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Veröffentlicht am 19.03.2025

Wenn die Tragödie ein zweites Mal geschieht

Der Gott des Waldes
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„Doch der Schlitzer – oder Jacob Sluiter, wie er eigentlich hieß – war kein Geist. Er war quicklebendig, soweit Louise wusste, und trotzdem spukte er Jahr für Jahr in den Fantasien ihrer Ferienkinder herum. ...

„Doch der Schlitzer – oder Jacob Sluiter, wie er eigentlich hieß – war kein Geist. Er war quicklebendig, soweit Louise wusste, und trotzdem spukte er Jahr für Jahr in den Fantasien ihrer Ferienkinder herum. Die Gerüchte um ihn – und seine angebliche Verbindung zum Naturreservat der Van Laars – hielten sich extrem hartnäckig, so etwas hatte sie noch nicht erlebt.“

Inhalt

Im Naturreservat der gut situierten Familie Van-Laar wird seit Jahrzehnten ein florierendes Ferienlager betrieben. Das Camp Emerson ist nicht nur der Stolz der Familie, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber in den Adirondacks, dem nordöstlichen Gebirge des Bundesstaates New York. Ganzjährig sind die vielen Angestellten mit wichtigen Aufgaben in der Natur betraut und in den langen Sommermonaten kommen dann die Kinder aus den wohlhabenden Familien, um zwei Monate Pfadfindertraining zu erhalten und gesellige Momente unter Gleichaltrigen zu verbringen.

Doch im Jahr 1975 ereignet sich eine Tragödie, die bereits vor 14 Jahren für Schlagzeilen sorgte, ein zweites Mal. Damals im Sommer 1961 verschwand der einzige Sohn der Familie Van-Laar im Alter von 8 Jahren spurlos, bis heute hat man ihn nicht gefunden und nun ist die 13-jährige Tochter Barbara ebenfalls unauffindbar. Welche schrecklichen Ereignisse wiederholen sich hier und welches Geheimnis verbirgt die Familie? Die Gerüchteküche brodelt vor sich hin und die ermittelnden Polizisten suchen nach einer Verbindung zwischen den Fällen, denn so etwas kann doch kein Zufall sein …

Meinung

Dieses Buch, angesiedelt zwischen einem Thriller und einem gesellschaftskritischen Roman, der sich mit sozialer Ungleichheit und Machtmissbrauch beschäftigt, ist derzeit in aller Munde. Die begeisterten Leserstimmen, die dem New York Times Bestseller vorauseilen, haben auch mich dazu bewogen, zu dieser Lektüre zu greifen. Von der Autorin habe ich bereits „Long Bright River“ aus dem Jahre 2020 gelesen und mochte das Buch damals auch.

Dieses hier hat mich von der Story her sogar noch mehr angesprochen, denn vor dem Hintergrund der idyllischen Ferienlageratmosphäre hinein in eine echte Familientragödie zu platzen, dass hat schon was! Der Schreibstil liest sich sehr angenehm, regelrecht leicht und unterhaltsam. Die kurzen Kapitel und die diversen Erzählstimmen, erzeugen einerseits eine hohe Spannungskurve und fesseln den Leser gleichzeitig an den Verlauf der Geschichte. Der Text ist leserfreundlich aufbereitet wurden, mit einem Zeitstrahl, klaren, fast stereotypischen Charakteren und kleinen Anekdoten, die in Erinnerung bleiben. Wenn es ein Film gewesen wäre, dann hätte mich das alles direkt überzeugt. In der Schriftform war es mir aber stellenweise etwas zu dick aufgetragen.

Der schnelle Wechsel zwischen den Eindrücken diverser Personen, gespickt mit relevanten und unrelevanten Begebenheiten für den Fall, haben bei mir das Gefühl aufkommen lassen, dass ich mich oftmals nur mit Belanglosigkeiten beschäftige. Als Leser kann man schlecht abschätzen, ob die charakterlichen Verfehlungen der Personen nun etwas mit dem Verschwinden der Kinder zu tun haben oder nicht. Außerdem hat mir das gesamte Personal des Buches zu wenig Tiefgang. Weder die ermittelnde Polizistin, noch die unfähigen Eltern oder die geplagten Angestellten, konnten mich mitnehmen – mir fehlte da diese eine Person, mit der ich gern gemeinsam durch die Story gegangen wäre. Der Mix aus so vielen Erzählstimmen gibt letztlich Abzug in der Gesamtbewertung.

Fazit

Ich vergebe klassische 4 Lesesterne für diesen kurzweiligen, durchaus spannenden Roman, der weniger Thriller als Unterhaltungslektüre ist. Aus den 588 Seiten hätte man meines Erachtens ein paar weniger machen können und die Handlung selbst weniger oberflächlich wirken lassen. Tatsächlich habe ich das Buch aber gern gelesen, es ist eine interessante Erzählung, die einen stimmigen Background zaubert. In jüngeren Jahren hätte mich dieses Konstrukt auch mehr angesprochen, denn gerade die Szenen zwischen den Jugendlichen im Camp, fand ich sehr gut gezeichnet. Die Erwachsenen Figuren wirkten auf mich leider zu blass und die Aussage, die das Buch impliziert ist, so einfach wie vorhersehbar: Die Reichen und Schönen haben die größten Leichen im Keller und die Armen können es sich aus Abhängigkeitsgründen nicht leisten, in Widerspruch zu gehen. Das Buch ist ein schöner Sommerroman, den ich mir als Film durchaus ein zweites Mal anschauen würde.

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Veröffentlicht am 11.08.2024

Mathematik für Außenseiter

Pi mal Daumen
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" Sie werden lachen, aber ich halte Sie nicht für besonders doof. Ich halte Sie für ineffizient."

Inhalt

Der 16-jährige Oscar sitzt in den Mathematikvorlesungen, weil er ein Überflieger ist, der bereits ...

" Sie werden lachen, aber ich halte Sie nicht für besonders doof. Ich halte Sie für ineffizient."

Inhalt

Der 16-jährige Oscar sitzt in den Mathematikvorlesungen, weil er ein Überflieger ist, der bereits in der Grundschule mit Primzahlen jonglieren konnte, auch wenn er keinerlei Sozialleben pflegt und autistische Züge besitzt. Seine neue Studienbekanntschaft, hat einen ganz entscheidenden Vorteil, sie schafft es den unterzuckerten jungen Mann mit einem Frühstück zu versorgen und nebenbei den kränkelnden Enkelsohn zu beruhigen und wissenschaftliche Aufgaben mit Tiefgang zu lösen, obwohl sie doch so überhaupt keinen Plan vom Leben zu haben scheint.

Wie es Moni zum Mathematikstudium in ihrem fortgeschrittenen Alter verschlagen hat, will Oscar einfach nicht in den Sinn. Mit einer hysterischen Tochter, drei Enkeln, einem sehr speziellen Lebensgefährten und mehreres Jobs, wird sie die Schönheit der Mathematik doch nie begreifen. Wann auch? Ihr Leben scheint ein einziges Chaos zu sein, mit hunderttausend Ansprüchen und keinerlei Zielstellung. Erst als Moni die einzige Bestnote in einer Klausur schreibt, bekommt es Oscar mit der Angst zu tun. Wie kann es sein, dass diese Frau so gut ist? Und schon hat er sein nächstes Forschungsobjekt gefunden. Doch Moni gibt es nur mit all ihren Anhängen und so muss Oscar in den sauren Apfel beißen und aus seinem Schneckenhaus herauskommen.

Meinung

Ich bin großer Fan der in Berlin lebenden Autorin, die mich schon mit zahlreichen Romanen ausgesprochen gut unterhalten konnte. Und dieser hier war mir auf Anhieb sehr sympathisch. Er hat auch so passende Parallelen zu meinem eigenen Leben, schließlich widmet sich der nerdige Hauptprotagonist der Mathematik und meine Tochter beginnt dieses Jahr ebenfalls mit diesem Studium - allerdings nur das verpönte Lehramt, also für Oscar ein absolutes No-Go!

Die Story ist nicht sonderlich tiefgründig, dafür mit wirklich herzerwärmenden Dialogen ausgestattet. Man kann Moni nur bewundern und Oscar wächst einem ganz schnell ans Herz, so das man die Interaktion zwischen den beiden und die skurrilen Alltagssituationen direkt miterleben kann. Ich mag Bücher, bei denen das Identifikationspotential so hoch ist wie hier - zwei konträre Charaktere, die durch Zufall zueinander finden und sich einfach mögen, selbst oder gerade deshalb, weil sie so besonders sind.

Das Studium von Moni Kosinsky verändert nicht nur die gestandene Frau, sondern vor allem den jungen Mann, der es sich bald zur Aufgabe macht, die vielbeschäftigte Frau durch das Studium zu manövrieren. Zwischen den Zeilen stecken dann gut greifbar einige Lebensweisheiten, die jedoch kaum an die Oberfläche kommen, weil der Leser mit Lachen beschäftigt ist. Die Grundaussage des Buches ist wunderbar positiv und lebensbejahend.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne, für ein echtes Gute-Laune-Buch mit Wohlfühlfaktor. Wer spezielle Typen mit sonderbaren Ansichten und verqueren Hobbys mag, oder einfach Menschen, die andere wie eigene Kinder aufnehmen und mit Wärme und Zuwendung verwöhnen, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Den einen Stern Abzug begründe ich mit der übersichtlichen Story. Da hätte es gerne noch den ein oder anderen Schwenk in eine andere Richtung geben dürfen, aber da Oscar als Erzähler fungiert und der für Zwischenmenschliches bisher so gar kein Verständnis hatte, ist das durchaus glaubwürdig. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Buch der Autorin und empfehle dieses hier guten Herzens weiter.

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Veröffentlicht am 21.06.2024

60 verpasste, 33 gelebte Jahre

Seinetwegen
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„Seit das erste Kraftfahrzeug aus einer Fertigungshalle rollte, haben mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben ans Auto verloren. Über jeden Einzelnen von ihnen könnte man eine Geschichte erzählen. Über ...

„Seit das erste Kraftfahrzeug aus einer Fertigungshalle rollte, haben mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben ans Auto verloren. Über jeden Einzelnen von ihnen könnte man eine Geschichte erzählen. Über sein Leben. Über sein Sterben.“

Inhalt

Zora del Buono begibt sich auf autobiografische Spurensuche zum Leben ihres früh verstorbenen Vaters, an den sie sich selbst gar nicht erinnern kann. Die Lücke, die sie beschreibt, muss nicht gefüllt werden, denn die Abwesenheit des Vaters ist alles, was die Autorin kennt. Ihr Fokus liegt darauf, die Todesumstände von Manfredi del Buono auszuloten und ein Verständnis für den Fahrer des Autos zu entwickeln, der als Unfallverursacher mit dem Leben davonkam, aber Jahrzehntelang mit seiner Schuld zurechtkommen musste. Ganz nebenbei lässt sie auch ihr eigenes Leben und das der Mutter Revue passieren, versucht Entwicklungen zu erklären und gleichzeitig aufzuzeigen, dass es immer weitergeht, bis zu einem Tag X, den keiner kennt und der ganz plötzlich da sein kann oder auch lange auf sich warten lässt …

Meinung

Die Inhalte des Buches lesen sich nicht wie eine Biografie, obwohl sie genau das sind. Es ist ein interessanter Mix aus Roman, Lebensbericht und szenischer Erzählung rund um die Thematik des Unfalltods und die Auswirkungen eines solchen auf die Beteiligten. Die Frage der Schuld oder Unschuld ist der zentrale Mittelpunkt des Buches, jedoch ohne Anklage und Moralisierung, es sind die Verkettungen, die erschrecken, die Vorurteile, die nach genauerem Betrachten entkräftet werden und eine sachliche Omnipräsenz von Geschehnissen, die keiner verantworten und die nicht rückgängig gemacht werden können.

Der Erzählstil ist puristisch, konzentriert sich auf Kernpunkte, nimmt aber auch immer wieder Parallelen in den Einzelschicksalen auf: wie lebt es sich ohne Vater, wie überschattet ein Unfalltod das Leben der Zurückgebliebenen und wie kann man als Betroffener sein Leben gestalten, ohne verbittert dem Schicksal gegenüberzutreten?

Man kann das Buch zwischenzeitlich bei Seite legen und findet problemlos wieder hinein. Man kann auch willkürlich eine Seite aufblättern und etwas Lesen, der rote Faden ist da, die Chronologie der Ereignisse nicht zwingend erforderlich. Stellenweise sind es Einblicke in normale Alltagssituationen, dann wieder sehr philosophische Gedanken, die zum Nachdenken anregen. Auf jeden Fall erfährt man subtil etwas vom Denken der Autorin und von Ihrer Lebensgeschichte.

Fazit

Dieser biografische Roman ist kurzweilig, mäßig bedrückend mit sonnigen Abschnitten – irgendwie ein bisschen von allem. Er wirkt authentisch, wirft Fragen auf und beantwortet nur einige von Ihnen. Es hat mir gut gefallen, dass die Autorin mittlerweile selbst 60 Lebensjahre absolviert hat, dadurch wirkt es weniger pathetisch, eher versöhnlich im Handeln und erfahren im Unterton. Ich vergebe dennoch nur 4 Lesesterne, was hier fehlte war die Nähe zum Leser - manches hätte eins zu eins einer Quelle aus der Tageszeitung entspringen können. Auch der Mehrwert des Buches erschließt sich mir nicht restlos, es ist ein persönlicher Bericht, doch längst keine umfassende Erzählung. Zum Schmökern und für Gedankenimpulse hat es Potential, man gut darüber sprechen, es fördert den Austausch, bleibt aber nicht nachhaltig in Erinnerung.

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Veröffentlicht am 26.05.2022

Teuflische Geigenklänge

Die Schatten von Edinburgh
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"Eine panische Angst, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte, bemächtigte sich meiner. Sie erfüllte meine Brust, während mir das Geflüster der Zigeunerin wieder in den Sinn kam."

Inhalt

Für den nach ...

"Eine panische Angst, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte, bemächtigte sich meiner. Sie erfüllte meine Brust, während mir das Geflüster der Zigeunerin wieder in den Sinn kam."

Inhalt

Für den nach Schottland versetzten Inspector Frey, einen kultivierten Engländer, manifestiert sich schon nach wenigen ersten Eindrücken sein vorgefertigter Eindruck, dass es hier weder Manieren, noch gutes Essen, geschweige denn eine berufliche Perspektive gibt. Nur unwillig beginnt er mit seinem wahrhaft imposanten, wenn auch exzentrischen neuen Vorgesetzen McGray zusammenzuarbeiten. So unterschiedlich die beiden Ermittler auch sein mögen, so ergänzen sie sich doch vorbildlich und bilden ein gutes Team. Schon nach kurzer Zeit sind sie einem Serienmörder auf der Spur, der ganz zielgerichtet seine Opfer auswählt, sie scheinbar nach keinem genauen modus operandi tötet. Der Fall ist besonders verzwickt, weil allerlei abergläubische Akteure mitwirken, allen voran der Schotte McGray. Und während sich Inspector Ian Frey sehr sicher ist, dass der Teufel bei dieser Mordserie ganz sicher nicht seine Finger im Spiel hat, treten doch immer häufiger Zufälle auf, dies es nahelegen, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Der Schlüssel zur Lösung des Falls scheint greifbar nah, doch so eng der Kreis der Verdächtigen auch ist, weitere Morde dünnen ihn immer mehr aus …

Meinung

Dies ist nicht nur der Auftakt der im viktorianischen Zeitalter spielenden Krimireihe um die Ermittler Frey und McGray, sondern auch mein erstes Buch aus der Feder des Autors. Historische Schauplätze und das Mordgeschehen längst vergangener Tage üben auf mich einen gewissen Reiz aus und nachdem ich zahlreiche begeisterte Leserstimmen zu dieser Reihe wahrgenommen habe, wollte ich sie natürlich auch gerne testen.

Dieser Krimi verbreitet ein gewisses Flair und schafft eine perspektivenreiche Atmosphäre, die den Zeitgeist wunderbar einfängt und für den Leser erlebbar macht. Tatsächlich macht das einen großen Teil dieses Buches aus und zieht sich, wie der rote Faden durch alle Seiten. Ebenso viel Augenmerk wird den beiden Ermittlern geschenkt, die ich mir lebhaft vorstellen kann und deren Eigenheiten vortrefflich das Geschehen ergänzen.

Diese beiden Pluspunkte führen jedoch dazu, dass der eigentliche Fall in den Hintergrund gedrängt wird und die Ermittlungen nur mühsam vorankommen. Also aus kriminalistischer Sicht hätte ich mir da deutlich mehr erwartet, was eindeutig den fehlenden Bewertungspunkt ausmacht. Das Lesen ist mehr wie das Zuschauen bei einem Film und das langweilte mich dann doch stellenweise. Gerade im ersten Teil des Buches hätte ich mir einen stringenteren Erzählstil und weniger Fabulieren gewünscht. Auch die humoristische Komponente bietet mir hier nicht unbedingt den Mehrwert – derart intensive Interaktionen zwischen zwei Personen gefallen mir als Schlagabtausch zwar ganz gut, solange sie nicht zu sehr dominieren, und hier war es manchmal grenzwertig.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen unterhaltsamen, abwechslungsreichen Kriminalroman, der mir insgesamt gut gefallen hat, wenn auch mit kleinen Abstrichen. Ob ich die Reihe nun weiterverfolgen werde, ist fraglich, denn so ganz in Begeisterungsstürme kann ich nicht verfallen, möglicherweise war meine Erwartungshaltung auch etwas hoch. Empfehlenswert ist definitiv historisches Interesse, vor allem für die damalige Zeit.

Trotzdem bietet die Story ein entsprechendes Potential und lässt sich vielfältig ausbauen, so dass ich mir bei passender Laune auch wieder ein Buch aus dieser Reihe vorstellen könnte. Das Gleichgewicht zwischen dem Privatleben der Ermittler und ihrer beruflichen Schaffenskraft wird gewahrt, es entsteht ein Szenario, welchem der Leser beiwohnt, die Hintergründe erscheinen dabei etwas zweitrangig, der Stil hingegen ist wohlwollend einprägsam.

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Veröffentlicht am 22.03.2022

Der Hafenmörder aus guten Kreisen

Der letzte Tod
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Im Herbst des Jahres 1922 geht in der österreichischen Hauptstadt Wien alles kontinuierlich den Bach hinunter, die Inflation ist auf einem Rekordniveau, die normale Bevölkerung leidet Hunger und Wohnungsnot ...

Im Herbst des Jahres 1922 geht in der österreichischen Hauptstadt Wien alles kontinuierlich den Bach hinunter, die Inflation ist auf einem Rekordniveau, die normale Bevölkerung leidet Hunger und Wohnungsnot und das kriminelle Pack ist auf dem Vormarsch. Normalerweise hätte Inspektor August Emmerich auch ohne seinen neuesten Fall alle Hände voll zu tun, doch eine in einem alten Tresor entdeckte Leiche, die anscheinend lebendig dort hineingesperrt und dann nicht wieder hinausgelassen wurde, weckt seinen Einsatzeifer. Selbst der ihm zugeordnete Psychologe Sándor Adler, der Licht in die dunklen Seelen der Mörder bringen soll, muss Emmerich genau so erleben, wie jeder andere auch: ungehobelt aber entschlossen. Während Adler von einem Serienmörder ausgeht, begeht der vermeintliche Täter Selbstmord und der Fall könnte geschlossen werden, allerdings sind sich die Inspektoren Emmerich und Winter fast sicher, dass die einfache Lösung hier nicht die richtige sein kann. Und tatsächlich entdeckt man nur wenig später, den nächsten Leichnam in einer Kiste, doch diese befindet sich im ungarischen Hafen und nicht in Österreich. Wer könnte über Grenzen hinweg morden und das nach dem immer gleichen modus operandi?

Meinung

Dies ist bereits der fünfte Band aus der historischen Kriminalreihe um den Inspektor August Emmerich. Die vorherigen Bände habe ich innerhalb kürzester Zeit im vergangenen Jahr konsumiert und mich immer bestens unterhalten gefühlt. Zum einen sind die Fälle in sich abgeschlossen, man muss also nicht immer den fiesen Cliffhänger erwarten, zum anderen lebt diese Reihe durch die Protagonisten, die ebenso speziell wie liebenswürdig dargestellt werden. In allen Bänden dominiert trotz düsterer Stimmung ein humorvoller Unterton und gerade die Vielschichtigkeit der Personen, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln, bietet hier den Mehrwert.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen eher klassischen, historischen Kriminalroman der neben einer ansprechenden Krimihandlung auch wieder ein facettenreiches Bild der vergangenen Zeit entwirft, angefangen beim verarmten Adel, hin zu neuer Dekadenz, über die Sorgen der einfachen Bürger und die erstarkenden politischen Bewegungen.

Alles wirkt sehr authentisch und unterhaltsam, man könnte sich auch eine Verfilmung gut vorstellen, weil der detaillierte Schreibstil vor allem das alltägliche Leben der Menschen einfängt und dem Leser näherbringt. An dieser Reihe bleibe ich definitiv dran.

Ganz so spannend wie in anderen Ermittlungsarbeiten der Bände 1-4 war es hier zwar nicht, was aber auch daran liegen mag, dass der Zufall dem Inspektor tatsächlich mehr als einmal zu Hilfe kam. Dafür hat mir die Darstellung des privaten Herrn Emmerich sogar besser gefallen, als Leser habe ich mittlerweile ein umfassendes Bild seines Charakters vor Augen und verfolge gespannt seinen Weg weiter.

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