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Veröffentlicht am 03.03.2023

Theater im Wald

Grimmwald: Teds und Nancys total verrücktes Abenteuer – Band 1
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Kopflos geht es zu in Grimmwald. Erst erwischt es den guten Binky, dann … ach nein, das wäre ein Spoiler zu viel. Aber: Wer Kinderbücher nicht schätzt, in der Tiere anderen Tieren den Kopf abbeißen, für ...

Kopflos geht es zu in Grimmwald. Erst erwischt es den guten Binky, dann … ach nein, das wäre ein Spoiler zu viel. Aber: Wer Kinderbücher nicht schätzt, in der Tiere anderen Tieren den Kopf abbeißen, für den ist Grimmwald nichts. Alle anderen könnten viel Spaß haben auf dem Land. So wie Ted. Nicht so wie Nancy.

Ted und Nancy sind zwei Fuchsgeschwister. Sie leben in der großen Stadt, ihre Eltern sind weg und sie haben Beef mit den Katzen. Besonders mit einer: Prinzessin Pinöckel. Dieses gar nicht mal so reizende Exemplar einer Mieze will die Herrschaft über die Mülltonnen der örtlichen Imbissbude an sich reißen und verliert dabei ihren Schwanz, als Ted ihn mit einem Hot Dog verwechselt. Kann ja mal passieren. Die Fuchs-Geschwister müssen jedenfalls vor Prinzessin Pinöckels Zorn untertauchen – in Grimmwald.

Ein wenig erinnert das an den umgedrehten Plot von Jörg Isermeyers Reihe „Dachs und Rakete“, nur ist es brachialer, lauter und mitunter ein bisschen weniger herzlich. Very british eben, könnte man sagen, allerdings weiß die Zielgruppe vermutlich noch zu wenig damit anzufangen. Die Füchse werden in Grimmwald herzlich aufgenommen, mit verlassenem Fuchsbau und frischen Smoothies versorgt und sogar auf einen Kaffee eingeladen, was Nancy zumindest ein kleines Lächeln abringt, während ihr Bruder den Spaß seines Lebens hat und zum ersten Mal überhaupt Freunde findet.

Wer zunächst vermutet, dass hier ein Unheil mitschwingt, sich die Bewohner Grimmwalds als fuchsfressende Sekte oder der Wald als verwunschener Gruselforst entpuppen wird, der … naja, ist entweder furchtbar enttäuscht oder ziemlich erleichtert, denn in Grimmwald passiert nichts Böses. Es gibt eine Menge Theater, aber nur auf der Bühne, einen etwas durchgeknallten Vogel, siehe Kopflosigkeit, ansonsten ist die Geschichte harmlos, bis Prinzessin Pinöckel mit ihrer Katzenbande auftaucht.

Nadia Shireens „Grimmwald“ ist durchaus gefällig, aber leider fehlt doch ein bisschen der Charme, die Herzlichkeit und vielleicht auch ein gewisser Plottwist, der über Prinzessin Pinöckels Auftauchen in Ted und Nancys neuer Heimat hinausgeht. Immerhin: Dies ist erst der erste Band von einigen – da kann also noch einiges in Grimmwald passieren. Denn so viel kann verraten werden: Ted und Nancy zieht es nicht zurück in die Stadt. Warum auch?

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Veröffentlicht am 13.02.2023

Zwischen Tradition und Leben

Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen
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Hoodie Rosen ist eigentlich ein typischer Jugendlicher. Er kabbelt sich mit seinen Freunden, diskutiert vergnügt mit seinen Lehrern und ist von 0 auf 100 in ein Mädchen verknallt, das er vor dem Schulfenster ...

Hoodie Rosen ist eigentlich ein typischer Jugendlicher. Er kabbelt sich mit seinen Freunden, diskutiert vergnügt mit seinen Lehrern und ist von 0 auf 100 in ein Mädchen verknallt, das er vor dem Schulfenster sieht. Auf der anderen Seite ist Hoodies Leben gar nicht ganz so normal. Sein Leben spielt sich größtenteils in der jüdischen Community ab – kein öffentliches College, keine nicht-jüdischen Freude, dafür kritische bis antisemitische Schilder in den Gärten auf dem Schulweg und Hakenkreuze auf dem Friedhof. Das Mädchen, in das sich Hoodie verguckt hat, lädt ihn ein, diese gemeinsam zu entfernen. Was Hoodie in ziemliche Bedrängnis bringt – schließlich ist Anna Marie die Tochter der populistischen Bürgermeisterin, die gegen die jüdische Community hetzt.

Isaac Blum ist mit „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ ein starkes Jugendbuch gelungen, das den aufkeimenden Antisemitismus in den USA, aber auch in anderen westlichen Ländern in den Mittelpunkt rückt, aber auch mal augenzwinkernd, mal kritisch mit den jüdischen Traditionen ins Gericht geht. Gefühlt unfassbar, wenn auch historisch nachvollziehbar und gut erklärt, wie sehr sich die Gemeinde abschottet, aus Angst und Erfahrung, und die Gräben dadurch eher noch tiefer werden – und wie Hoodie alleingelassen in der Mitte steht und sich entscheiden muss, zwischen Familie, Tradition, Freundschaft oder aber der Liebe seines noch jungen Lebens.

Dass es hier und da an Tiefe fehlt und manche Figuren am Ende etwas blass bleiben, ist eher dem Genre und der jungen Zielgruppe geschuldet und zu verzeihen. Verschont wird auch diese nicht, das Finale ist brutal, aber mit Blick auf die vielen Gewalttaten in Amerika leider auch sehr realistisch. Und doch schwingt auch eine gewisse Versöhnlichkeit und Hoffnung mit.

Ein kleiner Wermutstropfen: Für nicht-jüdische Leser:innen ist „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ ein spannender Einblick in den teils ultraorthodoxe Lebens- und Glaubensalltag – aber häufig wird vieles vorausgesetzt, das einfach zu unbekannt ist. Ein Glossar mit Begriffserklärungen von jüdischen Feiertagen, Bräuche und, ja, auch Lebensmittel wäre ein schöner Bonus gewesen. Andererseits: Gerade die aktuelle Jugendbuch-Zielgruppe ist ja definitiv bekannt als Generation Second Screen – und Google kennt schließlich alles. Selbst Schnurkäse.

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Veröffentlicht am 28.11.2022

Ach ihr

Labyrinth der Freiheit
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Sie sind mir schon ans Herz gewachsen, Isi, Carl und Artur. Wie sie sich durch die Gräuel des Ersten Weltkriegs gekämpft haben, getrennt wurden und sich im Nachkriegsberlin fern der Heimat wiederfanden ...

Sie sind mir schon ans Herz gewachsen, Isi, Carl und Artur. Wie sie sich durch die Gräuel des Ersten Weltkriegs gekämpft haben, getrennt wurden und sich im Nachkriegsberlin fern der Heimat wiederfanden und gleich wieder im Schlamassel saßen. Ich hätte ihnen gerne etwas Ruhe gewünscht, eine Tasse Kaffee unter den Linden, ein paar flauschige Gespräche über die Zukunft des (Ton-)Films, aber natürlich wäre das absurd gewesen. Stattdessen: ein nächtlicher Überfall, ein Sprung aus dem Fenster, ein Schicksalsschlag. Mal wieder.

„Labyrinth der Freiheit“, der dritte und vorerst letzte Teil der „Wege der Zeit“-Reihe, balanciert noch stärker als seine Vorgänger hart auf dem genretypisch schmalen Grat zwischen spannendem Historienroman und actiongeladenem Nostalgiekitsch. Im Vergleich den ersten beiden Bänden droht immer wieder der Absturz, aber Andreas Izquierdo schafft es gerade noch so, den Roman auf Linie zu halten.

Carl trauert der verpassten Chance nach, Lubitsch in die USA zu folgen, dreht stattdessen die ersten Tonfilme mit Fritz Lang. Isi, die frühe Feministin, kümmert sich um Frauen, denen vom Berliner Leben in den frühen 1920er-Jahren und vor allem deren Männern übel mitgespielt werden. Und Artur nutzt seine Position, weiter Jagd zu machen auf die, die den drei Freunden an den Kragen wollen – die von Torstayns und die Boysens.

Wer „Schatten der Welt“ und „Revolution der Träume“ nicht kennt, wird es schwer haben, sich zurechtzufinden, vielleicht auch, das Buch zu schätzen. Es passiert viel auf den 500 Seiten, es gibt keine Pause und keine Erklärungen, keine Rückblenden. Alte Bekannte tauchen auf, auch einige neue Figuren, für die meisten endet es tragisch, andere sind gar nicht so wichtig.

Manche Nebengeschichten verlieren sich ein wenig, manche überraschen positiv. Der Blick auf den Zeitgeist macht mal Freude, besonders der augenzwinkernde Spaß mit Isis E-Roller, die es ja tatsächlich schon vor hundert Jahren gab, häufiger aber Angst und Ohnmacht, wie beim aufkeimenden und unabwendbaren Nationalsozialismus, der Verfolgung Homosexueller und bei den quasi nicht vorhandenen Frauenrechten sowieso. Und so manches Mal ertappt man sich doch bei der Frage, in welchem Jahrhundert der Roman spielt und wo es Parallelen zur heutigen Zeit gibt.

Golden sind diese Berliner 20er-Jahre in „Labyrinth der Freiheit“ niemals, sie sind dreckig-grau und blutrot. Und dramatisch, bis zum Schluss. Ob das Ende wirklich das Ende ist? Die Zeit wird es zeigen – noch sind die 20er-Jahre nicht vorbei und die UFA-Geschichte geht gerade erst los. Vielleicht erwartet die Freunde ja doch noch ein kleines Stück vom Glück. Zu erwarten ist es allerdings eher nicht. Ach ihr.

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Veröffentlicht am 24.02.2022

Inklusive Entdeckungsreise

Glücksfisch: Hallo, das bin ich!
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Das Schöne an Kindern? Sie haben keine Vorurteile. Erst einmal. Und am besten bleibt das so. Das ist natürlich in erster Linie die Aufgabe der Eltern, aber auch Bücher können hier eine Rolle bei der vorurteilsfreien ...

Das Schöne an Kindern? Sie haben keine Vorurteile. Erst einmal. Und am besten bleibt das so. Das ist natürlich in erster Linie die Aufgabe der Eltern, aber auch Bücher können hier eine Rolle bei der vorurteilsfreien Erziehung spielen. Schön, wenn ein Buch die Vielseitigkeit der Menschen in Bilder und Wörter hüllt, dass es schon Zweijährige verstehen und dabei kleine und große Unterschiede einfach völlig normal sein lassen. Wie „Hallo, das bin ich!“ aus dem Glückskind-Verlag.

Verschiedene Haarfarben, Male, Brille, Hörgeräte – alles wird hier ganz natürlich dargestellt. Und die Hautfarbe nicht einmal bewusst thematisiert, weil es überhaupt keine Rolle spielen sollte, ob Menschen schwarz oder weiß sind. So lässt sich die Vielseitigkeit des Körpers wundervoll entdecken. Und die Kinder nehmen alles ganz unvoreingenommen war, entdecken Merkmale, die sich selbst haben, die sie von Freunden kennen oder die ihnen noch unbekannt sind.

Diese Inklusivität ist die große Stärke des Buchs, das in einem simplen, aber ganz hübschen Stil von Maria Nedarova illustriert wurde. Kleine Klappen zeigen, wie die fünf Sinne des Menschen funktionieren, an Rädchen tanzt ein Kind oder es wird gezeigt, was es nach dem Schlaf am liebsten macht.

Nicht jede Interaktion, nicht jede Seite ist völlig gelungen, das Trinken des Wassers und das Zähneputzen werden zwar groß und interaktiv dargestellt, aber hier wäre sicher noch mehr Potenzial bei der Darstellung und den Reaktionen des Körpers gewesen.

Für Zweijährige ein schönes Buch, um den eigenen und andere Körper zu entdecken, von Gliedmaßen über Gefühle bis zur richtigen Körperpflege und Ernährung. Für Kinder, die auf die 3 Jahre zugehen, vielleicht schon etwas zu wenig informativ, aber gerade in dieser Altersklasse passiert so viel, so schnell, dass es nicht immer einfach ist, das Interesse über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Ist aber auch gar nicht so schlimm. Denn schöner ist es, dass es Bücher wie dieses gibt – inklusiv, lehrreich und dabei ganz und gar nicht belehrend.

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Veröffentlicht am 23.11.2021

Stürmische Zeiten

Revolution der Träume
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Ach, war das noch entspannt, am Anfang von Schatten der Welt. Das Kennenlernen der drei Freunde, ihr Alltag in den frühen 1910er-Jahren, bevor der Sturm des Weltkriegs über Carl, Artur und Isi hereinbrach ...

Ach, war das noch entspannt, am Anfang von Schatten der Welt. Das Kennenlernen der drei Freunde, ihr Alltag in den frühen 1910er-Jahren, bevor der Sturm des Weltkriegs über Carl, Artur und Isi hereinbrach und sie auseinander riss. So beschaulich legt Andreas Izquierdo im Nachfolger „Revolution der Träume“ nicht los – im Gegenteil.

Der Krieg ist gerade vorbei, die Revolution in vollem Gange. Monarchisten gegen Spartakisten, Soldaten gegen Matrosen, Menschen gegen Menschen. Viele lassen ihr Leben, wo sie es doch gerade feiern wollten. In dieser im wahrsten Sinne explosiven Mischung trifft Carl seine Freundin Isi wieder und schließlich auch Artur, gekennzeichnet vom Aufeinandertreffen mit Falk Boysen und einer Granate in Riga. Doch sie leben und sie haben sich wieder, endlich, und diesmal für immer – oder?

Izquierdo lässt im zweiten Teil der sogenannten Wege-der-Zeit-Reihe das Berlin zwischen 1918 und 1922 aufleben. Neben den politischen Querelen auch dass des Amüsements, des Lasters und des großen Kinos. Artur gründet mit ergaunerten Kaisers-Juwelen eine angesagte Halbwelt-Bar, Carl wird Kameramann unter Ernst Lubitsch bei der UFA, Isi lässt sich von einem Adligen umwerben, der für sie sogar mit seiner Familie bricht.

Aber ist eine heile Welt in dieser Zeit möglich? Natürlich nicht. Die Polizei hat Artur genauso auf dem Kieker wie die Konkurrenz aus der Berliner Unterwelt, Carls große Liebe stirbt, während er ihren Sohn als Pflegekind aufnimmt und Isis zukünftige Schwiegereltern tun alles, um sie zu zerstören.

„Revolution der Träume“ besticht nicht mit der gleichen, überraschenden Stärke wie sein Vorgänger, tritt nach einem sehr stürmischen Beginn zwischenzeitlich etwas zu stark auf die (Harmonie-)Bremse, um die drei Freunde und die Leser:innen dann doch wieder in ihren Grundfesten zu erschüttern, aber ist eine wunderbare Fortsetzung der Geschichte um Carl, Isi und Artur. Eine großartige Reihe geht weiter – und das vermutlich und hoffentlich auch über ihren zweiten Teil hinaus.

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