krimi sehr gut gefallen, bin ich doch in dieser Zeit augewachsen. Um Heizkosten zu sparen, wurden die Schulen im Februar eine Woche geschlossen, „Energieferien“ nannte man sie. Ohne groß darüber nachzudenken, wer die lieben Kleinen betreut. Wenig später hat dann die Tourismusbranche frohlockt: eine weitere Ferienwoche, in der man den Leuten hohe Preise, aber wenig Service bieten konnte. Aber das nur nebenbei.

Das Ermittlerduo Wimmer & Körner gefällt mir sehr gut. Er, 1,98 groß und sie, mit nur knapp 1,60 ein „Stummel“ (oder „Gschterml“ wie man in Wien sagt). Die beiden bewegen sich zu Walzerklängen im Gleichklang und haben auch sonst eine harmonische Beziehung, ohne die üblichen Querelen.

Sehr geschickt sind hier Fakten und Fiktion miteinander verwoben. Wir dürfen der einen oder anderen gewichtigen Persönlichkeit aus Österreichs Innenpolitik begegnen.

Ein klitzekleiner Recherchefehler ist mir aufgefallen: Wimmer kann kein 2-Schilling-Stück in den Schlitz des Münztelefons stecken, denn die gab es nur zwischen 1925-1938 und 1947-1957. Aber, das ist vernachlässigbar und fällt nur ganz wenigen auf.

Fazit:

Ein gelungener Krimi, der mich bestens unterhalten hat. 5 Sterne.

Veröffentlicht am 03.10.2021

Kärnten ist immer eine Reise wert

111 Orte in Kärnten, die man gesehen haben muss
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Ein weiterer Band aus der Reihe „111 Orte, die man gesehen haben muss“, der uns zu besonderen Orten führt: diesmal in Österreichs südlichstes Bundesland Kärnten.

Das Journalistenehepaar Gisela Hopfmüller ...

Ein weiterer Band aus der Reihe „111 Orte, die man gesehen haben muss“, der uns zu besonderen Orten führt: diesmal in Österreichs südlichstes Bundesland Kärnten.

Das Journalistenehepaar Gisela Hopfmüller und Franz Hlavac zeigen hier Schätze, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick als solche erkennt. Von A wie Althofen bis W wie Wolfsberg bereisen wir gemeinsam Kärnten, das mehr zu bieten hat als Schicki-Micki am Wörthersee und die Bike-Woche rund um den Faaker See.

Als halbe Kärntnerin sind mir fast alle der genannten Orte bekannt, dennoch konnte auch ich Neues entdecken, z.B. die „Türkei“ (S. 206) zwischen Villach und dem Faaker See gelegen, hat der Legende nach mit den Türkenkriegen zu tun.


Das Autoren-Duo erzählt spannende Geschichten und verbindet diese mit prächtigen Fotos abseits von kitschigen Postkartenmotiven. Obwohl, eine Postkarte spielt rund um das Schloss Seefeld (Pörtschach S. 154) eine große Rolle.

Fazit:

Kärnten ist immer eine Reise wert und mit diesem Reiseführer lassen sich zahlreiche Kleinode entdecken. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 03.10.2021

Eine Hommage an eine fast Vergessene

Althea Gibson – Gegen alle Widerstände. Die Geschichte einer vergessenen Heldin
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Bruce Schoenfeld setzt mit dieser Biografie einer beinahe Vergessenen ein Denkmal: Althea Gibson (1927-2003). Sie ist die erste schwarze Tennisspielerin, die Wimbledon gewonnen hat. Die aus ärmsten Verhältnissen ...

Bruce Schoenfeld setzt mit dieser Biografie einer beinahe Vergessenen ein Denkmal: Althea Gibson (1927-2003). Sie ist die erste schwarze Tennisspielerin, die Wimbledon gewonnen hat. Die aus ärmsten Verhältnissen stammende Amerikanerin, ist mehr oder weniger Autodidaktin beim Erlernen der Grundbegriffe im Tennis. Sie erlebt Diskriminierung aus Ausgrenzung aufgrund ihrer Hautfarbe.

Dann lernt sie bei einem der zahlreichen Turniere die Engländerin Angela Buxton (1934-2020) kennen, die ebenso eine Außenseiterin ist. Doch Buxton ist reich und weiß, dennoch wird sie ebenfalls gemieden, denn ihre Eltern sind Juden, Nachfahren russischer Emigranten.

Althea und Angela könnten unterschiedlicher nicht sein.

Beide Frauen kämpfen gegen Vorurteile und fechten erbitterte Tennisduelle gegeneinander aus, bis sie sich zusammenschließen und die Sensation schaffen: Sieg beim Damen-Doppel in Wimbledon 1956.

Bis zum Ende ihrer Karriere wird Althea Gibson elf Grand-Slam Titel holen.

Meine Meinung:

Autor Bruce Schoenfeld setzt Althea Gibson mit dieser Biografie ein Denkmal. Fesselnd schildert er den Werdegang dieser Tennisspielerin, der im Leben wenig geschenkt wird, die mit Anfeindungen und Rassismus, vor allem in ihrer Heimat Amerika, leben muss.

Einzelne Passagen, die die zahlreichen Turniere wiedergeben, könnten für manche Leser, die mit Tennis wenig am Hut haben, zu ausführlich erscheinen. Doch der lebendige Schreibstil macht diesen Ausflug in die trockene Zählweise beim Tennis wieder wett.

Besonders interessant ist der Vergleich zwischen den so unterschiedlichen Frauen, die dennoch viel gemeinsam haben.

Wenn es heute selbstverständlich ist, dass sich niemand mehr über farbige Tennisspielerinnen wie die Williams-Schwestern aufregt, ist das Althea Gibsons Verdienst.

Fazit:

Ein fesselnd erzählte Geschichte zweier Frauen, die nicht zuließen, dass Intoleranz, Rassismus und Engstirnigkeit über sie triumphierten. Und ein Denkmal für die einst berühmteste Tennisspielerin der Welt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 03.10.2021

Eine Hommage an einen fast Vergessenen

Franz
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Jürgen Pettinger zeichnet in diesem Buch die Lebensgeschichte des Franz Doms (1922-1944) aus Wien nach. Der junge Mann ist eines der (fast) vergessenen Opfer der NS-Justiz, die alle jene, die nicht in ...

Jürgen Pettinger zeichnet in diesem Buch die Lebensgeschichte des Franz Doms (1922-1944) aus Wien nach. Der junge Mann ist eines der (fast) vergessenen Opfer der NS-Justiz, die alle jene, die nicht in ihr Weltbild passten, gnadenlos verfolgte und ermordete.

Wie viele Tausende andere schwule Männer gerät Franz in die Fänge des NS-Regimes. Dazu bedient sich die Diktatur zahlreicher Spitzel, die häufig ebenfalls schwul sind, und solange sie andere ans buchstäbliche Messer liefern, gerade noch geduldet sind, bevor sie selbst wegen des verschärften § 175 in KZs verbracht oder gleich hingerichtet werden.

Jürgen Pettinger hat für dieses Buch Unmengen von Akten und Protokolle gesichtet, deren Auszüge in dieser packenden Biografie zu lesen sind. Die minutiösen Aufzeichnungen der NS-Bürokratie lassen uns heute die Leidenswege von tausenden verfolgten und ermordeten Menschen nachvollziehen. Der Größenwahn und die Dokumentationswut des Bürokratismus zeigen sich in den Aufzeichnungen von Franz Doms‘ Hinrichtung:

„Um 8 Uhr 41 Minuten und 8 Sekunden wird der Verurteilte dem Scharfrichter übergeben. Landesgericht Wien Vollstreckungshaft (Franz Doms), 7. Februar 1944“

„Um 8 Uhr 41 Minuten und 18 Sekunden meldet dieser den Vollzug des Todesurteils. Das Verhalten des Scharfrichters und seiner Gehilfen war in keiner Beziehung zu beanstanden. Der Leichnam wurde in den bereitgestellten Sarg gelegt. Landesgericht Wien Vollstreckungshaft (Franz Doms), 7. Februar 1944“

Franz Doms‘ Leben endet mit 21 Jahren unter dem Fallbeil, weil er den Vorstellungen des NS-Regimes nicht entsprochen hat.

Jürgen Pettinger hat hier eine einfühlsame, oft sehr intime Biografie eines jungen Mannes geschrieben. Damit gibt er Franz Doms sowie seinen Schicksalsgenossen seine bzw. Ihre Würde zurück.


Fazit:

Eine einfühlsame und beeindruckende Biografie, die stellvertretend für die tausenden von verfolgten und ermordeten Schwulen der NS-Zeit steht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.