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Veröffentlicht am 30.07.2023

Gut zu Beginn, nicht mehr ganz meins gegen Ende

Der sanfte Hauch des Todes
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Wolfgang Burgers „Der sanfte Hauch des Todes“ ist ein neuer Fall aus der sogenannten Kommissar-Gerlach-Reihe.

Eine Leiche wird im Wald bei Rohrbach gefunden, der Mord ist inszeniert mit Grablichtern und ...

Wolfgang Burgers „Der sanfte Hauch des Todes“ ist ein neuer Fall aus der sogenannten Kommissar-Gerlach-Reihe.

Eine Leiche wird im Wald bei Rohrbach gefunden, der Mord ist inszeniert mit Grablichtern und Pose. An einem nahegelegenen Grillplatz finden die Ermittler Reste einer Mahlzeit, die der Mörder sich aus einem Teil der Leiche zubereitet hat. Gerlach und sein Team in Heidelberg versuchen herauszufinden, wer für den Mord infrage kommt. Er kann zwei Zeugen ausfindig machen, deren Hinweise die Ermittlungen in Gang setzen. Doch dann wird eine weitere Leiche gefunden und die Ermittler fürchten die Geburtsstunde eines Serienmörders. Die Ermittlungen beginnen zu stocken, und ausgerechnet Gerlachs Tochter weiß ein wichtiges Puzzleteil hinzuzufügen. Dann jedoch verschwindet die Tochter des Kommissars und als er erfährt, dass sie eigene Nachforschungen im Mordfall angestellt hat, fürchtet er um ihr Leben und macht sich auf eine wilde Jagd nach dem Mörder.


Das Buch kann man durchaus gut lesen ohne Kenntnis der Vorgeschichten zu haben. Hier und da wird man in Kommissar Alexander Gerlachs Privatleben eingelassen, dies ist jedoch nie so verwoben dargestellt, dass man das Gefühl hat man hätte die vorigen Fälle lesen müssen.

Ehrlich gesagt bin ich, je mehr ich über Gerlachs privates Leben gelesen habe, abgestoßen gewesen von seinen bewertenden und teilweise bornierten Gedankengängen über andere Personen. Gerlach kann einfach nicht aufhören Frauen zu bewerten, sei es die die Weiblichkeit einer minderjährigen Zeugin, den Luxuskörper seiner Geliebten, das Übergewicht einer Anwohnerin bei der Tätersuche oder die Schönheit einer im Hintergrund stehenden Rothaarigen, nachdem seitenweise zuvor der verzweifelte Zustand des Kommissars über das Verschwinden seiner Tochter erzählt wurde. Da sollte einem ein Connaisseur vermittelt werden, der jedoch nur ein Mann an der Grenze zum Chauvinismus ist. Es mögen nur Kleinigkeiten sein, aber jedesmal, wenn Burger seine Figur hat innerlich wieder lästern oder bewerten ließ, habe ich innerlich so heftig mit den Augen gerollt, dass ich nach der letzten Seite Muskelkater im Sehmuskel habe. Der Fall selbst war ganz gut, aber mit dem Protagonisten bin ich so gar nicht warmgeworden.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Meine erste Erfahrung mit Clara Louise

Zurück zum alten Kirschbaum
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„Zurück zum alten Kirschbaum“ ist mein erster Gedichtband, den ich von der vielgelobten Clara Louise gelesen habe. Es handelt sich um eine Gedankensammlung aus Erinnerungen an die Vergangenheit, die entstanden ...

„Zurück zum alten Kirschbaum“ ist mein erster Gedichtband, den ich von der vielgelobten Clara Louise gelesen habe. Es handelt sich um eine Gedankensammlung aus Erinnerungen an die Vergangenheit, die entstanden ist, als Clara frei Tagebuch geführt hat, wie sie im Vorwort schreibt. Auf den namensgebenden Titel geht sie ein, denn ihre wärmsten Erinnerungen stammen aus dem blühenden Garten ihrer Großeltern. Ein Gedicht ist sogar ihrem Opa gewidmet. In den fast 100 Gedichten dieses Bandes sind Gedanken, in denen sich wohl jeder wiederfinden wird, der ein wenig in Erinnerungen geschwelgt und über sein bisheriges Leben reflektiert hat. Ihre Verse werden häufig begleitet von kleinen Zeichnungen, welche sie die Gedichte begleiten lässt.

Ich hatte beim Lesen des Gedichtbandes leider zu wenig das Gefühl, dass mich ihre Worte erreichen, sondern glaubte, den Punkt im Leben schon überschritten zu haben, an dem diese Zeilen mir etwas offenbart hätten. Vielleicht hätte ich dieses Buch besser in meinen Zwanzigern entdeckt. Für mich fühlte es sich mehr nach Gedanken als nach Gedichten an, vielleicht habe ich mich deshalb nicht so sehr darin wiedergefunden.
Ich möchte aber gerne Clara Louises ersten Gedichtband noch lesen, um sie möglicherweise noch auf eine andere Weise für mich zu erschließen.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Das Bild eines Mannes wird erstellt durch die Frauen, die von ihm erzählen

Die zehn Lieben des Nishino
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Die Frauen fühlen sich von Yukihiko Nishino angezogen wie Motten vom Licht. Von Jugend an ist er ein charmanter Mensch, der die Wünsche der Frauen in seinem Umfeld instinktiv zu erraten vermag. Dennoch ...

Die Frauen fühlen sich von Yukihiko Nishino angezogen wie Motten vom Licht. Von Jugend an ist er ein charmanter Mensch, der die Wünsche der Frauen in seinem Umfeld instinktiv zu erraten vermag. Dennoch hält keine seiner Beziehungen lange.

In der ersten Schilderung besucht der alte Nishino Natsumi und ihre Tochter Minami, die er immer mit Gebäck verwöhnte. Er erinnert die beiden an eine lange zurückliegende Affäre, die Nishino und Manami gehabt haben.

Shiori ist die Mitschülerin des jungen Nishino. Die beiden jaben nicht so viel miteinander zu tun, bis Shiori auf einem Baugrundstück, auf dem sie Sentimentalitäten vergräbt, Nishino mit einer Frau sieht. Nachdem Nishino seine um ein verlorenes Baby trauernde Schwester getröstet hat und die Schmerzen in ihrer Brust lindert, indem er die Milch aus ihr getrunken hat, küssen Nishino und Shiori einander inbrünstig.

Nishino und Manami. Angestellter und Chefin, die zusammenkommen trotz Manamis Vorsatzes auf der Arbeit keine Liebschaft zu beginnen. Er will sie, sie liebt ihn, aber sie bleiben nicht zusammen. Sie verlässt ihn, bevor ihm klar wird, dass er sie nicht liebt.

Nishino und Kanoko waren einmal ein Paar. In freundschaftlicher Verbundenheit halten sie weiterhin Kontakt und übernachten in dieser Erzählung gemeinsam in einem Ryokan.

Reiko fragt Nishino ohne Umschweife, ob er Sex mit ihr haben will, was sie auch direkt in seiner Wohnung umsetzen. Sie bleibt fünf Tage bei ihm, bevor sie geht und weiter nicht über ihn nachdenkt. Nachdem Nishino sich bei ihr meldet, flammt Reikos Interesse an ihm auf, und schon bald verliebt sie sich in ihn. Doch nach etwa einem Jahr wird sie sich darüber klar, dass sie ihn nicht weiter lieben kann.

Tama ist die Mitbewohnerin von Subaru und verärgert darüber, als diese eines Nachts den fremden Nishino mit nach Hause bringt. Seine vielen unangekündigten Besuche bei Subaru und Tama, die sich gern von der Welt fern hält und lieber zu Hause ist, sind der zurückgezogen jungen Frau ein Dorn im Auge.
Eines Tages schlafen Tama und Nishino miteinander, sie werden von Subaru überrascht. Tama fragt Nishino, warum er mit ihr geschlafen hat, woraufhin er erwidert, weil sie ihn liebe.

Eriko lernt Nishino kennen, nachdem eine Katze sie auf ihrem Balkon besucht. Sie tauft den Vierbeiner "Mau". Als die Katze beinahe jeden Tag auftaucht, kommen auch Nishino und Eriko in Kontakt, und die beiden werden bald darauf Geliebte. Als die Katze nach einer Weile nicht mehr auftaucht, geht auch die Beziehung der beiden zuende.

Sayuri nimmt an einem Kochkurs teil, in dem auch der 37-jährige Nishino ist. Obwohl sie verheiratet ist und Mutter einer erwachsenen Tochter, findet Nishino sehr schnell einen Weg in Sayuris Herz. Kontakt halten sie hauptsächlich übers Telefon durch die Anrufe von Nishino, doch irgendwann ruft er nicht mehr an und besucht auch den Kochkurs nicht mehr, was Sayuri einige Monate trauern lässt.

Ai lernt Nishino kennen, als sie - das Studium hat sie schon fast abgebrochen - in einem Strandkiosk in einem Touristenort arbeitet, den der etwa 50-jährige Nishino mit einer um die 30 Jahre alten Frau besucht. Er trennt sich von der Frau, und im Gespräch mit Ai sagt er ihr, er habe sich in sie verliebt. Obwohl Ai an seiner Moral zweifelt und seinen Charakter allgemein nicht sehr gut einschätzt, werden die beiden ein Paar. Als Ai krank wird und einen Husten bekommt, geht Nishino Trauben für sie kaufen. Während er weg ist, ruft er Ai an und sagt ihr, er werde nicht zurückkommen.

Nozomi lernt Nishino mit 18 Jahren an der Uni während einer Freistunde kennen, wo sie beide Wirtschaftswissenschaften studieren. Er fragt sie ohne Scheu, ob das Gerücht stimme, sie hätte mit jedem Sex. Entrüstet über diese Unverschämtheit lässt sie ihn stehen. Einen Monat später begegnen sie sich zufällig wieder, als Nishino mit der wunderschönen Kanoko auf dem Campus auftaucht. Sie schlafen miteinander, und auf eine bösartige Äußerung Nozomis verlässt Nishino ihre Wohnung. Sie treffen sich erst ein Jahr später durch Zufall auf der Toilette einer Kneipe wieder, und Nishino hat einen mentalen Zusammenbruch, der offenbart wie hoch die Schuldgefühle seiner Schwester gegenüber wiegen.

Tja, was für eine Geschichte... Nishino, der eine liebt und mit vielen liebelt, kann seine Liebe zu der jeweils einen kaum zeigen. Doch stets in dem Moment, in dem er von seiner Liebe verlassen wird, begreift er seine Liebe und verfällt immer in Verzweiflung über den Verlust.
"Ja, dieser Mann wird wohl für immer allein bleiben, dachte ich, als ich ihm in die Augen schaute", denkt eine seiner Liebschaften.
Die einzelnen Geschichten sind immer aus der Sicht der Frauen in Nishinos Leben wiedergegeben und setzen Stück für Stück ein Bild von ihm zusammen.

So ganz weiß ich nicht, was ich von diesem Buch halten soll. Es hat keinen Eindruck bei mir hinterlassen, obwohl der Ausdruck von Hiromi Kawakami mir gut gefallen hat. Vielleicht verhält es sich damit wie mit Kurzgeschichtensammlungen für mich; zu viele unverbundene Charaktere, auf die ich mich einlassen, und die dann dchon wieder weg sind, nachdem ich micch gerade an sie gewöhnt habe.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Im Nachgang seltsam ungreifbar

All die Liebenden der Nacht
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Fuyuko ist als als Korrekturleserin in einem Verlag angestellt. Sie hat nicht viele soziale Kontakte, auf der Arbeit wird die Außenseiterin eher gemieden. Als ihre Kollegin Hijiri empfiehlt sich selbstständig ...

Fuyuko ist als als Korrekturleserin in einem Verlag angestellt. Sie hat nicht viele soziale Kontakte, auf der Arbeit wird die Außenseiterin eher gemieden. Als ihre Kollegin Hijiri empfiehlt sich selbstständig zu machen, folgt sie dem Ratschlag, der sie jedoch noch etwas weiter in die soziale Einsamkeit treibt. Nur die gelegentlichen Treffen mit Hijiri bringen die zurückgezogene Fuyuko aus ihrer Wohnung.
Eines Tages besucht sie die Volkshochschule, da sie mit ihrer Freizeit einfach nichts anzufangen weiß. Sie fragt sich, ob sie mit Alkohol etwas gelockerter auf die Menschen zugehen könnte, aber schnell wird aus einem abendlichen Bier eine sie stets begleitende Thermoflasche gefüllt mit Sake. So kommt es, dass sie in einem Moment schlimmster Selbstdemütigung, als sie es mit dem Alkohol übertrieben hat, im Foyer der Volkshochschule auf den Physikdozenten Mitsutsuka trifft. Die beiden sind fasziniert vom Licht, und gelegentlich treffen sie sich auf einen Kaffee, um sich auszutauschen. Bald schon stellt sich Fuyuko die Frage, ob Mitsutsuka die Leere in der Mitte ihres Lebens füllen könnte.

Kawakami knüpft mit "All die Liebenden der Nacht" an ihre Tradition an, ein Bild der japanischen Gesellschaft nachzuzeichnen. Darin liegt ihre Stärke, und doch blieb der Roman im Nachgang seltsam ungreifbar, so als ob Fuyuko geradewegs aus meiner Erinnerung in ihre Nacht spaziert.

Veröffentlicht am 07.06.2023

Wie ein Lufthauch

Der Wind erhebt sich
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Ein junges Paar entschließt sich, für eine Weile in ein Sanatorium in die Berge zu gehen. Die Frau leidet an einer Lungenkrankheit. Der Ich-Erzähler begleitet seine Verlobte, und ihr Zustand scheint sich ...

Ein junges Paar entschließt sich, für eine Weile in ein Sanatorium in die Berge zu gehen. Die Frau leidet an einer Lungenkrankheit. Der Ich-Erzähler begleitet seine Verlobte, und ihr Zustand scheint sich auch kurzzeitig zu verbessern. Zwischen den Besuchen der Krankenschwestern, Spaziergängen in der abgeschiedenen Bergidylle und zeitweiliger Bettlägerigkeit Setsukos ziehen die Jahreszeiten an dem Paar und auch an uns als Leser:innen vorüber. Der Wechsel der Saisons wird dabei so zart beschrieben wie die Beziehung der beiden Handelnden zueinander - grazil, dabei aber behutsam. Das Paar wirkt in seiner Interaktion platonisch, vielleicht entzieht es sich aber auch lediglich westlichen und/oder neumodischen Maßstäben von Romantik. Ein wenig befremdlich fand ich die verklärte Betrachtung des Ich-Erzählers, der mit voranschreitender Krankheit eine anziehende ästhetische Fragilität in Setsuko sieht und in diesem Zustand noch anziehender findet. Irgendwann verlässt Setsuko für immer längere Perioden das Bett nicht mehr, der Verfall ihrer Lunge lässt es nicht zu. Dem Voranschreiten der vergehenden Zeit sieht die kranke Frau nur durch die Fenster des Zimmers, ohne selbst noch Teil der Welt außerhalb des Krankenzimmers zu sein. Es passiert das Unausweichliche, Setsuko stirbt, und trotz der immer wieder geäußerten aufkeimenden Hoffnung des Ich-Erzählers scheint er zu wissen, dass der Tod seiner Verlobten unausweichlich ist.

Hat mich "Der Wind erhebt sich" berührt? Ich kann es gar nicht genau sagen. Die Kürze der Novelle hat es mir versagt, mich mit den Handelnden emotional zu verbinden. Die Stärke dieses Buches liegt eher in seiner Sprache, die zeitweise filigran wirkt und mich ein bisschen an Haiku erinnert.