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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2025

magisch, aber herausfordernd

Musenrausch (Nektar und Ambrosia, Band 1)
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„Musenrausch“ von Malou Bichon hat mich auf eine Weise überrascht, wie ich es nicht erwartet hatte. Als ich das Buch begann, dachte ich an eine etwas ruhigere, vielleicht romantisch-mystische Geschichte ...

„Musenrausch“ von Malou Bichon hat mich auf eine Weise überrascht, wie ich es nicht erwartet hatte. Als ich das Buch begann, dachte ich an eine etwas ruhigere, vielleicht romantisch-mystische Geschichte über Kunst und Inspiration – doch schon nach wenigen Seiten wurde klar, dass es hier viel tiefer geht. Die Welt, die Bichon erschafft, ist komplex, voller Magie, Mythologie und Symbolik, und obwohl mich das anfangs etwas überfordert hat, hat es mich gleichzeitig auch sehr fasziniert. Ich brauchte ehrlicherweise eine Weile, um mich zurechtzufinden, um die Regeln dieser Welt zu verstehen und die Zusammenhänge zwischen Wandas Kunst, der Muse Neo und der geheimnisvollen Anderswelt Ambrosia zu begreifen. Aber je mehr ich mich auf das Buch eingelassen habe, desto mehr hat es mich in seinen Bann gezogen.

Die Geschichte dreht sich um Wanda, eine Künstlerin, die in einer tiefen Schaffenskrise steckt. Sie hat das Gefühl, dass sie nichts mehr erschaffen kann, dass ihre Inspiration versiegt ist – bis plötzlich Neo in ihr Leben tritt, ein Wesen, das sie zunächst gar nicht einordnen kann. Neo ist eine Muse, eine Art übernatürliche Kraft, die Wanda inspiriert, aber mit jeder kreativen Eingebung selbst schwächer wird. Diese Verbindung zwischen den beiden ist intensiv, emotional und gefährlich zugleich. Für mich war das Spannende daran, dass Malou Bichon diese Beziehung nicht als reine Romanze erzählt, sondern als eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Kreativität, Abhängigkeit, Identität und Selbstfindung. Wanda kämpft nicht nur um ihre Kunst, sondern auch darum, sich selbst in diesem Rausch nicht zu verlieren.

Was mich besonders beeindruckt hat, war der Schreibstil. Bichons Sprache ist unglaublich bildhaft und poetisch, manchmal fast schon synästhetisch – als würden Farben, Gerüche und Klänge ineinanderfließen. Jede Szene wirkt sorgfältig komponiert, fast wie ein Gemälde. Dadurch entsteht eine dichte, sinnliche Atmosphäre, die mich oft völlig vereinnahmt hat. Gleichzeitig hat genau diese sprachliche Intensität auch dazu geführt, dass ich das Buch nicht einfach „weglesen“ konnte. „Musenrausch“ ist für mich kein leichter Roman für zwischendurch, sondern einer, in den man richtig eintauchen muss. Es verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, weil man sonst schnell den Faden verliert.

Die Atmosphäre des Romans ist geheimnisvoll, beinahe entrückt. Hamburg, der Schauplatz, wirkt zugleich vertraut und fremd, durchzogen von Magie und Schatten. Immer wieder öffnet sich der Schleier zu Ambrosia, einer Welt, in der Mythen und göttliche Kräfte lebendig werden. Diese mythologischen Elemente haben mich überrascht – ehrlich gesagt hatte ich nicht mit so viel Fantasy gerechnet, und anfangs fiel es mir schwer, all das einzuordnen. Doch gerade diese Mischung aus realer Künstler:innenexistenz und magischem Überbau macht den Reiz des Buches aus - wenn man so etwas mag. Mit der Zeit habe ich angefangen, die Symbolik hinter all dem zu sehen: Inspiration als Gabe und Gefahr, Kreativität als Verbindung zwischen Welten, Liebe als schöpferische, aber auch zerstörerische Kraft.

Trotz dieser Faszination muss ich aber sagen, dass mir die Handlung stellenweise zu wirr und undurchsichtig war. Einige Szenen gingen sehr schnell ineinander über, und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich Ereignisse überschlagen, bevor ich sie richtig verarbeiten konnte. Gerade im Mittelteil und gegen Ende verlor ich stellenweise etwas den Überblick, weil vieles gleichzeitig geschah – emotional, mythisch und symbolisch. Es war nicht immer leicht, den roten Faden zwischen Wandas innerem Erleben, der äußeren Handlung und der Welt von Ambrosia zu behalten. Das hat meine Lesefreude zwar nicht unbedingt zerstört, aber es machte den Einstieg und das Folgen der Geschichte zeitweise anstrengend. Ich hätte mir da etwas mehr Ruhe und Klarheit gewünscht, um die Handlung und ihre Bedeutung besser greifen zu können.

Die Figuren dagegen sind ein echter Pluspunkt. Wanda ist eine Protagonistin, die mich wirklich berührt hat – verletzlich, leidenschaftlich, zweifelnd und gleichzeitig stark. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen, vor allem in ihr Ringen um Kontrolle und Hingabe. Neo dagegen bleibt geheimnisvoll, manchmal schwer zu fassen, aber das passt zu seiner Rolle als Muse. Er ist kein klassischer Liebesheld, sondern eher ein Spiegel für Wandas inneren Konflikt – zwischen Sehnsucht und Selbstverlust. Die Nebenfiguren bleiben zwar teils im Hintergrund, fügen sich aber harmonisch in die Geschichte ein und tragen zur Atmosphäre bei, ohne sie zu überladen.

Fazit

Insgesamt würde ich sagen, dass „Musenrausch“ ein Buch ist, das man nicht einfach liest, sondern erlebt. Es ist fordernd, intensiv, manchmal verwirrend, aber zugleich wunderschön geschrieben. Ich musste mich an manchen Stellen wirklich konzentrieren, um mitzukommen, aber auch das war nicht unbedingt schlecht – es hat mich gezwungen, mich auf die Sprache, die Emotionen und die Symbolik einzulassen. Für mich ist das kein Buch, das man mal eben zwischen zwei Terminen liest, sondern eines, für das man sich Zeit nehmen sollte, am besten mit einer Tasse Tee und der Bereitschaft, sich vollkommen in eine andere Welt hineinziehen zu lassen. Und wenn man das tut, entfaltet es eine Sogwirkung, die nachhallt. Ich mochte es – gerade weil es mich herausgefordert hat, auch wenn ich zwischendurch das Gefühl hatte, in diesem Musenrausch ein wenig den Überblick zu verlieren.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Cozy Wohlfühbuch

One song apart - London Hearts 1
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Im neuen Reihenauftakt "One Song Apart" von Lorena Schäfer geht es um Quinn, die nach London zieht, um ihren Traum als Journalistin zu verwirklichen. Statt spannender Reportagen landet sie jedoch in der ...

Im neuen Reihenauftakt "One Song Apart" von Lorena Schäfer geht es um Quinn, die nach London zieht, um ihren Traum als Journalistin zu verwirklichen. Statt spannender Reportagen landet sie jedoch in der Klatschredaktion und muss ausgerechnet über Popstar Milo Bricks schreiben. Was als unangenehmer Auftrag beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer besonderen Nähe zwischen den beiden. Gleichzeitig erlebt Quinn das turbulente WG-Leben mit ihren Mitbewohnerinnen und wächst dabei nicht nur beruflich, sondern auch persönlich.

Schon nach den ersten Kapiteln hatte ich das Gefühl, in diese Londoner WG direkt mit einziehen zu wollen. Quinn wirkt unglaublich authentisch – ich konnte mich sofort mit ihr identifizieren. Ihre Zweifel, ihre Unsicherheiten, aber auch ihr Mut, den eigenen Weg zu gehen, haben mich sehr berührt.
Besonders gefallen hat mir die Atmosphäre: Das Setting in London, die kleinen Details aus dem WG-Leben, die Gespräche zwischen den Mitbewohnerinnen – all das hat für mich eine warme, heimelige Stimmung geschaffen. Oft hatte ich das Gefühl, mit einer Tasse Tee neben ihnen auf der Couch zu sitzen. Am stärksten in Erinnerung bleiben mir tatsächlich diese Szenen aus der WG: die kleinen Streitigkeiten, das Lachen, die Unterstützung füreinander. Diese Dynamik war für mich das Herzstück der Geschichte und hat einfach ein gutes Gefühl geschaffen.

Die Liebesgeschichte zwischen Quinn und Milo hat sich langsam entwickelt, was ich sehr angenehm fand. Es war kein übertriebenes Drama, sondern ein vorsichtiges Annähern, das ich glaubwürdig und schön fand. Gerade die Perspektivwechsel haben dazu beigetragen, dass ich beide Seiten gut nachvollziehen konnte.

Natürlich war die Handlung für mich an vielen Stellen vorhersehbar – viele Wendungen habe ich kommen sehen - was vor allem daran lag, dass es eben kaum Drama gab. Auch hätte ich mir bei Milo manchmal etwas mehr Tiefe gewünscht, er wirkte stellenweise fast ein bisschen zu perfekt.
Dennoch bleibt das Buch eines, das man gut mal zwischendurch lesen kann, wenn man gerade nicht allzu viel Action und Drama und einfach nur entspannen möchte.


Fazit
"One Song Apart" war für mich ein Wohlfühlbuch durch und durch. Es hat mir herbstliche London-Vibes ins Wohnzimmer gezaubert und mich komplett in diese Geschichte eintauchen lassen. Ich habe mit Quinn mitgefiebert, mich in die WG verliebt und die leisen, emotionalen Momente mit Milo sehr genossen.
Für mich ist es kein perfektes Buch – ein bisschen mehr Tiefe bei den Charakteren und in der Story hätte ich mir gewünscht – aber es ist definitiv eins, das mein Herz erwärmt hat.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Selbstfindung und intensive Gefühle

The Summer We Fell
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„The Summer We Fell“ von Elizabeth O’Roark ist der erste Band der „The-Summer-Reihe“. Die Geschichte folgt Juliet, die nach einer traumatischen Vergangenheit bei der Familie ihres Freundes Danny Zuflucht ...

„The Summer We Fell“ von Elizabeth O’Roark ist der erste Band der „The-Summer-Reihe“. Die Geschichte folgt Juliet, die nach einer traumatischen Vergangenheit bei der Familie ihres Freundes Danny Zuflucht findet. Ihre eigenen Zukunftspläne hat sie aufgegeben – bis Danny eines Tages seinen College-Freund Luke mit nach Hause bringt. Luke weckt in Juliet zum ersten Mal seit Langem den Wunsch, für ihre Träume zu kämpfen.

Elizabeth O’Roark hat mich mit ihren angenehm lesbaren, einfühlsamen und vor allem auch bildhaften sowie atmosphärischen Schreibstil überzeugt, der es leicht macht, in die Geschichte und in die Charaktere einzutauchen. Die Autorin versteht es, Emotionen und Stimmungen greifbar zu machen, ohne ins Kitschige abzurutschen.

Die Geschichte wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt – Gegenwart und Vergangenheit –, was der Handlung eine besondere Dynamik und Spannung sowie eine gewisse Tiefe und Authentizität verleiht.

Das Setting an der amerikanischen Küste, mit Stränden und Surfer-Vibes, sorgt für eine sommerliche, aber auch melancholische Grundstimmung. Die Atmosphäre ist geprägt von Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung auf einen Neuanfang.

Im Zentrum der Geschichte stehen Juliet und Luke – zwei Figuren, die durch ihre Vergangenheit und ihre Verletzlichkeit faszinieren und deren Anziehung bereits ab dem ersten Aufeinandertreffen spürbar ist. Die Gefühle zwischen den beiden sind extrem intensiv, was mich am meisten am Buch überzeugen konnte.
Juliet ist eine vielschichtige, verletzliche, aber auch irgendwie frustrierend passive Protagonistin.
Ihre Entwicklung zieht sich – vielleicht bewusst –, und oft wollte ich sie geradezu schütteln, weil sie zu lange in toxischen Dynamiken verharrt. Dennoch ist ihre Zerrissenheit glaubhaft und tief menschlich.
Luke hingegen ist der klassische "Grumpy & Sunshine"-Held: wortkarg, impulsiv, manchmal aggressiv und dennoch charismatisch, leidenschaftlich und zutiefst loyal. Seine Reaktionen, insbesondere seine Neigung zu impulsiven und aggressiven Handlungen, waren für mich teils zu übertrieben und haben mir beim Lesen immer wieder ein Unwohlsein bereitet.

Ein Punkt, der mich persönlich gestört hat, waren die zahlreichen, sehr expliziten Sexszenen. Natürlich gehören Intimität und körperliche Nähe zur Geschichte, doch in diesem Fall hatte ich das Gefühl, dass sie zu stark im Fokus standen – teilweise auf Kosten der eigentlichen Handlung und der psychologischen Tiefe. Einige Szenen wirkten mehr voyeuristisch als emotional oder entwicklungsrelevant.

Die Handlung lebt von der Spannung zwischen Juliet und Luke sowie dem ungelösten Trauma der Vergangenheit und hält stets einige spannende und überraschende Wendungen bereit.

Thematisch ist der Roman sehr vielschichtig: Es geht um emotionale Abhängigkeit, Trauma, Schuld, Loyalität, Liebe – aber auch um Identitätsfindung in einem stark reglementierten Umfeld. Das Thema Selbstbestimmung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman – Juliet muss lernen, für sich selbst einzustehen, obwohl ihr Umfeld sie immer wieder in alte Rollen drängt.
Feministisch betrachtet hinterlässt der Roman jedoch gemischte Gefühle in mir. Positiv ist, dass Juliet sich – wenn auch spät – von den patriarchalen Strukturen und von toxischer Männlichkeit zu lösen beginnt. Gleichzeitig jedoch bleibt sie über weite Strecken fremdgesteuert, reagiert mehr, als dass sie agiert. Auch die Darstellung männlicher Dominanz, vor allem in Lukes Verhalten, hätte differenzierter oder reflektierter sein können. Dass aggressive Impulsivität als Teil einer „großen Liebe“ inszeniert wird, finde ich problematisch – zumal Juliet zu oft in der Rolle der Erleidenden bleibt.

Fazit

„The Summer We Fell“ von Elizabeth O’Roark ist insgesamt ein emotional aufwühlender, intensiver Roman über Liebe, Selbstfindung und die Schatten der Vergangenheit. O'Roark schreibt mit viel Feingefühl und Tiefe. Die Charaktere sind greifbar und überwiegend sympathisch. Der Roman ist für mich kein klassisches ‚Wohlfühlbuch‘, sondern eine Geschichte voller Grautöne und innerer Kämpfe, aber dennoch auch tiefer Gefühle und innerer Verbundenheit. Insgesamt ist das Buch – trotz einiger Kritikpunkt meinerseits – auf jeden Fall das Lesen wert und ich freue mich bereits auf den zweiten Band der Reihe.

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Veröffentlicht am 28.11.2022

Was ist Schuld?

Als die Welt zerbrach
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Die über 90-jährige Gretel Fernsby führt ein eher ruhiges, unspektakuläres Leben in London.
Was jedoch kaum einer weiß, damals kurz nach dem 2. Weltkrieg, nachdem ihr Vater – ein NS-Lagerkommandant – hingerichtet ...

Die über 90-jährige Gretel Fernsby führt ein eher ruhiges, unspektakuläres Leben in London.
Was jedoch kaum einer weiß, damals kurz nach dem 2. Weltkrieg, nachdem ihr Vater – ein NS-Lagerkommandant – hingerichtet wurde, floh sie mit ihrer Mutter aus Deutschland.
Doch die schreckliche Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln und verfolgt Gretel noch bis heute.
Immer noch kann sie den Namen ihres Bruders nicht aussprechen und immer noch besteht die Angst vor einer Entdeckung und den damit möglicherweise einhergehenden Konsequenzen.

Nach 16 Jahren erscheint mit dem Buch „Als die Welt zerbrach“ von John Boyne der Fortsetzungsroman von der „Der Junge im gestreiften Pyjama“.

Die Idee, an die Ereignisse aus dem vorherigen Roman anzuknüpfen – was durch die Nacherzählungen aus dem ersten Teil, nach der doch recht langen Zeit, sehr gut gelingt – und die Handlung dabei bis in die Gegenwart zu bringen, ist großartig.
Es ist extrem spannend, Gretels Leben, nach diesem einschlägigen Schicksalsschlag und ihrer kritischen Vergangenheit, mitzuerleben und so auch ein Stück weit nachempfinden zu können, wie die Deutschen (vor allem Anhänger des NS-Regimes) die Nachkriegszeit erlebten.
Die Zeit wird nicht, wie oft, aus Sicht der ‚Opfer‘, sondern vielmehr aus Sicht der ‚Täter‘ oder zumindest der Mitwisser erzählt.

Auch der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist genial.
Er verleiht der ganzen Story eine gewisse Dynamik und zeigt sehr einprägsam, wie die Vergangenheit, die Zukunft (und einen Menschen) für immer prägt und beeinflusst.

Mir gefällt die Darstellung der innerlichen Zerrissenheit der Protagonistin Gretel Fernsby.
Man spürt den enormen Einfluss ihrer Vergangenheit, die tiefverwurzelte, nationalsozialistische Indoktrination und wie das Erlebte an ihr nagt und sie nach all der Zeit immer noch beschäftigt und nicht loslässt.
Als Leser/in erlebt man mit ihr einen inneren Kampf um ihre eigene Schuld an den (antisemitischen) Gräueltaten.

Gretel ist eher zynisch, distanziert, und in gewissen Teilen herzlos, was wohl ihren traumatischen Erlebnissen in ihrer schwierigen Kindheit und Jugend zuzuschreiben ist.
Auch wenn mir Gretel dadurch die meiste Zeit nicht sehr sympathisch war, konnte ich ihre Einstellung und ihren Charakter ein Stück weit nachvollziehen.
Dennoch empfand ich sie und die anderen Charaktere als nicht sehr tiefgreifend und angenehm, wodurch es mir schwerfiel, mich gänzlich auf sie einzulassen und mich mit ihnen zu identifizieren.

Der Schreibstil von John Boyne ist großartig.
Teils recht komplex und verschlüsselt, trotzdem gut zu lesen und mitreißend.
Es wird eine großartige, emotionale und nachdenkliche Atmosphäre aufgebaut, die die Leser/innen einnimmt.
Der Autor schafft, ohne eigene Wertung, klar, neutral und sachlich, eine Nachdenklichkeit über die existentielle Frage der Schuld, für die jeder Leser/jede Leserin am Ende für sich selbst eine Antwort finden muss.

Die zentrale Schuldfrage wirkt in den Köpfen nach und beschäftigt nachhaltig während des Lesens (und darüber hinaus).
Wer ist wann schuldig? Wer bestimmt über Schuld? Wie schwer wiegt eine Schuld? Und wie lebt man damit?
Jedoch verläuft sich für mich dieses Thema am Ende und kommt auf keinen richtigen Nenner.

Leider habe ich mir von der Handlung an sich mehr erhofft.
Die Richtung, in die der Handlungsstrang der Gegenwart verläuft, gefällt mir gar nicht.
Das Thema rundum die häusliche Gewalt ist mir teils zu offensichtlich, zu klischeehaft und im Vergleich zu der NS-Zeit mit der zusammenhängenden Schuldfrage einfach nicht ganz passend.
Das Ende ist meiner Meinung nach sehr abwegig und realitätsfern und trifft nicht den Kern, den der Autor wohl bezwecken wollte.
Gretel ist seit ihrer Flucht auf der Suche nach einer Antwort ihre Schuld betreffend.
Am Ende lädt sie sich eine neue Schuld auf. Doch wird damit die damalige Schuld ausgeglichen, geklärt oder aufgearbeitet? Für mich nicht ganz passend.

Der Handlungsstrang in der Vergangenheit ist dafür jedoch wirklich großartig – sehr authentisch und emotional.

Fazit

Sieht man einmal über die eher unsympathischen Charaktere, die ausbaufähige Handlung und das abwegige Ende hinweg, ist das Buch dennoch recht lesenswert, was nicht zuletzt an dem tiefgreifenden Schreibstil Boynes und der sehr interessanten, denkwürdigen Thematik, die nachhaltig beschäftigt, liegt. Gut geeignet, für ein paar nachdenkliche Lesestunden.

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Veröffentlicht am 05.01.2022

Ein besinnlicher Roman, passend zur Weihnachtszeit

Ein Hund unterm Weihnachtsbaum
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In Crossing Trails häufen sich die Probleme zur Weihnachtszeit...
...Mary Ann McCray als erste Weihnachtsfrau - ein Novum für das kleine Örtchen.
Ihr Sohn, der gerade erst zurückkehrt ist um das neue ...

In Crossing Trails häufen sich die Probleme zur Weihnachtszeit...
...Mary Ann McCray als erste Weihnachtsfrau - ein Novum für das kleine Örtchen.
Ihr Sohn, der gerade erst zurückkehrt ist um das neue Tierheim zu leiten und nun mit seiner Freundin zusammen wohnt, was natürlich einige Schwierigkeiten mit sich bringt.
Und dann auch noch die netten Nachbarn, die sich scheiden lassen.
Doch zwischen all diesen Problemen tobt die kleine quirlige Mischlingshündin Elle (Noelle), tanzt sich in die Herzen ihrer Mitmenschen und rettet damit die besinnliche Weihnachtszeit!

"Ein Hund unterm Weihnachtsbaum" war mein erstes Buch von Greg Kincaid und ich wusste nicht, dass es aus dieser Reihe bereits Bücher gibt.
Das hat allerdings die Geschichte nicht groß beeinträchtigt, es war lediglich etwas schwer hinein zu kommen.

Die Charaktere sind allesamt sehr liebenswert und schön konstruiert.
Besonders gut gefällt mir, wie Mary Ann sich als Weihnachtsfrau gegen die festgefahrenen Traditionen durchsetzt und behauptetet.
Auch finde ich es super, die Geschichte mit allen Hauptpersonen erleben zu dürfen und so vielseitig Einblicke in die Gefühls- & Gedankenwelt aller zu bekommen.
Auch wenn es dadurch am Anfang etwas schwer war, die Geschichte und die Personen zu erfassen und sich einzufinden.

Der Schreibstil war recht ruhig und angenehm, Passend zur besinnlichen Weihnachtszeit.
Zusammen mit der ebenfalls sehr lockeren, entspannten Story, hat das Buch eine absolute Wohlfühlatmosphäre kreiert.

Ein Kritikpunkt für mich sind die teils veralteten Ansichten. Heiraten - Zusammenziehen - Kind. Man ist schwanger, also MUSS man heiraten.
Da hab ich mich schon gefragt in welchem Jahrzehnt das Buch spielt, denn zur heutigen Zeit sind das wohl kaum noch moderne Ansichten.

Außerdem war ich das ganze Buch über verwirrt, wann denn nun Noelle, wie Im Klappentext angekündigt, auftritt.
Dass es sich bei "Noelle" um "Elle" handelt wurde erst zum Ende hin deutlich, was ich etwas schade fand.


FAZIT

Ein absolutes Wohlfühlbuch mit netten Charakteren und einer eher recht ruhigen Storyline, passend zur besinnlichen Weihnachtszeit und für eine gemütliche Auszeit vom stressigen Alltag!

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