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Veröffentlicht am 13.09.2023

Lina meistert das Leben

Lina
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Klaus Heimann schildert in diesem Roman ein Frauenschicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klaus Heimann hat sich zum zweiten Mal an einen historischen Stoff gewagt, dessen Grundlagen in seiner ...

Klaus Heimann schildert in diesem Roman ein Frauenschicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klaus Heimann hat sich zum zweiten Mal an einen historischen Stoff gewagt, dessen Grundlagen in seiner eigenen Familie begründet sind.

Lina kommt als Tochter eines Kleinbauern zur Welt und muss im Alter von dreizehn Jahren die Rolle der Frau im Haushalt übernehmen, nachdem ihre Mutter an der Spanischen Grippe kurz nach dem Ersten Weltkrieg verstorben war.

Nachdem ihr Vater eine neue Frau nahm, musste Lina zur Arbeit an einen zehn Kilometer entfernten Hof im Nachbardorf. Täglich musste sie den Arbeitsweg zu Fuß zurücklegen.

Als ihre Tante dafür sorgte, dass Lina die große Stadt Essen kennenlernen darf, wird diese mit einer Welt konfrontiert, die sie sich nie hatte vorstellen können. Doch auch, nachdem sie den Mann fürs Leben, ihren Jungen, traf und ihn heiratete, wurde ihr Leben nicht leichter.

Klaus Heimann berichtet aus dem Leben von Lina, die ihr ganzes Leben der Familie gewidmet hatte, schwere Schicksalsschläge hinnehmen musste und doch nie aufgab, bis zu dem Punkt, der nicht mehr in ihrer Hand lag.

Klaus Heimann hat die Biografie seiner Großmutter stark fiktionalisiert, um den Weg einer starken Frau zu beschreiben, die den Schicksalsschlägen trotzte. Die Figur wurde fiktionalisiert, weil sie stellvertretend stehen sollte für viele weitere Frauen in dieser Zeit, denen es ähnlich erging. Die Fiktion liegt weniger in den Tatsachen, die der Autor aus der Familienerinnerung rekonstruieren konnte, als auf das Denken, Sprechen und Handeln der Frau, die er nicht mehr persönlich erleben durfte. Doch umso interessanter ist der von Lina beschrittene Weg. Wie sie allen Hindernissen begegnet und mit ihnen umgeht, ist spannend und man kann diese Biografie kaum aus der Hand legen. Zu erfahren, was mit der Protagonistin noch passieren wird, treibt einen um.

Doch es gibt einen Punkt, den ich eher als störend empfand. Wenn die Biografie der starken Frau Lina zu einem spannenden Roman fiktionalisiert wird, dann haben Fußnoten, die den Lesefluss des Lesenden unterbrechen, darin nichts zu suchen. Es gibt vielerlei Möglichkeiten für einen Autor, die in Fußnoten gepackten Informationen in den normalen Text zu integrieren. In einem Roman kann alles erklärt werden, auch Wörter, die ein Leser vielleicht zum ersten Mal liest. Das betrifft nicht nur die wenigen plattdeutschen Sätze.

Besonders schön hingegen hat mir der allgemeine Aufbau des Romans gefallen. So beginnt und endet die Geschichte, indem das Haus über seine Bewohner erzählt. Das ist gut gemacht. Und auch die Besuche der Schwestern in dem Haus, in dem Lina lebte, geben eine Möglichkeit zum Innehalten und Reflektieren aus einem Zeitpunkt heraus, der weit nach der Geschichte von Lina liegt.

Der Roman »Lina« ist ein lesenswerter Roman um ein Frauenschicksal, wie es unzählige in der damaligen Zeit gab. Frauen, die zwei Weltkriege lang für ihre Familien da waren, trugen ein besonderes Schicksal und mussten einen neuen Weg finden, um das Leben zu meistern und Entscheidungen zu treffen.

Diese Geschichte habe ich sehr gerne gelesen und empfehle sie wärmstens.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2023

Veröffentlicht am 05.09.2023

Commissario Di Bernardo und sein Team ermitteln

Di Bernardo
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Dies ist mittlerweile der dritte Kriminalroman um den italienischen Commissario und sein Team von der Autorin Natasha Korsakova.

Bereits im Prolog kommt es zu einem Todesfall. Das geschieht aber viele ...

Dies ist mittlerweile der dritte Kriminalroman um den italienischen Commissario und sein Team von der Autorin Natasha Korsakova.

Bereits im Prolog kommt es zu einem Todesfall. Das geschieht aber viele Jahre vor der aktuellen Handlung und die Gründe für diesen Todesfall spielen offenbar noch eine wichtige Rolle in der Gegenwart.

Im Hier und Heute gibt es vor einem Gotteshaus auf einem großen Platz gleich zwei Todesfälle, zu denen das Team um Di Bernardo gerufen wird. Ein Komponist wurde offensichtlich auf dem Vorplatz erstochen. In seiner Hand befindet sich eine Pistole. Wenige Schritte weiter liegt die junge Rumänen Livia. Sie wurde erschossen. Vielleicht mit der Pistole, die der tote Komponist in der Hand hält? Livia kam nach Italien, um hier bei einem Bogenbauer das Handwerk zu lernen, das auch ihr Vater, der vor vielen Jahren ums Leben gekommen war, ausgeübt hatte.

Doch auf dem Vorplatz sind es nicht nur zwei Tote, denn Livia war schwanger und ihr ungeborenes Kind ist ebenfalls tot. Die Leute um Di Bernardo sind tief betroffen.

Faszinierend sind immer wieder die Milieus, in denen die Romane von Natasha Korsakova spielen. Es sind Milieus, in denen sich die schreibende Violinistin von Berufs wegen sehr gut auskennt. Ich persönlich habe mit der klassischen Musikszene recht wenig zu tun und lerne über ihre Romane sehr gerne etwas dazu, was mir ansonsten komplett verborgen bleibt. Wie zum Beispiel der Kampf um die edlen Hölzer, die für den Instrumentenbau eingesetzt werden. Und das es auch dort mafiöse Strukturen gibt, die sich um das „große Geschäft“ kümmern, war mir in dieser unterhaltenden Form eines Kriminalromans eine willkommene Information.

Natasha Korsakova reiht die Worte sehr poetisch aneinander, so dass sie Sätze wie eine Melodie durch den Kopf wandern. Die Beschreibungen von Orten, Plätzen, Häusern, Wohnungen und allem anderen fließen sanft und schön in die Atmosphäre der Lesenden ein.

Der Ablauf der Ermittlungen erfolgt in diesem Team oftmals über die wörtliche Rede, ohne dabei actionreiche Szenen aus dem Blick zu verlieren. Neben falschen Fährten tauchen immer wieder neue Aspekte im Ablauf des Geschehens auf, die die ganze Sache ziemlich spannend machen.

Die Figuren werden von Natasha Korsakova mit vielen Details zum Leben erweckt und haben immer wieder ein überraschendes Privatleben. Sie wirken sehr natürlich und sind dem Hier und Jetzt entnommen, mit Eigenschaften, die jeder Leser aus seinem Bekanntenkreis oder gar von sich selbst kennt.

Eine nette Idee sind die QR Codes zu Beginn jedes Großkapitels, die zu einem Musikstück führen, welches das Thema des jeweiligen Kapitels bestimmt. Das ist prima gemacht und mal etwas Ungewöhnliches in einem Roman. »Di Bernardo« ist ein wohltuender und spannender Krimi, den ich sehr gerne weiterempfehle. Der Commissario steht seinen Kollegen Brunetti und Montalbano in nichts nach. Herrliche italienische Atmosphäre!

»Di Bernardo« ist ein wohltuender und spannender Krimi, den ich sehr gerne weiterempfehle. Der Commissario steht seinen Kollegen Brunetti und Montalbano in nichts nach. Herrliche italienische Atmosphäre!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2023

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Veröffentlicht am 04.09.2023

Ghost Station - faszinierend und fesselnd

Ghost Station
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Dieser Spionagethriller von Dan Wells führt die Leser zurück in die Zeit des Kalten Krieges, direkt an die Grenzlinie zwischen West- und Ostberlin. Der Titel »Ghost Station« steht für die Geisterbahnhöfe ...

Dieser Spionagethriller von Dan Wells führt die Leser zurück in die Zeit des Kalten Krieges, direkt an die Grenzlinie zwischen West- und Ostberlin. Der Titel »Ghost Station« steht für die Geisterbahnhöfe in Berlin, Bahnhöfe der U-Bahnen, in denen mit dem Mauerbau keine Züge mehr halten durften, weil die Bahnhöfe selbst im anderen Berliner Sektor waren. Deren Gleise wurden allerdings trotzdem benutzt, um die Bahnen selbst von West nach West und von Ost nach Ost fahren zu lassen.

Der Roman beginnt im Oktober 1961, zwei Monate nach dem Bau der Mauer. Wallace Reed ist Mitarbeiter der CIA und Spezialist für die Chiffrierung. Er arbeitet mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen von CIA und vom Bundesnachrichtendienst in einem Büro an der Mauer mit Blick auf den Ostteil der Stadt. Das Büro beziehungsweise Ihre Abteilung wird Cabin D genannt.

Reed hat als Kryptograph die Aufgabe, die Nachrichten des wichtigsten Doppelagenten, den die CIA bei der Stasi platziert hat, zu entschlüsseln. Doch eines Tages schickt dieser eine Nachricht, die offenbar keinen Sinn ergibt. Nicht nur Reed, auch alle anderen in der Abteilung können sich keinen Reim auf diese Nachricht machen.

Doch vielleicht steht ein Angriff der Sowjets bevor? Der Inhalt der Nachrichten muss richtig entschlüsselt werden und Sinn ergeben. Reed folgt den Spuren bis in den Ostteil der Stadt, wo es für ihn gefährlich werden kann.

Zunächst war ich beeindruckt von der detaillierten Beschreibung des U-Bahn-Systems zum damaligen Zeitpunkt. Dan Wells hat penibel recherchiert und sehr gut beschrieben.

Und so brillant stellt er auch den Mikrokosmos der Geheimdienststelle Cabin D vor. Zwar arbeiten zunächst alle auf derselben Seite, doch dann sorgt die Entschlüsselung der Nachrichten des Doppelagenten für Misstrauen. Dieses Misstrauen kommt beim Lesen zum Greifen nah. Die Luft in den in den Büros ist zum Schneiden. Plötzlich traut keiner dem oder der anderen. Jeder spürt den Verrat in den eigenen Reihen, einschließlich die Lesenden.

Dies macht den Spionage-Thriller so spannend, dass man nur so durch die Seiten fliegt.

Die sich aufbauende Romanze zwischen Reed und einer Kollegin lässt auch an dieser Stelle das Kribbeln ansteigen. Man möchte natürlich wissen, wie es zwischen den beiden weitergeht. Es ist alles andere als vorhersehbar, denn schließlich steht immer wieder ein Misstrauen im Raum. Keiner traut irgendjemandem.

Was mir nicht so gefiel, ist eine reine persönliche Sache und ich weiß, dass es viele Leser geben wird, die auch diesen Teil verschlingen werden.

Für mich persönlich waren die detaillierten Erklärungen zur Chiffrierung und Dechiffrierung absolut uninteressant. Sie waren mir zu mathematisch, zu verwirrend, zu technisch und ich konnte ihnen nicht folgen. Meiner Meinung nach waren sie für die Spannung des Romans auch nicht notwendig. Ich musste nicht den vertrackten Zahlenspiel folgen, um von dem Misstrauen in der Abteilung mitgerissen zu werden.

Ein spannender Thriller und Sprung in die Zeit des Mauerbaus, der das Misstrauen der Mitarbeiter genauso zeigt wie das Misstrauen der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Wer einen Blick hinter die Kulissen der Geheimdienste werfen möchte, ist mit dem Roman bestens beraten.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2023

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Veröffentlicht am 03.08.2023

Hattinger verzweifelt an seinen Ermittlungen

Hattinger und der verschollene Bruder
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Dies ist ein wunderbarer Weihnachtskrimi von Thomas Bogenberger, der den Lesern die Zeit genauso gut vertreiben kann wie den Ermittlern und Polizisten im Roman selbst. Übrigens wurden bereits einige Hattinger ...

Dies ist ein wunderbarer Weihnachtskrimi von Thomas Bogenberger, der den Lesern die Zeit genauso gut vertreiben kann wie den Ermittlern und Polizisten im Roman selbst. Übrigens wurden bereits einige Hattinger Romane vom ZDF mit dem Schauspieler Michael Fitz als Kommissar Hattinger verfilmt.

Einen Tag vor Heiligabend wird der Unternehmer Herbert Graf tot aufgefunden. Es sieht nach Raubmord aus. Allerdings werden sein Handy und sein Notebook nicht gefunden.

Jemandem, von dem die Kriminalisten hoffen, Auskünfte zu erhalten, ist kurze Zeit darauf ebenfalls tot. Die Fragen der Ermittler bleiben ohne Antwort und es wird alles komplizierter.

Zur gleichen Zeit taucht nach über zwanzig Jahren Hattingers Bruder Anton auf. Anton lebt in Venezuela und hatte damals alle Verbindungen in die Heimat abgebrochen.

Als Hattinger fast zufällig erfährt, dass sein Bruder den Unternehmer Graf kannte und zudem eine teure Rolex von ihm besitzt, wird es für Hattinger mehr als schwierig. Ist sein Bruder in Deutschland, weil er Graf umgebracht hat?

Fragen über Fragen stellt Thomas Bogenberger in den Raum. Genau richtig, um die Leser mitfiebern zu lassen. Für Spannung ist also gesorgt.

Aber auch das allgemeine Setting in Bayern rund um Rosenheim macht den Roman ungemein gemütlich und gut verdaulich. Das Privatleben der Polizisten spielt auch eine kleine Rolle und erzeugt weiteres Kribbeln. Doch wurde ich beim Lesen an den Schauspieler Walter Sedlmayr erinnert. Ob gewollt oder nicht, ich konnte ihn mir beim Lesen gut als Hattinger vorstellen, was vielleicht auch an dem bayrischen Dialekt lag.

Die Handlung des Krimis beginnt kurz vor Heiligabend und erstreckt sich bis Neujahr. Auch deshalb habe ich ihn eingangs als Weihnachtskrimi tituliert.

Ein kleiner fader Beigeschmack ist der herausgestellte bayerische Dialekt, mit dem Hattinger und einige seiner Kollegen sprechen. Das ist für jemanden, der den Dialekt nicht spricht, sehr herausfordernd. So manchen Satz musste ich zweimal lesen. Aber das gibt sich mit fortgeschrittener Seitenzahl.

Alles in allem handelt es sich bei Hattinger und der verschollene Bruder um einen spannenden, rätselhaften und gemütlichen Kriminalroman, den ich trotz bayrischem Dialekt sehr gerne gelesen habe. Und der natürlich auch außerhalb der Weihnachtszeit gute Unterhaltung bietet.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2023

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Veröffentlicht am 20.07.2023

Liebesgeschichte in Zeiten des Ersten Weltkrieges

Den Teufel im Leib
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Dieser Roman von dem französischen Schriftsteller Raymond Radiguet ist nun als besondere Ausgabe im Hardcover bei dem Bielefelder Verlag Pendragon neu erschienen. Der 1923 erschienene Roman machte den ...

Dieser Roman von dem französischen Schriftsteller Raymond Radiguet ist nun als besondere Ausgabe im Hardcover bei dem Bielefelder Verlag Pendragon neu erschienen. Der 1923 erschienene Roman machte den Schriftsteller berühmt, während der mit nur 20 Jahren an Typhus verstarb.

Der Roman wurde nach der ersten Veröffentlichung in zahlreiche Sprachen übersetzt. Heute hat Pendragon ihn erneut ins Deutsche von Hinrich Schmidt-Henkel übertragen lassen und ihn dabei an den Ton der heutigen Zeit angepasst.

Außerdem wurde der Roman mit Zeichnungen von Jean Cocteau ausgeschmückt und um Briefe und Gedichte von Raymond Radiguet erweitert. Herausgekommen ist eine wunderbare Neufassung des vor 100 Jahren erschienenen Romans, der in seiner Aussage nicht an Aktualität verloren hat.

Es geht nämlich um den fünfzehnjährigen Francois, der sich in die 18-jährige Marthe verliebt. Aber Marthe ist verheiratet. Ihr Mann ist an der Front im Ersten Weltkrieg.

Beide wissen, dass ihre Beziehung eigentlich aussichtslos ist. Doch der Strudel aus Begehren und Leidenschaft reißt sie immer tiefer in eine Sackgasse.

Raymond Radiguet hat sich bei dieser Geschichte ganz auf seinen Protagonisten Francois konzentriert. Alle Gedanken, die dem jungen Mann in Sachen Marthe und Liebe beschäftigen, werden detailliert in wohlgeformten Sätzen erzählt.

Dabei ist der Protagonist nicht gerade eine liebenswerte oder gar sympathische Person. Mit seinem Egoismus und seine Eifersucht ist er eher höchst ekelhaft. Es ist schon ein starkes Stück, wie er Marthe manipuliert, indem er für die neue Wohnung von ihr und ihrem Ehemann die hässlichsten Möbel auswählt, damit sich der Ehemann dort nicht wohlfühlen wird.

Trotz allem hat mich der Roman gefesselt. Ich wollte wissen, wie das Verhältnis zwischen Marthe und Francois enden wird. Ein anspruchsvoller Roman für einige Stunden zu einem Thema, welches nie versiegt.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2023

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