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Veröffentlicht am 18.05.2022

Der beste Fantasyroman seit langem!

Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen
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Der Ingenieur Orhan schummelt sich gegen Skaverei, Rassismus und andere Widrigkeiten durch das Leben. Doch trotz seiner Bemühungen, einer zu verantwortungsvollen Aufgabe zu entgehen findet er sich als ...

Der Ingenieur Orhan schummelt sich gegen Skaverei, Rassismus und andere Widrigkeiten durch das Leben. Doch trotz seiner Bemühungen, einer zu verantwortungsvollen Aufgabe zu entgehen findet er sich als Oberbefehlshaber einer belagerten Stadt wieder. Neben stadtinternen Problemen, vorallem um die grüne und blaue Bruderschaft (die vermutlich so heißen, weil sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegenseitig grün und blau schlagen) und die heimische Oberschicht stellt sich der unbekannte Gegner als gewieft heraus. Nun ist es an Orhan nicht nur sich, sondern die ganze Stadt mit Lug, Betrug und Kreativität aus der Notlage zu retten.
Der Erzählstil des Romans ist einmalig, wundervoll ironisch bis hin zu boshaft-zynisch, wodurch er kurzweilig und lebhaft zu lesen ist. Gleichzeitig werden stellenweise intelligente emotionale Tiefschläge verpasst (z.B. die Brunnen-Szene) und geradezu am Rande komplexe ethische und moralische Probleme thematisiert, wie man sie nur selten in Fantasyromanen findet.
Die Charaktere sind rund und originell, besonders der Protagonist Orhan, der weder Held noch typischer Antiheld ist, liest sich überaus unterhaltsam. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie schön es ist, mit ihm einem Protagonisten durch die Geschehnisse zu verfolgen der intelligent ist.
Auch die Handlung überzeugt: die zahlreichen Wendungen sind nicht nur überraschend, sondern auch nachvollziehbar. Zudem hat sich der Autor hervorragend über Belagerungsstrategien informiert, der Wissenstand der Charaktere ist glaubwürdig und Plotholes nicht vorhanden. Die Welt selbst fühlt sich belebt und alt an, zwar ist keine Karte vorhanden, doch als Leser bekommt man dennoch einen guten Eindruck von der Geographie. Was gibt es noch zu sagen? Das Cover ist offensichtlich gut gestaltet.
Alles in allem… ich liebe dieses Buch. Die Fortsetzung, die Ende des Monats erscheint, ist schon in mein Budget eingeplant.

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Veröffentlicht am 15.05.2022

Spannender historischer Roman mit dynamischer Handlung

Arnulf. Der Herr der Elbe
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Nördlich der Elbe, wo verfeindete Slawen, Dänen und Sachsen aneinanderstoßen, hat der ehemals im Dienst Karls des Großen stehende Arnulf seine Festung errichtet. Bei „Arnulf. Der Herr der Elbe“ von Robert ...

Nördlich der Elbe, wo verfeindete Slawen, Dänen und Sachsen aneinanderstoßen, hat der ehemals im Dienst Karls des Großen stehende Arnulf seine Festung errichtet. Bei „Arnulf. Der Herr der Elbe“ von Robert Focken handelt es sich um den vierten Band der Reihe, der jedoch auch ohne Vorwissen der drei Vorgänger gelesen werden kann. Selbstverständlich ist es schöner, die Entwicklungen der Figuren über mehrere Bücher hinweg zu verfolgen, doch die sympathischen, vielschichtigen Charaktere überzeugen auch so. Neben Arnulf selbst wird aus den Perspektiven seiner Frau Erika und der gemeinsamen Kinder Arthur, Grimbald und Roswith erzählt, besonders diese drei beginnen nun eigene Wege zu suchen und finden, sich von den Eltern zu lösen und erste Lieben und Verluste zu erleben. Gleichzeitig erhält der Leser über den Königsboten Ebo spannungssteigernde Einblicke in das Agieren der Antagonisten. Bzw. einer Gruppe von Antagonisten, die unscharfe Linie zwischen Freund und Feind wird immer wieder neu gezogen.
Durch den angenehmen Erzählstil werden diese Veränderungen und Motivationen verständlich und schlüssig vermittelt, besonders bei Schlachten wird gekonnt zwischen dem chaotischen Geschehen aus Sicht des Einzelnen und einer für den Leser ersichtlichen Gesamtschau balanciert.
Auf der Handlungsebene werden eine Vielzahl von Konflikten geschickt miteinander verknüpft und kontinuierlich bis zur letzten Seite hin ausgetragen. So werden Allianzen geschlossen und gebrochen, am und abseits des Hofes wird intrigiert, es kommt zu Loyalitätskonflikten, Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit bestimmten Personen und alle Taten (oder Nicht-Taten) haben Konsequenzen.
Neben einer ungeheuren Dynamik der Handlung überzeugt der Roman durch seine großartige Recherche, die sich in bildhaften Beschreibungen des historischen Alltags mit all seinen sozialen Ungleichheiten niederschlägt, Fakten werden harmonisch mit Fiktion verbunden.
Alles im allem eine eindeutige Leseempfehlung an alle Fans historischer Romane.

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Veröffentlicht am 09.05.2022

Großartiger historischer Roman um die Reisen eines Nashorns

Die silberne Riesin
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Die silberne Riesin von Jeannine Meighörner erzählt die außergewöhnliche Geschichte der Nashorndame Clara. Jung verwaist und an menschliche (und ziegische) Gesellschaft gewöhnt wurde sie im 18. Jahrhundert ...

Die silberne Riesin von Jeannine Meighörner erzählt die außergewöhnliche Geschichte der Nashorndame Clara. Jung verwaist und an menschliche (und ziegische) Gesellschaft gewöhnt wurde sie im 18. Jahrhundert eine Sensation und Publikumsmagnet in Europa. Und was viele Menschen bewegt, gewinnt natürlich immer auch eine politische Bedeutung.
Mit feinsinnigem Humor und anschaulichen Beschreibungen wird der Leser gemeinsam mit Clara auf eine Reise durch bekannte und doch so zeitlich-fremde Orte geleitet, deren Wunder, Missstände und Alltag lebendig werden.
Neben der augenfälligen großartigen Recherche der Autorin hat mir nicht zuletzt ihr Umgang mit historischen Personen sehr gut gefallen. Auch im Falle kurzer bzw. einmaliger Auftritte gliedern sich diese harmonisch und natürlich in den Handlungsverlauf ein.
Ohne jeden Zweifel ist das Nashorn Clara das Herzstück des Romans und sie wird dem mehr als gerecht. Sie ist unglaublich sympathisch und charakterstark geschrieben, mit ihr fiebert man wieder und wieder mit. Deshalb fünf Orangen für sie und das Buch.
Alles in allem möchte ich diesen Roman jedem uneingeschränkt weiterempfehlen.

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Veröffentlicht am 07.04.2022

Düstere Endzeit mit einem Schreibstil der mit Poesie und Härte spielt

Der letzte Traum
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Der Letzte Traum ist kein typischer post-apokalyptischer Roman. Wer ein lautes, knallendes Ende der menschlichen Welt sucht ist fehl am Platz, hier ist begegnet dem Leser ein langsames, stilles Vergehen. ...

Der Letzte Traum ist kein typischer post-apokalyptischer Roman. Wer ein lautes, knallendes Ende der menschlichen Welt sucht ist fehl am Platz, hier ist begegnet dem Leser ein langsames, stilles Vergehen. Ein Fahrrad-Roadtrip der Ich-Erzählerin führt uns durch die USA, vorbei an den verfallenden Resten der Zivilisation. Die auftretenden Charaktere sind einzigartig und auf eine derart bildhafte Weise geschildert, dass sie geradezu lebendig werden, was sich wundervoll mit der post-apokalyptischen Leblosigkeit kontrastiert.
Und Kontrast ist auch ein perfektes Wort, um den Schreibstil zu definieren: Es handelt sich dabei um ein Spiel von Ambivalenzen, von Ungenauigkeit und Überdeutlichkeit, von poetischer Tiefsinnigkeit und Derb-Obszönen. Habe ich so noch nie gelesen. Und es funktioniert hervorragend; Stil, Thematik und Handlung passen so gut zueinander, dass, als ich etwa bei der Hälfte des Buches angelangt, die Sorge bekam, kein Ende könnte dieser Geschichte angemessen werden, kein Abschluss könnte sich richtig, rund, befriedigend anfühlen. Und weil die Seiten nur so dahinflogen, erreichte ich das Ende schneller als gedacht. Und was für ein Ende es ist! Würde einen Extra-Stern vergeben, wenn es möglich wäre.
Fazit: Spannender Roman mit einem genuin einmaligen Schreibstil. Empfehlung für alle, deren Nerven der Triggerliste standhalten.

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Veröffentlicht am 31.03.2022

Historische Phantastik in der Tradition nordischer Sagas

Schildmaid
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Bei Schildmaid von Judith & Christian Vogt handelt es sich, anders als der Text auf der Rückseite impliziert, um keine moderne Neuinterpretation nordischer Sagen im Sinne eines re-telling, wie es in jüngster ...

Bei Schildmaid von Judith & Christian Vogt handelt es sich, anders als der Text auf der Rückseite impliziert, um keine moderne Neuinterpretation nordischer Sagen im Sinne eines re-telling, wie es in jüngster Zeit bei vielen Märchen bekannt ist. Vielmehr werden hier Elemente des Repertoires klassischer Sagas aufgegriffen nahtlos mit originellen Inhalten zu einem atmosphärischen, spannenden Abenteuer zusammengefügt.
Da der Erzählstil der Tradition altnordischer Sagas steht, unterscheidet er reizvoll von dem heute üblicheren Stil, allerdings ohne sperrig oder schwerfällig zu sein.
Was die Charaktere angeht kann ich nur die Vielfältigkeit hervorheben: auf dieser Reise begegnen uns (vorallem) Frauen verschiedener sozialer Schichten und persönlicher Hintergründe, allesamt vereint durch ein Anecken mit den ihnen vorgeschriebenen gesellschaftlichen Rollen. Sie kämpfen miteinander, gegeneinander und sind als Figuren rund, komplex und lebendig. An dieser Stelle möchte ich auch besonders die Glaubwürdigkeit der Kindercharaktere loben.
Das historisch ausgezeichnet recherchierte und durchdachte Setting wird angereichert mit diversen Themen, die zurecht als progressiv bezeichnet werden, so werden u.a. Queerness, Selbstfindung und der Umgang mit verschiedenen Gewalterlebnissen mit dem Vokabular und Möglichkeiten der Zeit erörtert. Hierdurch wirken die Dialoge der Figuren nicht „modernisiert“ sondern authentisch und natürlich.
Ich weiß nicht, was ich noch schreiben könnte ohne zu viel vorweg zu nehmen. Darum hier abschließend: Unbedingte Leseempfehlung meinerseits, obwohl ich die letzte Seite vor Tagen gelesen habe, klingt die Geschichte unverändert stark in mir nach.

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