Profilbild von jenvo82

jenvo82

Lesejury Star
offline

jenvo82 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit jenvo82 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.08.2017

Die vielen Variationen einer traurigen Melodie

Wo noch Licht brennt
0

„Es wird nicht leicht werden, doch die Wege am Horizont sehen immer steinig aus. Wenn man erst mal dort ist, findet sich immer etwas, das einem hilft, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“

Inhalt

Die ...

„Es wird nicht leicht werden, doch die Wege am Horizont sehen immer steinig aus. Wenn man erst mal dort ist, findet sich immer etwas, das einem hilft, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“

Inhalt

Die Türkin Gül ist ihrem Mann erneut nach Deutschland gefolgt, nachdem sie bereits einmal dort war und wieder in die Türkei zurückkehrte. Eine Tochter lebt in der Heimat, die andere im ach so modernen Deutschland und versucht dort ihr Glück. Fuat, Güls Mann identifiziert sich nicht mit dem Land, für ihn geht es in erster Linie um die Möglichkeit Geld zu verdienen und seinen Lebensstandard zu erhöhen. Doch in Deutschland ist es für Türken nicht so leicht, dass Geld wird ihnen nicht hinterhergeworfen und sie müssen entweder schwer arbeiten oder sich ins kleinkriminelle Milieu flüchten. Die Ehe der beiden hat schon so manchen Sturm überlebt, auch wenn immer Gül diejenige ist, die zurücksteckt und ihrem Mann den Rücken stärkt, selbst wenn dieser es ihr nicht dankt. Erst als der Ruhestand naht, wird sich Gül bewusst, dass Deutschland keine wirkliche Alternative für ein zufriedenstellendes Leben im Alter ist und sie macht sich wieder auf die Reise in die Türkei, selbst wenn ihre Heimat nicht mehr das bietet, was sie ihr vor Jahren versprochen hat. In der Erinnerung sind es die Menschen, die ihr etwas bedeuten und denen sie nun gern wieder nahe sein möchte …

Meinung

Dieser Familienroman lässt das Herz seiner Leser höherschlagen, weil er so intensiv und eindringlich die Gefühlswelt seiner Protagonisten aufleben lässt. Stimmungen, Gedankengänge und Emotionen werden eingefangen, betrachtet und wieder losgelassen. Das Leben selbst scheint der Schreiber zu sein und man hat den Eindruck, sich in sämtliche Belange und Schicksalsschläge hineinversetzen zu können und ähnlich wie die Erzählerin aus dem tiefen Tal der Verzweiflung immer wieder nach oben an die Oberfläche gelangen zu können. Selim Özdogan schafft hier ein Band zwischen den Personen, welches mit Liebe geknüpft, mit Tränen beweint und mit Hoffnung erfüllt ist. Dabei schlägt er die leisen Töne an, die sich immer mit den Überlegungen seiner Protagonisten kreuzen und doch eine universelle Wucht haben.

Das Besondere an diesem Buch sind die vielen philosophischen Betrachtungen, ein tief verankertes Glaubensbekenntnis und ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben und die unermesslichen Prüfungen, die sich über alle Jahrzehnte erstrecken. Das vorherrschende Gefühl der Melancholie und Traurigkeit, lässt den Leser nicht los, es zieht ihn hinein in die unveränderlichen Ereignisse und Verfehlungen, die den Weg der handelnden Personen immer wieder kreuzen. Doch man möchte kein Mitleid empfinden, weil eine andere Botschaft im Raum steht. Gerade die Aussage, dass Leben so anzunehmen, wie es ist, nicht mit den Gegebenheiten zu hadern und auch im Angesicht der größten Prüfung aufrecht zu stehen, drängen sich dem Leser regelrecht auf.

Fazit
Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen ausgewogenen, tiefsinnigen Familienroman, der sich nicht nur mit kulturellen Unterschieden und dem Gefühl der Heimatlosigkeit auseinandersetzt, sondern dessen Hauptaugenmerk auf der Akzeptanz beruht. Zu erkennen und zu verstehen, wie andere denken, fühlen und handeln und im gleichen Atemzug zu wissen, dass es niemals die eine richtige Lösung, die eine korrekte Entscheidung geben wird, dass ist es, was mir der Text vermitteln konnte. Ich spreche eine Leseempfehlung für all jene aus, die differenzierte Familiengeschichten mögen, die gerne über Verhaltensweise reflektieren und deren Herz am rechten Fleck sitzt. Ein wunderschönes Buch für alle, die die Fallstricke des Lebens kennen und in ihrer Ansicht bestärkt werden wollen, dass es Licht am Ende des Tunnels geben wird.

Veröffentlicht am 13.02.2026

Die Nacht bleibt wach

Der letzte Sommer der Tauben
0

"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen ...

"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen und das Kalifat ausgerufen. Doch sehr schnell und direkt wird ihre Herrschaft manifestiert, indem rigorose, oft tödliche und sofortige Strafen verhenkt werden, bzw. auf offener Straße Demütigungen stattfinden. Es ist unmissverständlich: Wer sich nicht an die Vorgaben der Herrschenden hält, wird bestraft und bezahlt sein Ungehorsam mit dem Leben. Noah´s Familie ist gläubig aber auf eine ganz entspannte Art, man bemüht sich um ein gutes Miteinander und sorgt sich um die Seinen. Die nun regierende Strenge erlegt seiner Familie viele Bürden auf. Trotz der Tatsache, dass sich seine Angehörigen weitestgehend an die neuen Gesetze halten, erkennt Noah, dass jedwedes Andersdenken gefährlich sein kann. Als sein geliebter Onkel Ali, mit dem ihm die gemeinsame Taubenzucht verbindet, in einer Nacht und Nebelaktion fliehen muss, ahnt der Jugendliche das es kaum möglich sein wird, sich unter dem Radar der Regierenden zu verstecken.

Meinung

Dies ist bereits das dritte Buch des in Bagdad geborenen Abbas Khider, welches ich gelesen habe. Seine Romane thematisieren meist bewegende Familiengeschichten vor der Kulisse eines totalitären Staates. Auch hier findet er mühelos vom Kleinen ins Große: von praktizierenden Taubenzüchtern, die eine gemeinsame Passion verbindet, bleibt letztlich nur eine traurige Hobbygemeinschaft, die um ihre Mitglieder fürchtet und jeglicher Illussion beraubt wird. Es wird eindrücklich vermittelt, wie gezielte Verfolgung, Bestrafung und Unterdrückung aussieht und was sich dadurch in den Menschen verschiebt, je nachdem, wie alt, gesund und motiviert sie sind. Die Versprechen, die dem Einzelnen gegeben werden sind nur so lange gültig, wie dieser sich als nützlich erweist - jede Abweichung wird eliminiert.

Der Text selbst ist in kleine Passagen unterteilt, die Momentaufnahmen darstellen und durch den Filter des Jugendlichen an den Leser weitergereicht werden. Düstere Wolken türmen sich immer mehr auf und als selbst die Taubenzucht reglementiert und teilweise untersagt wird, erkennt auch der Junge, das Angst und Schrecken zum probaten Mittel gegen die Freiheit geworden sind. Die Geschichte birgt auf ca. 200 Seiten viele Weisheiten, sie regt zum Nachdenken an und beweist, das kleine Verschiebungen genügen, um ein ganzes Volk zu spalten.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen augenöffnenden, schlichten Roman, der mit wenig Worten vermag, sehr viel auszudrücken. Der Schreibstil war mir stellenweise etwas zu sachlich, was sicherlich auch an der gewählten Erzählperspektive lag, denn Noah ist ein gut erzogener, bisher meist angepasster stiller Teenager, der sich in erster Linie durch seine Freunde und Tauben verstanden fühlt. Die Reaktionen innerhalb seiner Familie und die bösartigen Entwicklungen, die immer mehr für Entzweiung sorgen, nimmt er wahr, doch lässt auch vieles unkommentiert bzw. schreckt er vor seinen Beobachtungen zurück. Am nächsten habe ich mich seinem Onkel Ali gefühlt, demjenigen, der schon viel gesehen und erlebt hat und sehr genau weiß, wann es an der Zeit ist, Vorkehrungen für ein anderes Leben zu treffen. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass die Inhalte hier metaphorisch vermittelt werden - die Tauben sind die Sinnbilder für die Hoffnung der Menschen und sie akzeptieren ihr Leben in Gefangenschaft genau so stoisch, wie es der Mensch können müsste, um unter diesen Bedingungen irgendwie existieren zu können. Doch sobald sich der Käfig öffnet, wissen die Tiere ganz genau, wohin sie müssen und wie sich Leichtigkeit und Zusammenhalt anfühlt.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 16.10.2025

Willst du Beute sein oder zum Jäger werden?

Asa
0

" Manchmal wiederholt sich die Geschichte, als wäre die Zeit unzufrieden damit, wie schlecht sie einst behandelt wurde. Als wollte sie eine Erneuerung, als wäre ein Ausgleich möglich. Dem ist aber nicht ...

" Manchmal wiederholt sich die Geschichte, als wäre die Zeit unzufrieden damit, wie schlecht sie einst behandelt wurde. Als wollte sie eine Erneuerung, als wäre ein Ausgleich möglich. Dem ist aber nicht so. Es gibt keinen Ausgleich, so wenig, wie es Gerechtigkeit gibt. Es gibt nur den Versuch, die Zeit und ihre Launen zu verstehen."

Inhalt

Asa Kolbert hat ihren Mann ermordet, sie saß dafür 6 Jahre im Gefängnis, ihr Mann hat Schuld auf sich geladen, so unwiderruflich, dass es Asa ein Bedürfnis war, ihm seiner gerechten Strafe zuzuführen. Und nun ist sie zurück in einem Leben, welches von Anfang an unter dunklen Geheimnissen und tödlichen Psychospielen stand. Sie stammt aus einer Familie, in der das Wissen um die Schwächen der Menschen hoch gehalten wird: nur die Starken können überleben, nur die Jäger haben eine Chance. Asa´s Vorfahren haben ein perfides Spiel etabliert und eine tödliche Gemeinschaft gegründet, aus der Asa um jeden Preis entkommen wollte. Und nun hat sie erstmals in ihrem Leben die Chance, jene zur Strecke zu bringen, die sie einst nur als einfache Beute sahen und denen sie als Teenager nur mühsam und unter Qualen entkommen konnte. Doch Asa wurde ausgebildet, sie kennt die Gesetze des Stärkeren und sinnt auf Rache, die Vernichtung bringt und die Lebensflamme ihrer Peiniger auslöscht ...

Meinung

Die war mein erster Thriller aus der Feder des aus Kroatien stammenden Autors, der bereits mit dem Friedrich-Glauser-Preis geehrt wurde. Die Leseprobe konnte mich fesseln, und hat sofort eine dramatische Stimmung und düstere Gedanken aufkeimen lassen. Und tatsächlich ist es der ungewöhnliche Erzählstil, der diesem Buch die ganz besondere Note verleiht. Hier tritt der ermordete Ehemann als Erzähler auf, seine Stimme förmlich aus dem Jenseits beschreibt für den Leser die breite Palette der grausigen Voraussetzungen, die hier zur vordergründigen Story gehören. Jedoch steht vielmehr die dunkle Familiengeschichte und die historischen Entwicklungen einer Sippe und ihrer Dorfgemeinschaft im Fokus. Das Buch konzentriert sich in weiten Teilen an dem Damals, an den Ursachen und Gegebenheiten, die Asa zu der Person gemacht haben, die sie nun ist - eine ausgebildete, skrupellose Mörderin auf dem persönlichen Rachefeldzug.

Die knapp 700 Seiten schmücken zwar oft auch kleine Handlungsstränge und Nebenschauplätze aus, entwickeln aber einen starken Lesesog und viel Verständnis für die Täterin. Zu viele skrupellose Mörder sind ihr begegnet und waren ihre Ausbilder, zu perfide ihr ganzes Leben, als das es auch nur möglich gewesen wäre, einen harmlosen Verlauf herbeizuwünschen. Der geneigte Leser trifft hier zahlreiche Psychopathen, gestörte Menschen, die ihrerseits dafür sorgen, dass sie nicht alleine bleiben, die morden ohne spezielle Hintergedanken und wenn dann nur aus dem Grund, die vermeintlich Schwächeren zu dezimieren, oder ihre eigenen Rechte durchzusetzen.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für ein wirklich ungemein spezielles Buch, welches nicht den Mainstream bedient und dennoch viel Grauen erzeugt. Wer es liebt, in alte Geschichten einzutauchen, Familiengeheimnisse aufzudecken und das Böse aus nächster Nähe erleben möchte, der findet in diesem Thriller einen würdigen Verbündeten. Seltsam emotionslos und mit ausreichend Distanz taucht man direkt ins Grauen hinein und muss sich immer wieder innerlich schütteln, ob der obskuren Gedankengänge der Täter und ihrer Helfer. Hier geht es weder um Verständnis, noch um Mitleid - alle handelnden Personen glauben an eine bittere Theorie, die es ihnen unmöglich macht, anders zu handeln und keiner traut dem anderen über den Weg, jeder Jäger könnte zur Beute werden und jede Beute zum Jäger, wer sich falsch entscheidet bezahlt mit dem Leben und empfindet dies als absolute Gerechtigkeit ...

Veröffentlicht am 19.03.2025

Wenn die Tragödie ein zweites Mal geschieht

Der Gott des Waldes
0

„Doch der Schlitzer – oder Jacob Sluiter, wie er eigentlich hieß – war kein Geist. Er war quicklebendig, soweit Louise wusste, und trotzdem spukte er Jahr für Jahr in den Fantasien ihrer Ferienkinder herum. ...

„Doch der Schlitzer – oder Jacob Sluiter, wie er eigentlich hieß – war kein Geist. Er war quicklebendig, soweit Louise wusste, und trotzdem spukte er Jahr für Jahr in den Fantasien ihrer Ferienkinder herum. Die Gerüchte um ihn – und seine angebliche Verbindung zum Naturreservat der Van Laars – hielten sich extrem hartnäckig, so etwas hatte sie noch nicht erlebt.“

Inhalt

Im Naturreservat der gut situierten Familie Van-Laar wird seit Jahrzehnten ein florierendes Ferienlager betrieben. Das Camp Emerson ist nicht nur der Stolz der Familie, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber in den Adirondacks, dem nordöstlichen Gebirge des Bundesstaates New York. Ganzjährig sind die vielen Angestellten mit wichtigen Aufgaben in der Natur betraut und in den langen Sommermonaten kommen dann die Kinder aus den wohlhabenden Familien, um zwei Monate Pfadfindertraining zu erhalten und gesellige Momente unter Gleichaltrigen zu verbringen.

Doch im Jahr 1975 ereignet sich eine Tragödie, die bereits vor 14 Jahren für Schlagzeilen sorgte, ein zweites Mal. Damals im Sommer 1961 verschwand der einzige Sohn der Familie Van-Laar im Alter von 8 Jahren spurlos, bis heute hat man ihn nicht gefunden und nun ist die 13-jährige Tochter Barbara ebenfalls unauffindbar. Welche schrecklichen Ereignisse wiederholen sich hier und welches Geheimnis verbirgt die Familie? Die Gerüchteküche brodelt vor sich hin und die ermittelnden Polizisten suchen nach einer Verbindung zwischen den Fällen, denn so etwas kann doch kein Zufall sein …

Meinung

Dieses Buch, angesiedelt zwischen einem Thriller und einem gesellschaftskritischen Roman, der sich mit sozialer Ungleichheit und Machtmissbrauch beschäftigt, ist derzeit in aller Munde. Die begeisterten Leserstimmen, die dem New York Times Bestseller vorauseilen, haben auch mich dazu bewogen, zu dieser Lektüre zu greifen. Von der Autorin habe ich bereits „Long Bright River“ aus dem Jahre 2020 gelesen und mochte das Buch damals auch.

Dieses hier hat mich von der Story her sogar noch mehr angesprochen, denn vor dem Hintergrund der idyllischen Ferienlageratmosphäre hinein in eine echte Familientragödie zu platzen, dass hat schon was! Der Schreibstil liest sich sehr angenehm, regelrecht leicht und unterhaltsam. Die kurzen Kapitel und die diversen Erzählstimmen, erzeugen einerseits eine hohe Spannungskurve und fesseln den Leser gleichzeitig an den Verlauf der Geschichte. Der Text ist leserfreundlich aufbereitet wurden, mit einem Zeitstrahl, klaren, fast stereotypischen Charakteren und kleinen Anekdoten, die in Erinnerung bleiben. Wenn es ein Film gewesen wäre, dann hätte mich das alles direkt überzeugt. In der Schriftform war es mir aber stellenweise etwas zu dick aufgetragen.

Der schnelle Wechsel zwischen den Eindrücken diverser Personen, gespickt mit relevanten und unrelevanten Begebenheiten für den Fall, haben bei mir das Gefühl aufkommen lassen, dass ich mich oftmals nur mit Belanglosigkeiten beschäftige. Als Leser kann man schlecht abschätzen, ob die charakterlichen Verfehlungen der Personen nun etwas mit dem Verschwinden der Kinder zu tun haben oder nicht. Außerdem hat mir das gesamte Personal des Buches zu wenig Tiefgang. Weder die ermittelnde Polizistin, noch die unfähigen Eltern oder die geplagten Angestellten, konnten mich mitnehmen – mir fehlte da diese eine Person, mit der ich gern gemeinsam durch die Story gegangen wäre. Der Mix aus so vielen Erzählstimmen gibt letztlich Abzug in der Gesamtbewertung.

Fazit

Ich vergebe klassische 4 Lesesterne für diesen kurzweiligen, durchaus spannenden Roman, der weniger Thriller als Unterhaltungslektüre ist. Aus den 588 Seiten hätte man meines Erachtens ein paar weniger machen können und die Handlung selbst weniger oberflächlich wirken lassen. Tatsächlich habe ich das Buch aber gern gelesen, es ist eine interessante Erzählung, die einen stimmigen Background zaubert. In jüngeren Jahren hätte mich dieses Konstrukt auch mehr angesprochen, denn gerade die Szenen zwischen den Jugendlichen im Camp, fand ich sehr gut gezeichnet. Die Erwachsenen Figuren wirkten auf mich leider zu blass und die Aussage, die das Buch impliziert ist, so einfach wie vorhersehbar: Die Reichen und Schönen haben die größten Leichen im Keller und die Armen können es sich aus Abhängigkeitsgründen nicht leisten, in Widerspruch zu gehen. Das Buch ist ein schöner Sommerroman, den ich mir als Film durchaus ein zweites Mal anschauen würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.08.2024

Mathematik für Außenseiter

Pi mal Daumen
0

" Sie werden lachen, aber ich halte Sie nicht für besonders doof. Ich halte Sie für ineffizient."

Inhalt

Der 16-jährige Oscar sitzt in den Mathematikvorlesungen, weil er ein Überflieger ist, der bereits ...

" Sie werden lachen, aber ich halte Sie nicht für besonders doof. Ich halte Sie für ineffizient."

Inhalt

Der 16-jährige Oscar sitzt in den Mathematikvorlesungen, weil er ein Überflieger ist, der bereits in der Grundschule mit Primzahlen jonglieren konnte, auch wenn er keinerlei Sozialleben pflegt und autistische Züge besitzt. Seine neue Studienbekanntschaft, hat einen ganz entscheidenden Vorteil, sie schafft es den unterzuckerten jungen Mann mit einem Frühstück zu versorgen und nebenbei den kränkelnden Enkelsohn zu beruhigen und wissenschaftliche Aufgaben mit Tiefgang zu lösen, obwohl sie doch so überhaupt keinen Plan vom Leben zu haben scheint.

Wie es Moni zum Mathematikstudium in ihrem fortgeschrittenen Alter verschlagen hat, will Oscar einfach nicht in den Sinn. Mit einer hysterischen Tochter, drei Enkeln, einem sehr speziellen Lebensgefährten und mehreres Jobs, wird sie die Schönheit der Mathematik doch nie begreifen. Wann auch? Ihr Leben scheint ein einziges Chaos zu sein, mit hunderttausend Ansprüchen und keinerlei Zielstellung. Erst als Moni die einzige Bestnote in einer Klausur schreibt, bekommt es Oscar mit der Angst zu tun. Wie kann es sein, dass diese Frau so gut ist? Und schon hat er sein nächstes Forschungsobjekt gefunden. Doch Moni gibt es nur mit all ihren Anhängen und so muss Oscar in den sauren Apfel beißen und aus seinem Schneckenhaus herauskommen.

Meinung

Ich bin großer Fan der in Berlin lebenden Autorin, die mich schon mit zahlreichen Romanen ausgesprochen gut unterhalten konnte. Und dieser hier war mir auf Anhieb sehr sympathisch. Er hat auch so passende Parallelen zu meinem eigenen Leben, schließlich widmet sich der nerdige Hauptprotagonist der Mathematik und meine Tochter beginnt dieses Jahr ebenfalls mit diesem Studium - allerdings nur das verpönte Lehramt, also für Oscar ein absolutes No-Go!

Die Story ist nicht sonderlich tiefgründig, dafür mit wirklich herzerwärmenden Dialogen ausgestattet. Man kann Moni nur bewundern und Oscar wächst einem ganz schnell ans Herz, so das man die Interaktion zwischen den beiden und die skurrilen Alltagssituationen direkt miterleben kann. Ich mag Bücher, bei denen das Identifikationspotential so hoch ist wie hier - zwei konträre Charaktere, die durch Zufall zueinander finden und sich einfach mögen, selbst oder gerade deshalb, weil sie so besonders sind.

Das Studium von Moni Kosinsky verändert nicht nur die gestandene Frau, sondern vor allem den jungen Mann, der es sich bald zur Aufgabe macht, die vielbeschäftigte Frau durch das Studium zu manövrieren. Zwischen den Zeilen stecken dann gut greifbar einige Lebensweisheiten, die jedoch kaum an die Oberfläche kommen, weil der Leser mit Lachen beschäftigt ist. Die Grundaussage des Buches ist wunderbar positiv und lebensbejahend.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne, für ein echtes Gute-Laune-Buch mit Wohlfühlfaktor. Wer spezielle Typen mit sonderbaren Ansichten und verqueren Hobbys mag, oder einfach Menschen, die andere wie eigene Kinder aufnehmen und mit Wärme und Zuwendung verwöhnen, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Den einen Stern Abzug begründe ich mit der übersichtlichen Story. Da hätte es gerne noch den ein oder anderen Schwenk in eine andere Richtung geben dürfen, aber da Oscar als Erzähler fungiert und der für Zwischenmenschliches bisher so gar kein Verständnis hatte, ist das durchaus glaubwürdig. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Buch der Autorin und empfehle dieses hier guten Herzens weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere