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Veröffentlicht am 18.08.2022

Sehr gut erzählt, doch nicht überraschend

Das siebte Mädchen
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Diese Titelwahl macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen fertig: Aus „A Flicker in the Dark“, der eindeutig auf ein in der Geschichte wiederkehrendes Glühwürmchenmotiv anspielt, wurde im Deutschen also ...

Diese Titelwahl macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen fertig: Aus „A Flicker in the Dark“, der eindeutig auf ein in der Geschichte wiederkehrendes Glühwürmchenmotiv anspielt, wurde im Deutschen also „Das siebte Mädchen“, welches nun letztlich recht offensichtlich ein Mädchen meint, das ein Jahr vor der beschriebenen Mordserie verschwand und von dem man zu ahnen meint, dass es ein siebtes Opfer sein könnte, wofür hier ausnahmsweise komplett die Indizien fehlen, und es stattdessen sogar Gründe gibt, sie als Ausreißerin zu führen. Diese Jugendliche, namens Tara, wird in diesem Roman immer mal wieder, aber absolut beiläufig erwähnt, so dass man zunächst denkt, das gegenwärtig verschwundene wäre das titelgebende siebte Mädchen. Quasi sofort folgt dem jetzigen Verschwinden aber ein weiteres Mädchen nach und plötzlich hat man halt sechs vor 20 Jahren verschwundene Jugendliche, deren Morde Chloes Vater gestanden hat, und nun schonmal zwei weibliche Teenager, die plötzlich weg waren. Plus ein (angeblich nur von daheim abgehauenes) Mädchen, von dem sich bereits vor 21 Jahren jedwede Spur verlor. Insgesamt geht es also entweder um acht, oder eben doch neun, Mädchen. Mir erschließt es sich überhaupt nicht, wieso man diesen Roman hierzulande unbedingt „Das siebte Mädchen“ nennen wollte.

Die Protagonistin Chloe tritt hier als Ich-Erzählerin auf, was für mich das große Plus des Romans ausmachte: Sie hat es ganz offensichtlich nie verarbeiten können, dass ihr Vater ein Serienkiller ist; heimlich schluckt sie Psychopharmaka, die sie hier ständig mit Wein herunterspült; sie hat arge Vertrauensprobleme, jede Menge Ängste und neigt zudem zu paranoidem Verhalten. Man fühlt einerseits mit ihr mit, hält sie andererseits aber für überkandidelt und zu überstürzten Handlungen neigend und angesichts ihres anscheinend alltäglich gewordenen Konsums von Suchtmitteln fragt man sich am Ende wie sie selbst, ob Chloe nicht eventuell Halluzinationen hat oder ob ihr tatsächlich all das so passiert, was sie hier schildert.
Das hat mich sehr gefesselt, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte – ein bisschen schade fand ich, dass es hier nicht eine wirklich sympathische „wichtigere“ Figur gab. Chloe ist eine innerlich völlig zerrissene Hauptfigur und all die Leute in ihrem engeren Umfeld wurden von ihr entweder auf Distanz gehalten oder waren nicht von der Sorte, dass man dachte, dieser Mensch könnte ihr, oder überhaupt irgendwem, definitiv guttun. Da hatte ich mitunter allerdings auch das Gefühl, die Autorin wolle einen unbedingt dazu bringen, hier einfach allen zu misstrauen und jeden als möglichen Nachahmungstäter sehen.

Im Gegenzug dazu will ich zwar nicht sagen, dass „Das siebte Mädchen“ vorhersehbar war, aber als ich zunächst den Beginn des Romans als Leseprobe las und meinen Ersteindruck zusammenfasste (wer sich spoilern lassen wollen würde, könnte jetzt googlen), bekundete ich, welche Figur mir direkt am Seltsamsten erschien und dass Romane mit einem solchen Plot und einem solchen Anfang gerne auf eine ganz bestimmte (von mir dort klar benannte) „überraschende“ Auflösung zuliefen. Ähm, ja. Es wurde zwar versucht, da noch falsche Fährten zu legen, mit denen ich allerdings vornehmlich haderte, weil sie wie allzu konstruierte Ablenkungsmanöver wirkten; wie schon gesagt: ich hatte das Gefühl, allen misstrauen zu sollen, obschon, auch aus Chloes Erinnerungen rund um die Zeit der Mordserie herum heraus, immer mehr Hinweise dafür sprachen, dass es tatsächlich zu dem von mir eingangs gemutmaßten Plot Twist käme. Auch wenn man eingangs noch nichts von diesem Ende ahnt: wer aufmerksam liest, dürfte meines Erachtens immer mal wieder entsprechende Einschübe bemerken.
Überraschend war der Schluss für mich nun also nicht.

Aber der Erzählstil hat mich eben dennoch nicht von dieser Lektüre ablassen lassen… und grundsätzlich eine durchaus reizvolle Geschichte; durchaus gut, aber nicht der Oberburner, der mich komplett vom Hocker gerissen hätte.

Veröffentlicht am 30.04.2022

Inklusive völlig überflüssiger "Zweitgeschichte"

Braves Kind (Thriller)
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Kindesmissbrauch, in Zusammenhang mit Kinderpornografie, spielt in diesem Roman eine absolut wesentliche Rolle: dessen sollte man sich bewusst sein. Mir war angesichts der Buchbeschreibung zwar klar, dass ...

Kindesmissbrauch, in Zusammenhang mit Kinderpornografie, spielt in diesem Roman eine absolut wesentliche Rolle: dessen sollte man sich bewusst sein. Mir war angesichts der Buchbeschreibung zwar klar, dass hier Kindern sehr übel mitgespielt werden würde, aber mitunter habe ich mich angesichts einiger Szenen (die z.B. die Perspektive eines Täters beleuchten, der die von ihm an Kindern begangenen Verbrechen „schönredet“) schon nicht nur angewidert, sondern auch überfordert, gefühlt. Da sollte man sich definitiv vor dem Lesen darüber klar werden, wie gut man diese Thematik verdauen kann (und ggf. einfach etwas Anderes lesen).

Zudem wird man hier quasi direkt ins kalte Wasser geschmissen: Man ist von Anfang an so sehr mittendrin, dass ich zwischendurch sogar nachgeschaut habe, ob es zuvor schon andere Romane rund um Sina Claasen gegeben hat, da es von der Erzählung her mitunter so wirkte als nähme man an, dass das Lesepublikum mit dieser Figur und vor Allem ihren Eigenheiten längst vertraut sein müsste. Sina Claasen verkörpert das, inzwischen leider schon fast stereotypische Bild, einer taffen Polizistin, deren Erfolg allzu häufig darauf basiert, sich über Anweisungen hinwegzusetzen und komplette Alleingänge durchzuführen. Da ging für mich nun ihr Kollege Eric auch völlig unter, der sowas wie ihr „Partner“ sein soll, ihr aber in dieser Geschichte hauptsächlich hilflos hinterherläuft und von Sina für seinen Frauengeschmack verurteilt wird: nachdem sie sich frühzeitig über sein Techtelmechtel mit einer ihr nicht genehmen Kollegin ausgelassen hat (und zwar „als die Tochter von…“, was mir völlig unverständlich blieb, denn während es bei Sina so klang als fuße die Karriere besagter Kollegin ausschließlich auf Vitamin B, hat jene professionell permanent sowas von abgeliefert), hatte ich über viele Seiten hinweg das Gefühl, dahinter stecke ein Eifersuchtsdrama und war einigermaßen überrascht, dass Sina eben NICHT von ihrem Mann getrennt lebte.
Aber natürlich musste Sina quasi über das gesamte Kollegium herziehen: Schon bald deutet nämlich Einiges darauf hin, dass jemand aus Polizeikreisen in den Fall verwickelt sein muss und vermutlich einen Pädophilenring innerhalb der Hamburger Elite schützt. Wahrscheinlich sollte dadurch, dass Sina nahezu alle um sie herum als unerträglich schilderte, eine Masse an falschen Spuren ausgelegt werden, denn so ließen sich natürlich alle leicht verdächtigen. Ich gebe zu, dass ich hier auch bereitwillig jeden Irrweg beschritten habe, aber letztlich war mir Sina ebenfalls unfassbar unsympathisch.
Eine Buchreihe rund um sie bedürfte es für mich da definitiv nicht.

Der Fall war extrem, lud zum Miträtseln ein und generell war „Braves Kind“ sehr kurzweilig zu lesen; der Teil rund um den „echten“ Fall hat mich da wirklich in den Bann gezogen.

Allerdings gab es da auch noch einen Nebenstrang, der sich um Sinas Schwester drehte, deren Lebensumstände in krassem Gegensatz zu Sina standen: Sie wurde als „heiße Braut, die nichts anbrennen ließ“ geschildert, gerne kokste und sehr viel Party machte und noch dazu ein Verhältnis mit einem der größten Gaunerbosse der Stadt unterhielt – und sich grade so richtig in die Scheiße geritten hatte, weil sie jenem „versehentlich“ ein fettes Drogenpäckchen geklaut hatte.
Dieser Strang erschien mir völlig überzogen (klar, Sina, du legst dich als eigensinnige Polizistin grade mit der sogenannten Crème de la Crème der Hamburger Gesellschaft an, während deine Schwester als zugedröhnte Gangsterbraut die Bosse der dortigen Unterwelt battlet?!) und während er vermutlich zum Ziel hatte, zu zeigen, dass es nicht nur Kinderschänder gab, habe ich mich bald gefragt, ob es irgendwo in Hamburg überhaupt auch noch die einfach nur netten Menschen von nebenan gäbe. Das war mir persönlich definitiv zu viel und in meinen Augen hätte es dem Buch absolut gutgetan, hätte man diesen Teil, der zudem mit der Hauptgeschichte eh nix groß zu tun hatte, völlig weggelassen oder ihn zumindest in einem eigenständigen Roman, ganz für sich stehend, verwurstet. So trug er in meinen Augen nur dazu bei, einmal mehr zu zeigen, dass in „Braves Kind“ nahezu jede Figur irgendwelche Klischees bediente.
Um „Braves Kind“ durch und durch zu mögen, sollte man meiner Meinung nach schon ein Faible für bizarre Geschichten mit zahllosen exaltierten Figuren haben.

Ich habe diesen Roman nun nicht ungerne gelesen, der Puppen/Video/Morde-Part hat definitiv mein Interesse hochhalten können, aber hernach brauchte ich nun unbedingt erst einmal wieder was „Ruhigeres“.

Veröffentlicht am 16.04.2022

Überraschend unspektakulär

Das Loft
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Die ersten beiden Jan-Römer-Bände habe ich in der Vergangenheit bereits gelesen und jene Reihe danach zwar aus den Augen verloren, aber der Name „Linus Geschke“ ist mir als Autor in Erinnerung geblieben; ...

Die ersten beiden Jan-Römer-Bände habe ich in der Vergangenheit bereits gelesen und jene Reihe danach zwar aus den Augen verloren, aber der Name „Linus Geschke“ ist mir als Autor in Erinnerung geblieben; aktuell des Reihenlesens ein wenig überdrüssig, nachdem ich kürzlich die Ben-Kitto-Reihe von Kate Penrose quasi am Stück gelesen habe, habe ich es doch sehr erfreut aufgenommen, dass Geschke mit „Das Loft“ nun einen Standalone-Roman vorgelegt hat.

Die Kurzbeschreibung sprach mich auf Anhieb an und ein kurzer Blick ins Buch verriet mir zumindest schonmal, dass ich die Erzählperspektive(n) auch mögen würde: Dieser Thriller, der insgesamt eher psychodramatisch wirkt, wird weithin abwechselnd von den Hauptfiguren Sarah und Marc erzählt, die quasi jeweils ihre persönliche Geschichte reflektieren und dabei zumeist den Anderen, in dessen Abwesenheit, ansprechen. Beide sind verdächtig, ihren Mitbewohner Henning umgebracht zu haben, den Marc zwar als seinen besten Freund bezeichnet, bei dem aber von Anfang an kein Zweifel daran besteht, dass Henning ein Musterbeispiel für „falscher Freundeskreis“ ist. Was zunächst gar nicht so klar ist, ist Hennings Tod, der durch Indizien festgestellt wird, denn statt einer Leiche wird nur jede Menge Blut gefunden, dessen Menge klar für einen Exitus sprach.
Zusätzlich gibt es immer wieder noch Einschübe, die die polizeilichen Ermittlungen beleuchten und sich sehr auf die erst kürzlich nach Hamburg versetzte Chefermittlerin konzentrieren.
Die Polizei glaubt eher an eine Gemeinschaftstat, während durch die Aussagen von Sarah bzw. Marc schnell klar wird, dass zwar beide etwas verheimlichen, aber sich selbst jeweils als unschuldig ansehen, wobei sich einige Szenen so lesen lassen, dass ich auch in Betracht gezogen habe, man würde sich einfach nur einzureden versuchen, nichts mit alledem zu tun zu haben.

Ich habe einige Tage für das Buch benötigt, obschon ich im Vorfeld erwartet hatte, ich würde es regelrecht fressen, aber während mich der Roman nun zwar nicht völlig gefesselt hat, hat er einfach eine grundsätzliche Faszination auf mich ausgeübt, die mich schon wissen lassen hat wollen, was nun hinter dem Ganzen steckt und ob überhaupt tatsächlich ein Mord stattgefunden hat.
Henning wurde eindeutig mehr als Täter denn als Opfer geschildert und so traf mich der Mord nicht wirklich, ferner waren auch weder Marc noch Sarah sonderlich sympathisch und ich habe da auch nicht die ganz große, romantische Liebe erkannt, die zwischen ihnen herrschen sollte; beide schilderten mir ihre Partnerschaft angesichts der ganzen Umstände viel zu verklärt. Für mich fehlte da die Spannung bzw. es war mir von Anfang an klar, dass ich mit keinem mitfiebern, mich auf keine Seite schlagen, konnte – nicht, weil das ganze Szenario bis fast zum Schluss völlig mysteriös blieb, sondern weil es mich nur wenig kümmerte, ob nun Sarah oder Marc oder Beide oder Keiner Henning abgemurkst hatte. Die Auflösung verblüffte mich letztlich zwar kurz, aber ein derartiges „Ha! Große Überraschung!“-Enden habe ich vor Allem in US-Thrillern schon häufiger gelesen, wobei es mir beim „Loft“ nun schon ein wenig übers Knie gebrochen vorkam und mir das tatsächliche Geschehen zu sehr runtergerattert wurde, während die Erzählweise zuvor eher vergleichsweise stockend war. Das war mir zu sehr Bruch im Stil; andererseits, während ich mir den Schluss etwas langsamer gewünscht haben würde, hätte ich mir die Erzählung bis dahin sonst etwas rasanter gewünscht.

Hm… letztlich habe ich „Das Loft“ nicht ungern gelesen und ich würde es auch empfehlen, aber ich hatte eingangs doch erwartet, dass dieser Roman sich als größeres Highlight entpuppen würde. Knapp vier Sterne (aufgerundet).

Veröffentlicht am 05.04.2022

Die Online-Omi als omnipräsente Organisatorin

Man muss sich nur trauen (Die Online-Omi 16)
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Über das Erscheinen einer neuen Bergmann-„Episode“ habe ich mich sehr gefreut; ich bin Fan der Online-Oma, während ich dem ersten Auftritt des mutmaßlichen Online-Opas Günter Habichtletzthin ja doch eher ...

Über das Erscheinen einer neuen Bergmann-„Episode“ habe ich mich sehr gefreut; ich bin Fan der Online-Oma, während ich dem ersten Auftritt des mutmaßlichen Online-Opas Günter Habichtletzthin ja doch eher verhalten gegenüberstand, und so war ich froh, dass statt eines weiteren Habicht-Bandes nun erneut ein Bergmann-Buch veröffentlicht wurde. An den Geschichten rund um Renate Bergmann schätze ich vor Allem, dass sie tatsächlich immer andere Themen haben und Frau Bergmann trotz ihres fortgeschrittenen Alters eben immer wieder völlig andere Dinge (neu) erlebt, wie nun eben eine im Rentenalter stattfindende Hochzeit, in deren Rahmen sie sich im Grunde genommen als Wedding Plannerin auslebt, um immer wieder zu betonen, dass Hochzeitsplaner eigentlich völlig überflüssig sind – tatsächlich war Renate Bergmanns Engagement hier für mich letztlich auch ein kleiner Wermutstropfen, denn ich habe mich schließlich tatsächlich zu wundern begonnen, ob Gertrud und Gunter überhaupt irgendetwas zum Ablauf ihrer eigenen Hochzeit wussten, da es hier kaum Unterhaltungen, insbesondere mit Gertrud (da war im Vergleich selbst Gunter dieses Mal schon fast geschwätzig), gab. Da hätte ich mir definitiv sehr viel mehr ganz explizites „Miteinander“ gewünscht.

Man kann nicht bezweifeln, dass Renate Bergmann angesichts ihrer mehrfachen Verwitwungen definitiv hochzeitserfahren ist, und ich fand es schön, dass in „Man muss sich nur trauen“ doch relativ viel aus der Vergangenheit erzählt wurde und wie Hochzeitsfeiern früher gemeinhin so abliefen und inwiefern sich das im Vergleich zu Heute doch, oder auch nicht, gewandelt hat. Allerdings hatte ich an zwei, drei Stellen auch das sichere Gefühl, dass die Online-Omi uns exakt das Gleiche schonmal einige Seiten zuvor erzählt hatte, so dass ich schon zu überlegen begonnen habe, ob da beim Lektorat geschludert wurde oder ob man die Fans subtil darauf vorbereiten möchte, dass Renate Bergmann allmählich doch ein wenig tattrig wird und es auf ein Ende der Serie zuläuft. Denn diese deutlichen Wiederholungen sind mir bislang in keiner anderen Bergmann-Geschichte aufgefallen.

Letztlich reicht es für mich zwar für knapp vier Sterne (leicht aufgerundet) in der Wertung, zumal Renate Bergmann sich hier auch wieder als Unikat positioniert, aber grad den letzten Band „Und fertig ist die Laube“ habe ich doch noch als deutlich heiterer und auch ein wenig kurzweiliger empfunden. Generell aber auch wieder ein sehr nettes Stück Online-Omi!

Veröffentlicht am 28.11.2021

Dorfidylle, die Unbehagen auslöst

Böse
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Was mich eingangs völlig verwirrte: Dieser Roman startet fettgedruckt; Fettschrift symbolisiert hier die Szenen, in denen die verschwundene Fenja im Mittelpunkt steht. Aber als ich das eBook aufrief und ...

Was mich eingangs völlig verwirrte: Dieser Roman startet fettgedruckt; Fettschrift symbolisiert hier die Szenen, in denen die verschwundene Fenja im Mittelpunkt steht. Aber als ich das eBook aufrief und mich prompt mit dieser fetten Schrift konfrontiert sah, da habe ich tatsächlich erst nachgeschaut, ob in meinen Einstellungen etwas verstellt wäre, und als Nächstes in ein späteres Kapitel geklickt, um zu prüfen, ob die komplette Datei fett gestaltet sei. Im Nachhinein ist diese Fettschrift zwar ein geeignetes Mittel, um die Fenja-Szenen klar abzugrenzen, aber dass die Handlung direkt so beginnt, empfand ich doch als etwas unglücklich.
Insgesamt gibt es hier mehrere Personen, die abwechselnd fokussiert werden (Katharina, der Bürgermeister Armin Hutter sowie dessen Sohn Karl und eben Fenja), und die Handlung ist insofern minimal achronologisch als sich die erste „fette Fenja-Szene“ eigentlich erst im späteren Verlauf der Geschichte, die ansonsten mit dem Zuzug Fenjas und ihrer Mutter in das beschauliche Dörfchen Hussfeld beginnt, ereignet.
Ich fand es allerdings nicht sonderlich schwer, mich hier perspektivisch reinzufuchsen; hätte mich diese anfängliche Fettschrift nicht direkt völlig konfus gemacht, würde ich da sicherlich absolut gar kein Problem gehabt haben.

Das idyllische Hussfeld wirkt von Anfang an sehr trügerisch; die Leute scheinen dort generell eher konservativ zu sein, der Bürgermeister wirkt wie ein Puppenspieler, der alle Fäden in der Hand hält und einfach nur auf „Friede, Freude, Eierkuchen“ bedacht ist und darauf, dass in Hussfeld alles sehr harmonisch und „gesittet“ zugeht, so dass die geschiedene, alleinerziehende Katharina mitsamt ihrer selbstbewussten Tochter von Anfang an argwöhnisch betrachtet werden – allerdings ahnt man, dass es unter der Oberfläche in diesem Ort vermutlich brodeln muss, sofern sich die Bürger*innen nicht ganz in ihr, vom Bürgermeister vorgegebenes, Schicksal fügen: So begegnet Katharina später auch Leuten, die Hussfeld bewusst den Rücken gekehrt haben, weil ihnen dort alles zu sehr auf „perfekt“ getrimmt war. Hier gelang es dem Autor, die Atmosphäre des Ortes authentisch widerzuspiegeln: Man kann dieses Dorf von vornherein eigentlich nicht guten Gewissens mögen. Ich fand hier tatsächlich die Schilderung des Umfelds sehr gruselig; für mich verströmte Hussfeld da äußerst unangenehme Stepford-Vibes, und ich habe zwischendrin tatsächlich auch mal pausieren müssen, einfach weil ich die Vorstellung des Ortes nicht mehr aushielt.

Generell fand ich „Böse“ von der Erzählung her wirklich eindringlich; leider begann sich ab der Mitte zunächst sehr viel zu wiederholen (Katharina gab ihre erbitterte Suche nach Fenja nicht auf und stieß immer wieder auf die gleichen Widerstände) und hier wurde auch relativ offensichtlich, wer hinter Fenjas Verschwinden steckte, auch wenn es nicht klar kommuniziert wurde, doch die diffusen Äußerungen und Anspielungen waren ziemlich eindeutig. Da zog sich die Handlung bis zum furiosen Showdown, bei dem die Fassade des ganzen Ortes buchstäblich zu bröckeln beginnt (ein gelungenes Sinnbild), doch etwas in die Länge und ich war froh, als sich die Ereignisse in besagtem Finale zu überschlagen begannen und hier nun wirklich etwas passierte.

Grundsätzlich endete „Böse“ nun nicht unbedingt vollkommen offen, wenn es da doch auch einen kleinen Kniff gab, der doch etwas, wenn auch nicht für den Lesenden, ungeklärt ließ und es prinzipiell ermöglicht, dass es hier noch einen Anschlussband geben könnte. Das Ende ist also nicht komplett geschlossen und man kann seine eigene Vorstellung hier zunächst noch etwas weiterspielen lassen. Das war okay, obschon ich einen glasklaren Schluss vorgezogen haben würde.
„Böse“ hat mir letztlich zwar gefallen, wenn mich auch nicht vollends überzeugt; ich würde jedoch definitiv noch weitere Bücher des Autors lesen.