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Veröffentlicht am 07.07.2022

Auf der Suche nach Mr. Right

Für immer, oder was?
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„Und wer wartet auf mich? Ein Goldfisch, eine Katze, ein halb leeres Bett. … Wenn man Ende dreißig und mit gewissen Ansprüchen unterwegs war, wurde es immer schwieriger mit dem Mann fürs Leben.“ (S. 6) ...

„Und wer wartet auf mich? Ein Goldfisch, eine Katze, ein halb leeres Bett. … Wenn man Ende dreißig und mit gewissen Ansprüchen unterwegs war, wurde es immer schwieriger mit dem Mann fürs Leben.“ (S. 6) Laura Gazetti ist für ihre außergewöhnlichen Blumenarrangements bekannt und stattet mit ihrer Floristeria regelmäßig Hochzeiten aus, nur sie selbst hat bei der Suche nach dem Mann fürs Leben bisher immer danebengegriffen. Aber lag es wirklich an den Männern oder doch an ihr? Das behauptet zumindest ihr bester Freund Skipper und auch ihre Freundin Charlotte macht eine ganz ähnliche Bemerkung: „Dein Liebesleben verläuft ausgesprochen sportlich: Entweder rennst Du einem Mann hinterher oder vor ihm weg.“ (S. 50)
Inzwischen ist Laura 39 und ihre Mutter präsentiert ihr beim Familienessen regelmäßig neue (leider immer unpassende) Heiratskandidaten. Auch ihre Freundinnen Mimi und Charlotte sind überzeugt, endlich DEN Mann für sie gefunden zu haben: Daniel ist Tierarzt, ebenfalls Italiener, gutaussehend – und ein begnadeter, gefühlvoller Romantiker, der tief in ihre Seele blicken kann, genauso tickt wie sie und wundervolle Nachrichten schreibt. Was, wenn er ihre letzte Chance auf „Für immer“ ist und sie es wieder versaut? Sie könnte ihre Exfreunde fragen, woran die Beziehungen gescheitert sind, schlagen Charlotte und Mimi vor, die müssen es schließlich genau wissen. Und so wird der Plan geboren, dass Laura sie unter einem Vorwand besucht und dahingehend ausfragt. Ein skurriler Roadtrip in ihre Vergangenheit beginnt, an dessen Ende ihr Herz hoffentlich beim richtigen Mann landet …

Laura ist eine echte Romantikerin und hat bei jeder neuen Liebe gehofft, dass sie es diesmal bis vor den Traualtar schafft, aber die Halbwertszeiten bis zur Trennung wurden immer kürzer.

Extrem unterhaltsam beschreibt Ellen Berg Lauras italienische Großfamilie, die ihre ständigen Einmischungen natürlich nur gut meint, und die Ex-Freunde, die plötzlich Traumtypen sind. Dabei war der eine früher ein Nerd, der mehr an seinem Smartphone und Laptop als an ihr hing, einer wollte nie Kinder, der nächste sich nicht von seiner Mutter abnabeln und der vierte wartet mit einer ganz besonderen Überraschung auf. Die Treffen mit ihnen bringen Laura zum Nachdenken und öffnen ihr die Augen. Es gehören eben doch immer zwei zu einer funktionierenden Partnerschaft. „Du bist eine Frau voller Widersprüche – willst alles und hast insgeheim Angst vor diesem Alles.“ (S. 128)

Ellen Berg schreibt locker leicht und mit viel Humor über Frauen und Männer, Beziehungen und Freundschaften, die große Liebe, (zu) große Erwartungen und was zwischenmenschlich alles schiefgehen kann. Ich habe mich über Lauras Erlebnisse auf ihrer Suche nach Mr. Right wieder köstlich amüsiert und warte jetzt gespannt auf das nächste Buch der Autorin.

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Veröffentlicht am 05.07.2022

Das große Schweigen

Was ich nie gesagt habe
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… herrscht in Tom Monderaths Familie nicht erst seit der Alzheimererkrankung seiner Mutter Greta, schon ihre Depressionen in seiner frühsten Kindheit ließen sie erst verstummen und dann oft in Kliniken ...

… herrscht in Tom Monderaths Familie nicht erst seit der Alzheimererkrankung seiner Mutter Greta, schon ihre Depressionen in seiner frühsten Kindheit ließen sie erst verstummen und dann oft in Kliniken verschwinden. Auch sein Vater Konrad machte Probleme lieber mit sich selber aus, als dass er mit jemandem darüber sprach.
Doch jetzt gerade läuft es im Leben des Moderators richtig gut. „Ich weiß nicht, ob ich jemals so glücklich war in meinem Leben …“ (S. 139) Eine Nachbarin unterstützt ihn bei Gretas Betreuung und er ist mit Jenny und deren Söhnchen glücklich, denkt zum ersten Mal über eine eigene Familie nach, die er nach den Erfahrungen mit seinen Eltern eigentlich nie wollte. Da platzt Henk, ein holländischer Halbbruder in sein Leben – hatte sein Vater etwa eine Affäre? Und Henk bleibt nicht die einzige Überraschung. Er und Jenny suchen gegen Toms Willen nach weiteren Halbgeschwistern und finden auch welche. Wie kann das sein? Und weiß oder wusste Greta von ihnen? Konrad kann er nicht mehr fragen, der ist schon lange tot …

„Nach Stay from Gretchen“ erzählt Susanne Abel die bewegende Geschichte von Gretas Mann Konrad und ihrem gemeinsamen Sohn Tom.
Sie schildert Konrads Kindheit und Jugend in der Nazizeit, wie seine Mutter lange um seine behinderte Schwester Lizzy kämpft und am Ende doch verliert, wie die ganze Familie stirbt und sich Konrad aus Wut und Verzweiflung darüber als 16jähriger freiwillig meldet, verwundet wird und in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, danach in Deutschland ein neues Leben beginnt und eher zufällig Gynäkologe wird. Und natürlich, wie er Greta kennen und lieben lernt, um sie kämpft und immer wieder versucht, ihre Dämonen zu vertreiben, doch der Verlust ihrer Tochter Marie haben sie gebrochen. Als sie nach langer Ehe endlich Tom bekommen, ist Gretas Angst, ihn ebenfalls zu verlieren, größer als die Freude über ihn. Also kümmert sich Konrad um das Kind. Er ist ein liebevoller Vater, bis er etwas erfährt, was ihn an Greta und sich selbst zweifeln lässt – und ihn von Tom entfernt.
Konrads Erlebnisse sind mir wie die von Greta unter die Haut gegangen, auch wenn ich nicht alle seine Handlungen nachvollziehen konnte und mir oft gewünscht hätte, dass er einfach mal mit Greta oder Tom redet, statt in Büchern nach Antworten zu suchen und alles mit sich auszumachen. Er ist ein sehr liebevoller Ehemann, aber Gretas Sprachlosigkeit setzt ihm sehr zu und steckt ihn an – darum lebt er nach der Devise: Nur nichts aufwühlen, lieber mit Medikamenten gegensteuern.

Und dann ist da Tom, der in eine Familie voller Heimlichtuerei und Schweigen hineingeboren wird, der ein Wunschkind war, um dass sich dann aber Nachbarn kümmern. Wie mag es für ein Kind sein, wenn die Mutter unter Verlustangst und Depressionen leidet und sich der Vater sich immer mehr zurückzieht? Wenn es Familiengeheimnisse gibt, die totgeschwiegen werden? Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie er sich gefühlt und inwieweit er das verstanden hat. Kein Wunder, dass er ein Rebell wurde und sich von ihnen abwandte.
Das Auftauchen von Henk erinnert ihn stark an das von Marie, der ersten Tochter seiner Mutter. Wieder spielen heimliche Kinder eine Rolle, wieder wurde ihm etwas verschwiegen. Und auch diesmal will er es genau wissen. Er sucht in den alten Unterlagen seines Vaters und kommt einem Skandal auf die Spur, der über 60er bis in den 2. WK und nach Auschwitz zurückreicht, ihm das Herz erneut bricht, fast den Glauben an seine Familie verlieren lässt – und seine Beziehung zu Jenny auf eine harte Probe stellt. Wie soll er mit den neuen Erkenntnissen umgehen? Bringt es jetzt noch was, alles aufzudecken? Oder hat die ehemalige Nachbarin Recht und „Nicht alle dunklen Ecken brauchen Licht.“ (S. 519)

Susanne Abel wirft die Frage auf, wie gut man seine Vorfahren eigentlich kennt und ob man wirklich alles von früher wissen will. Auch in meiner Familie wurde nicht darüber geredet, wer im 2. WK was gemacht hat und inzwischen ist niemand mehr da, den ich fragen könnte.

„Was ich nie gesagt habe“ ist extrem fesselnd und ergreifend geschrieben. Ich habe bis weit nach Mitternacht gelesen, weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte.

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Veröffentlicht am 30.06.2022

Der blaue Engel

Blanche Monet und das Leuchten der Seerosen (Ikonen ihrer Zeit 6)
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„Du bist die Einzige, die nachempfinden kann, was seine Kunst ihm abverlangt. Welche Qualen er durchleidet, welche Selbstzweifel ihn peinigen und zur völligen Selbstaufgabe zwingen.“ (S. 371) sagt ihre ...

„Du bist die Einzige, die nachempfinden kann, was seine Kunst ihm abverlangt. Welche Qualen er durchleidet, welche Selbstzweifel ihn peinigen und zur völligen Selbstaufgabe zwingen.“ (S. 371) sagt ihre Mutter auf ihrem Sterbebett zu Blanche Monet und überträgt ihr damit die Verantwortung für ihren Zieh- und Stiefvater Claude Monet, der zu diesem Zeitpunkt schon 70 Jahre alt ist und seine berühmten 200 m2 großen Tafeln mit den Nymphéas (Seerosen) noch nicht gemalt hat. Blanche kennt ihn da schon 35 Jahre und gilt als sein Lieblingskind, auch wenn sie nicht seine leibliche Tochter ist, sondern von seiner zweiten Frau Alice genau wie Blanches Geschwister nach dem Bankrott ihres Vaters mit in die Beziehung gebracht wurde. Vom ersten Augenblick an war Blanche von Monets Bildern und ihm selbst beeindruckt, hat ihm jahrelang Pinsel und Farben zugereicht und allein durch genaues Beobachten das Malen gelernt. „Aus anfänglich enttäuschenden Farbklecksen hatte Monet ein Gemälde geschaffen, das lebte – das Wasser, das Licht, ja sogar der Wind, der durch die Bäume strich.“ (S. 25)

Claire Paulin hat es geschafft, mir nicht nur Blanche, sondern durch ihre Augen auch Claude Monet nahezubringen. Ihre Beziehung zu zueinander hat mich fasziniert, die beiden Leben war eng miteinander verbunden und er ihr absolutes künstlerisches Vorbild. „So oft hatte sie sich vorgestellt, wie es sich anfühlen würde, den ersten Pinselstrich auf eine frische Leinwand aufzutragen. … dann geschah etwas, worauf sie nicht vorbereitet war. Ihr Gefühle für das, was sie in vollkommener Schönheit vor sich sah, lenkten ihre Hand. Blanche fühlte die Farben, in die sie den Pinsel eintauchen musste …“ (S. 162) Angeblich sollen sich beide später manchmal nicht ganz sicher gewesen sein, wer eigentlich welches unsignierte Bild gemalt hat …

„Blanche Monet und das Leuchten der Seerosen“ erzählt, wie es zu diesem Mythos kam. Die Autorin schreibt extrem fesselnd und lässt den Leser sofort in Blanches Kosmos eintauchen, zeigt die schwierigen Umstände ihrer Kindheit und Jugend, beginnend mit der verschleppten und lang geheim gehaltenen Insolvenz ihres Vaters Ernst Hoschedé, das „anrüchige“ Verhältnis ihrer Mutter mit Monet, da diese damals mit ihren Kindern zu ihm und seiner ersten Ehefrau zog und bis zum Tod ihres Mannes in wilder Ehe mit ihm lebte, den finanziellen Druck und die Entbehrungen, denen sie alle bis zu Monets endgültigen Durchbruch ausgesetzt sind.
Außerdem geht sie auf die künstlerische Entwicklung der beiden ein, beschreibt Monets Umgestaltung von Haus und Garten in Giverny und ihre Bilder so plastisch, dass man sie vor seinem inneren Auge sehen kann.

Die Beziehungen innerhalb der Familie Monet sind sehr symbiotisch, auch wenn er sich als absoluter Patriarch sieht. Man ist immer füreinander da, die Kinder und Enkelkinder werden von allen zusammen aufgezogen und niemand wird im Stich gelassen, aber sein Wort ist Gesetz, auch bei der Partnerwahl der (Zieh-)Töchter – und als sich Blanche in einen Amerikaner verliebt, sagt er nein ... Trotzdem kümmert sie sich nach dem Tod ihrer Mutter fast bis zur völligen Selbstaufgabe um ihn, stellt ihre Leben und Schaffen hinter seinem zurück.

Mein Fazit: Ein spannendes Portrait einer mir bis dahin fast unbekannten Künstlerin, sehr mitreißend und extrem informativ geschrieben. Ich hoffe, dass es weitere Künstlerinnenbiografien von Claire Paulin geben wird.

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Veröffentlicht am 15.06.2022

Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Freundinnen vom Strandbad (Die Müggelsee-Saga 1)
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„Eine Blonde, eine Rothaarige, eine Brünette – ihre Leben waren in unterschiedlichen Bahnen verlaufen, doch von einer Sekunde auf die andere hatte das Schicksal sie zusammengeworfen.“ (S. 18) 1956 retten ...

„Eine Blonde, eine Rothaarige, eine Brünette – ihre Leben waren in unterschiedlichen Bahnen verlaufen, doch von einer Sekunde auf die andere hatte das Schicksal sie zusammengeworfen.“ (S. 18) 1956 retten Martha, Betty und Clara im Strandbad Müggelsee zusammen einen alten Mann vor dem Ertrinken, aus den Klassenkameradinnen werden Freundinnen fürs Leben. Und ihr Leben scheint vorbestimmt, denn viele Auswahlmöglichkeiten hat man in der DDR nicht. Sehr gute schulische Leistungen und unbedingte Regimetreue sind nötig, wenn sie ihre Träume verwirklichen wollen – doch in wieweit können und wollen sie sich verbiegen?

Martha ist schüchtern und unauffällig, hält sich stets zurück, beobachtet und protokoliert (wie von ihrem Vater verlangt) was um sie herum passiert. Wenn es nach ihren Eltern geht, wird sie Lehrerin oder studiert Ökonomie (natürlich in Moskau). Dass sie richtig gut schreiben kann und lieber Journalistin werden möchte, lehnen sie kategorisch ab. In der Schule gehört sie zu den Besten, dafür arbeitet sie hart und engagiert sich in der FDJ.
Betty ist die Tochter des Strandbadleiters, die heimliche Königin der Schule, ihr Wort ist Gesetz. Sie ist selbstsicher, wunderschön, ein modisches Vorbild. Und sie möchte Schauspielerin werden, wenn schon nicht in Hollywood, dann wenigstens in der DDR. Diesem Ziel ordnet sie alles unter – auch ihre Partnerwahl.
Clara ist hochbegabt, extrem schlau und sehr fleißig. Sie hätte locker ein Jahr überspringen können, aber weil sie nicht in der FDJ ist, wird es ihr besonders schwer gemacht. Trotzdem ist davon überzeugt, dass sie später als Astronautin ins Weltall fliegen wird.

Auch vier Jahre später, kurz vor dem Abi, verfolgen die Freundinnen noch ihre Berufsziele. Martha leitet eine eigene FDJ-Gruppe und scheint sich damit abgefunden zu haben, Lehrerin zu werden. Betty ist die Freundin eines aufstrebenden Regisseurs, der ihr schon erste Rollen verschafft hat. Clara ist weiterhin die Beste ihres Jahrgangs, wird aber von der Schulleitung schikaniert. Als dann das Gerücht umgeht, dass eine Mauer quer durch Berlin gebaut werden soll, müssen sie sich schnell entscheiden. Bleiben sie bei ihren Familien oder wagen sie den Sprung ins Ungewisse? „Manchmal hat das Schicksal einen besseren Plan als den, den man sich selbst zurechtgelegt hat.“ (S. 301)

Julie Heilands „Die Freundinnen vom Strandbad“ hat mich sofort in meine Jugend in der DDR zurückkatapultiert, auch wenn ich 20 Jahre später geboren wurde. Auch ich war in der FDJ und musste an „freiwilligen“ Nachmittagsveranstaltungen teilnehmen. Und auch meine Zukunft war schon geplant, aber ich hatte damals Glück, denn die Wende kam genau rechtzeitig.
Ich kann ich mich darum gut in die drei Freundinnen hineinversetzen, ihre Sorgen und Probleme, mich an das Gefühl ständiger Beobachtung und Bewertung erinnern. Denn auch wenn ihr Leben perfekt klingt, hinter den Fassaden ihrer heilen Familien verbirgt sich so manches Geheimnis.
Martha fühlt sich zu Hause oft als fünftes Rad am Wagen, Bettys Vater bändelt mit jungen Frauen an und ihre Mutter verlässt kaum noch das Haus, stattdessen betäubt sich die ehemalige Pianistin nicht nur mit stundenlangem Klavierspiel, und Claras Vater darf nicht mehr als Pfarrer arbeiten, außerdem müssen sie zusammen mit ihrem Großvater in einer winzigen Wohnung in einem abbruchreifen Haus wohnen.
Doch so lange sie sich, ihre Freundschaft und Träume haben, halten die drei das alles aus. Sie erleben zusammen scheinbar endlose Sommerferien im Freibad, die ersten Schwärmereien und die erste große Liebe. Aber sie können diese unbeschwerte Jugend nicht lange genießen und müssen schneller als erwartet erwachsen werden, denn „Ehrlich zu sein, ist in diesem Land nicht ohne Risiko.“ (S. 506) Clara lernt als erste und auf die harte Tour, dass sie sich anpassen und verstellen muss. Martha wird durch Zuckerbrot und Peitsche von ihren Eltern auf Kurs gehalten, als sie zum ersten Mal etwas Verbotenes macht, und Betty hat einen anderen Mann kennengelernt, der ihr einfach nicht aus dem Kopf geht.

Julie Heiland schildert in ihrem Buch eine wunderbare Freundschaft und scheinbar perfekte Jugend in einem Staat, der alles kontrollieren und bestimmen wollte. Sie zeigt bewegende Schicksale, wie die drei jungen Frauen und ihre Freunde zusammen erwachsen werden und Entscheidungen treffen müssen, für die sie eigentlich noch zu jung sind, die aber ihr weiteres Leben extrem beeinflussen werden. Außerdem zeigt sie, dass wahre Freundschaft einen fast alles aushalten lässt. Mich hat dieses Buch sehr berührt und ich bin extrem gespannt, wie es mit Martha, Betty und Clara im nächsten Band weitergeht.

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Veröffentlicht am 11.06.2022

Die Amazone

Die Hafenärztin. Ein Leben für das Glück der Kinder (Hafenärztin 2)
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„Die Ehe ist ein Grab für eine Frau mit Geist. Ich ziehe es vor, mein eigenes Geld zu verdienen und über mein Leben selbst zu bestimmen.“ (S. 245)
Helene Curtis steht kurz vor dem Abschluss des Lehrerinnenseminars ...

„Die Ehe ist ein Grab für eine Frau mit Geist. Ich ziehe es vor, mein eigenes Geld zu verdienen und über mein Leben selbst zu bestimmen.“ (S. 245)
Helene Curtis steht kurz vor dem Abschluss des Lehrerinnenseminars und macht ein Praktikum in den Auswandererhallen der HAPAG auf der Veddel. Sie soll den Kindern, die meist aus Osteuropa kommen, Deutsch und Englisch beibringen und sie so auf ihren Neuanfang vorbereiten. Als ihr eine Krankenschwester von einem toten Jungen und dem Choleraverdacht erzählt, fragt sie Dr. Anne Fitzpatrick, die ebenfalls dort arbeitet und den Jungen behandelt hat. Anne kann sie beruhigen, die Cholera hatte der Junge nicht. Trotzdem stimmt etwas nicht mit seinem Tod, meint sie und sieht sich die Aufzeichnungen der Krankenstation an – seit 2 Wochen häufen sich Durchfall und Erbrechen bei Kindern. Das kann kein Zufall sein! Sie vermutet Gift und informiert Kommissar Berthold Rheydt, der in einem anderen Fall auch gerade mit Gift zu tun hat. Bei einem getöteten Zuhälter wurde ein sehr teurer Koffer voller hochwertiger Pflanzengifte gefunden, mit denen man in winzigen Mengen allerdings auch heilen könnte: „Der Besitzer … muss ein interessanter Mensch sein. Er ist entweder Arzt oder Massenmörder oder beides. Oder Apotheker.“ (S. 126). Dem Toten gehörte der Koffer also nicht. Aber wem dann? Und hängen die beiden Fälle irgendwie zusammen?

„Ein Leben für das Glück der Kinder“ ist bereits der zweite Teil der Reihe und hat mich wie schon „Ein Leben für die Freiheit der Frauen“ von Anfang bis Ende mitgerissen. Diesmal beleuchtet Henrike Engels das Geschäft mit den Auswanderern, für die auf der Veddel eine eigene kleine (Quarantäne-)Stadt in der Stadt mit Kirche, Synagoge, Musikpavillon, Hotels und Schlafsälen gebaut wurde, um sie von den Hamburgern zu separieren und die Ausbreitung von Krankheiten im Keim zu ersticken. Ich fand es erschreckend, dass die Menschen in verplombten Zügen „angeliefert“ wurden – wie eine beliebige Ware!

Helene hat im ersten Band ein Geheimnis ihres sittenstrengen Vaters entdeckt und konnte dadurch ihre Ausbildung durchsetzen. Sie hat sich ihre langen roten Haare abgeschnitten und sieht jetzt aus wie eine Amazone mit einem kupferfarbenen Helm – und verhält sich oft auch so, ist dem Verein „Frauenwohl“ beigetreten und marschiert beim ersten Frauentag in erster Reihe mit. Ihr Beruf als Lehrerin füllt sie voll aus. Sie setzt auf die noch umstrittene ganzheitliche Betrachtung der Kinder und ist sehr an Sigmund Freuds Lehren interessiert. Der einzige Nachteil ist das Lehrerinnenzölibat – sie hätte gern eigene Kinder und hat sich in einen Mann verguckt ... Ich traue ihr durchaus zu, dass sie einen Weg findet, trotzdem beides zu bekommen – ihren Beruf und eine eigene Familie.

Auch Anne liebt ihren Beruf als Ärztin, macht sich aber nicht nur bei der HAPAG Feinde, als sie auf die Aufklärung der Todesfälle dringt. Leider scheint den Verantwortlichen mehr an ihrem Gewinn als an einzelnen Menschenleben zu liegen. Zudem muss sie sich immer wieder gegen Anfeindungen auch von anderen Frauen wehren, wie unweiblich ihr Beruf wäre. Und dann ist da noch das Geheimnis ihrer Herkunft, über das bisher nur Berthold Rheydt Bescheid weiß und das sie jetzt einzuholen droht.

Berthold Rheydt ist ein Mann mit Ecken und Kanten, ein brillanter Ermittler, der allerdings nicht nur beim Fußball immer mal übers Ziel hinausschießt und sich rührend um seine Untergebenen kümmert.

Teils zusammen, teils unabhängig voneinander kommen die drei dem Täter immer näher und geraten dabei wieder selber in Lebensgefahr. Die Verflechtung der Fälle mit dem Privatleben der Hauptprotagonisten, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, hat mir wieder sehr gut gefallen. Man kommt ihnen dadurch besonders nahe und erlebt ihre Entwicklung hautnah mit.

Für mich ist auch die Fortsetzung wieder eine sehr gelungene Mischung aus Krimi, Roman und historisch aktuellen Themen. Henrike Engel schreibt sehr fesselnd, kurzweilig und atmosphärisch, lässt das Veddel vor dem Auge des Lesers auferstehen und geht auf die besondere Situation der (jüdischen) Kinder und Frauen unter den Auswanderern ein.
Ich bin schon sehr gespannt auf den nächsten Fall, der bereits im November erscheint.

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