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Veröffentlicht am 18.09.2022

Ein raffinierter Plot

Die rätselhaften Honjin-Morde
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Mit “Die rätselhaften Honjin-Morde“ des vor gut 40 Jahren verstorbenen in Japan berühmten Autors Seishi Yokomizo liegt endlich die deutsche Übersetzung eines Kriminalromans vor, der bereits 1946 als Serie ...

Mit “Die rätselhaften Honjin-Morde“ des vor gut 40 Jahren verstorbenen in Japan berühmten Autors Seishi Yokomizo liegt endlich die deutsche Übersetzung eines Kriminalromans vor, der bereits 1946 als Serie und 1973 als Buch existierte. Der Autor hat gründlich recherchiert, eine Menge Material zusammengetragen und Zeugen befragt. Als Ich—Erzähler ist er Teil der Geschichte und wendet sich immer wieder direkt an den Leser, um sicherzustellen, dass seine Hinweise verstanden werden.
Kenzo Ichiyanagi, der älteste Sohn der Witwe Itoko, will im Alter von 40 Jahren endlich heiraten. Seine Auserwählte, die junge Lehrerin Katsuko, wird jedoch wegen ihrer bäuerlichen Herkunft von der Familie zunächst abgelehnt. Kenzo setzt sich durch und bereitet die Hochzeit auf dem Anwesen der reichen und angesehenen Familie vor. In der Hochzeitsnacht sind jedoch plötzlich Schreie zu hören und jemand spielt die Koto. Als sich Angehörige Zugang zum Schlafzimmer der Brautleute verschaffen, bietet sich ihnen ein furchtbarer Anblick. Die Eheleute liegen in ihrem Blut auf dem Bett. Das Besondere daran ist, dass es keine Hinweise auf einen Eindringling gibt, auch nicht wie dieser das von innen verschlossene Zimmer verlassen hat. Ginzo, der Onkel der Braut, ruft den befreundeten Privatdetektiv Kosuke Kindaichi zu Hilfe. Diesem gelingt es schließlich, den Tathergang zu rekonstruieren und das Rätsel des Locked Room Murder Mystery zu lösen. Dem Leser gelingt das mit Sicherheit nicht. Da gibt es falsche Fährten und Verdächtige wie den heruntergekommenen Mann mit den drei Fingern, der vor der Tat im Dorf gesehen wurde und der sich ausdrücklich nach der Adresse der Familie erkundigt hatte.
Der Autor schreibt einen Roman in einem traditionellen Genre, zeichnet aber auch ein Porträt von komplizierten Familienstrukturen und äußert sich kritisch zu gesellschaftlichen Verhältnissen. Trotz des geringen Umfangs erhält der Leser ausreichende Informationen über die beteiligten Personen und den Schauplatz. Ich habe den spannenden Roman gern gelesen.

Veröffentlicht am 10.09.2022

Die Monster sind mitten unter uns

Das siebte Mädchen
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In Stacy Willinghams Debütroman “Das siebte Mädchen“ geht es um entführte und ermordete Mädchen 20 Jahre zuvor und in der Gegenwart. Chloe Davis, 32, ist Psychologin in Baton Rouge und ist noch immer schwer ...

In Stacy Willinghams Debütroman “Das siebte Mädchen“ geht es um entführte und ermordete Mädchen 20 Jahre zuvor und in der Gegenwart. Chloe Davis, 32, ist Psychologin in Baton Rouge und ist noch immer schwer traumatisiert durch das, was sie mit 12 Jahren erlebte. Damals verschwanden innerhalb kurzer Zeit sechs junge Mädchen. Ausgerechnet Chloe fand Beweismaterial im Kleiderschrank und übergab es der Polizei und machte belastende Aussagen, die zur Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters führten. Ihr Vater gestand die Taten, und die Familie zerbrach. Die Mutter unternahm einen Selbstmordversuch und lebt seitdem als Pflegefall im Heim. Chloe blieb nur der drei Jahre ältere Bruder Cooper. Dann werden wieder zwei Mädchen ermordet. Gibt es einen Nachahmungstäter, oder sitzt der Falsche seit 20 Jahren im Gefängnis? Das zweite Mädchen verschwand nach ihrem ersten Gesprächstermin bei Chloe. Chloe mit ihrer komplizierten Vorgeschichte gerät in den Fokus der Polizei, aber niemand glaubt ihr, wenn sie Verdächtige nennt. Sie ist mit Daniel Briggs verlobt und will in Kürze heiraten. Auch Daniels Schwester Sophie verschwand vor 20 Jahren. Aaron Jansen, ein Reporter, interviewt Chloe und kommt ihr näher. Chloe wird seit der Tragödie in ihrer Kindheit von Ängsten und Albträumen gequält und vertraut eigentlich niemand mehr. Sie überlebt nur mit Hilfe von Medikamenten. Als die Tochter ihrer Freundin verschwindet, greift sie massiv in die Ermittlungen ein und geht verschiedenen Verdachtsmomenten nach.
Der mit einigen Längen erzählte Thriller ist von der Plotidee her nicht neu und hat viele überraschende Wendungen, nicht alle plausibel. Ich habe die Auflösung frühzeitig erraten, die Geschichte dennoch bis zum traurigen Ende verfolgt. Der Roman hat mir weniger gut gefallen, als ich erwartet hatte.

Veröffentlicht am 10.09.2022

Eine Frau kämpft ums Überleben

Die Hennakünstlerin
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Alka Joshis Roman “Die Hennakünstlerin“ spielt in Indien Mitte des 20. Jahrhunderts nach Ende der britischen Kolonialherrschaft. Im Mittelpunkt steht die junge Lakshmi, die mit 15 von ihren Eltern verheiratet ...

Alka Joshis Roman “Die Hennakünstlerin“ spielt in Indien Mitte des 20. Jahrhunderts nach Ende der britischen Kolonialherrschaft. Im Mittelpunkt steht die junge Lakshmi, die mit 15 von ihren Eltern verheiratet wurde, weil sie sie nicht länger ernähren konnten. Nach zwei Jahren flieht sie, um ihrem gewalttätigen Ehemann Hari zu entkommen und bringt damit Schande über ihre Familie. Lakshmi lebt in der Großstadt Jaipur und hat sich einen guten Ruf als Hennakünstlerin erworben. Reiche Frauen aus der Oberschicht lassen sich von ihr kunstvoll bemalen oder bei gesundheitlichen Problemen mit ihren von der Schwiegermutter erworbenen Kenntnissen in der Kräuterheilkunde helfen. Auch bei traditionellen Festen und Ritualen aller Art ist ihre Hilfe sehr gefragt. Trotz der allgemeinen Wertschätzung bleibt ihr der gesellschaftliche Aufstieg versagt, weil sie bei ihrer Arbeit die Füße ihrer Kundinnen berührt, was sonst nur Frauen der niedrigsten Kaste tun. Dann holt sie eines Tages ihre Vergangenheit ein, als ihr Ehemann mit ihrer 13jährigen Schwester Rhada bei ihr auftaucht, von deren Existenz sie nichts wusste.
Der Roman erzählt, wie sich die schwierige Beziehung zwischen den Schwestern entwickelt und wie sich Lakshmi gegen die ständigen finanziellen Forderungen ihres Mannes wehren muss. Sie wird Opfer einer Verleumdungskampagne und verliert ihre Kundschaft und ihre Existenzrundlage, aber Lakshmi gibt nicht auf. Joshis Roman lässt den Leser auch sprachlich tief in eine fremde Welt eintauchen, wo die Zugehörigkeit zu einer Kaste und gesellschaftlichen Klasse über das Leben der Menschen entscheidet und die soziale Ungerechtigkeit besonders Frauen benachteiligt. Da freut sich die Leserin doch, in einer westlichen Kultur zu leben.
Mir hat die mit viel Empathie erzählte Geschichte sehr gut gefallen und ich empfehle sie gern allen, die bereit sind, sich auf eine fremde Welt einzulassen.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Kind oder Abtreibung?

Sanfte Einführung ins Chaos
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Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher ...

Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher für Serien. Obwohl sie studiert haben, finden sie keine Jobs, die angemessen bezahlt werden. Beide warten immer noch auf den großen beruflichen Durchbruch, aber sie wissen, dass ihnen inzwischen die Zeit davonläuft. Eines Tages teilt Marta ihrem Freund mit, dass sie schwanger ist, aber das Kind nicht bekommen will. Den Termin für die Abtreibung hat sie bereits vereinbart. Sie haben nie über die Zukunft gesprochen, schon gar nicht über einen möglichen Kinderwunsch. Sie lieben sich, aber ihre Beziehung ist irgendwie unverbindlich geblieben. Dennoch ist Daniel schockiert, dass Marta es nicht für nötig gehalten hat, mit ihm über die Schwangerschaft zu sprechen und ihn an dieser wichtigen Entscheidung zu beteiligen. Daniel quält sich mit Erinnerungen an den eigenen früh verstorbenen Vater, von dem er sich im Stich gelassen fühlte und an sein damaliges Versprechen, dies niemals seinem eigenen Kind anzutun. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben von Marta und Daniel aus den Fugen geraten. Der Leser begleitet sie in der Krise während der sechs Tage bis zum Termin für den Schwangerschaftsabbruch. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Ist für Marta ihr berufliches Fortkommen – eventuell ein neuer Job in Berlin - wichtiger als ein Kind? Die Erinnerung an diese Phase ihres Lebens und an das, was hätte sein können, aber nicht wahr wurde, wird ihnen für immer bleiben.
Die Autorin berichtet über einen Zeitraum von sechs Tagen. Es ist die individuelle Geschichte eines Paares und zugleich das Porträt einer Generation in einer Zeit von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen, eine Zeit, in der die Menschen von Unsicherheit, Ängsten und Zweifeln gequält werden. Wer hätte gedacht, dass das Leben nur wenig später durch Pandemie und Krieg noch viel chaotischer werden würde? Mir hat der interessante, gut lesbare Roman gefallen.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Frauen am Scheideweg

Die versteckte Apotheke
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In Sarah Penners Debütroman geht es einmal im ausgehenden 18. Jahrhundert um die Apothekerin Nella Clavinger, die nach dem Tod der Mutter die Apotheke übernommen, aber das Geschäftsmodell ein wenig verändert ...

In Sarah Penners Debütroman geht es einmal im ausgehenden 18. Jahrhundert um die Apothekerin Nella Clavinger, die nach dem Tod der Mutter die Apotheke übernommen, aber das Geschäftsmodell ein wenig verändert hat. Sie verkauft nicht nur Heilmittel, sondern mischt auch Gifte für Frauen, die sich anders nicht vor gewalttätigen Ehemännern oder übergriffigen männlichen Verwandten retten können. Das tut sie, seit ein Mann, den sie als junge Frau geliebt hat, sie verraten und ihr großen Schmerz zugefügt hat. Als die 12jährige Magd Eliza Fanning im Auftrag ihrer Herrin ein vorbereitetes Gift abholen will, ist dies der Anfang einer Freundschaft. Die Aktion geht allerdings schief und bringt Nella und Eliza in große Gefahr.
In einem zweiten Handlungsstrang in der Gegenwart fliegt Caroline Parcewell allein nach London, um ihr Leben neu zu ordnen. Eigentlich wollte Caroline mit ihrem Mann James mit dieser Reise ihren 10. Hochzeitstag feiern. Kurz zuvor hat sie jedoch erfahren, dass James sie seit Monaten betrügt. Am ersten Tag schließt sie sich einer mudlarking-Gruppe an, die im Uferschlamm der Themse auf Schatzsuche geht. Caroline findet ein altes Glasgefäß, das aus einer Apotheke stammt. Das Interesse der studierten Historikerin ist geweckt, und sie geht der Sache nach. Ihr wird bewusst, dass sie 10 Jahre lang ihre eigenen Wünsche und Ziele verdrängt und sich völlig den Vorstellungen ihres Mannes von ihrem beruflichen und privaten Leben angepasst hat. Statt ein Aufbaustudium in Cambridge zu absolvieren, macht sie langweilige Büroarbeit auf der Farm ihrer Eltern in Ohio. Beide waren in ihrer Ehe zwar nicht unglücklich, aber auch nicht erfüllt.
Auf zwei Zeitebenen und aus drei Perspektiven erzählt Penner die Geschichte von Nella, Caroline und Eliza, wobei sich das Genre des historischen Romans mit der Emanzipationsgeschichte mischt und Themen wie Vertrauen und Verrat, Mutterschaft und das Leben als Frau zur Sprache kommen. Dabei ist mir als Leserin auch die mordende Apothekerin sympathisch, denn ihr Motiv ist sehr gut nachvollziehbar, und ihre über zwei Jahrhunderte hinter einer Regalwand versteckte Apotheke war der einzige Zufluchtsort, an dem die Frauen ihrer Zeit Hilfe fanden. Ein schöner Roman mit Märchenelementen.