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Veröffentlicht am 02.10.2025

Kein Voyeurismus

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann war in der 5. Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums 2002 Amok lief. Über 20 Jahre später holt ihn das Geschehene wieder ein – und er schreibt ein Buch darüber, weil ...

Kaleb Erdmann war in der 5. Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums 2002 Amok lief. Über 20 Jahre später holt ihn das Geschehene wieder ein – und er schreibt ein Buch darüber, weil er „Erfurt loswerden will“. Weil er wissen will, „warum mein Höllenfenster plötzlich wieder offen steht“. Der Titel: „Die Ausweichschule„.

Ein „Wundenaufreißer“ will er keineswegs sein – auch wenn er selbst sich beim Erinnern an die Ereignisse immer wieder Wunden zufügt, an seine Grenzen kommt.

Dabei gehen in seinem Rückblick die Erzählebenen durcheinander, zeitlich inkohärent sind die Spurensuche beschrieben, die Erinnerungen des 5-Jährigen kritisch reflektiert, der rekonstruierte Tatablauf vergleichend einbezogen und der Besuch eines Theaterstücks zu einem Schul-Amoklauf erzählt. .

Das allerdings ist noch nicht der Clou der schriftstellerischen Annäherung, sondern die Konzentration auf die Suche nach Antworten und nicht auf die Tat selbst. Erdmann nennt im Roman selbst das Vorbild, an dem er sich orientiert: .Emmanuel Carrère. Der französische Schriftsteller hat es irgendwann aufgegeben, einen Roman über einen Mörder zu schreiben – und stattdessen entstand durch seine Tagebucheinträge ein Buch über seine Erfahrung mit der Arbeit an dem Buch – ein Buch für Carrères eigenen Konflikt mit dem Mörder, den er auch im Gefängnis besuchte.

Und so ist Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ ein Roman über die Erfahrung mit der Arbeit an einem Buch. Rückblenden, die Frage, ob der Wahrnehmung eines Fünftklässlers getraut werden kann, ob nicht durch Medien die eigene Erinnerung stark verändert wurde – all das gehört zu diesem Roman. Wie auch die Recherchen zum Täter und zum Tatablauf.

Da Erdmann ausführlich darauf eingeht, dass Carrére später in seinen Büchern Reportagen und Bericht, aber keine Romane mehr sah, ist es etwas verwunderlich, dass die Gattungsbezeichnung „Roman“ Eingang in den Buchuntertitel gefunden hat. Schließlich ist „Die Ausweichschule“ eher Metafiktion als Fiktion. Ein Bericht über ein literarisches Projekt.

Dass das Buch den Titel „Die Ausweichschule“ bekommen hat, passt zur Absicht des Autors: die Tat selbst steht nicht im Zentrum. Und so macht es Sinn, dass für Erdmann die Ausweichschule in einem anderen Stadtteil zur Tat von Erfurt genauso dazu gehört. Inklusive seiner Erfahrungen mit der Aufarbeitung durch eine Psychologin an der Schule.

Und ja: auch für Erfurt Irrelevantes findet seinen Platz im Buch – das Kunstprojekt einer Mitbewohnerin etwa -, weil eben das Leben des Schriftstellers in der Gegenwart spielt. Aber auch das lässt sich letztlich einbeziehen in Kaleb Erdmanns Leitfrage: Wie kann man mit einer so sinnlosen Gewalttat umgehen? Und was können Kunst und Literatur dazu beitragen?

Kaleb Erdmanns „Roman“ „Die Auseichschule“ gelingt es, dem Voyeuristischen einen Riegel vorzuschieben.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Die fliegende Wühlmaus

Earhart
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Die Mäuseabenteuer von Torben Kuhlmann sind inzwischen Kult. Das Leben der Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart stand Pate für das neueste Mäuseabenteuer: „Earhart„. 1932 flog Earhart als erste ...

Die Mäuseabenteuer von Torben Kuhlmann sind inzwischen Kult. Das Leben der Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart stand Pate für das neueste Mäuseabenteuer: „Earhart„. 1932 flog Earhart als erste Pilotin über den Atlantik.

An ihre Biographie angelehnt ist die Geschichte von der kleinen Wühlmaus, die wissen will, wo Uganda liegt. Denn ihr Mäusefreund hat eines Tages einen Brief mit einer Briefmarke aus Uganda mitgebracht. Und weil die Wühlmaus so viele Fragen hat, löchert sie den Waschbären, der ihr schließlich sagt, dass man auch fliegen könne. Die Neugier ist geweckt und schließlich begegnet die Wühlmaus einer fliegenden Maus – und ist nicht mehr zu halten. Längst geht es nicht mehr darum, wo Uganda liegt, sondern darum, zu fliegen.

Wie die Neugier der Wühlmaus geweckt wird, ist sehr ausführlich erzählt – hier ist die Absicht sicherlich, bei den jungen Lesern zu erreichen, sich selbst Fragen zu stellen und neugierig zu sein.

Bestechend sind die liebevollen, wunderschönen Zeichnungen dieses Bandes. Ihnen ist viel Platz eingeräumt, oft eine ganze Seite oder gar eine Doppelseite. Auch ein kleines Lesebändchen macht das Buch hochwertig. Etwas gewöhnen muss man sich an die abrupten Übergänge zu neuen Orten, da hätte man sich hier und da ein paar Überleitungen gewünscht, damit das Buch sich auch zum Vorlesen gut eignet.

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Veröffentlicht am 05.01.2024

Wieder wunderschön und feinsinnig gezeichnet

Heartstopper Volume 5 (deutsche Hardcover-Ausgabe)
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Alice Oseman hat inzwischen bereits den fünften Band der Heartstopper-Reihe vorgelegt. Und, das dürfte die Freunde der Serie nicht begeistern: in dem Band kündigt sie an, dass der nächste Band der Reihe ...

Alice Oseman hat inzwischen bereits den fünften Band der Heartstopper-Reihe vorgelegt. Und, das dürfte die Freunde der Serie nicht begeistern: in dem Band kündigt sie an, dass der nächste Band der Reihe der letzte sein werde.

Drei Jahre sind seit dem Kennenlernen von Nick und Charlie vergangen. Die beiden sind noch immer zusammen. Doch für Nick steht eine gewichtige Entscheidung an: Wo soll er studieren? Und vor allem: was überhaupt?

Nick und Charlies Beziehung verläuft in Band 5 äußerst unspektakulär. Charlies 16. Geburtstag wird gefeiert, ein Rummel wird besucht und außerdem gibt es ja noch die Schule. Nachdem der Band etwas eindimensional beginnt, kommt der dann aber doch in Fahrt, weitere Themen kommen dazu, allen voran die Frage nach dem ersten Mal.

Die Erzählung von Nicks und Charlies letztem Sommer vor Nicks Schulabschluss ist an manchen Stellen vielleicht etwas zu pädagogisch geraten. Die Figuren geben sich nicht ganz so natürlich wie am Anfang der Reihe, denn es ist sehr deutlich, dass Alice Oseman ihren Figuren Botschaften mitgeben will, allen voran den Freunden von Nick und Charlie, die um gute Ratschläge und Einschätzungen nicht verlegen sind.

Auch dieser Band ist ganz wunderbar gezeichnet, voller feinfühligem Witz, sodass das Lesen der Graphic Novel eine einzige Freude ist.

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Veröffentlicht am 09.07.2023

Liebe, Hass und wilde Rache

Viga-Ljot und Vigdis
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1928 erhielt die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset den Literaturnobelpreis für ihre Mittelalter-Romane. Ihr Roman „Viga-Ljot und Vigdis“ stammt aus dem Jahr 1909, gehört also zum Frühwerk von ...

1928 erhielt die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset den Literaturnobelpreis für ihre Mittelalter-Romane. Ihr Roman „Viga-Ljot und Vigdis“ stammt aus dem Jahr 1909, gehört also zum Frühwerk von Sigrid Undset. Nun hat es der Verlag Hoffmann und Campe in einer Neuübersetzung von Gabriele Haefs erneut herausgebracht.

Bereits in „Viga-Ljot und Vigdis“ ist das zu finden, was Undsets Romane ausmacht: sie spielen im Mittelalter, das Christentum fasst in Skandinavien Fuß und zugleich nehmen sie Bezug auf die skandinavischen Sagas. Auch in der sprachlichen Gestaltung sind Undsets Romane an die Sagas angelehnt. Und auch thematisch können Undsets Romane gut mit den Sagas mithalten: Es geht um Mord, Eifersucht, Rache, Liebe und Ehre. Und im Falle von „Viga-Ljot und Vigdis“ ganz besonders um eine verlorene Liebe.

Viga-Ljot verliebt sich in Vigdis, will sie heiraten – allein: Vigdis will nicht nach Island ziehen. Aus Zorn über die Ablehnung seines Heiratsangebots vergewaltigt Viga-Ljot die junge Frau. Sie verschweigt ihre Schwangerschaft – nur durch Zufall überlebt das Kind, dem Vigdis anfangs keine Liebe entgegenbringen kann. Im Gegenteil: sie entwirft einen teuflischen Plan. Sie will ihren Sohn so viel Hass gegen seinen Vater einimpfen, dass er die Rache übernimmt, die sich Vigdis selbst wünscht.

In kurzen Kapiteln erzählt Sigrid Undset, wie das Leben von Viga-Ljot und Vigdis weitergeht. Niemand von beiden scheint noch glücklich werden zu können. In seinem Vorwort ordnet Kristof Magnusson die Handlung in die damalige Zeit ein und erläutert auch Undsets Bezug auf die Saga-Literatur. Die Neu-Übersetzung hat diesen Bezug etwas zurückgenommen, sodass sie gut lesbar ist.

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Veröffentlicht am 03.06.2023

Beschreibung des Schreckens eines Massakers

Menschenwerk
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Die koreanische Schriftstellerin Han Kang sieht hin. Sieht genau hin. Beschreibt, was geschehen ist, als in der koreanischen Stadt Gwangju vom 18. bis 27. Mai 1980 Studentenproteste in einem Massaker niedergeschlagen ...

Die koreanische Schriftstellerin Han Kang sieht hin. Sieht genau hin. Beschreibt, was geschehen ist, als in der koreanischen Stadt Gwangju vom 18. bis 27. Mai 1980 Studentenproteste in einem Massaker niedergeschlagen wurden. Dabei geht es Han Kang nicht um das Warum und Wie. Sie konzentriert sich in "Menschenwerk" auf das Massaker selbst. Beschreibt, dass es weh tut. Eine Orgie menschlicher Gewalt. In ihrem Epilog schreibt die Autorin, dem Militär sei es nicht allein darum gegangen, die Lage unter Kontrolle zu bringen: "Vor aller Augen mordeten sie skrupellos und ohne zu zögern". 

Han Kang nun will mit ihrem Buch "Menschenwerk" das damit verbundene Leid ins Rampenlicht setzen. Sie beschreibt, wie Leichen eingesammelt werden, vor sich hinmodern, verbrannt werden, wie sie zur Identifizierung durch die Angehörigen aufgebahrt werden, bis der Platz nicht mehr ausreicht. Sie beschreibt weniger die Gewalt selbst als vielmehr die Wirkung der Gewalt auf die Menschen. 

Im ersten Teil des Romans stehen die Opfer der Gewalt im Vordergrund. Dazu nutzt Han Kang einen klugen Kunstgriff: sie lässt unter anderem die Seele eines Toten berichten, wie sie sich von ihrem irdischen Leben löst und sich auf die Suche nach anderen Seelen macht. 

Im zweiten Teil sind es die Überlebenden, die in den Fokus rücken. Die gefühlte Schande, die es ihnen verbietet, über das zu sprechen, was sie erlebt haben. Die verzweifelte Suche nach den vermissten Söhnen und Töchtern. 

Ausgehend von einem Studenten, der niedergeschossen wurde, lässt die Autorin die Erzählperspektiven immer wieder wechseln bis hin zur Seele eines Verstorbenen als Erzählstimme. Auch die Erzählzeit wechselt. Auf drastische Bilder verzichtet Han Kang in ihren Beschreibungen nicht - "Menschenwerk" fasst vielmehr in die Wunde, Gewalt als "Menschenwerk", als fassungslose Frage, wozu Menschen in der Lage sind. An manchen Stellen des Romans braucht es deshalb schon starke Nerven, um weiterzulesen. 

In "Menschenwerk" gibt es keine Geschichte, die erzählt wird, keine Handlung, keine Helden, es bleibt nur der Schrecken. 

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